Im Hier und Jetzt

Pösie für Lieb & Bösi

Ein Tag zieht seine Fäden und spinnt sich zu Sekunden klein
Ich schaue in den Himmel, da leuchtet es mir ein:
Oben ist oben, darunter ist unten, dazwischen klebt die Zeit
Und während ich sinniere – über das Hier und Jetzt, das Weit und Breit –
Scheißt der Hund die Wand an, einfach so, weil er es kann

Und weil er muss

Es riecht ein wenig, mir wird übel, doch bin ich wohl genug erzogen
Um – statt mich zu erbrechen in hohem, buntem Bogen –
Fein säuberlich gefilterte Gedanken auszuurinieren
Nicht stehend, sondern auf allen meinen Vieren
Angepisst vom Hier und Jetzt, vom Weit und Breit – bekläfft sich selbst der Hund

Ganz Tier

Fremdgesteuert, ferngewartet, das Kind in mir trägt bunte Socken
So bleiben meine Füße warm, das Wasserhirn bleibt trocken
Unten ist unten, darüber ist oben, dazwischen klebt die Zeit
Derweil zerreißt der Tag, zerstreut sich hier und jetzt, weit und breit
Ich pack den Köter bei seinen Pranken, lass ihm das Fell, klau nur Gedanken

Einfach so, weil ich es kann

Ich denke wuff, ich hechle mich frei
Bin halb kastriert, hab noch ein Ei
Das lässt mich breitbeinig durch Straßen streifen
Nach Mietzen hecheln und Pussis pfeifen
Gefällt mir, dieses Hier und Jetzt, das Weit und Breit – ich gönn mir diese Eitelkeit

Tausend Tropfen

Pösie für Lieb & Bösi

Mein Kopf, ein Loch
Und doch sind tausend Worte drin
Ich will sie fangen, will sie kleiden
In Wortgewänder, die mit zartem Stich
Und feiner Nadel sich
Einweben ins Papier, das mir
Im Hier und Jetzt als Zeuge bleibt
Derweil die Zeit verrinnt
Und sich entspinnt in Fäden aus
Vergessenheit, ein Traum verpuppter Eitelkeit
Bereit, sich übermorgen zu entkleiden
Um nackt mit rohen Eingeweiden
In meinem Kopf ein Bad zu nehmen

Mein Kopf, ein Loch
Und doch sind tausend Tropfen drin

 

– Welttag der Poesie –

Die Eitelkeit in dir

Pösie für Lieb & Bösi

Die Eitelkeit in dir ist ein verliebtes Tier,
Das gierig an sich selbst verdaut, spuckt, schluckt und widerkaut,
Sich sonnt in öligen Gedankenlachen

Wie ein Dämon in dir tobt dieses verwundete Tier,
Das ausläuft und brandet wie Gischt, seine Spuren nur halb verwischt,
Sich lautstark erbricht in deinem Hirn

Fast täglich suchst du nach einem neuen Zwirn
Um dich zu flicken und dann den Dämon in den Arsch zu ficken,
Derweil das Tier nur steht – und wartet – mächtig aufgebläht

Mal breit grinsend, oft mitleidig winselnd
Ein plumper Verführer, ein Sucher, ein Spürer
Du wirfst verzweifelt Fallen aus und verfällst doch nur aus dir selbst heraus

Du rennst, drehst dich nackt im Kreis und brennst
Stehst neben dir, neben diesem Tier, siehst im Spiegel dieses WIR
Und empfindest – nichts, nicht mal Leere

Bist weder starr noch angetrieben,
Auf der Suche nach dir selbst, wo bist du abgeblieben?

Nach Atem ringen

Pösie für Lieb & Bösi

An manchen Tagen
Geht die Sonne halbherzig auf und
Der Wind klingt wie ein
Digitales Rauschen

Gedanken bauschen

Am Himmel fiedeln
Arschgeigen in falschen Tönen,
Nur kann ich die Noten nicht lesen,
Weil mir die Augen schwimmen

Ängste glimmen

Das Exil im Kopf
Katert munter vor sich hin…
Hätte ich schönere Beine, ich würde
Kleider tragen und im Kopfstand pinkeln

Geraden winkeln

Bücher füllen sich
Mit Blindtext und Metaphern,
Acht Seiten weiter kleben Bilder,
Die wie Regenbogen klingen

Nach Atem ringen

Häuser fallen aus sich heraus,
Nur deren Wände bleiben stehen –
Will den Kopf daran zerschlagen,
Nicht meinen, der ist schon abgegriffen

Zerschollen an Riffen

Heute ist das Gestern
Von morgen und die Tage stolpern
Über sich selbst –
Jeder singt für sich im Stillen

Stumme Chöre wider Willen

Ein vegetarisches Kinderlied

augenscheinlich, Pösie für Lieb & Bösi

Linsensuppe, Linsensuppe, ess’ den Teller leer mein Kind.
Linsensuppe, Linsensuppe, und dann geh’ und hüt’ das Rind.

Wenn das Rind dann groß und fett, bring es zu des Metzgers Haus,
Messer, Messer, scharf geschliffen, reißen ihm die Därme raus.
Ab den Kopf, zerhackt die Beine, das Blut in einem Topf gefangen,
Hirn gebraten, Schwanz gekocht, die Schinken trocken abgehangen.

Linsensuppe, Linsensuppe, ess’ den Teller leer mein Kind.
Linsensuppe, Linsensuppe, und dann geh’ und hüt’ das Rind.

Das Rind ist tot, der Teller leer, der Tag neigt sich dem Ende zu.
Der Metzger raucht, wischt sich die Hände und legt sich erschöpft zur Ruh.
Des Metzgers Weib hebt seine Röcke, setzt sich auf des Nachbars Sohn,
Stöhnt und schreit und windet sich, lacht und quietscht – der blanke Hohn.

Linsensuppe, Linsensuppe, ess’ den Teller leer mein Kind.
Linsensuppe, Linsensuppe, und dann geh’ und hüt’ das Rind.

Der Metzger aus dem Schlaf gerissen, lauscht dem Treiben in der Nacht,
Wetzt die Messer scharf und schärfer, fühlt sich um die Ehr gebracht.
Er stürzt sich auf sein Weib nebst Nachbar, lässt die Klinge munter springen,
Am Morgen dann gibt’s frisches Fleisch und man hört den Metzger singen:

Linsensuppe, Linsensuppe, ess’ den Teller leer mein Kind.
Linsensuppe, Linsensuppe, und dann geh’ und hüt’ das Rind.

Metzgers Messer

Ein Mähgedicht

Pösie für Lieb & Bösi

Eine Ziege starrt auf einen Mann.
Und dann?
Nichts.

Zwei Ziegen starren auf einen Mann.
Und dann?
Nichts.

Eine dritte Ziege kommt dazu.
Und dann?
Weiter nichts als Ruh.

„Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen.“
Dennoch bleiben alle Ziegen stehen.
Und dann?

Eine der Ziegen meckert: „Mäh.“
Aus ihrem Arsch es kleckert.
Bäh!

Eine zweite Ziege meckert: „Mäh.“
Welch’ Schande, ach.
Welch’ eine Schmach.

Die dritte Ziege steht und schweigt.
Den Kopf sie leicht zur Seite neigt.
Und denkt ad hoc…

… an einen Ziegenbock.

