Tangente für eine Nacht

schreibchenweise

Kaffeekrusten zieren sein Gesicht, bilden Ringe unter den Augen. Sie schlafen offen, kundig, und starren dabei in den Rauch. Bitte nicht stören steht auf seinen Lidern, nur sieht das niemand. Hätte er noch Atem, er würde ihn verschenken. Nun stinkt sein Hals. Nach Kippen. Nach Kaffee. Nach Magensaft und rezeptfreien Mitteln gegen Sodbrennen. Draußen ist es hell. In ihm schwitzt Dunkelheit. Sie kriecht durch Hautkanäle und verseucht sein Hemd. Weiß kann viele Farben haben. Schwarz schmeckt immer gleich. Rot ist versiegt.

Am Himmel glotzte der Mond. Feuchte Straßen zogen feine Linien über die Welt. Tangenten möchte man sie nennen, doch berührten sie niemanden. Passanten, die flüchteten. Flüchtigkeitsfehler. Jede Lebendigkeit hatte sich verkrochen. Manche Nächte sind nicht von dieser Welt. Manche Welten versinken in einer Nacht.

Seine Welt war heil, so heil wie ein angebissener Keks. Sie krümelte ihm vor die Füße, doch jeder Bissen schmeckte süßer. Er war Tangente für eine Nacht, sie die Kurve. Ihr Berührungspunkt schnitt tief. Adern stellen keine Fragen, sie bluten einfach aus. Verschenken sich. Verkrusten langsam. Verstummen irgendwann.

Sie sprach nicht zu ihm in dieser einen Nacht. Er antworte stumm. Auf ihre Bewegungen, die ihn an Abgründen wandeln ließen, auf ihren Blick, der bohrende Liebkosung war. In Gedanken wurde Jetzt zu Ewig. Unendlichkeit trägt schöne Kleider, darunter ist sie nackt. Er verglühte an ihr. Im Innern. Sie vergab sich an ihm, nur äußerlich. Manche Menschen sind nicht von dieser Welt. Manche Welten vergehen an einem Menschen.

Als sie ging, nahm sie ihn mit. Zurück blieb seine Hülle und das Schild an der Tür. Bitte nicht stören stand darauf. Ohne sie lag sein Leben leer vor seinen Füßen. Zusammengefegt. Einsamkeit, er wollte sie zertreten. Ihr Geruch hing noch immer schwer in der Luft, erdrückte ihm das Atmen. Er wollte ihn versiegeln, in sich, im Jetzt und in der Ewigkeit.

Die Plastiktüte von seinem Kopf ist bereits entfernt, als sie in wiedersieht. Er liegt kalt, das Blau seiner Augen verschlossen, die Adern sind ausgetrockneter Fluss. Sie nickt und geht. Tangente für eine Nacht, jetzt kennt sie seinen Namen.

„Eine Tangente kann in der Regel nur existieren, wenn die zugrunde liegende Funktion differenzierbar ist.“

„Als Differenzierbarkeit bezeichnet man die Eigenschaft einer Funktion, sich lokal um einen Punkt in eindeutiger Weise linear approximieren zu lassen.“

„Approximation ist zunächst ein Synonym für Näherung.“

… und Nähe war für ihn nur eine Idee.

Quelle Zitate: Wikipedia

Die Suche des Herrn Kudo

schreibchenweise
Schöner wohnen kann jeder. Mann muss es auch wollen.

Herr Kudo war unruhig, seit zweieinhalb Jahren nun schon. Sein Zimmer lag leer zwischen den Wänden. Etwas fehlte dort, etwas, das Wohnlichkeit verströmte, etwas, das auf ihn wartete, wenn er des Abends heim kam, etwas, auf das er wahlweise seinen jungen doch schon recht verkniffenen Arsch oder sein müdes, schwarz-vergeltes Haupt betten konnte. Oder auch beides. Ihm fehlte ein Sofa.

