Tangente für eine Nacht

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Kaffeekrusten zieren sein Gesicht, bilden Ringe unter den Augen. Sie schlafen offen, kundig, und starren dabei in den Rauch. Bitte nicht stören steht auf seinen Lidern, nur sieht das niemand. Hätte er noch Atem, er würde ihn verschenken. Nun stinkt sein Hals. Nach Kippen. Nach Kaffee. Nach Magensaft und rezeptfreien Mitteln gegen Sodbrennen. Draußen ist es hell. In ihm schwitzt Dunkelheit. Sie kriecht durch Hautkanäle und verseucht sein Hemd. Weiß kann viele Farben haben. Schwarz schmeckt immer gleich. Rot ist versiegt.

Am Himmel glotzte der Mond. Feuchte Straßen zogen feine Linien über die Welt. Tangenten möchte man sie nennen, doch berührten sie niemanden. Passanten, die flüchteten. Flüchtigkeitsfehler. Jede Lebendigkeit hatte sich verkrochen. Manche Nächte sind nicht von dieser Welt. Manche Welten versinken in einer Nacht.

Seine Welt war heil, so heil wie ein angebissener Keks. Sie krümelte ihm vor die Füße, doch jeder Bissen schmeckte süßer. Er war Tangente für eine Nacht, sie die Kurve. Ihr Berührungspunkt schnitt tief. Adern stellen keine Fragen, sie bluten einfach aus. Verschenken sich. Verkrusten langsam. Verstummen irgendwann.

Sie sprach nicht zu ihm in dieser einen Nacht. Er antworte stumm. Auf ihre Bewegungen, die ihn an Abgründen wandeln ließen, auf ihren Blick, der bohrende Liebkosung war. In Gedanken wurde Jetzt zu Ewig. Unendlichkeit trägt schöne Kleider, darunter ist sie nackt. Er verglühte an ihr. Im Innern. Sie vergab sich an ihm, nur äußerlich. Manche Menschen sind nicht von dieser Welt. Manche Welten vergehen an einem Menschen.

Als sie ging, nahm sie ihn mit. Zurück blieb seine Hülle und das Schild an der Tür. Bitte nicht stören stand darauf. Ohne sie lag sein Leben leer vor seinen Füßen. Zusammengefegt. Einsamkeit, er wollte sie zertreten. Ihr Geruch hing noch immer schwer in der Luft, erdrückte ihm das Atmen. Er wollte ihn versiegeln, in sich, im Jetzt und in der Ewigkeit.

Die Plastiktüte von seinem Kopf ist bereits entfernt, als sie in wiedersieht. Er liegt kalt, das Blau seiner Augen verschlossen, die Adern sind ausgetrockneter Fluss. Sie nickt und geht. Tangente für eine Nacht, jetzt kennt sie seinen Namen.

„Eine Tangente kann in der Regel nur existieren, wenn die zugrunde liegende Funktion differenzierbar ist.“

„Als Differenzierbarkeit bezeichnet man die Eigenschaft einer Funktion, sich lokal um einen Punkt in eindeutiger Weise linear approximieren zu lassen.“

„Approximation ist zunächst ein Synonym für Näherung.“

… und Nähe war für ihn nur eine Idee.

Quelle Zitate: Wikipedia

Die Suche des Herrn Kudo

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Schöner wohnen kann jeder. Mann muss es auch wollen.

Herr Kudo war unruhig, seit zweieinhalb Jahren nun schon. Sein Zimmer lag leer zwischen den Wänden. Etwas fehlte dort, etwas, das Wohnlichkeit verströmte, etwas, das auf ihn wartete, wenn er des Abends heim kam, etwas, auf das er wahlweise seinen jungen doch schon recht verkniffenen Arsch oder sein müdes, schwarz-vergeltes Haupt betten konnte. Oder auch beides. Ihm fehlte ein Sofa.

Das alte war längst abgenutzt. Es hatte lange schon an Glanz verloren. Das Leder klaffte eingerissen, ein marodes Bein musste durch mehrere Bücher ersetzt werden, Bücher, die Herr Kudo gerne als Requisit in seinem Regal gelassen hätte, stärkten sie doch seine intellektuelle Präsenz gegenüber eventuell vorbeischauender Gäste. Es roch – das Sofa, die intellektuelle Masche dagegen, stank ein wenig mehr noch. Das ist eine andere Geschichte.

Patina hat so ihren Reiz, doch in seiner Verlebtheit wirkte das alte Sofa nicht einladend genug, als dass man sich in dessen vertrockneter Haut hätte wohlig vergraben wollen. Eine bunte Decke konnte das verblasste Antlitz des Möbels zwar flüchtig verstecken, doch darunter lauerte Schwund. Eines Tages setzte Herr Kudo das ausgediente Möbel einfach vor die Tür, mitsamt des bunten Fummels. Allein drei zarte Stühle blieben ihm zum Halt. Nun wollte er – nun brauchte er – ein neues Sofa. Und so begann die verzweifelte Suche des Herrn Kudo.

Doch wie nur wie müsste dieses neue Möbelstück geschaffen sein? Es gab derer so viele und alle schienen das gleiche Versprechen zu geben – Geborgenheit. Manche waren verschwenderisch gepolstert, andere elegant und feinbeinig. An einigen sah er viele Verzierungen ohne jeglichen Nutzwert zwar, allein, sie waren hübsch anzuschauen. Manche überzog ein samtenes Weich, andere wirkten weniger pussierlich possierlich, machten aber durchaus einen robusten und praktischen Eindruck, Eigenschaften, die nicht zu unterschätzen waren. Dann gab es diese billigen, mit Plastik überzogenen und in unmögliche Farben getauchten, die sich grell ins Hirn stürzten und dabei das Augenlicht zertraten. Beim Sitzen quietschten sie, das lärmte unschön hochfrequent. Auch gab es solche, die still in einer Ecke standen, kaum wahrnehmbar in ihrer Unterwürfigkeit. Womöglich hätte ein zweites Probesitzen die inneren Werte erst zum Vorschein gebracht, eine versteckte Schublade vielleicht oder ein verträumtes Detail. Dies zu entdecken, dazu kam es oft gar nicht, vergeudete es doch Herrn Kudos kostbare Zeit. So manche Sitzgelegenheit schien auf den ersten Blick wie maßgeschneidert für diesen einen Arsch. Und dann gab es wieder andere, die waren gar für mehrere Sitzpartner offen. Mehrsitzer. Reihensofas. Das konnte man mögen, musste es aber nicht. Herr Kudo wollte sich hier noch nicht festlegen. Ach.

Außerhalb des nackten Zimmers erstreckte sich eine paradiesisch verkleidete Welt voller Sitzmöbel. Was tat Herr Kudo nicht alles, um unter ihnen dieses eine, das seinige, zu finden, das Sofa, das am besten zu ihm passte, das ihn allabendlich auffing, ihm die verschlummerten Sonntagnachmittage versüßte, ihm die Angst vor der Nacktheit seiner Wände und den Inhalten seiner Bücher nahm, eines, das ihm stundenlang zuhören könnte, wenn er aus seinen ordentlich sortierten Schlauheiten rezitierte? Tage durchstreifte er die Stadt, saß mal hier und lag mal dort zur Probe, bettete Haupt und Hintern bald in diese, bald in jene Richtung, liebäugelte mit dem einen Möbel, dann wieder mit dem anderen, ließ sich ein und dasselbe Modell in unterschiedlicher Couleur vorführen, vergrub seine Gliedmaßen mal tief in sündigem Rot, dann wieder strich er feinhändig über distinguiertes Grau. Und allmählich schien ihm die Suche köstlicher als das Finden. Die Vorfreude, wenn in jenem berauschenden Moment der schützende Überwurf von einem unbeschmutzten Sofa glitt und die ganze Schönheit eines zarten Kanapees freigab, sich der betörende Duft frischen Leders eines exzentrischen Diwans in die Lenden schlich oder das prudrige Pastell einer grazilen Couch verhuschte Sommernächte versprach. Ach.

Herr Kudo war im Rausch. Doch jedes Mal, wenn er in sein Heim trat, überfiel ihn diese beifallslose Einsamkeit. Die sinnlichen Stunden seiner Suche am Tage zerbröselten zur staubigen Farblosigkeit in der Nacht. Es kam, was kommen musste. Die einsamen Nächte des Herrn Kudo verloren an Stunden, sie wurden dünn. Die suchtenden Tage hingegen, wusste er zu dehnen, sie streckten ihre Finger nach ihm aus. Klammerten. Glücklich war er dennoch weder bei Licht noch in der Dunkelheit und eine schleichende Entropie nahm Besitz von ihm. Die Zeit verlor sich im Raum und Herr Kudo verlor sich auf seiner Suche…

Januar, Februar, März… und dann kam August

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Ein Jahr ist lang. Zwölf Monate, vier Jahreszeiten. Und nur ein Leben.

Ich fickte Suse, das war im Januar. Vier Wochen Wollust, Schweiß und Bier. Dann hatte ich die Nase voll und Suse dicke Tränensäcke. Im Februar traf ich auf Nina. Die hatte schöne Beine, schlank und ohne Adern. Meine Augen mochten sie, meine Kumpels auch. Zu sehr. Nina war eine Bitch. Eine Bitch mit Damenbeinen, die sich bereitwillig für jeden öffneten. Ich teile so ungern. Im März blühte Sarah neben mir auf. Knospen wie Röschen. Liebliches Möschen. Doch im Kopf, da fuhr sie noch Dreirad. Als Sugardaddy war ich zu jung, als Bruder zu heiß auf ihre Schamhaftigkeit. Mit der war es schnell vorbei. Und eine Jungfrau ohne das Jung verliert an Reiz. So kam der April, der war recht wechselhaft. Namen zogen wie Wolken vorbei, und hängen blieb nur ein Ausschlag am Sack. Als es Mai wurde, überkam mich die Langeweile, eine gewisse Sätte und Müdigkeit machte sich breit. Das hielt nicht lange an, denn der Juni wurde heiß. Natalie versüßte meine Sommernächte. Und die Tage. Und die Nächte. Und auch die Mittagspausen. Ihr Mund war Sünde, ihr Hintern leider nicht. Der war nur schlaff, obwohl sie so oft in die Hocke ging. Jane Fonda behauptete immer, davon gäbe es irgendwann einen Knackarsch. Wann war irgendwann? Im Juli hatte ich folglicherweise Sehnsucht nach prallen Arschbacken und klugen Gesprächen. Doch ich bekam Stille. Mein Telefon wurde abgeschaltet. Irgendwer hatte vergessen, die Rechnungen zu begleichen. Ich fühlte mich nackt. Und einsam.

Und dann kam August. Er war mein Stern im Sommerloch. Seine Augen waren Meere. Sein Haar war Rabenfedern gleich. Er hatte so schöne Hände, dass mir schlecht wurde vor Entzücken. Und flink waren die. Sein Mund war potenzierte Natalie. Und erst sein Hinterteil, es brachte mich zum Weinen. Backen wie mit Samt überzogen, zum ficken geboren. Die lagen fantastisch in meinen Händen und ließen sich so zart spreizen, dass ich bei jedem Stoß meine sexuelle Verwirrung vergaß. Diese überrollte mich erst Monate später, zog mich in den Abgrund. Mein Stern erlosch. Mein Sommerloch brannte und mein Telefon schweigt noch immer. Draußen wird es jetzt wieder kälter. Willst’e Fi(lmgu)cken?

Der Tag danach

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Der Narr in mir lässt mich denken, alles Normale wäre logisch und alles Logische wäre normal. Es ist dieser Narr in mir, der mich zu Tode langweilt.

Durch den Fensterspalt dringen viel zu zeitig Sonnenstrahlen und Vogelstimmen. Letztere zwingen sich in meine mit Wachs verschlossenen Gehörgänge, bilden Ausschlag in meinem Hirn. Zwitscherblasen, gepiepster Herpes. Meine Augen wollen sich nicht öffnen, als hätten sie Angst, die tausend Sonnen verbrennen mich mitten durch die Pupillen. An meinen Wimpern klebt Marmor.

„Ich kann meine Füße nicht bewegen.“

Dann lass es doch.