Ein Prost auf die Beständigkeit

Pösie für Lieb & Bösi

Nun geht der Sommer, soll er doch
Versinkt im eignen Sommerloch
Bis er im nächsten Jahr – ich nehm’ es an
Von vorne anfängt dann
Und wieder werden alle maulen
Zu kalt, zu heiß, zu schwül, zu nass – was soll denn das!?
Es werden Blumen blühen, Wespen stechen
Männer ihre Gärten rechen
Frauen nichts unter kurzen Röcken tragen
Jemand am See `nen Fisch erschlagen
Jemand einen Kuchen backen
Ein Hund wird auf den Rasen kacken
Kinder werden im Brunnen toben
Manch einer wird das Wetter loben
Manch einer wird sehr reich mit Eis
Wer U-Bahn fährt, denkt, was für’n Scheiß
Denn bei 50 Grad im Wagen
Wird jedes Deo erneut versagen
Touristen werden kommen, auch wieder gehen
Manch einer den Park mit Müll versehen
Es wird gegrillt, gechillt und viel gelacht
Wer kann, schläft draußen in warmer Nacht
Es werden wieder Tränen fließen
Es wird wieder Herpes sprießen
Das kommt vom vielen Küssen
Von fremden Mündern und fremden Nüssen
Im Biergarten wird man wieder Bier verkaufen
Ich werde mich wieder damit besaufen
Und wie jedes Jahr dann denken – voll Heiterkeit
Ein Prost auf die Beständigkeit

Ein Schwarm von Und

Pösie für Lieb & Bösi

Ein Schwarm von Vögeln
Und am Boden klebt das Nass
Erinnerungen kreisen
Und Gedanken werden blass

Federn spuckt mein Mund
Und am Boden klebt es rot
Wasserfälle bauschen
Und ein Vogel fällt sich tot

Ein Schwarm von Fischen
Und am Boden klebt ein Wort
Nähe rückt sich fern
Und Stille sehnt sich dort

Seegras tanzt im Licht
Und am Boden kleben Noten
Angst beißt an sich selbst
Und schickt täglich einen Boten

Ein Schwarm von Staub
Und am Boden klebt der Wind
Ich stelle Fragen
Und im Herzen bin ich blind

Muttertag

Pösie für Lieb & Bösi

Gezeugt. Geboren. Geliebt.
Nichts ist vergleichbar mit dem, was eine Mutter gibt
Ich habe solches Glück, dass du die meine bist
Auch wenn ich manchmal angepisst
Von dir, von mir, von uns in unserem Kontrast
Weil wir uns so sehr gleichen
Weil wir so von einander weichen
Weil du bist, wie nur du sein kannst
Weil du alles für mich gibst, nie halb, nur ganz
Und ich bin so, so wie ich bin aus dir
Weil ich dich liebe – immer, jetzt und hier
In meiner Seele. Im Kopf. Im Herz.
Du bist mir Liebe, Freud und Schmerz
Gezeugt. Geboren. Immer geliebt.
Nichts ist vergleichbar mit dem, was meine Mutter mir gibt.

 

8 Sekunden – so ewig

Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweise

Im Kopf ein Meer aus Fragen
Die Perücken tragen
Sich in falschen Fummeln winden
Und keinen Ausgang finden
Stolpernd durch die graue Masse treiben
Ohne Sinn –
Bleiben

Im Auge trübschwarze Bilder tropfen
Den Puls zu Tode klopfen
Gierig an den Haaren zerren
Und Mutmaßungen plerren
Bis man beginnt, sich um sich selbst
Zu drehen –
Stehen. Bleiben

Die Hände hack ich ab mit bunten Quasten
Damit sie nicht nach Dummheit tasten
Und lächelnd zur Grimasse aufgetragen
Versteck ich all die Fragen
Für acht Sekunden nur
So kurz –
So ewig. Bleiben

Die Gedanken sind Hai (Ein Traum)

schreibchenweise

Den Kopf im Kissen, den Körper im Schlaf. Ich beobachtete. Eine Ameise. Sie war winzig klein. Mit dem Finger zerquetschte ich sie auf dem Boden. Einfach so. Nur zum Spaß. Weil ich es konnte. Weil ich es wollte. Ihr Leben – nein ihr Tod – gehörte nun mir. Ich lächelte. Dann stand ich auf und ging und wollte nie wieder einen Gedanken an sie verschwenden.

Jetzt lehne ich auf einer schwarzen Liege, das leichte Summen der Tätowiermaschine säuselt mich in jenen süßlichen Dämmerzustand, der einen unschuldigen Morgen von einer sündigen Nacht trennt. Neonlicht meiner Gedanken flackert über mir. An den Wänden hängen Fotos von Tattoos und ihren Trägern. Dazwischen ein Geweih aus brüchigem Horn. In einem Regal schmiegen sich abgegriffene Buchrücken aneinander, Bildbände von Vögeln, Tigern, Schlangen und Insekten. Ich kneife die Augen zusammen, nicht aus Schmerz. Die Luft ist zu trocken. Auf der Innenseite meines Oberarms lebt nun die Ameise weiter, gefangen in einer Schleife aus Unendlichkeit. Sie ist so klein. Sie läuft im Kreis, immer und immer wieder und findet keinen Ausweg. Nun gehört sie mir endgültig. Mit dem Finger streiche ich über ihren Körper, fahre die Lemniskate entlang. Eine kleine Melodie durchflötet meinen Schädel. Gedankenvögel mit scharfen Zähnen. Erinnerungen und schlechter Geschmack kriechen in mich hinein wie Schlangen mit Metallschuppen. Knorpelfische fletschen ihre Federn. Und der Haifisch, der trägt Kräne. Wenn ich jemanden töten könnte, wie würde das aussehen? Wie würde es schmecken, wie riechen und welche Töne würde es zaubern? Wäre es Melodie oder Tinnitus? Wäre es Lilie oder Stapelia? Würde sich ein Kolibri daran ergötzen oder nur ein Haufen Aasfliegen daran zugrunde gehen?

Ich schließe die Augen und taste mich Stufen hinauf, die mich zu einem Liebherr Kranhaus führen. Kilometer über der Erde sitzend steht jemand tief unter mir. Ein nackter Witz in Gummistiefeln, die sich mit Urin füllen. Grün. Galle. Gülleessenz poröser Eingeweide, gepinkelt aus einem krummen Lurch. Es stinkt zum Himmel, vertreibt die Wolken. Die Sonne bricht hervor und kotzt golden auf das krumme Männchen. Und der Kran, der reißt sein Maul auf, ausgehungert nach Eisensaft. Ich lass ihn walten, sehe mich schalten, Knöpfe drücken, Hebel kippen. Der Krahn senkt den Kopf und beißt sich in dem nackten Männchen fest, hackt, reißt, schmatzt, kaut. Spuckt es molekuliert über den Boden. Mit spitzen Lippen pfeife ich dazu, schnippe lustig mit den Fingern im Rhythmus, ertappe meinen linken Fuß heiter wippend. Welch zauberhafte Melodie! Zu töten klingt so heiter in meinen Ohren – ein Orchester aus Triangeln. Metallisches Gezwitscher. Zuckerguss für meine Hörschnecke. Sahnehäubchen auf meinem Pflaumenstrudel.

Stunden später trocknen Krümel menschlicher Hinterlassenschaften im Wind und ein süßer Orgasmus vertreibt sich die Zeit in meinen Unterleib.

… Ich denke, was ich will und was mich beglücket, doch alles in der Still’ und wie es sich schicket. Mein Wunsch und Begehren kann niemand verwehren, es bleibet dabei: Meine Gedanken sind Hai …

Mundspei Ohrenbrei

Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweise

Stille. Mein größter Wunsch ist Stille. Stattdessen höre ich ungefiltert dieses Gurgeln, Hämmern, Jammern, Murmeln, Quäken, Zischeln, Trommeln, Blubbern, Dröhnen, Bimmeln, Sabbeln, Ächzen, Grunzen, Stöhnen, Röhren, Pfeifen, Kreischen, Niesen, Räuspern, Tribbeln, Ruscheln, Nörgeln, Knirschen, Schlürfen… Großraumanimals auf ihrer Pirsch. Der Tag verschlingt sich selbst und spuckt sich stündlich wieder aus.

Er quillt mir aus den Ohren, dieser Brei aus Lauten, klumpt auf meine Seidenbluse, krustet sich den Rücken entlang zum Steiß, bröckelt träge auf den Boden und bildet eine Lache aus getrocknetem Mundspei bis zum Knöchel. Bitte, ich trage Ledersohlen! Fünfundzwanzigeinhalb Stunden ununterbrochen Erbrochenes. Jeder Ton ein Hackebeil in meinem Kopf. Die Paukenhöhle am Zerbersten. Hammer auf Amboss, Hammer auf Amboss, Hammer auf Amboss. Stereozilien kurz vor der Entwurzelung durch monologische Penetration. Geplärrtes Nasalsputum. Verbales Malträtieren. Gehustete Vergewaltigung.