Das alte war längst abgenutzt. Es hatte lange schon an Glanz verloren. Das Leder klaffte eingerissen, ein marodes Bein musste durch mehrere Bücher ersetzt werden, Bücher, die Herr Kudo gerne als Requisit in seinem Regal gelassen hätte, stärkten sie doch seine intellektuelle Präsenz gegenüber eventuell vorbeischauender Gäste. Es roch – das Sofa, die intellektuelle Masche dagegen, stank ein wenig mehr noch. Das ist eine andere Geschichte.

Patina hat so ihren Reiz, doch in seiner Verlebtheit wirkte das alte Sofa nicht einladend genug, als dass man sich in dessen vertrockneter Haut hätte wohlig vergraben wollen. Eine bunte Decke konnte das verblasste Antlitz des Möbels zwar flüchtig verstecken, doch darunter lauerte Schwund. Eines Tages setzte Herr Kudo das ausgediente Möbel einfach vor die Tür, mitsamt des bunten Fummels. Allein drei zarte Stühle blieben ihm zum Halt. Nun wollte er – nun brauchte er – ein neues Sofa. Und so begann die verzweifelte Suche des Herrn Kudo.

Doch wie nur wie müsste dieses neue Möbelstück geschaffen sein? Es gab derer so viele und alle schienen das gleiche Versprechen zu geben – Geborgenheit. Manche waren verschwenderisch gepolstert, andere elegant und feinbeinig. An einigen sah er viele Verzierungen ohne jeglichen Nutzwert zwar, allein, sie waren hübsch anzuschauen. Manche überzog ein samtenes Weich, andere wirkten weniger pussierlich possierlich, machten aber durchaus einen robusten und praktischen Eindruck, Eigenschaften, die nicht zu unterschätzen waren. Dann gab es diese billigen, mit Plastik überzogenen und in unmögliche Farben getauchten, die sich grell ins Hirn stürzten und dabei das Augenlicht zertraten. Beim Sitzen quietschten sie, das lärmte unschön hochfrequent. Auch gab es solche, die still in einer Ecke standen, kaum wahrnehmbar in ihrer Unterwürfigkeit. Womöglich hätte ein zweites Probesitzen die inneren Werte erst zum Vorschein gebracht, eine versteckte Schublade vielleicht oder ein verträumtes Detail. Dies zu entdecken, dazu kam es oft gar nicht, vergeudete es doch Herrn Kudos kostbare Zeit. So manche Sitzgelegenheit schien auf den ersten Blick wie maßgeschneidert für diesen einen Arsch. Und dann gab es wieder andere, die waren gar für mehrere Sitzpartner offen. Mehrsitzer. Reihensofas. Das konnte man mögen, musste es aber nicht. Herr Kudo wollte sich hier noch nicht festlegen. Ach.

Außerhalb des nackten Zimmers erstreckte sich eine paradiesisch verkleidete Welt voller Sitzmöbel. Was tat Herr Kudo nicht alles, um unter ihnen dieses eine, das seinige, zu finden, das Sofa, das am besten zu ihm passte, das ihn allabendlich auffing, ihm die verschlummerten Sonntagnachmittage versüßte, ihm die Angst vor der Nacktheit seiner Wände und den Inhalten seiner Bücher nahm, eines, das ihm stundenlang zuhören könnte, wenn er aus seinen ordentlich sortierten Schlauheiten rezitierte? Tage durchstreifte er die Stadt, saß mal hier und lag mal dort zur Probe, bettete Haupt und Hintern bald in diese, bald in jene Richtung, liebäugelte mit dem einen Möbel, dann wieder mit dem anderen, ließ sich ein und dasselbe Modell in unterschiedlicher Couleur vorführen, vergrub seine Gliedmaßen mal tief in sündigem Rot, dann wieder strich er feinhändig über distinguiertes Grau. Und allmählich schien ihm die Suche köstlicher als das Finden. Die Vorfreude, wenn in jenem berauschenden Moment der schützende Überwurf von einem unbeschmutzten Sofa glitt und die ganze Schönheit eines zarten Kanapees freigab, sich der betörende Duft frischen Leders eines exzentrischen Diwans in die Lenden schlich oder das prudrige Pastell einer grazilen Couch verhuschte Sommernächte versprach. Ach.