Neben mir sitzt ein Pferd. Es raucht. In meinem Bett. Ich hasse es, wenn jemand in meinem Bett raucht. Mir ist schlecht.

„Was tust du hier?“

Ich sitze und rauche.

„Das sehe ich. Warum tust du das und warum hier, bei mir?“

Du hast mich gewonnen, weißt du das nicht mehr?

„Du bist ein Pferd!“

Und du bist ein Narr.

Mein Hirn ist leer. Mein Magen brennt. Meine Füße gehorchen nicht. Ich wische mir den Marmor von den Augen und starre es an. Seine Nüstern blähen sich dezent als es den Rauch ausstößt. Ich würde ihm später einen Kaugummi anbieten, nehme ich mir vor.

„Ich muss arbeiten. Du kannst nicht hier bleiben.“

Warum nicht? Ich wohne jetzt hier. Außerdem ist heute Sonntag. Niemand arbeitet am Sonntag.

„Du wohnst hier nicht. Du bist ein Pferd.“

Soweit waren wir schon. Und ich sagte, du bist ein Narr. Das langweilt. Lass uns frühstücken.

„Entschuldige, aber mein Hafervorrat für diese Woche ist bereits verbraucht. Ich hatte Schweinchen Babe gerade erst zu Besuch.“

Sarkasmus ist ein Hilfeschrei, wusstest du das?

„Jetzt weiß ich es. Was bist du, mein Therapeut, meine moralische Fliegenklatsche?“

Ich bin dein Pferd. Das muss reichen.

Ich bekomme Angst. Die Erinnerung an mein Gestern ist so rappig wie sein Fell. Schwarz und ohne jegliche Schattierung. Einfach nur schwarz.

„Hast du einen Namen oder soll ich dich einfach nur Pferd nennen?“

Nenn mich Areion.

Unter der Dusche gelingt es mir nicht, einen klaren Kopf zu bekommen. Bruchstücke vergangener Stunden schieben sich ins Schwarz meiner Gedanken. Ein Tunnel. Helles Klirren. Der Geruch von gebratenen Eiern…

„Was ist das?“

Wonach sieht es denn aus?

„Ich weiß genau, was das ist, nur begreife ich nicht, was das alles soll. Und zu deiner Information, ich esse keine Eier. Scheiße, Mann, du bist ein Pferd. Du stehst in meiner Küche und brätst mir Eier. Was soll ich davon halten?“

Wenn du keine Eier magst, dann nehme ich sie. Was willst du stattdessen, Haferbrei?

Ich lasse mich auf meinen Küchenstuhl fallen. Kraftlosigkeit besiegt meine Beine. Von meinen Haaren tropft Verzweiflung. Ein irres Kichern schiebt sich durch meine Brust.

„Kannst du auch Kaffee kochen?“

Ist das eine rhetorische Frage? Ich bin ein Pferd, das in deiner Küche steht und Eier brät, natürlich kann ich Kaffee kochen.

Das irre Kichern befreit sich aus meinen Rippen und erbrüllt sich in die Küchenzeile während sich das Pferd eine weitere Zigarette anzündet. Mit fünf Löffeln Zucker ersticke ich meinen Kaffee und nehme mir ebenfalls eine.

Du rauchst? Das ist ungesund, das weißt du.

„Wie gebratene Eier für Pferde.“

Punkt für dich.

„Und was hast du jetzt vor?“

Das Gleiche wie du. Ich bin dein Pferd. Was hast du vor?

Die tropfende Verzweiflung ist unter mir zu einer großen Pfütze geworden. Ich lasse mich vom Stuhl rutschen, tauche in die betrunkene Stille. Gleißend schließt sich der Himmel über mir. Schwimmen. Davonschwimmen. Dahinschwimmen. Entkommen. Benommen. Ich öffne die Augen…

Dein Kaffee ist tot. Zieh dir dein Mi-Parti an und lass uns grasen gehen, draußen scheint die Sonne.

Eine Art Spiel

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Was würdest du machen, wenn dies dein letzter Tag wäre?

Die Frage ist albern, dies ist nicht mein letzter Tag.

Und wenn doch?

Dann würde ich… ich weiß nicht, es gibt so Vieles, was ich dann gerne tun würde.

Was genau?

Du nervst, keine Ahnung. Vielleicht würde ich gerne all mein Geld abholen und auf einmal ausgeben. Einfach nur so, ohne an morgen zu denken. Ohne, dass die Bank anruft oder mein Konto sperrt. Shoppen bis zum Abwinken.

Dann hast du all den Kram gekauft, und dann? Dann ist dein letzter Tag vorbei und du kannst nichts damit anfangen.

Ich sagte doch, die Frage ist albern.

Denk nach. Die Frage ist nicht albern. Deine Antwort war es.

Na dann würde ich eben eine riesige Party feiern mit all meinen Freunden. Das wäre dann wie eine gigantische Abschiedsparty.

Aber die Organisation der Party würde doch schon deinen letzten Tag komplett vereinnahmen.

Herr Gott, dann eben keine Party. Ich denke, ich soll mir etwas wünschen?

Nicht wünschen, do sollst sagen, was du an deinem Letzten Tag im Leben machen würdest.

Das versuche ich ja, aber du lässt mich nicht.

Versuch’s noch mal, versuch’s besser.

Wenn dies mein letzter Tag wäre… jetzt ist es aber schon halb drei. Das ist ja gar kein ganzer Tag mehr.

Ich weiß.

Du spinnst.

Konzentrier dich, was würdest du tun?

Also dann würde ich vielleicht alles essen, was ich mir sonst immer verbiete. Ich würde Fettes und Süßes wahllos in mich reinstopfen, bis ich kotzen muss. Und dann würde ich weiter essen.

Du würdest dich tatsächlich an deinem letzten Tag, von dem du genau weißt, dass er gleich zu Ende ist, und ich meine zu Ende, nicht vorbei und ein nächster kommt, an dem würdest du dich mit irgendeinem Essen vollstopfen?

Was willst du eigentlich von mir? Es ist doch mein letzter Tag!

Eben, dann vergeude ihn nicht.

Was sollte ich denn deiner Meinung nach an meinem letzten Tag tun? Was würdest du denn machen?

Das erfährst du noch. Erst bist du dran.

Ist das eine Art Spiel?

Wenn du so willst. Ja, es ist eine Art Spiel. Also, mach weiter, denk nach. Was würdest du tun, wenn du genau wüsstest, ohne wenn und aber, dass dies dein absolut letzter Tag wäre?

Vielleicht würde ich einfach nur so da liegen, wie jetzt, in den Himmel schauen und nichts tun. Ich würde vielleicht darüber nachdenken, was ich bisher so gemacht habe und was nicht. Dann würde ich mich vielleicht an Dinge erinnern, die ich vergessen hatte, Dinge, wie einen flüchtigen Kuss oder eine zufällige Berührung. Ich würde mich an Kleinigkeiten erinnern wie den ersten Kratzer in meinem neuen Fahrrad. Ich würde vielleicht darüber nachdenken, dass ich dir einmal wehgetan habe. Ich würde daran denken, wie wir uns wieder vertragen haben. Ich würde mich vielleicht daran erinnern, wie es war, als mein Vater gegangen ist und meine Mutter tagelang weinte. Ich würde versuchen mir vorzustellen, wie es gewesen wäre, wenn meine beste Freundin nicht in eine andere Stadt gezogen wäre. Ich würde mich daran erinnern, wie es war, als ich Schwimmen lernte und fast ertrunken wäre. Dann würde ich vielleicht darüber nachdenken, wie es wäre, wenn ich reich wäre oder unsterblich, oder reich und unsterblich.

Und dann wäre dein letzter Tag vorbei und du hättest nur nachgedacht. Findest du das sinnvoll?

Ach jetzt muss es auch noch sinnvoll sein? Ich soll nicht blödsinnig konsumieren, ich soll mich nicht wahllos vollstopfen, ich soll nicht meine Zukunft bunt ausmalen, wie es mir gefällt – was willst du eigentlich, das ich tue?

Es geht doch nicht darum, was ich will, das du tust, sondern darum, was du wirklich tun solltest, wenn das dein letzter Tag wäre.

Dann lass ihn mich doch so gestalten, wie ich möchte.

Lass ich. Ich will dich nur sensibilisieren. Ich will dir noch eine Chance geben.

Was soll das denn jetzt. Das ist ein echt blödes Spiel.

Denk nach, denk richtig nach. Es ist dein letzter Tag. Du liegst neben mir, genau wie jetzt. Alles ist genau wie jetzt. Alles ist jetzt, jetzt ist alles. Heute ist dein letzter Tag. Was würdest du jetzt tun?

Dich küssen?

Falsche Antwort. Die Zeit und der Tod lassen sich nicht küssen, sie ficken dich einfach. Du hättest vorher wegrennen sollen…

Die brave Inge

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Väter lieben ihre Töchter immer auf ganz besondere Weise…

Die kleine Inge war ein braves Mädchen. Sie trug brave Zöpfe, hatte brave Füße in brav gebundenen Schnürschühchen und einen braven Rock, der ihre braven Knie brav bedeckte. In Inges bravem Gesichtchen lächelte ein braver Mund, der nur ganz selten die kecke Zahnlücke entblößte. Dann wirkte die kleine Inge nicht mehr ganz so brav. Darum wollte ihr Vater, dass die kleine Inge den Mund lieber nicht öffnete, jedenfalls nicht, um so keck zu lachen.

Jeden Mittwoch ging die kleine Inge zum Ballettunterricht. Körperhaltung ist schließlich wichtig für eine junge Dame. Das fand auch Inges Mutter, die sehr darauf achtet, dass Inge Haltung bewahrte, auch außerhalb des Ballettraumes. Und Inge gab ihr Bestes – auch außerhalb des Ballettraumes. Inge half ihrer Mutter, wo sie nur konnte: im Haushalt, bei der Wäsche, bei der Versorgung der Hunde und bei der besonderen Betreuung ihres Vaters.

Darin war Inge gut, genau wie in der Schule. Ihre Noten lagen immer im oberen Durchschnitt, ganz zur Freude von Inges Lehrerin, Inges Mutter und zur besonderen Freude des Vaters. Brachte die brave Inge eine gute Note heim, dann gab es eine Belohnung, manchmal von der Mutter, meistens vom Vater. Überhaupt belohnte der seine kleine Inge besonders gerne und besonders oft. Er liebte seine Tochter – besonders.

Die brave Inge liebt Heiner, auch heute noch. Heiner ist schon etwas struppig, hat ein abgerissenes Ohr und ihm fehlt die karierte Weste, die er einst über der braunen Fellbrust trug, als der Vater ihn der kleinen Inge in den Arm legte. Als Belohnung, weil Inge so tapfer war. Jetzt ist Heiner fast nackt, ohne Weste, kaum noch mit Fell bedeckt. Aber das macht Inge nichts aus, Nacktheit kennt sie. Nacktheit ist in Inges Welt kein Tabu, denn Nacktheit gehört zu Inges Alltag wie einst der tägliche Weg zur Schule, der wöchentliche Ballettunterricht oder die regelmäßigen Besuche beim Vater. Den sah Inge oft nackt. Auch heute noch.

Früher, im Sommer, da spielte die kleine Inge gern nackt im Planschbecken der Nachbarn, zusammen mit Björn. Björn ist genauso alt wie Inge, ging aber noch nie zum Ballett. Björn war auch nie so brav wie Inge. Björn war manchmal sogar ein ganz schöner Rüpel, der sich prügelte und darum oft Schrammen hatte. Einmal kam Björn mit einem blauen Auge und einer Platzwunde am Kopf nach hause. Und wenn Björn dann lachte, weil er fand, dass ihm das gut stehen würde und ihn irgendwie männlich machte, hatte er genau so eine Zahnlücke wie Inge. Das fand auch Inge schön, denn so hatten die beiden etwas gemeinsam. Wenn Inge ihm daraufhin ein Pflaster auf seine Platzwunde klebte und ihm einen zarten Kuss darüber hauchte, dann war Björn gar kein Rüpel mehr, sondern einfach nur Björn. Inge hätte gerne viel mehr Zeit mit Björn verbracht, aber das ging damals nicht, weil Inge sich um ihren Vater kümmern musste.