Sadistische Gedanken manifestieren sich, zucken epileptisch hinter meinen Augen. Ich streife doppelt gummierte Handschuhe in freundlichem Gelb über und reiße Zungen aus Kehlen, stopfe die halbtoten Lappen in die Schlaglöcher dieser Stadt und reite mit Winterbeschlag im Galopp darüber. Vierhufiges Zungenpiercing. Straßenschnitzel. Dann erhebe ich Maulmaut und ahnde jedes Missachten auf Gutdünken. Ein Dezibel zu viel kostet mindestens sieben Finger. Fingerhack als Maßeinheit.  Die Wurstindustrie wird es mir danken. Kinder, esst mehr Finger-Food!

Und plötzlich denke ich, ach, tropfe mir heißes Wachs in die geschändeten Ohren, schiebe mir ein Stück Sonne in den Hintern und grinse. Am Himmel scheint ein Honigkuchen gülden durch die Wolken und in meinen Nebenhöhlen blühen Lilien süßlich vor sich hin. Ach.

Der Tag verschlingt sich selbst
und spuckt sich stündlich wieder aus.
Am Morgen stinkt er grün,
am Abend sieht er wütend aus.
Nach Stunden, die im Rausch ersticken,
ziehen Würmer durch das Hirn.
Die Nacht wird diesen Tag verficken,
dem geifernd Mond biet ich die Stirn.

Ach.

Du fragst, was ist … ?

Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweise

Leben ist das, was brennt, faucht, lacht.
Leben ist zum Leben gemacht.
Leben ist reden. Leben ist Stille.
Leben ist lassen. Leben ist Wille.
Leben ist mal unten, mal ganz oben.
Leben ist stillstehen. Leben ist toben.
Leben ist ankommen und wieder gehen.
Leben ist Augen zu. Leben ist sehen.
Leben ist Blut. Leben ist Pflaster.
Leben ist Regel. Leben ist Laster.
Leben ist, was du daraus machst.
Leben ist schlafen. Und Leben ist besonders dann, wenn du erwachst.

Armer Friedrich

Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweise

Friedrich war… was er war. Nicht mehr. Nicht weniger. Sein Horizont schien näher als die Flasche Korn auf seinem Beistelltisch. Im Sofabezug unter seinem Hintern klafften Löcher. An der Decke über ihm hing eine nackte Birne. Seinen Kopf zierte ein Kranz. In seiner Suppe schwammen Augen. Abend für Abend löffelte er, stippte Brot, nippte Korn. Zwischen dem Schlürfen und Pfurzen hörte man die Streitigkeiten der Nachbarn. Ein Kind schrie, ein Mann verfluchte jemanden, eine Frau kreischte, ein Tür knallte. Aus dem Fenster stürzte sich eine Fliege in den Hinterhof. Zivile Banalitäten. Öffentliche Kanalisation. Das Radio summte irgendein Lied.

Geboren und aufgewachsen in einer Kleinstadt zog es Friedrich schon früh in den Abgrund. Vater Säufer, dessen Schwester erst Vaterhure dann Hurensohns Mutter. Sein Bruder erst ein Unfall, dann ein Reinfall. Er selbst das Resultat dieses familiären Durcheinanders, das unter Strafe steht. In der Schule fand er keinen Halt, keine Freunde, keine Bildung. Gefallen fand er nur am Drogenrausch. Es war der einfache Weg. Sich hingeben. Sich ergeben. Sich aufgeben. Der steinigere Weg hätte Charakter vorausgesetzt, moralisches Gewissen, empathische Kompetenz. Und Mut. All das war nicht käuflich wie billiger Schnaps und schlechtes Heroin. Jede Nacht klatschte der Schlafmohn Beifall und am Himmel tanzten Augäpfel während Friedrich zu dem wurde, der er heute ist. Die Widrigkeiten des Lebens verformten ihn. Das arme Kind konnte nichts dafür, dass seine Eltern keine Helden waren, sein Bruder nie eine Chance hatte und ihm selbst nur Steine in den Weg gelegt wurden. Da hatte sein Bruder wahrlich mehr Glück. Der blieb von all dem verschont. Er landete noch vor seiner wirklichen Lebzeit in einer Toilette. Man könnte sagen, er schwamm rechtzeitig mit dem Strom. Friedrich war für das Klo schon zu groß als seine Mutter entschied, ihn in das Leben zu stoßen. Er kam mit dem Hintern nach vorn auf die Welt. Sein Arschloch war das Erste, was man von ihm sah. Der entbindende Arzt meinte, es läge wohl an dem wenigen Fruchtwasser, das seine Mutter in der Schwangerschaft gebildet hatte. Kirschlikör zu kippen hieße nicht zwangsläufig gute Fruchtwasserbildung. Als ihr der Arzt den frischen Friedrich auf die Brust legen wollte, dreht sich seine Mutter mit Abscheu zur Seite und weinte. Ihn zu stillen brachte sie nicht fertig. „Er hat ein böses Gesicht“, sagte sie, „ich will ihn nicht an meinem Körper haben.“  Das hatte Folgen. Als Halbwüchsiger stach Friedrich dem alten Nachbarshund zwei Bleistifte in die Augen. Auf die Frage seines Vaters, warum er das getan hatte, antwortete er: „Der hat mich nie angeschaut, da braucht der auch keine Augen.“

Der Hund starb kurz darauf. Friedrich bekam neue Bleistifte und ging in eine besondere Schule. Hunde und Menschen machten fortan einen weiten Bogen um ihn. An irgendeinem Morgen packte Friedrichs Vater ein paar Hemden in eine Tasche, sah in kurz an, schüttelte den Kopf, stieg in seinen alten Opel und fuhrt davon. Zwei Wochen später kam ein neuer Mann ins Haus und ging wieder. Es folgte ein Zweiter und Dritter, dann hörte Friedrich auf zu zählen. Einer fuhr mit dem Motorrad davon, einer mit dem Rad, einer lief recht flink in Badelatschen von dannen. Die Wohnungstür glich einer Hundeklappe. Jeder Streuner fand den Weg mühelos hinein und schnell wieder hinaus. Irgendwann verließ auch Friedrich das Haus seine Mutter, und zum ersten Mal seit vielen Jahren schlief sie eine Nacht lang ruhig durch. Es war still. Nur aus dem Radio säuselte leise …
… ein Lied. In diesem Moment musste Friedrich an seine Mutter denken.

Er schließt die Augen und rennt
Hinter den Lidern das Koma brennt
Flammende Pein
Nicht artig, nicht rein
Gebranntes Hirn – es stinkt
Schwelendes Elend, schlurft und hinkt
Er droht zu ersticken
Der Tod will ihn ficken
Zerrt am Gedärm
Im Kopf tobt Lärm
Winden
Krümmen
Wimmern

Der Tod wischt sich den Mund
Wäscht sich die Hände und …

… draußen bellt ein Hund

Gehirn aus Cashmere

Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweise

In meinem Gehirn aus Cashmere
Schleichen Krallen
Aus meinen Augen lass ich nach und nach
Die faulen Äpfel fallen
Durch meine Hände rinnen deine Ängste
Und werden Seen mit schwarzen Karpfen drin

Nur manchmal noch, in meinen Träumen
Aus dünn gesponnenen Ideen
Da stiehlt das Raubtier sich davon und ich…
… ich werfe meine Angeln in die Seen
Am Grund seh’ ich dich fliehen dann, auf Silberkugeln
Jetzt wach ich auf und atme Goldstaub aus  – als leisen Husten

Nichts Meer

schreibchenweise

Was tust du da?
Ich schaue aufs Meer.
Und was siehst du?
Nichts.
Warum starrst du dann hin, wenn da nichts ist?
Ich sagte nicht, da wäre nichts. Ich sagte, ich sehe nichts.
Das ist doch das Selbe.
Nein. Nichts sehen heißt nicht, da ist nichts.
Und was ist da, wenn da nichts ist?
Das kann ich dir nicht sagen, ich sehe es ja nicht.