Herr Kudo war im Rausch. Doch jedes Mal, wenn er in sein Heim trat, überfiel ihn diese beifallslose Einsamkeit. Die sinnlichen Stunden seiner Suche am Tage zerbröselten zur staubigen Farblosigkeit in der Nacht. Es kam, was kommen musste. Die einsamen Nächte des Herrn Kudo verloren an Stunden, sie wurden dünn. Die suchtenden Tage hingegen, wusste er zu dehnen, sie streckten ihre Finger nach ihm aus. Klammerten. Glücklich war er dennoch weder bei Licht noch in der Dunkelheit und eine schleichende Entropie nahm Besitz von ihm. Die Zeit verlor sich im Raum und Herr Kudo verlor sich auf seiner Suche…

Januar, Februar, März… und dann kam August

schreibchenweise

Ein Jahr ist lang. Zwölf Monate, vier Jahreszeiten. Und nur ein Leben.

Ich fickte Suse, das war im Januar. Vier Wochen Wollust, Schweiß und Bier. Dann hatte ich die Nase voll und Suse dicke Tränensäcke. Im Februar traf ich auf Nina. Die hatte schöne Beine, schlank und ohne Adern. Meine Augen mochten sie, meine Kumpels auch. Zu sehr. Nina war eine Bitch. Eine Bitch mit Damenbeinen, die sich bereitwillig für jeden öffneten. Ich teile so ungern. Im März blühte Sarah neben mir auf. Knospen wie Röschen. Liebliches Möschen. Doch im Kopf, da fuhr sie noch Dreirad. Als Sugardaddy war ich zu jung, als Bruder zu heiß auf ihre Schamhaftigkeit. Mit der war es schnell vorbei. Und eine Jungfrau ohne das Jung verliert an Reiz. So kam der April, der war recht wechselhaft. Namen zogen wie Wolken vorbei, und hängen blieb nur ein Ausschlag am Sack. Als es Mai wurde, überkam mich die Langeweile, eine gewisse Sätte und Müdigkeit machte sich breit. Das hielt nicht lange an, denn der Juni wurde heiß. Natalie versüßte meine Sommernächte. Und die Tage. Und die Nächte. Und auch die Mittagspausen. Ihr Mund war Sünde, ihr Hintern leider nicht. Der war nur schlaff, obwohl sie so oft in die Hocke ging. Jane Fonda behauptete immer, davon gäbe es irgendwann einen Knackarsch. Wann war irgendwann? Im Juli hatte ich folglicherweise Sehnsucht nach prallen Arschbacken und klugen Gesprächen. Doch ich bekam Stille. Mein Telefon wurde abgeschaltet. Irgendwer hatte vergessen, die Rechnungen zu begleichen. Ich fühlte mich nackt. Und einsam.

Und dann kam August. Er war mein Stern im Sommerloch. Seine Augen waren Meere. Sein Haar war Rabenfedern gleich. Er hatte so schöne Hände, dass mir schlecht wurde vor Entzücken. Und flink waren die. Sein Mund war potenzierte Natalie. Und erst sein Hinterteil, es brachte mich zum Weinen. Backen wie mit Samt überzogen, zum ficken geboren. Die lagen fantastisch in meinen Händen und ließen sich so zart spreizen, dass ich bei jedem Stoß meine sexuelle Verwirrung vergaß. Diese überrollte mich erst Monate später, zog mich in den Abgrund. Mein Stern erlosch. Mein Sommerloch brannte und mein Telefon schweigt noch immer. Draußen wird es jetzt wieder kälter. Willst’e Fi(lmgu)cken?