Das tut sie auch heute noch. Und auch heute wird er ihr wieder sagen, dass er sie liebt und dass sie etwas ganz Besonderes für ihn ist. Auch heute wird er dabei nur still liegen bleiben und sie beobachten. Und wenn Inge dann Tränen in den Augen hat, wird er sie anschauen und sagen: „Sei brav, du schaffst das schon.“ So wie immer.

Und dann wird Inge weinend das Zimmer verlassen, in dem ihr Vater regungslos liegt, seit er vor Jahren diesen Unfall hatte. Sie wird ihren weißen Kittel ausziehen, die bequemen Schuhe gegen ein paar elegantere tauschen und nach Hause gehen, zu Björn.

Andy war hohl

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… aber er liebte seine Tomatensuppe, die ihn besonders an Tagen der Einsamkeit und Stille an die einzige Frau in seinem Leben erinnerte, die ihn glücklich machen konnte.

Er konnte wirklich nichts dafür, seine Mutter war Schuld. Als Andy noch ganz klein war, da sagte sie immer zu ihm: „Schatz, das musst du nicht wissen. Es reicht, wenn ich das weiß. Wenn du groß bist, dann ergibt alles schon einen Sinn.“ Und irgendwann gab Andy das Fragen auf und wuchs mit dem sicheren Gefühl der Pubertät entgegen, dass Mutti ihm schon sagen würde, wenn irgendetwas nicht stimmte. Oder wenn irgendwann der Sinn fehlte. Oder wenn er irgendwas oder irgendwen besser nicht anfassen sollte. Oder wenn er irgendwo besser nicht hinschauen oder hinhorchen sollte. So verschwanden allmählich die Worte der Neugier, dieses ständige Wieso, Weshalb und Warum, aus Andys Sprachgebrauch und an ihrer Stelle nistete sich Stille in seinem Kopf ein. Diese geistig-blasse Unberührtheit führte dazu, dass Andy unbeholfen aber glücklich wirkend durch seine Kindheit und Jugend tappte. Mitmenschen, die Andy nicht kannten, sagten hinter vorgehaltenen Händen, hinter vergilbten Gardinen und hinter flüchtig gestrichenen Wänden: Andy war hohl.

Ein wenig hatten sie wohl recht damit. Er war kein Genie oder Hochleistungssportler, wie sie in China geboren gezüchtet wurden. Er war auch kein Künstler, er trug weder eine exzentrische Frisur noch hatte er ein Gespür für Ästhetik. Er konnte weder malen noch singen noch sonst irgendwie musizieren noch schöne Skulpturen basteln. Hätte er geahnt, dass man allein durch die Abbildung einer Dose Tomatensuppe die Menschen begeistern könnte und sie einem dadurch Achtung und Respekt entgegenbringen würden, weil man etwas ganz Besonderes geschaffen hatte – weil man jemand ganz Besonderes war – er hätte vielleicht doch die ein oder andere Frage gestellt, er hätte vielleicht doch versucht, den ein oder anderen Zusammenhang zu begreifen und Rückschlüsse daraus zu ziehen. Das tat er nicht. Er aß still und geduldig die Tomatensuppe seiner Mutter, stippte Brot hinein, wunderte sich nicht, dass dieses erst schwamm und dann vollgesogen unterging um – wartete er zu lange – zu undefinierbaren Klumpen zu zerfallen und sich vollends aufzulösen. Er fragte auch nicht, warum es brannte, wenn er die kochend heiß servierte Suppe schluckte oder warum seine Mutter manchmal weinte, wenn sie sich nach dem Abwasch der Tomatensuppenteller allein in ihr Zimmer zurückzog und sich selbst Ohrfeigen gab, die dumpf klatschend durch die halb geschlossene Tür in den Flur schlichen.

Andy war hohl, das stand für alle fest, nur für seine Mutter nicht. Für sie war er etwas ganz Besonderes. Denn eines konnte Andy besser als all die Kinder seiner Schule und das war etwas, was neben den Lehrern auch seine Mutter sehr an ihm schätzte. Andy konnte stillsein und stillsitzen wie niemand sonst. Während andere plapperten, zappelten oder unentwegt etwas kaputt machten, während sie rannten, tobten, sich rauften und sich in ihrem jugendlichen Kräftemessen gegenseitig die Fäuste, Bäuche, Muskeln und Intimbereiche zeigten, saß Andy einfach nur da und… wartete. Andy wartete darauf, dass er endlich groß wurde und alles einen Sinn ergab, genau so, wie seine Mutter es ihm immer zu prophezeien pflegte.

„Hey, Schwachkopf! Du Hohlbirne, was sitzt’n da so dämlich rum? Auf was wartest’n? Auf die Zahnfee, dass die dir endlich mal einen runterholt?“

Andy kümmerte sich nicht weiter um solche Zurufe. Er hatte sich daran gewöhnt und auch daran, dass sie ihn wieder in Ruhe ließen. Sein stoisches Nichtreagieren auf jegliche Umwelteinflüsse oder menschliche Aufmerksamkeiten ließen ihn unantastbar werden. Es schien fast so, als hätte sich mit der Zeit um Andy eine Art Glocke gebildet, durch die keinerlei schulkindliche Angriffe zu ihm durchdrangen und durch die auch keinerlei Emotionalität mitteilsam nach draußen gelangte. Und irgendwann machten alle einen Bogen um Andy und ließen ihn das sein, was er war: ein stiller, nichtssagender Junge mit leerem Blick, der auf etwas oder jemanden zu warten schien. Das war gut. Er mochte es zu warten. Er mochte es, dass sich in seinem Kopf Milchglasstimmung ausbreitete. Und er mochte seine heiße Tomatensuppe mit Brotstippe, die er jeden Abend von seiner Mutter serviert bekam, auch wenn sie danach weinte.

Eines Tages war Andy 17. Es ging so schnell, dass seine Mutter einen Schreck bekam, als es soweit war. An Andys Waden sprossen dunkle Haare, sein Gesichtsausdruck wurde markanter, genau wie sein Geruch. Andy war noch immer hohl im Kopf, doch in seinem Körper regte sich dafür umso mehr Leben – Empfindungen, die er nicht einzuordnen, geschweige denn zu unterdrücken wusste. Das Stillsitzen fiel ihm zusehends schwerer und das Milchglas im Kopf wich einem kehligen Brummen, dessen Vibrationen sich bis hinab in seine Lenden schlichen.

Andys Mutter missfiel diese Veränderung ihres einzigen Sprosses, die selbst sie nicht aufzuhalten vermochte. Und sie hatte sich solche Mühe gegeben. An einem Donnerstag setzte sie darum zum unvermeidbaren Gespräch an. Dieser ungewohnte Ausflug in die Welt der Kommunikation irritierte Andy so sehr, dass er sich an einem Tomatensuppenstippbrotstückchen verschluckte, stark zu husten begann und sowohl Tomatensuppe als auch Brotstücken aus dem Mund zurück auf den Tisch und dort quer über Tischlaken und Geschirr verteilte. Zugegeben, vorher sah das abendbrotliche Arrangement etwas schöner aus.

„Ich weiß, das kommt jetzt überraschend, aber ich muss dir etwas erklären.“

Andy starrte seine Mutter mit offenem Mund an. Aus seinem Mundwinkel troff rote Stippe. Seine Augen spiegelten Verstörung. Während sie nach den richtigen Worten suchte, wischte Andys Mutter das verhustete Übel ihres Sohnes so gut es eben ging von der blütenweißen Jungfräulichkeit des Tisches.

„Du bist jetzt kein Kind mehr. Du bist fast so etwas wie…“ Sie stockte. „… wie ein Mann. Und, nun ja, als solch ein Mann wirst du wohl oder übel solch männliche Gefühle entwickeln, die…“ Und wieder suchte sie nach dem richtigen Vokabular, das ihr nicht so recht über die Zunge kommen wollte. Sie holte tief Luft und stieß den Rest des Satzes so stark und schnell hervor, dass Andy ein weiteres Mal geräuschvoll husten musste. „… im Geschlechtsakt mit einer Frau enden könnten.“

Und dann geschah etwas sehr Ungewöhnliches, etwas, das Andys Mutter als ausgestorben wähnte. Ihr Sohn stellte eine Frage.

„Was ist Geschlechtsakt?“

Das Geräusch, das auf diese Frage folgte, verankerte sich als sehr unangenehm in Andys Kopfstille. Es klang wie ein erwürgtes Schreien gefolgt von einem dumpfen Aufprall, dem ein Scheppern nachsprang. Als wieder Stille herrschte hing Andys Mutter in einer grotesken Pose inmitten von zerbrochenem Geschirr auf einem nicht mehr weißen Tischlaken eine Suppenschüssel umklammernd und verdrehte die Augen.

Andy saß nur da. Und wartete. Er wartet noch immer. Nur seine Jacke ist heute etwas eng und die Schnallen am Rücken drücken. Aber die Wände sind so herrlich milchig und es ist still, wie in seinem Kopf. Andy war glücklich.

Ich trage einen Fisch in mir

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Betta splendens tanzt im Formenkreis, ein Auf und Ab, das jeden Kompass Lügen straft.

Ich trage einen Fisch in mir. Che Rry schmeckt seine Farbe, ihn schmückt ein schöner Schwanz. Betta splendens. Tief in meinem Herzen steckt eine seiner Schuppen. Es schmerzt ein wenig. Ich schlucke ein Rezept dagegen, das lärmt mich wieder still. Love is the Devil und der Fisch schwimmt weiter im Feuermeer. Er taucht. Unter. Ein. Nicht wieder auf. Und wenn, dann ringt er nach Luft.

Ich ringe nach Boden, denn meine Füße sind zum Fliehen da. Zum Treten. Ihre Spuren brennen sich in Haut, die Narben schlägt. Meine zieh’ ich einfach aus, springe aus dem Ichgewand. Dann liegt es dort. Am Boden. Stirbt. Jeden dieser Tage ein bisschen mehr. Der Fisch trägt Tränen. Aus meinen Augen tropfen seine Schuppen auf die Straße. Schaumnestpfützen. Und mir ist kalt dabei.

Fische schwimmen nicht auf Straßen, sie vertrocknen dort. Love is the Devil und mein Fisch wird auf dem Teer ertrinken. Schwarzer Teer. Roter Che Rry. Ich bleibe farblos.

An meinem Fenster

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Du sollst nicht über Gullies geh’n, du sollst nicht in den Abgrund seh’n. Und wenn, dann nimm den Falco mit.

Regen peitscht bösartig die Straße, drischt wie eine kätzische Domina auf den Asphalt. Die Tropfen am Ende jeder Nasspeitsche zerplatzen. Und sterben. Unter der Straße zerrt ein Rauschen am Gehör. Die Unterwelt ist schwarzer Fluss. Ratten suchen nach einer rettenden Arche, Plastik verwirbelt sich ziellos in gurgelnden Strudeln. Staub ertrinkt. Oben weint die Nacht. Himmel und Horizont kopulieren während in den Häusern das Schweigen brüllt. Kaum ein Licht, keinerlei Herzschlag, Lebendigkeit „träuft mit Mozambin“  dahin und beginnt zu stinken.

Nur bei ihm ist Licht. Er blickt aus hohlen Augen, die in einem schönen Kopf stecken. Noch. Makellose Körper verkaufen sich besser. Für Intelligenz bezahlt kaum einer, wenn der Schwanz zu klein ist. Und es plaudert sich so schwer mit vollem Mund. Dieser ist so schön, so voll, so zartlippig, mit einem Zungenspiel, das bekannt, begehrt, berüchtigt fast. Ungedruckte Flugblätter zitieren seinen Namen von Ohr zu Ohr. Männer und Frauen verlangen nach ihm, auch weil er – oben wie unten, von hinten wie von vorne – eine Zier ist. Eine Gier ist. Weil er willig ist. Weil er billig ist. Noch.

Ich beobachte ihn und ihn und sie und ihn, sie alle, wie sie sich reiben, lutschen und winden, wie Zähne sich in Fleisch bohren, wie Brüste an Schwänzen ziehen, Zungen sich in welke Blüten schieben, wie alte Lenden auf pralle Ärsche klatschen. Ein Geräusch, genau wie das der Regenpeitschen. Draußen. Auf der Straße. An meinem Fenster. Ich wünsche mir die Nacht endlos. Ich bin in Raum und Zeit gefangen.