Die Anemone

Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweise

Es war einmal ne Anemone
Die ging gern baden – oben ohne
Doch das Bad in der Menge
Und all das Gedränge
Waren ihr zuwider
Dieses Körper-an-Körper, das Auf-und-Nieder
Zu viele Arme, zu viele Beine
Sind’s die eigenen oder sind es seine
Ein Durcheinander, tausend und ein Tentakel
Mancher ganz blass, mancher voll Makel
Dazwischen Fische, Schnecken, Krebsgetier
Um Ufer grast ein Wasserstier

Zu viel! Die Anemone sehnt sich nach Leere…
„Ach wenn ich doch nur allein wäre“

… und macht sich auf in vollem Lauf
Verlässt die Gruppe, der ist das Schnuppe
„Soll se doch gehen, die eitle Puppe“

Des Meeres Busen wogt und rauscht
Mit Wellen zu Türmen aufgebauscht
Am Himmel ein hungriger Vogel kreist
Ins Wasser scheißt
Hernieder fällt mit spitzem Schnabel
Piekt und sticht, als wär’s ne Gabel
Greift sich flink das Blumentier
Schluckt es im Stück und voller Gier

Am Meeresboden – Leere
Ach wenn sie doch nur geblieben wäre

Sagen Sie jetzt alles

schreibchenweise

Wir kennen sie auf der Bühne als die tanzende Reinkarnation des WhiteBerry Knut und die Älteren unter uns aus dem TV auch in der Rolle der Frau Verpoorten in dem fantastischen Viereinhalbteiler „Ein Ei ist, wenn es singen kann“. Jetzt hat sie ihren ersten Roman auf den Buchmarkt geworfen. In unserer Reihe „Sagen Sie jetzt alles“ treffen wir auf die begnadete Autorin, Zurschaustellerin und Philosophin Griselle van Hell. Das ist Ihr erstes Buch in Schriftform – wie fühlt sich das an, es endlich in den Händen zu halten?

Gestreift.

Wie genau meinen Sie das?

Nun, betrachten Sie Streifen, ihre divergente Homogenität. Streifen sind das Maß aller Dinge. Sie bringen uns an den Rand. Sie zeigen uns ihre inneren und gleichzeitig unsere äußeren Grenzen. Die konterkarieren in ihrer Querform das Horizontale und mahnen zur Disziplin. Streifen sind die Quelle und das Quälende. Ich bin Streifen.

Verstehe. Und was genau hat Sie zu dieser unglaublichen Geschichte inspiriert?

Streifen.

Wie genau meinen Sie das?

Alles begann mit einem Traum. Ich trug diese Strümpfe, schwarz-weiße Ringel bis übers Knie. Die Beine mit Streifen statt Schleifen in den Himmel gereckt, lag ich auf einer Wiese und kaute Tabak oder Nelken. So genau weiß ich das nicht mehr. Jedenfalls über mir in einem Baum sang ein blauer Kiwi die schönsten Arien und schiss unentwegt Nougatcreme auf meine Stirn. Genau in diesem Moment erwachte ich und die Story war geboren.

Verstehe. Und was hat es mit dem Titel „Honig klebt nur, wenn er kleckert“ auf sich?

Was nur wenige Menschen von mir wussten – ich hatte bis vor kurzem eine Bretzel im Hirn. Eine angeborene und sehr schmerzhafte Geschichte. In einer komplizierten Operation schaffte Professor Doktor Kamps das schier Unmögliche und schnitt mir dieses Wuchergebäck aus meinem Kopf. Den Hohlraum goss er mit dem Honig der sehr seltenen und leider vom Aussterben bedrohten ungarischen Schlürfbiene aus. Bei der neurologisch-notorischen Nachuntersuchung dann stellte sich heraus, dass sich beim Kristallisieren des Honigs in meinem Kopf kleine Vakuumblasen gebildet hatten, die wiederum einen solch starken Unterdruck erzeugten und meine Augen aus den Höhlen treten ließen, ähnlich wie bei einem Daumen-Chamäleon. Als ich nach hause kam, erkannte mich meine eigene Mutter nicht, erschrak und stolperte rücklings in mein Verderben. Da dachte ich laut in mich hinein: Honig klebt nur, wenn er kleckert.

Verstehe. Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Welche Projekte stehen als nächstes an?

Ich möchte endlich ein Buch schreiben. Ich denke, das hab ich mir verdient.

Ähm…

Es folgt ein fröhlicher Jingle und eine kurze Werbeunterbrechung.

Der Lauf der Dinge

Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweise

Eine Frau sortiert ihr Leben
Nicht im Kopf, in ihrer Tasche eben
Eine cremt die rauen Hände
Ihr Kind leckt Wände
Ein Hund muss pissen
Ich seh’s ihm an und will’s nicht wissen
Zwei Mädels sind am Schminken
Gegenüber, die Männer stinken
Um Sitze wird gestritten
Eine Frau zeigt ihre Titten
Ein Mann wird laut „Was will die Braut?“
Ein anderer lacht
Kommt aus der Nacht
Geht in den Tag mit seinem Kater
Gesicht ganz blass, ganz roh, ganz Krater
Die U-Bahn hält
Der Hund, der bellt
Das Kind will raus, die Mutter nicht
Kind zieht Schnute, Mutter spricht
Zu laut, zu grob, zu unsensibel
Ich schaue raus, seh Häusergiebel
Fenster, Bäume und Balkone
Ein Mann, der raucht – mit oben ohne
Auf einem hängt Wäsche, nicht schön, nur nass
Neben mir der Mann wird blass
Torkelt, kippt, fällt auf den Boden
Aus seiner Hose quillt ein Hoden
Ich dreh mich um, will weg, muss raus
Ziehe meine Schuhe aus
Hüpfe singend durch die Bahn
Die Augen weit vom U-Bahn-Wahn
Im Ohr ein Klingen, schrill und fein
Jetzt hüpfe ich auf einem Bein
Man macht mir Platz, man lässt mich ziehen
Ich kann dem Wahnsinn hier entfliehen
Breite meine Flügel aus und springe…
… um morgen wieder hier zu sein – das ist der Lauf der Dinge

Glück gehabt

schreibchenweise

Weil alle grad davon reden…

Irgendwann wird alles gut. Das jedenfalls sagte die Nachrichtensprecherin, kurz bevor sie sich mit einem Lächeln auf den Lippen vor laufender Kamera in den Kopf schoss. Einen Moment lang herrschte Stille – im Studio und vor den 40 Millionen Bildschirmen.

Definiere Moment.

Auf der anderen Seite der Welt, irgendwo in einer dunklen Vorratskammer, kippte ein Sack Reis um und begrub eine Ratte. Sie war so fett gefressen, dass sie sich keinen Millimeter bewegen konnte. Und während sie bauchig und träge von einem Nachschlag träumte, flog der pralle Getreidebeutel aus luftiger Höhe auf das ahnungslose Tier hernieder. Keine Chance auf Überleben. Ratten sind eben keine Katzen. Katzen haben neun Leben. Ratten haben nackte Schwänze – darum mag sie keiner. Auch nackte Männer haben nackte Schwänze.

Definiere nackt.

Als der Leichenwagen die Nachrichtensprecherin abtransportierte, der Kameramann aus seiner dreisekündigen Schreckstarre erwachte und endlich das Blut von der Linse wischte, kehrte Normalität in den Studioalltag zurück. Aus der Maske wurde eine neue, eine noch hübschere Sprecherin geholt, wie gewohnt platziert, kurz ausgeleuchtet und ein letztes Mal frisiert und instruiert. Bitte keine Schusswaffen im Studio und bitte keine Suizide während des laufenden Betriebs. Auch, wenn die Einschaltquoten jedes Mal in die Höhe schossen (welch Wortspiel in diesem Zusammenhang!), das Senderimage vertrüge nicht mehr viele solcher Szenen. Außerdem herrschte mittlerweile ein Mangel an qualifizierten Nachrichtensprecherinnen. Sie nickte.

In der Kantine gab es Butterreis.

Hinter einer durchsichtigen Gardine räkelte sich ein nackter Mitvierziger adonisgleich in einem Bett, das Platz für fünf bot. Er war allein. Er lächelte. Er stand auf, kratzte sich am Sack, ging zum Fenster, nahm einen tiefen Atemzug und sprang. Genau in diesem Moment brach ein Sonnenstrahl durch die Wolkendecke. Man hätte ein inbrünstiges Halleluja schmettern mögen, so wunderbar war das. Die Macher der Wettervorhersage hatten nicht gelogen, ein schöner Tag stand bevor.

Definiere schön.