Champagner für die Sinne, Ruhe für den Kopf

Pösie für Lieb & Bösi

Hoch die Gläser, auf dass sie klirren
Soll Edles mir den Kopf verwirren
Mich umnebeln, mich betäuben

Hoch die Gläser, erneut gefüllt
Bis der Kopf nach Ruhe brüllt
Und der Körper matt entschlummert

… und endlich Schlaf mich dunkel hüllt

Die Magie der heruntergekommenen Hüfte

Pösie für Lieb & Bösi

Es dröhnt und knackt
Und wackeln tut es ebenso
In ihm
Laut und dumpf und schmerzhaft
Der alte Mann einst lebensfroh
Nun bröckelt seine Lebenskraft
Rillen im Gesicht und Töne aus dem Hintern
Am Ende macht der Körper, was er will
Mit ihm
Krumm die Beine, Keulen einst
Kein Zauber mehr im grauen Star
Müde Lider, wo früher Leuchten war
Und Hände zittern in kalten Wintern

Doch: im Kopf ein Feuer an Gedanken
Schöne, edle, auch Dreck und Moos
Da paart sich Freude mit Mordgelüsten
Nebst Kochrezepten von Gans mit Klos
Von ihr
Die Brust ihm bebt, die Augen funkeln
Der schlaffe Arsch vor Spannung zuckt
Wenn jetzt das Herz ihm stehen bliebe
Vor Glück
Als die Erinnerung an Liebe
Als Blick ins Land, das weit zurück
Voll Schweiß und blumig-zarter Düfte
Schwappt auf und glüht ein letztes Mal
Die Magie der heruntergekommenen Hüfte

Alle Jahre wieder… Berlin im Schneechaos

Pösie für Lieb & Bösi

Es schneit, nun – das ist nicht neu
Drum wundert’s mich, wie scheu
Erneut die Räumkolonne ist
Haben wir sie doch schon letztes Jahr vermisst

(… und niemand lernt dazu, buhu)

Es schneit, nun – das ist nicht schön
Kann man nur bewaffnet mit dem Föhn
Straßenkrusten überwinden
Um zu seinem Ziel zu finden

(… unter welchem Dreckhaufen verbirgt sich mein Auto?)

Ich sehn den Frühling mir herbei
Mit grünem Gras und buntem Allerlei
An Blumen und an Krauchgetier
Ach wär’ er doch nur schon erst hier

Hilft weder Jammern noch Krakelen
Zugeschneit sind zarte Seelen
Tiefgefroren wie grüne Bohnen
Die in Tiefkühlschränken wohnen

Schnief

Danke an die BVG: Berlin ist …

Pösie für Lieb & Bösi

Stehe Stunden rum und wart’
Neben mir ein Mann mit Bart
Vor mir alte Frau mit Kind
Schaut ganz traurig, wie ein Rind
Das Kleine ist fasziniert vom Bart
Der sich nun mit Schnodder paart

Endlich nähert sich ein Bus
Doch zu allem Überfluss
Ist der schon voll
Wie auch der Mann mit seinem Bart
Stinkt doll nach Schnaps, das ist echt hart

Quetschen, schieben, böser Blick
Tür geht zu mit einem Klick
Menschen atmen, Luft wird knapper
Angefüllt mit Teen-Geplapper
Mann mit Bart und Fuselfahne
Schaut mich an und ich erahne
Gleich wird er mich auserwählen
Und mir all sein Leid erzählen

Bus steht schon wieder statt zu fahren
Gleich mir platzt mein Winterkragen
Neben mir ein Rülps vom Döner
Lilienduft, das wäre schöner
Schließ die Augen, denk mich weit fort
An einen wundersamen Ort
Wo Busse regelmäßig fahren
Bärte sich mit Klingen paaren
Wo ich schöne Dinge seh’ …

Träum weiter – sagt die BVG

 

Bescheidenes Wetter da draußen!

Pösie für Lieb & Bösi

Blaue Stunde
Blauer Kopf
Schlafende Hunde
Beißender Kropf

Würmer schleichen sich vom Himmel
Wühlen sich in’s Hirn hinein
Tropfen fallen mit Gebimmel
Pissend hebt der Hund das Bein

Weiße Stunde
Leerer Kopf
Jaulende Hunde
Schreiender Kropf

Übrigens: Der Feuerlöscher im Bus heißt Gloria. Das ist fast wie ein Sonnenstrahl, oder?