Die Gosse schläft nicht. Sie hält nur manchmal still, einen Moment lang, einen Zeigerschlag vielleicht, mehr nicht. Keine Zeit für Zeugen. Im Boden klafft jetzt ein Loch, das den Urin der Regenstraße schluckt, sich ergießt wie „die Donau außer Rand und Band“. Auf ihr schwimmt ein Schuh, stürzt sich hinab, wird Ratte mit zwei Senkelschwänzen. Der Gullydeckel gilt als vermisst, der Jüngling nicht. „Der hat sich verpisst!“ – schreit’s durch die Nacht. Ich schweige.

Mein Fenster bleibt leer, starre nur auf Wachs. Himmel und Horizont verlieren sich aus den Augen. Müde. Unter der Stadt liegt der Tod. Sein Mund war so schön, so voll, so zartlippig. Jetzt fehlt ihm ein Schuh.

FrOOstern!

augenscheinlich, Pösie für Lieb & Bösi

Weil’s doch so wichtig ist, dachte ich, ich widme dem Hauptdarsteller mal ein paar Zeilen. Nun denn:

Was wär’ die Welt nur ohne Eier?
Es wäre traurig der Herr Meier.
Es wär’ frustriert des Meiers Weib,
dann hätte sie kein Kind im Leib.
Ihr Magen leer, der Stall ganz stumm,
nirgends liefen Hühner rum.
Es gäb’ kein Impfstoff, es gäb’ nur Seuchen,
fast jeder würde Husten keuchen.
Der Hase wäre ohne Job
und hätt’ nur dummes Zeug im Kopp.
Er würde rammeln noch und nöcher,
er würde buddeln Rasenlöcher.
Auch Dioxin wüsst’ nicht wohin,
jetzt ist es in den Eiern drin.

Das Ei an sich erscheint mir nichtig,
doch manchem ist es furchtbar wichtig.
Es gibt die großen, es gibt die kleinen,
mal hängen sie nur zwischen Beinen,
mal hängen sie an einem Strauch,
schmücken bunte Teller auch.
Mal sind sie süß, mit Schokolade,
mal sind sie schlecht, das ist dann schade.
Und doch – was wär’ ein Ostern ohne Eier?
Ich wär’ so traurig, ganz wie Herr Meier.

Übrigens – so wird auch heute noch der Eierlikör gewonnen. Ei, Ei, Ei, verboten…

Mein schönstes Ferienerlebnis

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… oder: Wie sich mein erster Berufswunsch etablierte

Neulich hatte ich Ferien, das war echt toll. Meine Eltern schickten mich in ein Camp. Ich solle mal die Natur kennenlernen, meinten sie, weil ich doch immer nur in meinem Zimmer säße und gar nicht genau wüsste, was so in der echten Welt da draußen passieren würde. Echte Welt, Natur… was dachten die denn, wer ich bin? Es gab doch Internet. Da erfährst’e doch alles und weißt sofort, wie und wo der Hase läuft. Dank http://www.bunny-nature.de erschließt sich dem neugierigen Jugendlichen die Welt der artgerechten Tierhaltung mit allem Drum und Dran. Und wer auf große Hasen mit großen Ohren steht, na der findet im Internet auch schnell die entsprechenden Leerseiten Lehrseiten, auch mit allem Drum und noch mehr Dran.

Dennoch, Mutti und Vatti meinten also, dass ich, der etwas verkümmerte Stammhalter der Familie, endlich reif für ein echtes Camp mit echten Jungs in echter Natur wäre. Scheiße, ich sah das anders.

Da stand ich also, das Köfferchen in der einen, das ausgewogene Verpflegungsset in der anderen Hand. Vor mir eine Horde Halbwüchsiger, hinter mir winkende und heulende Eltern, dazwischen die unendliche Weite… und ich. (Im Film würde hier der „Vertigo-Effekt“ einsetzen, um meine Gefühlslage zu verbildlichen – stellt es Euch also bitte entsprechend vor). Mein Magen krampfte, meine Augen staubten aus, ich bekam Tinitus (kann aber auch am Geschrei einer hysterischen Mutter links hinter mir gelegen haben). Sprich, mein ganzer Körper zeigte Verweigerungsreaktionen. Ich schluchzte. Heimlich. Innerlich. Ich vermisste jetzt schon meinen Heimcomputer in meiner heilen wwwWelt, meine unpersönlichen Freunde, meine Ruhe.

Zwei Nächte und drei Tage später hatte ich meinen ersten echten Freund, Jan-Hendrik. Ganz ehrlich? Er war bescheuert. Aber er war der Einzige, der sich mit mir abgab. Nicht, dass ich großen Wert darauf gelegt hätte, mit Leon, Finn oder Julius zu spielen. Die waren grob. Jan-Hendrik war zart. Sehr zart. Meine Oma hätte ihn gemocht, dann hätte sie jemanden einstricken können. Ich weigerte mich immer. Zu meiner ausgeklügelten Einstrick-Verweigerungs-Strategie gehörte die schrittweise Entwicklung einer wunderbar ausgeprägten Wollallergie (ja, sowas lernt man nicht in der echten Welt sondern im Internet). Jan-Hendrik reagierte allergisch auf Nickel. An seinen Hosen waren sämtliche nickelhaltigen Knöpfe und Nieten durch Plastikknöpfe ersetzt worden, mitunter sehr stümperhaft. Es sah wirklich albern aus, vor allem an Jeans. Aber wenigsten würde er sich so nicht die ganze Zeit am Sack kratzen, wie er mir versicherte. Darüber war ich froh.

Das Camp war okay soweit, wenn man von den vorpubertären Hänseleien durch die oben schon erwähnten drei Bastarde absieht. Ich lernte eine Menge über die Natur. Zum Beispiel, woher Brennnesseln ihren Namen haben und dass man kopfüber hängend nicht pinkeln sollte. Und dann war da noch Jenny. Eigentlich gehörte sie nicht zum Camp – klar, da waren ja nur Jungs und Jan-Hendrik. Jenny brachte morgens die frischen Brötchen. Ihrer Mutter gehörte die Bäckerei unweit unserer Einrichtung. Meine Oma würde jetzt mit dem Kopf schütteln. Aber hey, es war, was es war, eine Einrichtung. Und Jenny passte dort hinein wie eine Erdbeere auf den Fahrersitz eines Schwerlasttransporters. Sie war etwas Besonderes.

Sie hatte goldene Haare, wie die Farbe ihrer Brötchen. Und sie duftete auch so, genau wie ihre Brötchen. Und ihre Muschi sah genau so aus, wie eines ihrer Brötchen. Sie meinte, ich solle mal meinen Finger reinstecken. So ungefähr muss sich frischer Brötchenteig anfühlen, warm und weich und ein wenig feucht, dachte ich, schloss die Augen und war ganz Finger. Zuerst stocherte ich etwas unbeholfen in Jenny herum. Sie raunte mich an, ihre Pussi sei doch nicht meine Nase, die ich auf der Suche nach störendem Inhalt durchforsten würde. Jenny nahm daraufhin meinen Finger aus ihrer Muschi und schob ihn sich in den Mund. Ich bekam Schluckauf, nur ganz kurz, aber ganz heftig. Meine Oma würde sagen, das war ein ausgewachsener Rülps. Dann spielte Jenny mit ihrer Zunge an meinem Finger, schob ihn hin und her, sodass er die fleischigen Innenseiten ihrer Wangen streifte. Dann wieder kringelte sie ihre Zunge um meine Fingerkuppe, lutschte kräftig daran und sog meinen Finger so stark in sich hinein, dass ich ihr Zäpfchen berührte und ich dachte, gleich kotzt sie mich an. Aber sie verdrehte nur die Augen und stöhnte. Dabei floss ihr ein wenig Sabber aus dem Mund. Dann zog sie meinen Finger aus ihrer Schnute, spuckte drauf, wischte sich den Sabber von den Lippen und schob meinen Finger zusammen mit ihrer Spucke zurück in ihr Brötchen. Wahnsinn. Bisher hatten meine Hände immer nur verkrampft auf der verklebten Tastatur meines Computers rumgefingert. Jetzt steckte eine von ihnen abwechselnd in einer Brötchen-Muschi und im schönsten Mund jenseits des Himmels.

Jenny fragte mich, was ich fühlen würde. Ich konnte nur aufgeregt rülpsen. Sie meinte, ein Mund sei fast genauso beschaffen wie eine Möse (sie sagte Möse, nicht ich!) und ich solle mit meinem Finger einfach das in ihrem Brötchen (das sag jetzt ich) machen, was sie mit meinem Finger vorher in ihrem Mund tat. Ich hatte keine Ahnung, wovon sie sprach. Aber in mir manifestierte sich ein Berufswunsch: Bäcker.

Heute bin ich Software-Entwickler bei IBM.

Beton ist wärmer als Champagner

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Die Friedrichstrasse wird gereinigt, das ist gut, dann verschwindet der Dreck.

Links neben ihm erbricht sich Starbucks. Der alte Mann kauert. Außen derb, tief und dreckig und in seinem Innersten an Herz verblutend. Er trinkt. Er stinkt. Er hustet. Offen klafft die Brust, verschlossen beißt der Mund auf zahnlosen Gedanken herum. Im alten Bart sterben Erinnerungen an Milch und Honig. Vergilbte Floskeln warten in seinen Händen darauf, Verstand zu erblicken, Verständnis zu ernten. Die Pappe ist gebrochen, die Worte darauf verlieren an Gehalt. Aber sie drücken im Kopf.

Nichts von all dem dringt in den Blick derer, die an ihm vorbeitelefonieren. Die Großstadt ist ein Canyon. Im Hinterhalt lauern durchgeladene Läufe, zwischen den Füßen winden sich Reptilien. Sie schuppen. Alte Häute und neue Hüte füllen Nischen, die niemanden ernähren – nicht den kranken Mann an der Mauer. Rechts von ihm ist es bunt, sortiert und sauber. Nicht für ihn.

Seine Augen wollen erzählen, sie brüllen mich an, ganz leise, nicht wütend, nicht fordernd, nur verflüssigt. Ich blicke in zwei endliche Tunnel der Vergangenheit, weil Zukunft hier nicht wohnt. Ihm gegenüber glänzen Chrom und rascheln Scheine. Zu weit weg. Fünf Schritte bis zum Abgrund, da ist Beton wärmer als Champagner. Die Wand in seinem Rücken bricht ihm das Genick und die Strasse unter seinen Füßen wird morgen früh gereinigt. Das ist gut, dann verschwindet der Dreck. Dann ist auch er verschwunden und mit ihm mein schlechtes Gewissen, das mich jedes Mal ertränkt, wenn ich ihm nichts weiter als ein Stück dreckiges Metall und einen Kaffee in die zittrigen Finger legen kann.

5 wilde Tiere im Ritt durch die Hauptstadt

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Berlin, Viertel vor Zehn am Abend, im Keller einer Bar, fünf ungezähmte Männer, eine Bühne, raue Instrumente. Sie scharren mit den Hufen, schütteln die Mähnen. Ich schwinge mich in den Sattel, wippe mit dem Fuß, schnippe mit den Fingern, schreie laut die erste Textzeile mit, die ich sofort erkenne. Der Ritt beginnt, unter Tage, weit weg von grünen Wiesen. Ein Ritt durch die Nacht, wild und ungestüm, Zähmung nicht in Sicht.

The Horse Force 5 sind Indie-Rock pur und ohne Sattel. Sie brauchen kein Zaumzeug, sie haben Schlagzeug. Ihr Bass wummert wie schwere Hufe auf hartem Boden im Galopp durch den Canyon der Großstadt. Die Gitarre – bespannt mit feinstem Schweifhaar, gespielt mit Pferdestärken – schreit, windet sich, pflügt die biergetränkte Luft. Angeführt vom Leithengst folgen vier Mustangs keinem Gesetz, nur seinem Gesang, der außen dreckig ist, tief und derb und in seinem Innersten an Herz verblutet, mitunter einer zarten Berührung gleicht um sich dann wild aufzubäumen und zurück in die Wildnis zu traben.

Das Licht flackert, die Nüstern sind gebläht, die Mähnen struppig. Die Bar ist nun schwarz, zu eng für euch, zu trocken, die Luft brennt. Ihr müsst weiter ziehen. Ich reite mit euch!