Wäre er doch nur eine Katze gewesen… Neun Leben. Und Katzen werden gemocht, anders als Ratten. Wahrscheinlich, weil sie im Verhältnis zum Kopf relativ große Augen haben. Kindchenschema. Man möchte sie beschützen, knuddeln und einfach nur liebhaben. Neulich lief ein herzzerreißender Beitrag im örtlichen Teefau. Ein Katzenbaby hatte sich auf einem Baum verirrt. Die örtliche Feuerwehr rückte an, ein Kamerateam des örtlichen Teefau-Senders, der Bürgermeister mit seiner örtlichen Frau. Sie bangte und weinte. Erst das erleichterte Klatschen umstehender Passanten trocknete ihre Tränen, als ein junger Held nach Minuten der Angst das flauschige Ding schützend in die Arme nahm und sicher aus dem Geäst befreite.

Als die Kantine schloss, war vom Butterreis noch jede Menge über.

In der Müllverbrennungsanlage herrscht Hochbetrieb. Alles, was brennbar ist, brennt. Es stinkt ein wenig. Nicht so sehr, wie in den Slums ferner Länder, aber genug, um zu belästigen. Darum wohnen manche Menschen nicht gerne in der Nähe einer solchen Anlage. Das ist nachvollziehbar. Der Geruchssinn des Menschen ist zwar lange nicht so ausgeprägt und fein wie der eines Hundes, aber dennoch empfindlich genug, edlen Duft von penetrantem Gestank zu unterscheiden. Gase, die bei der Müllverbrennung austreten, sind zwar oft giftig, aber nicht Krebs erregend.

Glück gehabt. Irgendwann wird alles gut.

Welche Farbe hat Bedeutsamkeit?

schreibchenweise

Schließ deine Augen und versuche, in Farben zu denken. Nicht in Formen, nicht in Worten, nicht in Assoziationen oder Emotionen. Denk in Farben.

Die Leinwand schweigt weiß, schreit nach Aufmerksamkeit, nach Acryl, nach Öl, nach Kolorit und Verwandlung. Im Raum ist es kühl, still, staubtaub. Ich schließe die Augen, es riecht hellgrau mit einem Hauch von Blau.

„Was für ein Blau?“, will er wissen. Ich muss nachdenken.

„Ein dunkles, durchsichtiges Blau, ein Blau, das in seiner Kraft Verletzlichkeit ausstrahlt.“

Er nickt und schraubt den Choke an seine Vorderschaftrepetierflinte. War das die richtige oder die falsche Antwort? Wahrscheinlich spielt es keine Rolle. Und nur, um meinem herumstreunenden Verdacht ein Zuhause zu geben, frage ich etwas lauter als stumm.

„Werde ich sterben?“

Wieder nickt er, schweigend. Sein Schweigen ist gelblich. Ein kratziges Gelb, ein blasses Gelb, das wässerlich-trüb an sich selbst zu ersticken scheint. Ein hustendes, zerfressenes Gelb, ein unruhiges, das sich in kaum merklichen Nuancen verliert.

„Wie?“

„Kunstvoll. Du wirst großartig aussehen.“

Ich starre auf die Leinwand, versuche mich an ihrer Leere festzuhalten. Ich denke an meine Mutter, sehe ihr farbloses Gesicht, wenn ein Beamter, dem man mit seinem Dienstantritt die Empathie aus den Venen gesogen hatte, beim Öffnen der Tür pflichtbewusst und ordnungsgemäß erst seinen Namen, seinen Rang und dann meinen gewaltsam herbeigeführten Tod durch einen vermutlich verrückten aber durchaus begabten Unbekannten verkündet. Mein Blick wandert zu den Farben, die in einer sich mir nicht erschließenden Ordnung auf dem Boden stehen, Topf an Topf, so als würden sie sich aneinander klammern um nicht umzukippen. Ich suche das Blau, mein Blau. Ich finde es nicht und meine Gedanken streunen auf den Grund eines Meeres. In meinem Kopf rauscht es. Nicht dieses perlmuttfarbene Muschelrauschen, das einem die eigenen Ohrgeräusche vorgaukelt. Mein Rauschen ist feindseliger, wie grellbunte Nadelköpfe auf grauem Schiefer. Mein Rauschen ist verletzend, zerstörend. Mein Rauschen verschluckt mich, um mich zu metamorphisieren und gewaltsam wieder auszuspucken. Mein Rauschen ist nicht Blau, es ist…

„Stell dich vor die Leinwand, ich will sehen, wie der Streuwinkel ist.“

„Hast du schon viele Bilder auf diese Art gemacht?“

Nicken. Blicke. Gedankliche Berechnungen. Er kneift die Augen zusammen, taxiert mich, schiebt mich mal ein Stück weiter nach links, mal etwas mehr nach rechts. Seine Hände sind warm und schön. Seine Haut trägt Spuren, farbige und narbige. Habe ich Angst? Welche Farbe hat Angst? Welche Farbe hat meine Angst? Ich schaue wieder auf die Töpfe. Jetzt erst sehe ich den anderen Behälter. Er steht etwas abseits, außerhalb der Reihe. Er steht allein.

„Was ist das?“

„Du weißt, was das ist.“

Ja, ich weiß, was das ist. Schrotpatronen, gefüllt mit Farbkugeln. Sie werden meinen Körper zerfetzen, platzen und sich zusammen mit meinem Blut, meinen Eingeweiden und meiner Seele in das Weiß der Leinwand fressen. Die Leinwand wird mich trinken, aufsaugen, einatmen, verschlucken. Ich werde Leinwand sein.

„Was passiert danach mit meinem Körper?“

„Was ist schon ein Körper? Nur eine Hülle, eine übergestreifte Eitelkeit. Ich befreie dich davon. Du wirst farbige Ewigkeit, du wirst pigmentierte Zeitlosigkeit. Ich schenke dir etwas, das dich besser ziert als dieser Körper es kann. Ich schenke dir polychrome Bedeutsamkeit.“

Welche Farbe hat Bedeutsamkeit? Ich weiß es nicht. Sag du es mir, schau auf die Leinwand.

Warum alte Männer lieber Beige als Pink tragen

schreibchenweise

und warum es nicht immer zu ihrem Vorteil ist.

Horst war gesättigt. Nein, Horst war satt. Es stieß ihm übel auf, schon seit geraumer Zeit. Er mochte nicht mehr. Alles wurde ihm zu bunt. Eines morgens saß er mit blankem und sehr blassem Hintern auf seinem sehr gemusterten Sofa und stellte fest: Die Farbe der Polster passte nicht zu seiner Haut. Überdrüssig des aufdringlichen Sofas, überdrüssig seiner stets gut gelaunten Frau, überdrüssig seiner zu engen Hosen und zu bunten Hemden, überdrüssig, täglich das schüttere Haar in Form zu gelen und dennoch kahl auszusehen, beschloss er, sich aufzulösen.

Als Horst noch ein fescher Jüngling war, mit prächtigem Haarkleid auf Kopf und Brust, da lag ihm die Welt zu Füßen und mit ihr die Frauen – wie Gitte. Gitte war ein junges, züchtiges Ding, das er bei Eis mit bunten Streuseln schnell davon überzeugte, ihren geblümten Schlüpfer zu lupfen, damit er in ihr seine Fingerfertigkeit verbessern konnte. Neuerdings nahm Horst zweimal wöchentlich Klavierstunden, wusste er doch, wie leicht junge Mädchen ihre guten Vorsätze bei einem Musiker vergaßen. Bei Eis und Horsts talentiertem Fingerspiel vergaß auch Gitte die Mahnungen ihres Vater und ihre Augen leuchteten Horst in ihrem schönsten Blau entgegen, das Eis landete in milchig-bunten Speichelfäden auf ihrer rosa-gepunkteten Bluse und aus ihrem Erdbeermund enfleuchte ein dezent gehauchtes „Mmmmmh“. Der Frühling konnte so schön sein.

Zwei Wochen später war Gitte passé und Rita zog Horsts Aufmerksamkeit auf sich. Sie hatte einen üppigeren Busen als Gitte, dafür weniger strenge Blusen und so ungezogenes rotes Haar. Noch ungezogener allerdings waren Ritas Sommersprossen, die sie nicht nur im Gesicht trug. Die nächsten Wochen vergrub Horst regelmäßig sein Kinn zwischen Ritas gepunkteten Schenkeln um zu erkunden, wie viele Sprossen so ein Sommer hervorbringen konnte, bis Rita eines Abends heulend vor seiner Tür stand und behauptete, schwanger zu sein. Horst klärte Rita auf, dass eine Schwangerschaft in ihrem Alter keine gute Idee wäre und nur zu Unannehmlichkeiten mit dem Vater und der Gesellschaft führen würde, woraufhin Rita schnell ihre Tränen trocknete und sich fortan nur noch ihrem Pferd widmete. Vier Tage nach dem tränenreichen Gespräch bekam sie ihre Periode.

Der Sommer wurde etwas kühler, da trat Monika in Horsts Leben. Sie war rundlich, trug karierte Strümpfe und hatte dieses freundliche Lächeln auf ihren rosigen Bäckchen. Mit Monika ging Horst regelmäßig ins Kino. In der Dunkelheit des Saals und der samtigen Fürsorge bequemer Kinosessel drückte er Monikas Kraushaarkopf mit den rosigen Bäckchen immer und immer wieder in seine Lendengegend. Zunächst drohte sie dort zu ersticken, doch nach einer präzisen Einweisung in verschiedene Atemtechniken wusste Monika in etwa, was ihre Aufgabe war und wie sie diese unbeschadet überleben würde. Später im Chor sollte ihr das einen immensen Vorteil gegenüber den Mitsängerinnen verschaffen, ebenso beim Chorleiter. Dass sie nie einen der Filme vollständig sah, versüßte Horst ihr im Anschluss jedes Mal mit einem besonders großen Milchshake. Monika liebte Milchshakes. Anfang Herbst krustete dann ein unschöner und kaum mehr zu versteckender Herpes an Monikas Milchshakelippen und Horst befand, das Kinoangebot sei nun nicht mehr ganz so reizvoll.

Zum Winter wurde es ruhiger und Horst entdeckte seine Leidenschaft für die Pornografie in den eigenen vier Wänden. Nun hießen die Mädchen nicht mehr Gitte oder Rita oder Monika und sie trugen auch keine bunten Flanellkleider oder wild geblümten Baumwollschlüpfer. Bis zum Frühling genoss Horst die nacktfarbene Zweisamkeit mal mit Sunny, mal mit Bunny, mal mit Trudi oder Rosa oder Vicky, oder Vicky und Gina und verließ sein Heim nur, um das Nötigste zu erledigen. Leider gehörte dann irgendwann auch das regelmäßige Geldverdienen dazu, dies tat er fortan bei der Badischen Anilin- und Soda-Fabrik. Horst machte dort unter der Woche in Farben und am Wochenende daheim weiterhin in ungeblümter Handarbeit. Dann, zwischen Labor, Schreibtisch und Kantine, lernte er die flotte Sibylle kennen, eine der Sekretärinnen-Schülerin im ersten Ausbildungsjahr. Sibylle und Horst verband zunächst nicht viel, bis auf die ein oder andere gemeinsame Zigarettenpause. Etwa nach einem halben Jahr wagte Sibylle den nächsten Schritt und bat Horst sehr bestimmt um ein Abendessen, bei dem sie ihm ihre vortrefflichen Kochkünste vorführen wollte. Horst willigte ein und genoss sichtlich beeindruckt Rollbraten mit Schmorkraut, dazu einen vortrefflichen Rotwein sowie einen Pudding im Nachgang, der ihn ein wenig an Monikas Bauch erinnerte. Und während Horst sich im Badezimmer die letzten Speisereste aus den Zähnen pulte, dabei an Monika dachte und sich nach Bunny sehnte, schmiedete Sibylle bereits Hochzeitspläne und suchte gedanklich schon nach den passenden Tapeten fürs gemeinsame Heim. Geblümt würden sie werden, geblümt und farbenfroh, mit viel Rot, viel Orange, noch mehr Gelb und besonders viel Grün. Auf dem Sofa vor der Tapete würden unzählige Kissen schmusen, die ebenso wie die Tapeten ihre Frohheit in all ihrer Farbigkeit und Fülle ausdrücken sollten.

Horst hatte Blähungen. Sibylles Kraut bekam ihm nicht. Es rumorte arg in seinen Eingeweiden, sodass er beschloss, den Abend vorzeitig zu beenden. Er verabschiedete sich mit einem zarten Wangenkuss von einer sichtlich enttäuschten, nach Veilchen und Bratensoße duftenden Sibylle und zog allein in die Schlichtkeit der Nacht. Er war ein wenig müde und drei Monate später war Hochzeit. Eine bewegte Braut in einem üppigen Kleid, ein höflich bemühter Bräutigam und eine noch üppigere Torte, die vier Stockwerke hoch die Hecke der Nachbarn überragte, besiegelten Horsts farbenfrohe Zukunft, die bis heute keine wesentlichen Höhepunkte oder Farbveränderungen vorzuweisen hatte. Bis heute.

Horst erhob seinen blassen Hintern von seinem bunten Sofa, ging ins Schlafzimmer, öffnete den Kleiderschrank mit all den bunten Hemden, die Sibylle im ausgesucht hatte, weil sie meinte, sie würden ihn jünger und frischer aussehen lassen, schob diese beiseite und griff zu einer alten aber kaum getragenen, beigefarbenen Hemd-Hosen-Kombination. Fast feierlich stieg er in die Hose und knöpfte das Hemd zu. Das Pastell seiner Haut ging nahtfrei in das sandige Creme seiner Bekleidung über. Ein dezenter Gürtel, der in etwa die Nuance eines jungen Mopses hatte, rundete das Ensemble ab. Zum Abschluss schlüpfe Horst in ein paar elfenbeinfarbene Socken und zusammen mit diesen in hellbraune Slipper. Zufrieden betrachtete er sich im Spiegel und stellte fest: Er war unsichtbar.

Mit einem leisen Lächeln auf den alten Lippen trat Horst vor die Tür und schaute die Straße hinunter in den Sonnenuntergang. Er fühlte sich unendlich frei und leicht und so unfassbar beige. Auch den Lastwagen fühlte er, aber erst Sekunden später. Und während Sibylle auf dem Markt nach Schnittblumen fragte, hörte Horst auf zu röcheln und die verschiedensten Rottöne bildeten wunderschöne Kontraste auf seinem Hemd. Sibylle hätte es gefallen.

Und plötzlich ist es kalt

schreibchenweise

Einst saß ein Mädchen in einem Park, auf einer Bank, wartend…

Kennst du sie?
Wen?
Das Mädchen, dort drüben, auf der Bank.
Nein. Sollte ich?
Ich weiß nicht. Sie sitzt dort jeden Tag. Immer zur gleichen Zeit.
Ja und? Wir stehen hier auch jeden Tag, auch immer zur gleichen Zeit.

Am Baum neben der Bank zeigen sich erste zarte Knospen. Die Luft ist so frisch, man möchte sie küssen.

Was meinst du, auf was sie wohl wartet? Oder auf wen?
Keine Ahnung. Was geht es mich an?
Sie sieht so jung aus, fast kindlich.
Das kann man doch von hier gar nicht sehen.
Vielleicht wartet sie auf ihren Freund.
Wie auch immer, auf dich wartet sie jedenfalls nicht.

Das Mädchen nimmt die Mütze vom Kopf und schüttelt ihre Haare. Lang sind sie und leuchtend honigblond. Wie sie sich wohl anfühlen?

Hast du die Zigarettenmarke gewechselt?
Ja, die hier sind weniger stark.
Machst du dir Sorgen um deine Gesundheit?
Quatsch, aber meine Frau. Außerdem sind die billiger.
Das Mädchen raucht nie. Wie alt sie wohl ist?
Was weiß ich, vermutlich noch ein Kind. Irgendwann wird sie rauchen.

Jetzt steht der Baum in voller Blüte. Zarte Hände spielen mit einer von ihnen, die vom Baum gefallen ist. Ein leichter Duft zieht herüber, den auf dieser Seite keiner wahrnimmt. Er erstickt unter dem Rauch billiger Zigaretten.

Geht’s dir wieder besser?
Ja, war halb so wild. Das Herz macht langsam schlapp.
Schau, heute trägt sie ein Kleid. Das ist schön.
Du wirst noch sentimental auf deine alten Tage.
Sie ist so allein.
Vielleicht will sie allein sein, schon mal daran gedacht?