Die Läuferin

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… oder: Wie alles begann (1)

Der Waldboden war trocken, dennoch roch es feucht hinter den Bäumen. Frühlingsfeucht. Ein Zartgrün schob sich unter rostigen Altblättern hervor, noch etwas mühevoll aber mit ungebremstem Drang dem Licht entgegen. Dünne Pflänzchen, dünne Blätter, dünne Triebe, zu zart für schweres Schuhwerk und harte Tritte. Noch lag Stille über dem Wald. Irgendwo in einem der winterkahlen Wipfel sang ein rothalsiger Vogel seiner Sonne entgegen. Kleines Kehlchen, schöne Stimme, auf der Suche nach Anschluss in dieser Stille. Den wird er bald finden. Der Tag sorgte schon dafür, dass ein solch wunderbarer Sänger mit solch wunderbarer Zeichnung nicht lange allein bleiben würde. Die Schönsten blieben nie lange allein. Die Schönsten weckten Verlangen, Begierde mitunter. Die Schönsten zogen Andere an, auch weniger Schöne – bisweilen. Und dann kann es unschön werden – vereinzelt.

Bewusst atmen. Denk an deine Atmung. Ausatmen ist genauso wichtig, wie einatmen. Ein, zwei Schritte durch die Nase ein, pump dich voll. Mindestens doppelt so viele Züge wieder aus. Benutze deinen Mund. Mach deine Lungen richtig leer. Spüre es.

Das Kehlchen flog davon, verschreckt, gestört in seinem Liebeslied, das ungehört verstummte. Schritt um Schritt flogen die Bäume an der Läuferin vorbei, nicht hastig, nur beflügelt. Wurzelwerk kreuzte ihren Weg, ließ sie zur Gazelle werden. Ihre Schritte waren ganz leicht und so hellgrün wie die ersten Bodenblüher. Ihre Schuhe waren Air. Frühlingsair. Nur ihr Herz war etwas schwer und angefüllt mit Ballast. Das drückte. Noch mehr Druck, und es würde eine unschöne Blase bilden, voll der Tränen. Dann müsste sie ihr Herz aufstechen, so dass die Wundflüssigkeit ablaufen könnte. Und ein Pflaster müsste sie darüber kleben, damit kein Dreck in die offene Herzwunde käme. In Zukunft wollte sie auf sich achten.

Lass einfach alles los, wenn du läufst. Deine Gedanken, deine Gefühle, wirf sie mit jedem Schritt hinter dich. Dein Kopf wird frei, dein Blut reinigt sich vom Alltagsdunkel. Dein Körper ist nicht mehr Fleisch und Knochen, er ist rotes Adrenalin mit weißen Endorphinflügeln.

Weil das Blut in ihren Ohren rauschte, hörte sie das Knacken der Äste nicht. Morsches Astwerk unter schweren Füßen. Schwere Füße an groben Körpern. Grobe Körper unter hohlen Köpfen. In ihren Händen hielten sie harte Eisen, zackige Werkzeuge, bestialische Fallen, die Grausames verrichten sollten, dort im Wald, wo nur der Frühling grasen wollte. Es waren vier Unschöne. Und sie, die Schöne, sie hatte ein ebenso unschönes Verlangen in ihnen geweckt.

„Das nenn‘ ich mal einen feinen Fang. Haltet sie fest, haltet sie doch fest verdammt. So wird das nichts. Scheiße, seht zu, dass sie nicht mehr schreien kann. Macht, dass sie endlich still ist. Stopft ihr den verdammten Mund!“

Frühlingsair. Atme. Durch die Nase ein. Ein. Ein. Atme. Bewusst. Aus.

Das Bewusstsein wich. Das Rauschen in ihren Ohren verstummte wie kurz zuvor das Singen aus der kleinen Kehle im kahlen Baum. Dumpfes Gelächter und Bosheiten krochen über den Waldboden, der jetzt nicht mehr ganz so trocken war. Unbeherrschte Gier zerwühlte das Laub, mischte sich mit dem Geruch panischer Angst, mit dem Geruch ausgehauchter Seele. Ihr Mund wurde gebraucht. Nicht mehr zum Atmen. Ihre Lungen wurden leer und nicht wieder gefüllt. Nie mehr.

„Bindet sie da an den Baum. Ja verdammt, an den Baum. Setzt sie aufrecht hin, die Beine breit, noch breiter. Ja genau. Genauso, als würde sie es wollen. Los, jetzt seid ihr dran…“

Ganz in der Nähe erwachte Michi mit dem buschigen Schwanz, putzte sich die Nacht aus den Augen und kletterte aus seinem Kobel. Die frischen Düfte des nicht mehr aufzuhaltenden Frühlings lockten. Sein Magen war leer und knurrte nach Füllung. Die Sonne blendete bereits und Michi der Eichkater griff zur Ray Ban, bevor er an seinem Baumstamm hinunterflitze und geradewegs in die Eisenfalle tappte. Dumme Brille. Bissiges Eisen. Armer Eichkater. Pochende Pfote.

Zur gleichen Zeit strahlte Hendrik, der Ranger, seinem Vater entgegen, während der ihm mit feierlicher Geste die Nobile Grade II mit ihrem edlen Nussbaumschaft überreichte. Im Wald hinterm Haus war es wieder still, vorerst, die schweren Schritte fort, für den Moment. Ein paar hellgrüne Airs lagen verstreut unter dem Laub, das noch immer dem Winter gehörte. Auf einem klebte Rot, beim zweiten fehlte der Senkel.

Die Farbe passt so gar nicht zu ihrem Kleid

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Die Ampel vor ihnen kann sich nicht entscheiden. Blut – Eiter – Galle – Eiter – Blut – Eiter – Galle – Eiter – Blut.

Er gibt Gas und sie wird in den Sitz gedrückt. Stadtlichter fliegen vorbei. Die Nacht ist schweißig. Sein wütender Blick starrt auf die Straße, ihr wütender Blick starrt auf ihn, durchtrennt seine Halsschlagader. Sein Blut schießt ihr entgegen. Es schmeckt süß aber nicht gut. Es schmeckt nach überreifen, schimmligen Erdbeeren. Und es ist eine Nuance zu rot. Diese Farbe würde so gar nicht zu ihrem Kleid passen, denkt sie.

„Du bist so ein Arschloch.“

„Genau das willst du doch, dass ich ein Arschloch bin.“

Sie schüttelt den Kopf. Als wenn er wüsste, was sie wollte? Er hat keine Ahnung. Wie auch. Hätte er auch nur einmal genauer hingehört, wenn sie an ihm herumkritisierte, dann hätte er die unterschwelligen Änderungsvorschläge als die Botschaften erkannt, als die sie gedacht waren. Aber die Mühe macht er sich nicht. Er steckt all seine Kraft in das eigene Bedauern, in das ständige Zusammensacken, Aufrappeln, Stolpern, Kriechen, Siechen. Dieses Siechen ist unästhetisch. Siechtum hat die erotische Ausstrahlung von faulen Eiern. Durch den Gestank sinkt man ohnmächtig zu Boden, dann frist sich das Ammoniak in die Lunge, macht sich als bestialische Ödeme breit, die wie Rosinen an den Lungenbläschen kleben. Man kann nicht mehr atmen.

„Was willst du denn jetzt damit sagen?“

„Ihr Frauen wollt doch immer Arschlöcher. Frauen verstehende Arschlöcher.“

Plötzlich ist nicht mehr sie das Ziel, jetzt sind es alle Frauen. Auch seine Mutter und seine Ex-Freundin sind Frauen. Aber die dürfen nicht erwähnt werden. Die Mutter bleibt aus dem Spiel, egal, wie das Verhältnis zu ihr ist. Die Ex-Freundin bleibt auch außen vor und wird immer nur dann von ihm wiederaufbereitet und zur besten Freundin befördert, wenn es gerade passt, egal, wie das Verhältnis zu ihr war. Aber beide dürfen niemals in eine solche Arschloch-Diskussion eingeführt werden. Das ist tabu.

„Geh doch zurück zu deinem Ex-Stecher, du blöde Schlampe. Bei dem ist ja anscheinend alles besser, sein Schwanz, seine Wohnung, sein Schuhgeschmack.“

Jetzt muss sie lachen. Er hat wirklich nichts kapiert. Sein Ego trägt Schrammen, die ihre Krallen hinterlassen haben. Kleine, triefende Furchen, die sich grün füllen mit Gallensaft. Nun muss er dringend sein Revier markieren. Wenn er könnte, er würde im Fahren sein Geschlechtsteil aus dem Auto hängen und gegen den Wind pissen. Er gibt Gas. Die Straße rennt ihnen entgegen.

„Fahr doch noch schneller, dann komme ich wenigstens rechtzeitig zu meinem besseren Fick in seiner besseren Wohnung.“

Wut schwappt in seine Augen. Seine Hände masturbieren das Lenkrad während sich ihre in den Sitz krallen. Sie schnallt sich an. Die Ampel vor ihnen kann sich nicht entscheiden. Blut – Eiter – Galle – Eiter – Blut – Eiter – Galle – Eiter – Blut.

Sein Gesicht klebt auf dem Asphalt. Überall verteilt sich Gekröse in der Nacht. Aus der Motorhaube steigt Dampf in den Himmel, blass-gelb wie aus einer Friedenspfeife. Sie steigt aus dem Auto oder besser aus dem, was davon übrig ist. Ihr linkes Auge schwillt an, sie kann kaum etwas sehen, stolpert auf ihn zu. Drei, fünf, siebzig Stunden wacht sie neben ihm, horcht in die Stille, lauscht, ob er noch atmet. Dann kniet sie sich hin und nimmt seinen Kopf – oder das, was davon noch übrig ist – und legt ihn sich in den Schoß. Die Farbe passt so gar nicht zu ihrem Kleid.

Warum?

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Wir sind, was wir sind. Wir tun, was wir tun. Weil wir es können.

Was ist das?

Das ist eine Blume.

Was macht die.

Sie blüht.

Warum blüht sie so schön?

Damit lockt sie Bienen an, die ihren süßen Nektar und ihre Pollen sammeln. Dann verwandeln sie beides zu Honig, und davon ernähren sich ihre Nachkommen.

Und was ist das?

Das ist ein Baum.

Was macht der?

Nun, der spendet Sauerstoff, damit andere Lebewesen atmen können. Sonst würden sie alle ersticken.

Was ist das?

Das ist ein Mensch.

Was macht der?

Der fällt Bäume, schüttet Beton über die Blumen und nimmt den Bienen den Honig weg. Und dann fliegt er weiter zum Mars.

Warum tut er das?

Na einfach, weil er es kann.

Ich brenne für dich!

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Valentinstag – kein Tag für verirrte Pralinen aus denen räudige Tauben bereits die Rosinen gepickt haben.

Mit Tränen in den Augen starrt sie auf den schwarzen Fleck, der sich vor ihr krümmt. Sie weint nicht. Ihre Augen reagieren nur auf das Schwelen. Es stinkt, süßlich, hautig, sterbend. Sie denkt an verwahrlostes Blumenwasser. Sie denkt an gammliges Obst. Sie denkt an herrenlose Pizzareste und die Nachgeburt einer Straßenhündin. Sie denkt nicht an ihn.

Ich brenne für dich!

Er war ein hübscher Kerl, hatte ein süßes Lächeln, einen knackigen Hintern. Er war etwas jung vielleicht, aber unverbraucht. Er war keiner dieser coolen Typen, die sich in Bars rumdrückten um Mädchen abzuschleppen. Er war keiner von denen, die gerne damit prahlten, dass sie letzte Nacht wieder zum Schuss gekommen waren ohne auch nur einen Finger zu krümmen. Er sammelte auch keine vergessenen Ohrringe, getragenen Höschen oder Telefonnummern. Nein, er war irgendwie anders. Er war nett.

Sie war es nicht. Sie war ein Miststück. Sie spielte gerne mit dem Feuer. Warum? Das wusste sie selber nicht so genau. Wahrscheinlich war sie einfach nur gelangweilt. Gelangweilt vom Überfluss, von überquellender Farbigkeit, von maßlosen Standards, gelangweilt von geschriebenem Lärm und vertontem Schmerz, gelangweilt von recycelten Massen und individualisierten Uniformen. Sie war gelangweilt von sich selbst.