Am Himmel fliegen Wolken vorbüber, weiße, graue, nasse. Sie haben es eilig. Die Frau friert ein wenig und zieht die Schultern höher. Sie betrachtet lange ihre schmalen Hände, bevor sie diese tief in ihren Manteltaschen vergräbt.

Sie friert. Ob ich mal zu ihr rübergehe?
Was willst du da, du bist ein alter Sack, sie ein junges Ding.
Na, vielleicht hätte sie gern ein wenig Gesellschaft.
Bestimmt, aber nicht deine!
Du kannst echt ein Arsch sein.

Der Baum trägt jetzt Orange und tiefes Rot. Ein Rabe vertreibt sich die Zeit im Geäst. Die Frau auf der Bank schließt müde ihre Augen. Ihr Haar hat die Farbe von Spätsommerstroh.

Irgendwas liegt heut in der Luft. So schwer.
Entschuldige, das ist dieser verdammte Eintopf. Ich soll abnehmen, sagt der Arzt.
Wie sie da sitzt. Das macht mich fast traurig.
Sie sitzt da wie immer.
Eben, das ist es ja.

Eine Windböe greift nach den letzten Blättern, greift nach grauen Haaren und einem Wollschal, der dünne Schultern schützen will. Es riecht nach Schnee.

Entschuldigen sie, aber hier ist das Rauchen verboten.
Seit wann das denn?
Schon seit einiger Zeit. Sie waren wohl länger nicht hier?
Ja, scheint so.
Gehen sie doch da rüber in den Park auf die Bank. Dort können sie rauchen, wenn sie wollen.
Ach nein, der Park ist so verdammt leer ohne den alten Baum.

Das Schlüsselloch im Kopf

schreibchenweise

Noch ist Sommer. Das Sommerloch klafft. Dreht man sich elfdreiviertel Mal im Kreis, ist Herbst, und die Blätter fallen, das Zellsterben beginnt und Chlorophyll wird knapp. Männer mit Hackebeilchen schänden den Wald.

Verdammte Axt, Sie haben da ein Loch im Kopf, ein… Schlüsselloch!

Darum also der Schmerz, das Blut, die kalte Briese im Hirn.

Tut das nicht weh?

Nein, es zieht nur ein wenig. Aber das bin ich gewohnt, lüge ich.

Wie ein Vögelchen hucke ich auf dem Giebelgesims meines Hauses. Sitzen kann ich nicht mehr, der Hintern wurde mir spitz und wund und lahm. Drei Tage können eine lange Zeit sein. Drei Tage Durchzug. Drei Tage Gedankenflucht. Drei Tage Hirnpfiff.

Und, werden Sie es stopfen?

Hab ich versucht, hat nicht gehalten. Erst mit heißem Wachs und einer roten Lunte… Der Fuchs tut mir noch immer leid, jetzt rennt er schwanzlos durch die Wälder. Dann auch mit Stroh. Rum. Rein. Rüber. Einen Schluck für den Magen, drei für den Kopf. Es floss aber gleich wieder heraus und brannte arg. Vielleicht versuch ich’s mal mit Rosinen.

Ich bin ja eigentlich kein Voyeur, aber dürfte ich mal durchschauen?

Nur zu. Schauen Sie durch mich hindurch. Drinnen werden Sie nichts finden, da ist es dunkel. Manchmal, wenn sich die Augen nach einigen Minuten starren ein wenig an das Schwarz gewöhnt haben, dann flimmert die Iris Bilder hervor. Es wäre mir aber lieb, wenn Sie mir vorher eine Freistellung unterzeichnen würden, sicher ist sicher.

Eine Freistellung, wofür?

Damit ich mich absichern kann. Was weiß denn ich, was Ihre Iris dem Gehirn in Ihrem Kopf vorgaukelt und ob Sie das verkraften. Nachher verklagen Sie mich, weil Sie glauben, in meiner Dunkelkammer Schemen einer Unzucht mit Minderwertigen gesehen zu haben oder bezichtigen mich des Hirnterrorismus’.

Ja, ja. Ich unterzeichne, was immer Sie wollen. Geben Sie das Blatt schon her!

Wissen Sie eigentlich, wie viele Blätter ein Baum hat? Das lässt sich ganz einfach berechnen. 3S = 3(4*8)m^2 ugf. 100 m^2 = 1.000.000 cm^2 B ugf. 4×5 cm^2 = 20 cm^2. Das Ergebnis wäre dann N=S/B=50.000. Erscheint einem doch recht beachtlich, für einen einzelnen Baum mittlerer Größe, oder?

Vermutlich. Hätten Sie womöglich einen Stift? Meinen verlor ich kürzlich, er fiel in einen Brotteig. Ich hoffe, er richtet keinen weiteren Schaden an.

Da habe ich wohl Glück. Ich esse keine Backwaren. Aber ich kaue gern auf Nelken, das beruhigt das Zahnfleisch. Früher kaute ich auf Stiften, das beruhigte mich. Die Tinte auf der Zunge wiederum beunruhigte meine Mutter. Sie war immer schon besonders besorgt um mich, hatte Angst, ich würde mich vergiften.

Lebt Ihre Mutter noch?

Ja. In einem Tintenfass.

Dann schlafen mir die Beine ein vom vielen Reden und der kalte Abendwind bläst nass durch meinen Kopf. Ich stopfe einen alten Korken in das Schlüsselloch, springe vom Gesims und fliege gen Süden.

¡Qué pena!*

Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweise

Als Trophäe bekommt der Sieger den Schwanz des Verlierers. Ich stelle das Glas mit seinen Eiern in mein Regal, zu all den anderen…

Da kniet er in seinem weißen Zwirn
Im Sand die Knie, zum Himmel die Stirn
¡Viva la corrida!  ¡Viva el matador!
Die Arena tobt, die Menge schreit im Chor

Die Picadores, sie reiten und schwitzen
Und Menschen springen von ihren Sitzen
Nur der Stier steht plötzlich ganz still
Weil er jetzt und hier und so nicht sterben will

Dann beginnen sie ihn umher zu hetzen
Heben die Lanzen, um ihn zu verletzen
Blut tränkt den Sand, die Masse – sie singt
Während der Stier um Würde ringt

Stille. Blut tropft. Schweiß perlt. Der Himmel ist blau.

El Matador – steht sicher, setzt an zum letzten Stoß
Und es regt Wollust sich in seinem Schoß
Der Stier senkt seinen schönen Kopf…
… und spießt ihn einfach auf, den armen Tropf

Ich dreh mich um, verlasse grinsend die Arena
Und denke so bei mir ganz still: ¡Qué pena!
Schön war er, der Matador, und eitel noch dazu
Soll er schmoren in der Hölle, ich wünsch’ ihm gute Ruh

 * Wie schade!

Reelle Realität

schreibchenweise

Dieser Text ist weder spannend noch ironisch noch metaphorisch, hat weder Dramaturgie noch Showdown. Er ist einfach nur das, was er ist – reelle Realität.

Ich weiß, es muss verrückt klingen, aber es stimmt. Ich wurde entführt, von Außerirdischen. Soll heißen, von Nichthumanoiden organischen Ursprungs, von lebendigen Zellhaufen mit Gliedmaßen und einem Kopf ausgestattet, fast wie wir, die aber über eine augenscheinlich andere Physiognomie als unsereins verfügen und darum nicht vom Planeten Erde stammen konnten. Auch waren es weder extrem hässliche noch verkleidete Humanoide, was zunächst nahe lag. Und ich dachte noch, ich träume sciencefictional. Dem wahr war aber nicht so.