Und dann traf sie auf ihn, nicht in der Bar, auch nicht auf einer Party. Sie traf ihn einfach so auf der Straße, und es ergoss sich so etwas wie Liebe über den Asphalt. Seine Gegenwart füllte für einen Moment von 97 Tagen Honig in ihre Waben. Sie leckte ihn auf, gierig, unverschämt, exzessiv. Dann war der Honig verbraucht und seine kläglichen Reste verklebten ihr den Kopf. Sie war angewidert, er wollte noch immer Nektar sammeln und Honigtau in sie gießen.

Am Tag 98 entklebt sie sich während er seine Liebe entzündet – mit nur einem Streichholz, mit nur einem Kanister, direkt vor ihren Augen.

Ich brenne für dich!

Ausgehungert

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Georg senkt den Blick. Er ist müde. Seine Haare sind es auch. Einige von ihnen hatten sich bereits vor Jahren beiseite gelegt. Ein paar halten die Stellung, genau wie Georg. Er möchte sich auch einfach nur beiseite legen. Noch steht er. Ruth liegt bereits; vor ihm; tot; in einem Sarg. Der ist nicht schön, genau wie Ruth. Ruth war weder schön noch besonders nett gewesen als sie noch lebte, und dennoch ist Georg all die Jahre bei ihr geblieben. Auch jetzt ist er bei ihr. Georg legt seine Hand auf den Sarg. Seine Hand ist nicht schön, nur weiß und ganz dürr.

„Du musst schon richtig zupacken, sonst macht das Huhn, was es will. Herr Gott, jetzt greif doch mal richtig zu! Du bist zu lasch. So wird das nichts. Lass mich mal. Ohne mich würdest du irgendwann verhungern.“

Ruth konnte zupacken. Keine Minute später hörte das Huhn auf zu zappeln. Georg stand schon lange still daneben. Es roch nach Blut. Es schmeckte nach Blut. Georg hatte sich auf die Zunge gebissen während Ruths Beil den Hühnerkopf vom Hühnerrumpf trennte. Später roch es nach Suppe. Kleine Fettaugen schwammen träge in Georgs Schüssel. Hühnertränen.

„Jetzt iss schon, sonst wird sie kalt. Was starrst du denn so in die Schüssel? Du sollst die Suppe essen und nicht hypnotisieren.“

Schweigend aß Georg die Suppe. Sie schmeckte nach Suppe, nach Huhn, nach Möhren und Maggi. Sie schmeckte nicht nach Blut, auch nicht nach Tränen. Die Suppe brannte etwas auf seiner Zunge. Georg dachte an das Huhn.

In der Kapelle verklingt die Musik, und die Sargträger schwitzen als sie Ruth über den Friedhof zu der Stelle bringen, die später ihren Namen tragen wird. Ein Name, zwei Daten, drei Zeilen, gehauen in einen schwarzen Stein, vier schwitzende Sargträger in schwarzen Anzügen – drei von ihnen sind ein wenig zu feist. Ihre Anzüge spannen. Georgs Anzug spannt nicht, denn Georg ist schmal, sehr schmal. Und Georg friert.

„Du musst mehr essen, du bist ja nur noch ein Strich im Gelände. So sieht doch kein richtiger Mann aus. Die Nachbarn werden denken, ich sei unfähig, meinen Mann zu bekochen. Und von der Bewegung kann’s ja nicht kommen, dass du immer dürrer wirst. Du bewegst dich ja kaum. Stehst immer nur dumm im Weg rum. Mach dich nützlich, mäh doch mal den Rasen. Ich kann doch nicht alles selber machen. Ohne mich würde uns der Rasen bald über den Kopf wuchern.“

Georg mähte den Rasen. Am Abend gab es aufgewärmte Hühnersuppe. Sie schmeckte noch immer nach Huhn, Möhren und nach noch mehr Maggi. Georg mochte kein Maggi. Er musste davon aufstoßen und empfand das als sehr unangenehm. Ruth empfand ihn dann als sehr unangenehm. Dann musste Georg in den Garten gehen und trockenes Brot essen, damit sich sein Magen beruhigte und damit Ruth nicht ständig den Geruch von aufgestoßener Hühnersuppe um sich hatte. Aber das war nicht so schlimm. Georg saß gerne im Garten. Manchmal teilte Georg sein Brot mit den Hühnern. Und dann dachte er darüber nach, dass er dieses Brot irgendwie zweimal aß. Seinen Magen beruhigte das nicht.

„Musst du das Brot an die dummen Hühner verfüttern? Also dafür hab ich es nicht gebacken. Wenn du so weiter machst, sind die Hühner irgendwann fetter als du.“

Der Sarg sinkt in die ausgehobene Erdmulde. Eine Frau aus der kleinen Trauergruppe schnieft und tupft sich mit übertriebener Geste die Augen trocken. Hühnertränen, denkt Georg.

Immer wenn Georg im Garten saß und mit den Hühnern sein Brot teilte, dann dachte er an seine Mutter. Sie war nicht wie Ruth. Sie war eine nette Frau gewesen. Sie hatte mehr gelacht und weniger Hühner geschlachtet. Wenn Georg als kleiner Junge mit einer Blessur nach hause kam, dann klebte sie ein Pflaster drauf und sagte, „Bis du heiratest, ist das wieder verheilt.“ Sie hatte recht. Genau wie Ruth.

„Jetzt stell dich nicht so an. So eine kleine Schramme hat noch keinen Mann umgebracht. Wenn ich bei jeder Schramme, die mir das Leben zugefügt hat, so ein Getue machen würde, dann würde ich aus dem Jammern gar nicht mehr herauskommen.“

Der Gemeindepfarrer spricht ein paar Worte, die er von einem Zettel abliest. Georg hatte ihm am Vortag einige Stichpunkte zu Ruths Leben gegeben. Jetzt bettet der Pfarrer diese Stichpunkte in viele nette Adjektive. Georg muss aufstoßen. Es schmeckt nach leerem Magen und nach Maggi.

Seit Wochen wuchert nun schon der Rasen auf Ruths Grab und im Garten. Die Hühner sind glücklich darüber, es läuft sich so schön. Nur das Brot vermissen sie. Georgs Brot. Georg vermisst niemand.

Romy

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Die Grenzen der Hysterie sind erreicht. Panik kraust ihr Haar, weißt es bis in die gespaltenen Spitzen. „Was wirst du tun?“ Seine Schultern zucken nur. Schlaffe Figur, schlaffer Charakter, schlaffer Hut.

Rot quillt Honig den Lattenzaun hinab. Klebt, glänzt träge in der Sonne. Wäre fast schön, wenn nicht falsch vergossen.

Sie sinkt auf die Knie. Strumpfbeine ziehen unfreiwillig Muster. Finger krallen sich ins Grün. Der Dreck unter den Nägeln wird ewig dort verkrusten, zusammen mit Bluthonig, Honigblut.

„Tu etwas!“ Überschlag, Stimme im Delirium. Augen im Nirwana. Sinne im Sturz.

Fahle Hände greifen das leblose Körperlein. Kein Zucken, kein Winseln, kein Wimpernschlag. Schlaffe Arme. Zu wem gehören Sie? Zum Hut? Zum Honigkind?

Schatten klettern durch den Zaun. Der gähnt sich in die Länge. Seine Fänge zerren an ihr. Die Grenzen der Hysterie sind da schon längst überschritten.

Der Zaun war zu hoch, zu spitz, zu stark. Und Honig kann sehr bitter schmecken.

Manchmal mochte er seinen Beruf

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Die Gegenwart eines Menschen kann mitunter so präsent sein, dass sie einem Schmerzen bereitet.

Da lag sie, den Kopf leicht zur Seite geneigt, die Augen waren geschlossen. Dunkles Haar umrahmte das unschuldige Kissen. Ihr Duft füllte den Raum, nicht erstickend, nicht verschwenderisch, aber er war da. Und er sollte so schnell nicht verschwinden.

Durch das Fenster schlichen Sonnenstrahlen, ließen Staubflocken tanzen. Kleine dreckige Wirbel, die – kniff man die Augen etwas zusammen – fast wie Schnee funkelten. Fast. Für Schnee war es zu heiß. Stille machte sich breit, nahm prahlerisch Platz auf dem Sessel, der in der Zimmerecke stand. Diese Stille war so laut, dass ihr Ohr zu bluten schien. Ein dünner roter Faden schlängelte sich über das Kissenweiß, sprang in einem Tropfen auf das Laken und nistete sich in dessen kühlen Seidenfaden ein.

Was wäre, wenn er sich einfach zu ihr legen könnte, ihre Wärme spüren, das kühle Laken unter seiner Haut. Er könnte sich in den Finger stechen, dann würde sich ein Tropfen seines Blutes mit dem ihren verbinden. Dann hätten sie eine Gemeinsamkeit. Dann wären sie vereint. Dann wären sie keine Fremden mehr.

Er betrachtete ihren Körper, so zart, so hell. Neben dem Bauchnabel leuchtete ein Muttermal, eine kurze Beruhigung für seine Augen, die haltlos über den makellosen Körper strichen. Ihre Beine waren gekreuzt, die Scham von einer Hand bedeckt. Sein Blick blieb auf dieser Hand liegen, liebkoste die zarten Finger, glitt an ihnen hinab, kroch in das kleine Dreieck, das sie zu verdecken dachten. Und wieder roch er ihr Parfüm.

Sie war so schön, dass es wehtat. Manchmal mochte er seinen Beruf.

„Schafft die Leiche jetzt raus, ich bin hier fertig.“

Stadtfresser vor meiner Tür

schreibchenweise

Die Seelen wurden begraben, als die Sandfresser kamen. Sie rissen ihre Mäuler auf, fraßen Dreck und kackten Beton.

Da steht er. Drückt sich in die Ecke. Schaut ganz grau, der kleine Laden. Eisenwaren heißt er. Immer schon. Auch heute noch. Seine Fenster blicken schief. Die Tür verzieht die Mundwinkel. Hat er Angst? Er nickt. Es klirrt in seinem Magen, aber nur ganz leise. Eisenmangel. Darum ist er auch so blass.

Früher, sagt er, früher hatte er noch viele Zähne, aus Stahl. Die waren mächtig. Die konnten beißen. Heute, da wackelt der hinten rechts auch schon. Beißen geht nicht mehr. Er hat Hunger. Genau wie der Dicke da gegenüber. Der wird immer fetter, schluckt einfach alles, kaut nicht mal richtig. Würgt gierig, schlingt, geifert. Spuckt Menschenbeine wieder aus. Der Dicke hat tausend Namen, schrille, bunte, alberne, aber ohne Seelen. Die wurden begraben, als die Sandfresser kamen. Sie rissen ihre Mäuler auf, fraßen Dreck und kackten Beton.

Da steht er, der kleine Laden. Die Knie versagen, die Hüfte bricht. Er stirbt.

Hendrik, der Ranger

schreibchenweise

Kinder brauchen schließlich Vorbilder (2)

Schon als Hendrik noch ein ganz kleiner Junge war, träumte er von den unendlichen Weiten, so wie viele in seinem Alter. Damit hatte es sich dann auch mit der Gemeinsamkeit, die Hendrik mit den Meisten seiner gleichaltrigen Weggefährten verband. Denn Hendriks Traumweiten waren anders. Sie waren nicht angefüllt mit fliegendem Blech und unbekannten Planeten, die es zu erobern galt. Hendriks Idole trugen auch keine hautengen, ocker-schwarz-gemusterten Anzüge mit kleinem Stehkragen. Hendriks Idole kommunizierten auch nicht über eine Brosche, die an der Heldenbrust steckte. Hendricks Idole waren sein Vater und Daktari. Hendriks Idole trugen Khaki und waren in den Weiten Afrikas und den Wäldern hinterm Haus unterwegs um aufzuräumen. Hendriks Idole befreiten verirrte Tiere und verwirrte Menschen von ihrem Leiden. Hendriks Idole steckten in männlichen Stiefeln, trugen männliche Funkgeräte, auch mal ein männliches Gewehr. Hendriks Idole hatte ein männliches Tier zum Freund – einen Schäferhund namens Fritz oder einen Löwen, der auf den Namen Clarence hörte, der zwar schielte und darum immer etwas dumm aussah, der aber durch eine imposante Frisur zu beeindrucken wusste und durch seine friedfertige Gesinnung jedes Herz im Sturm eroberte, fast wie Fritz.

Hendriks einzig echter Freund außerhalb dieser Weiten Afrikas schielte auch und hieß Robert. Robert trug eine Brille mit Gläsern, die dicker waren als das kugelsichere Panzerglas, hinter dem sich das Lächeln der Mona Lisa sicher fühlen durfte. Wenn Robert seine Brille abnahm, was in den seltensten Fällen freiwillig geschah, sondern weil sie ihm als Folge einer Hänselei von der Nase gefallen wurde, dann hatte Robert den Gesichtsausdruck eines erschrockenen Doozer. Für die, die nichts mit dem Begriff Doozer anfangen können: das sind kleine, knopfäugige Vertreter der Arbeiterklasse, die im Untergrund für die Fraggles schuften, während diese ihre Zeit mit Singen, Lachen und Tanzen verbringen und damit das Feier- und Konsumtum symbolisieren.

Hendrik und Robert kümmerten sich wenig um die Einteilung in Schufter und Sänger. Hendrik und Robert teilten ihre Welt in Ranger und Nichtranger. Hendriks Vater, der war ein Ranger, denn der war in einem männlichen Verein, wo alle männliches Khaki und männliche Stiefel trugen und wahlweise männliche Gewehre oder Pistolen mit sich führten. Robert hatte keinen Vater, jedenfalls keinen vorhandenen. Hätte er einen, dann würde der mit Sicherheit zu den Nichtrangern zählen, schlussfolgerte Hendrik aus den Aussagen, die Roberts Mutter über Roberts nichtvorhandenen Vater machte. Die Begriffe Schlappschwanz, Lutscher und hodenloses Sackgesicht klangen nicht so, als würden sie einen echten, ehrlichen Ranger bezeichnen, einen, der verirrte Tiere und verwirrte Menschen von ihrem Elend befreite. Nein, Roberts Vater, wenn es ihn denn gäbe, der wäre definitiv ein Nichtranger, ein Doozer, ein Looser. Die Jungs vertrauten da ganz auf das Urteil von Roberts Mutter. Immerhin war sie eine anerkannte Frau im Ort. Für diese Anerkennung hatte sie hart schuften müssen, nachdem sich das hodenlose Sackgesicht aus dem Staub gemacht hatte. Bis auf ein paar wenige Ausnahmen hatten alle Männer des Ortes, Ranger wie Nichtranger, Roberts Mutter anerkannt. Woher die Jungs das wussten? Sie hörten es, wenn Nacht für Nacht einer dieser Männer aus dem Schlafzimmer schrie. „Ja, du bist gut. Ja, du bist es. Jaaaaaa verdammt, du bist es!“ Das war pure Anerkennung.

Hendriks Mutter war auch eine ortsbekannte Frau. Sie leitete den Frauenchor. Allerdings brachte ihr das nicht ganz so viel Anerkennung unter den männlichen Nachbarn wie Roberts Mutter. Dafür war ihr jede Nacht die Anerkennung durch Hendriks Vater sicher. Denn dann trainierte sie ihre Stimme und sang lautstark immer wieder diese eine Zeile für ihn: „Oh Lord, ohhhhhhhhh Lord!“  Und Hendriks Vater stieg anerkennend mit ein und sang die zweite Stimme: „Jaaaaaa, bete, Baby, bete.“ Hendrik fand es toll, dass seine Eltern ein gemeinsames Hobby hatten, auch wenn Singen in seinen Augen nicht besonders männlich war. Aber bei seinem Vater machte Hendrik eine Ausnahme. Egal, was er tat, er tat es männlich.

Hendrik wollte überhaupt genau so sein wie sein Vater. Hendrik wollte zwar aussehen und leben wie Daktari in Afrika, wollte wirken wie John Charles Carter, der – besser bekannt unter seinem Hollywood-Namen Charlton Heston – vor und hinter der Kamera zu Ruhm und Ehre gelangte, aber sein Vater war sein großes Vorbild. Kinder brauchen schließlich Vorbilder. Und ein Ranger ist ein gutes Vorbild.

Zu seinem 16. Geburtstag beschloss Hendriks Vater, die Zeit sei nun reif, seinem Sohn sein erstes Gewehr zu schenken. Später wird sich Hendrik daran erinnern, dass dies der feierlichste Moment seines Lebens war. Stolz hielt Hendrik die Nobile Grade II, Kaliber 20/76 in seinen jugendlichen Händen. Die Doppelflinte mit ihrem edlen Nussbaumschaft und der eleganten Gravur fühlte sich an, als würde sie schon immer in Hendriks Hände gehören. Jetzt war Hendrik ein echter Ranger. Ab jetzt würde Hendrik mit seiner Nobile Grade und Schäferhund Fritz durch die Wälder hinterm Haus wandern, genau wie sein Vater, um Tiere und Menschen zu erretten. In Hendriks Vorstellung aber streifte er wie ein echter Ranger durch die Weiten Afrikas, sah Elefantenherden vorbeiziehen und Giraffen friedlich grasen. Er würde Wilderer in die Flucht schlagen und von ihnen gefangene Tiere aus den blutigen Fallen erlösen. Er würde ein Held werden und das Böse besiegen, genau wie Daktari in Afrika oder Charlton Heston im Wilden Westen als „Der letzte der harten Männer“.

Und dann traf Hendrik auf das echte Leben im Wald hinterm Haus. Fritz kläffte plötzlich und gebärdete sich wie verrückt. Und weil Fritz so an der Leine zog, dass sie Hendrik fast die Finger abschnürte, ließ er sie einfach los, nahm seine Flinte von der Schulter, um besser rennen zu können und folgte Fritz – bis zu dem Baum. Da kniete Robert ohne Brille, dafür recht breitbeinig auf einer Blondine. Die sah nicht glücklich aus. Sie schien zu schreien, ohne einen Ton von sich zu geben. Ihr Mund stand offen, wie ein dunkles Loch. Robert wimmerte. Um den Baum herum standen ein paar ältere Jungs. Sie lachten während der arme Robert sich krümmte. Hendrik wollte ihm helfen, ihn beschützen, ihn retten, denn Hendrik hatte viel von seinem Vater gelernt, was Loyalität bedeutete, was echte Freundschaft ist und vor allem, worauf es beim Schießen ankam. „Du musst ganz klar dein Ziel kennen, du musst es treffen wollen, du musst es fixieren und nie wieder aus den Augen verlieren. Dann atmest du tief ein und beim Ausatmen – kurz bevor du wieder Luft holen musst – drückst du ab.“

Hendrik schoss. Bumm, der saß. Dann lud er nach, ganz ruhig und schoss wieder. Bumm, auch der saß. Noch einmal laden, einmal schießen, laden, schießen. Fritz kläffte. Das Lachen der Jungs verstummte. Robert wimmerte. Die Blondine starrte noch immer bewegungslos mit offenem Mund in den Wald. Hendrik ging zu Robert. Der arme knopfäugige Doozer hing mit seinem Hosenstall irgendwie in der Blondine fest. Aus Roberts Hose quoll allerlei Hosensaft. Es stank nach Urin, nach Blut, nach Kot. Fritz begann, sich an Roberts Hosensaft zu schaffen zu machen. Tiere haben mitunter einen komischen Geschmack, dachte Hendrik. Robert wimmerte immer leiser, sackte weiter zusammen. „Hilf mir, Ranger, hilf mir.“ Hendrik überlegte kurz, dachte an Afrika. Was würde Daktari mit einem verwundeten, wimmernden Tier machen, das saft- und kraftlos in einer Falle steckte? Er würde es erlösen. Hendrik der Ranger lud seine Nobile Grade mit dem Nussbaumschaft und der schönen Gravur ein letztes Mal an diesem Tag.

Beim Abendbrot herrschte Stille. Hendriks Mutter hatte Kohlrouladen gemacht, ihre beiden Männer liebten Kohlrouladen, da wurde viel gegessen und wenig geredet. Erst beim Pudding durchbrach Hendrik die schmatzende Stille. „Ich bräuchte mal deine Hilfe im Wald.“

Währenddessen: Der Eichkater & die Blondine

Der Eichkater & die Blondine

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Es war im Wald und es war bitter, bitter kalt… (3)

Sein Blick richtete sich auf den Baum. Irgendetwas war anders als sonst. Es war nicht die Rinde, die in großen Stücken brach und auf den Waldboden fiel. Es war auch nicht das Harz, das in dicken Tropfen den Stamm herab weinte. Es war bestimmt nicht das eine welke Blatt, das noch immer einsam an einem der morschen Äste hing. Nein, es war etwas ganz Anderes…

Michi mit dem buschigen Schwanz humpelte um den Baumstamm herum. Seine rechte Vorderpfote steckte noch immer in dieser Falle, die eines der Menschenkinder unlängst im Wald postierte und in die er vor drei Tagen blindlings hineingeraten war, weil er sich selbst bei herbstlich-gedämpftem Tageslicht nicht von seiner Ray Ban trennen wollte. „Dumm gelaufen“, nennt man das wohl in Menschenkreisen. Bei den Eichkatzen sagt man es so: „Hast du eine Pfote in der Falle, dann ist das extrem Scheiße“. Und ja, es war kein schönes Gefühl, wenn die Pfote langsam ausblutete und abstarb. Was würde er wohl anfangen mit nur drei funktionstüchtigen Pfoten? Er war ein Eichkater, kein Dreibein und auch kein Hocker. In einer Bar würde er demnächst definitiv nicht herum stehen. Auch dann nicht, wenn die Aussicht auf eine schöne Blondine mit dicken Lippen, die ihm die Nacht versüßen würde, indem sie ihm mit eben diesen Lippen den Schwanz lutschte, sehr verlockend klang. Er hatte noch nie von einem Eichkater gehört, der von einer Blondine angemacht wurde, die ihm dann den Schwanz lutschte. Wahrscheinlich lag es daran, dass Schwänze von Eichkatern im Allgemeinen sehr haarig und buschig waren und Blondinen das nicht so mochten.

Michi konzentrierte sich wieder auf den Baum, auch wenn es ihm sichtlich schwer fiel, schrie ihm doch die schmerzende Pfote pochende Hasstiraden entgegen. Sie machte ihn und seine schwarz bebrillte Eitelkeit dafür verantwortlich, dass er sie einfach so hat in ihr Missgeschick tapsen lassen. Michi war genervt.

„Dumme Pfote, halt die Schnauze.“

„Was sonst – reißt du mich ab und vergräbst mich hier im Wald, oder was?“

„Nein man, ich beiß dich ab, schluck dich runter und scheiß dich wieder aus!“

Das saß. Die Pfote war ruhig. Daran hatte sie zu kauen. Ja, verbal konnte dem Michi keiner so schnell das Wasser reichen. Auch eine Pfote in dieser Extremsituation nicht. Denn Michi der Eichkater machte nicht nur in den Baumwipfeln eine gute Figur, sprachtechnisch war Michi so etwas wie der Oliver Pocher unter den Waldtieren, nur eben in rothaarig und mit deutlich längerem Schwanz. An dieser Stelle sei betont, dass die Autorin beim verfassen dieses Textes keinerlei Ahnung von der Schwanzlänge eines Herrn Pocher hatte. Die Aussage basiert auf reinem Hörensagen und der Tatsache, dass der Schwanz eines Sciurus vulgaris bis zu 20 Zentimeter lang werden kann.

Michis Blick wanderte wieder zum Baum und blieb am weißen Leib der Blondine hängen, die an ihm lehnte. Michi vergaß die schmerzlich-pochende Pfote, deren sterbender Geruch das Waldpilz-Odeur verdrängte. Er vergaß auch den nahenden Winter und die Vorräte, die er sich so langsam anfressen müsste, wollte er diesen überleben. Michi hätte selbst seine geliebte Mutter vergessen, hätte sie in diesem Augenblick mit einem duftenden Haselnusstörtchen neben ihm gestanden. Michi sah nur sie, ihre Brüste mit den wohl geformten Nippeln, die wie knackige Kastanien zu schreien schienen „Friss uns“. Das war es also, das sagenumwobene Menschenweibchen, von dem hier im Wald so oft die Rede war. Bisher wussten nur der Fuchs und der alte Eber von ihr zu berichten. Es hieß, sie streife nachts durch das Unterholz, gebückt, auf allen Vieren kriechend wie ein Tier, mit einem Männchen ihrer Art am Hinterleib klebend. Der alte Eber hatte erzählt, der Duft ihrer angeschwollenen Möse würde seiner Rotte an Jungebern jede Nacht den Kopf verdrehen, ein Zustand, dem er sehr missmutig gegenüber trat, hatten sich die Bachen doch angefangen zu beschweren. Eifersucht war unter Wildschweinen ein sehr verbreiteter Zustand, der regelmäßig zu bösen Auseinandersetzungen innerhalb der Rotte und im Gegenüber mit den Menschenweibern führte. Und mit einer Horde wild keifender Bachen war nicht zu spaßen.

„Ich bin zu alt für diese Scheiße“, nuschelte der Eber dann an seinem Zahn vorbei und hoffte, sein Sohn würde endlich den Laden übernehmen, statt sich immer nur in den Vorgärten der Städter herumzutreiben, auf der Suche nach schnellem Essen. Aber das wäre eine andere Geschichte.

Trotz seines Handicaps erklomm Michi den Baumstamm, um eine bessere Sicht auf die Kastanien der Blondine zu werfen. Seine Sinne schwanden fast bei dem Gedanken an einen schlaraffigen Kastanienbusenschmaus mit anschließendem Schwanzkraulen. In Schulterhöhe angekommen sah Michi, dass im Gesicht der Blondine etwas fehlte. Er konnte es nicht sofort benennen, was es war, so gut kannte er sich mit der Physiognomie artfremder Weibchen nicht aus, als dass er sich als Experte hätte bezeichnen wollen. Und Oliver Pocher war gerade nicht in der Nähe um beratend zur Seite zu stehen. Aber der Kopf erschien ihm komisch, unharmonisch, fehlerhaft. Er kroch näher, stützte sich mit der Fallenpfote auf das dicke Seil, dass mehrfach um den Oberkörper der Blondine geschlungen war und warf einen genaueren Blick ins Gesicht des Menschenweibchens. Da, jetzt wusste er, was es war. Die Lippen fehlten. Statt praller, rosarot glänzender Mundausstülpungen war da nur ein Loch. Karl der Käfer hatte es bereits für sich in Anspruch genommen und sich und seine komplette Familie nebst der seiner Gattin in diesem Loch untergebracht. Also nichts mit Lutschen.

„Ein herrliches Winterdomizil“, kommentierte Karl.

„Die Wände sind etwas feucht“, konstatierte dessen Gattin.

„Ich bevorzuge tiefer im Innern liegende Höhlen, die sind wärmer“, erwiderte Michi im Vorbeihumpelklettern.

Michi kroch weiter auf seinen drei noch handlungsfähigen Pfoten am Seil entlang in Richtung der Kastanienbrüste. Zwei kleine, hellbraune Rundungen, die dem zwanghaften Einengen des Seils zu entkommen schienen um sich übermütig an ihm vorbei in Freiheit zu drängen. Eben wollte er genussvoll in eine der Kastanien beißen, als ein weiter unten liegendes Etwas seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Was war das? Es sah aus, wie die Eisenfalle an seiner Pfote. Das Ding, das darin festzustecken schien, sah auch in etwa so aus, wie eine Pfote, nur halb nackt, halb befellt, von einer dreckig-schwarzen Kruste überzog. Es hing halb aus der Blondine, als wollte es gerade flüchten. Michi kroch näher heran und nahm seine Sonnenbrille ab. Zwischen den Beinen des Weibes klemmte eine Art Guillotine mit Zähnen, die zum Einen ihre Möse auseinander zu spreizen schien und zum Anderen das, was halb in der Möse steckte, irgendwie auffraß. Michi konnte gewisse Parallelen zu seiner Pfote nicht negieren. Auch diese steckte, genau wie das Ding, gewaltig in der Klemme. Nur war in seiner Pfote noch ein Rest Leben zu spüren. Das Ding, das in der Möse steckte, war definitiv tot. Zur Sicherheit stupste Michi dagegen. Nichts. Tot.

Es wurde dunkel, die Nacht brach an. Karl und seine Sippe schoben ein dickes Blatt von innen vor die Mundöffnung der Blondine ohne Lippen. Schlafenszeit. Auch Michi wurde müde, er fror und beschloss, am kommenden Tag erneut den Baum mit der Blondine aufzusuchen um weitere Untersuchungen anzustellen und die Kastanien in Sicherheit zu bringen. Als er in die Nacht humpelte, versagte sein Herz. Blutleer und septisch fiel er der Länge nach auf den nassen Laubboden. Sein buschiger Schwanz blieb ungekrault neben seinem leblosen Körper liegen. Wenigstens hatte er ihn noch, als er starb.

Wie alles begannt: Die Läuferin
Ein paar Tage zuvor: Hendrik, der Ranger

Fräulein Müllers Gespür fürs Reh

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Ein Weihnachtsrezept zum Nachkochen, für alle, die mal etwas Besonderes wollen…

„Ilse, wann ist das Essen endlich auf dem Tisch, was dauert da bloß immer so lange bei dir?“

Drei Tage zuvor

Fräulein Müller nahm einen großen Schluck aus der Rotweinflasche, bevor sie den verbleibenden Inhalt über die bereits klein gehackten Karotten, den in Streifen geschnittenen Sellerie und die gewürfelten Zwiebeln goss. Fein säuberlich verstreute sie Nelken dazu, ließ liebevoll einige Lorbeerblätter in das Weinbett gleiten und rundete die Beize mit einem guten Löffel Wacholderbeeren ab. Ganz so, wie ihre Mutter es ihr gezeigt hatte.

Der Rotwein kroch ihren Rachen herunter. Ihre Zunge pelzte ein wenig. Aber auch dagegen gab es ein Rezept. Und auch das hatte sie von ihrer Mutter. „Es kommt immer auf die richtigen Zutaten an und auf das weibliche Geschick, diese in der richtigen Menge zu einem Ganzen zusammenzubringen, als hätte alles schon immer genau so zusammen gehört.“ Mutter Müller war eine geschickte Hausfrau gewesen, bevor sie vor Gram über ihr eigenes Unglücklich aus dem Leben schied. Fräulein Müller eiferte ihr nach, so gut sie eben konnte, jedenfalls, was das Hausfrauendasein anbelangte. Sie entwickelte sich zu einer wunderbaren Köchin. Leider kamen nicht viele Mitmenschen in den Genuss ihrer Kunst.

Fräulein Müller steckte sich eine Nelke in den Mund und biss darauf herum. Das aromatische Myrtengewächs verströmte sogleich seine wohltuenden Öle im Mundraum und vertrieb das Pelztier von ihrer Zunge. Aber nur für ein paar Stunden.

Heute

„Es dauert, so lange es eben dauert. Du wolltest doch diesen verdammten Rehbraten.“

Die Beize war ordentlich durchgezogen und hatte die Rehschulter drei volle Tage mit all ihrer aromatischen Liebe verwöhnt und gestreichelt. Fräulein Müller nahm die Schulter aus dem tiefroten Liebesbett, tupfte sie trocken und löste das zart durchwobene Fleisch vom Knochen. Wie gesagt, sie war sehr geschickt darin, selbst dann noch, wenn nebenher eine weitere Rotweinflasche geöffnet und bereits zur Hälfte geleert wurde.

„Scheiße, Weib, ich habe Hunger. Sieh zu, dass dieses verdammte Stück Fleisch endlich in den Ofen kommt, bevor ich dich da reinstecke!“

Da war es wieder, dieses pelzige Tier auf ihrer Zunge. Mit einem weiteren Schluck Rebensaft versuchte sie es zu verdrängen, doch es war zäher als noch drei Tage zuvor. Immer wieder kroch es aus der Speiseröhre zurück auf ihre Zunge um sich dort breit zu machen, während Fräulein Müller das abgetropfte Fleisch mit Küchengarn zusammenband, würzte und in einer Pfanne Öl erhitzte um das satte Bündel von allen Seiten anzubraten. „Du musst das Garn schön fest um das Fleisch binden, dann kannst du es später besser in Scheiben schneiden.“ flüsterte ihr Mutter Müller ins Gehirn.

„Wenn das Scheißvieh nicht bald auf dem Tisch steht, dann geh’ ich rüber zu Achim. Seine Schlampe kocht wenigstens schneller, auch wenn’s genauso schmeckt, wie sie aussieht.“

Das Pelztier war heute einfach nicht von der Zunge zu spülen. Fräulein Müller nahm die angebratene Rehschulter aus dem Bräter, ließ das Öl abtropfen und wickelte sie in Folie, damit sie etwas durchziehen konnte. Dann packte sie eines der scharfen Küchenmesser, hackte weitere Karotten, erwischte ein Stück ihres kleinen Fingers, mischte frische Selleriestreifen dazu und eine Zwiebel, gab alles zusammen mit der angebratenen Rehschulter zurück in den Bräter, löschte das Ensemble mit ein wenig Beize ab und schob den Braten in die vorgeheizte Röhre. Ihr Finger blutete und pochte.

„Ich geh’ jetzt rüber, friss dein Scheißreh alleine.“

Fräulein Müllers Finger pochte nicht mehr ganz so stark, während ihre andere Hand geschickt das Messer führte, mit dem sie das Fleisch von seinen Knochen trennte. Und als sie einige Stunden später die dampfenden Semmelknödel in die Soße stippte, sich dazu eine ordentliche Scheibe Braten in den Mund schob, da war auch das Pelztier von der Zunge verschwunden.

Nikotinkater

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Dunkelheit. Seine Hand greift durch den Türspalt, ertastet den Schalter. Nichts. Nur klick-klack. Die alte Birne hat ihr Leben ausgehaucht. Seine Birne raucht. Obstsalat.

„Scheiße!“

Das Wort riecht nach Suff. Der Nikotinkater faucht. Der Türspalt wirft mit einem Lichtkegel nach ihm. Seine Beine torkeln ihn zum Bett.

„Scheiße verdammte!“

Kissen federn. Federkissen. Ein Schuh sucht die Nähe des Bodens. Der Zweite fühlt sich einsam, flüchtet. Auf dem Nachttisch steht die Zeit still. Er wählt. Nur tut-tut.

„Ach fuck.“

Minuten später stinkt seine Stimme in den Hörer. Das Geschäft ist gemacht. Doch es dauert Stunden, Tage, Wochen. Die Schenkel der Uhr sind weit gespreizt doch tot. Kein tick-tack. Endlich, im Lichtkegel räkelt sich ein Kätzchen, schnurrt, mauzt, leckt die Pfote. Nur die eine, die andere tastet nach dem Schalter. Nichts. Nur klick-klack.

„Komm her, ich will dich sehen!“

„Das scheiß Licht ist kaputt. Du brauchst eine neue Birne.“

Werben & verlaufen

Pösie für Lieb & Bösi

Da steht er nun, der große Verkäufer
Aus seinem Mund die Blasen quillen
An seinen Füßen zirpen Grillen
Die Hände schön in Form gefaltet
Die Schuhe blank, jedoch veraltet

Bla bla bla und blababla

Sein Gegenüber die Stirne kräuselt
Während er Worthülsen säuselt
Sich sonnt in seinem Hin und Her
Mit Worten viel, der Inhalt leer

Werben und verkaufen
Das ist sein täglich Brot
Doch hat er sich verlaufen
Steht knietief nun im Kot

Der Feind auf meiner Gurke: EHEC

Pösie für Lieb & Bösi

oder: Die Gurke war der Schurke

Mir knurrt der Magen, dem Virus auch
Frisst sich durch Gurken, dann durch den Bauch
Geboren aus Gülle, geboren als Feind
Sitzt auf Gemüse, sitzt da und greint

Heul doch, Virus, Fressfeind du
Lass ab von Grünzeug, Schwein und Kuh
Geh dahin, wo der Pfeffer welkt
Dich hat hier niemand nicht bestellt

Und die Moral von der Geschicht:
Esst Kuhkackegedüngtes nicht