Es trug sich folgendes zu: Ich kam aus dem Büro, den Kopf noch in der Arbeit, die Füße bereits im Edeka, weil, die lieben Lebensmittel und ich auch. Auf meiner kauffördernden und aktivierenden Erinnerungshilfe (analoge Einkaufsliste) stand all das, was das Leben lebenswert und behaglich machte und momentan in meinem Haushalt fehlte, was für obenrum, was für untenrum, was für zum Essen, was für zum Trinken, was für vorher und was für nachher. Und in dickeren Lettern, weil von immenser Wichtigkeit für mich, stand dort das Wort Kaffee. So ging ich als erstes und geradewegs Richtung Regal mit kaffeeaffinem Sortiment. Auf dem Weg dorthin wurde ich in meiner Zügigkeit durch einen Stau ausgebremst. Ich stellte mich widerwillig in die sich bildende Schlange, trippelte ungeduldig auf Zehenspitzen herum, um besser über die Köpfe der vor mir Stehenden blicken zu können, und beobachtete das Handgemenge an der Kasse, das begleitet wurde von einer lautstarken Auseinandersetzung zwischen einem Herrn in Edeka-Tracht und einem definitiv nicht von dieser Erde stammenden Uforianer. Letzterer fuchtelte wild mit einem seiner fünf Arme in der Luft herum und nuschelte irgendetwas vor sich hin. Ich verstand kein Wort und fragte eine ältere, kleine Dame, die vor mir und damit näher am Geschehen stand, ob sie denn verstünde, worum es ginge.

„Waaaaaas?“, schrie sie mich an und legte dabei ihre Hand ans Ohr, „Was haben sie gesagt?“

Das beantwortet meine Frage zwar nicht so, wie ich erhoffte, aber dennoch deutlich. Ich nickte höflich und drängelte mich weniger höflich näher an den Tatort. Die Neugier ist ein unaufhaltsamer Motor, der den an sich trägen Menschen vorantreibt. Sie ist stärker als Angst und giert wie kaum ein anderes Verlangen nach Befriedigung. So stand ich drei Ellenbogenstöße und einige jugendfreie Flüche später direkt neben dem Edeka-Mitarbeiter mit freiem Blick auf den rüpelhaften Fünfarmling. Das Nuscheln entpuppte sich aus dieser Entfernung als eine Mischung aus nasalen Zischlauten, deutlich erkennbaren Elementen der deutschen Sprache, und ich vernahm zudem Fragmente aus dem Petuh.

„Wie kann in sitten bei ausses Licht und zue Rollon und näh’n abbe Köbbe an?“, gurgelte das Wesen. „Dascha ’n Maars un kriegn ’n gutte Platz in’n Unibus. So’n Aggewars!“ Ein schlauer Bursche, er wusste, wie man Google benutzt.

Dass der Fremdling mehr oder weniger der hiesigen Sprache mächtig war, schien den sich stoisch wiederholenden Supermarktangestellten, der mit ausdrucksloser Mimik seine Aussage wieder und wieder und wieder von sich gab, in der Absicht, den Außerirdischen zu beruhigen, nicht wesentlich zu irritieren. Es täte ihm leid, er könne da leider nicht helfen. Sich lautstark aufzuregen würde an dieser Tatsache auch nichts ändern und sich darauf zu berufen, nicht von diesem Planeten zu stammen und es darum nicht besser zu wissen, würde ein derart unflätiges Benehmen auch nicht entschuldigen.

Der Außerirdische wirkte sehr traurig in seiner wild fuchtelnden und nuschelnden Verzweiflung, und ich ertrank fast in Empathie. Seine körperliche Auseinandersetzung mit seinem Gegenüber schien bereits ein erstes Opfer gefordert zu haben, denn auf dem Boden lag ein Art Finger, und aus der Hand des dritten Arms linksseits tropfte eine neongelbe Flüssigkeit. Sie roch ein wenig streng und weckte darum mein olfaktorisch motiviertes Interesse. Ich bückte mich, rutschte von allen Umstehenden unbemerkt auf den Knien zwischen atmungsaktiven Geox-Schuhen, wild gemusterten Socken-Sandalen-Kombinationen, billigen Kunstlederpumps und schuppigen Gliedmaßen näher zur stinkenden Pfütze, starrte fasziniert hinein und…

… wachte in einer grell erleuchteten Räumlichkeit wieder auf. An den organisch wirkenden Wänden stand und hing viel Nichts. Es roch nach Nichts und ich hörte ein leises Nichts. Meine Augen mussten einen Moment lang hart arbeiten um sich an die unbekannte Sehtemperatur zu gewöhnen. Mein Hintern schlief tief und fest und mein Mund war Wüste.

„Entschuldigung, könnte ich bitte einen Kaffee bekommen?“

Das war das Erste, was mir in den Sinn kam, und ohne es zu wollen, hatte ich es ausgesprochen. Zunächst flüsterte ich mein Verlangen recht zögerlich, dann mit deutlichem Nachdruck in den unwirtlichen Raum. Meine Hände begannen zu zittern, ein Kalter Truthahn lief durchs Zimmer. Ein Wild Turkey wäre mir deutlich lieber gewesen, am besten in einem heißen Kaffee. Doch meine ernst gemeinte Bitte stieß auf kein Ohr. Dachte ich zumindest, wusste ich es bis dato nicht besser. Dass Wände wirklich und nicht nur sprichwörtliche Ohren haben können, sollte mir noch bewusst werden.

Gefühlte sieben Tageseinheiten später hatte ich das dringende Bedürfnis, mich zu entleeren. Eigentlich hätte ich kein Problem damit gehabt, mich in einem Nichtraum ohne sichtbare Türen, Fenster oder sonstige Öffnungen mit Beobachtungspotenzial hinzuhucken, das Höschen zu lupfen und der Blase freien Lauf zu lassen, aber irgend etwas in mir sagte, lass es sein. Es war wie ein flauschiges Flüstern, das zwischen meinen Ohren hin und her hüpfte, während der Druck meiner Blase anstieg und lautstark schrie: Lass es raus! Lass es sein, lass es raus, lass es sein, lass es raus, lass es sein, lass es braus… braus… Maus… raus… Quril.

„Entschuldigung, könnte ich bitte eine Toilette benutzen und dann einen Kaffee bekommen?“

Ich dachte, ein erneut höflicher Versuch, mich in meiner Bedürftigkeit mitzuteilen, konnte nicht schaden. Wenig später und noch immer ungehört pfützte ich in das Nichts, von Peinlichkeit gezeichnet. Allein der Kalte Truthahn gab mir ein wenig Halt, während sich der Raum zu drehen begann. Mir wurde übel. Schon als kleines Kind konnte ich alles ertragen, nur nichts Drehendes. Schaukeln, Karussells, schnelle Tanzwirbelungen um die eigene Achse, zu viel Alkohol – nichts für mich. Und spucken im Kreis wurde auch von umstehenden Schaulustigen niemals mit Applaus belohnt, nicht mal dann, wenn sie aus der eigenen Familie kamen.

„Entschuldigung, die Toilette brauche ich nicht mehr, aber einen Kaffee könnte ich jetzt wirklich vertragen, verdammte Scheiße!“

Anscheinend hatte ich den richtigen Ton oder aber die richtige Tonlage getroffen, jedenfalls beruhigte sich der Raum und in der Wand öffnete sich ein Spalt, durch den ein Wesen auf mich zu trat, das in Form und Farbe dem aus dem Edeka-Markt glich, sich aber in der Art und Weise seiner Artikulation und Höflichkeit deutlich von diesem unterschied.

„Wie hätten Sie denn Ihren Kaffee gern? Wir haben Cappuccino oder Latte macchiato, Espresso und auch stinknormalen Filterkaffee. Der ist grad frisch durchgelaufen.“

„Oh, wie nett, dann nehme ich einen Latte macchiato mit laktosefreier Milch bitte.“

Mit einem peinlich berührten Flüstern fügte ich noch als Entschuldigung hintenan, dass mich eine echte Intoleranz quäle und dieser Sonderwunsch bitte keinesfalls als schnöde Beschäftigungstherapie oder alberne Modeerscheinung zu verstehen sei. Den Flüsternachsatz garnierte ich zudem mit einem huldvollen Lächeln. Das Wesen starrte mich an, zog eine nicht vorhandene Augenbraue hoch und antwortete – nach meinem Empfinden ein wenig zu schnippig und wenig konstruktiv – dass dies ein Scherz gewesen wäre, ob es denn so aussehe, als würde es mir irgendeine Art von erdtypischen Genussmitteln kredenzen wollen. Nun, wenn ich ganz ehrlich sein sollte: Nein.

Einige Minuten standen wir uns schweigend gegenüber, ich in einem Anflug von Nervosität mit einem Fuß wippend, der Fremdling ganz die Ruhe selbst und mich von oben bis unten musternd. Dann stieß er einen scharfen Pfeifton aus. Um die fünf Sekunden später öffneten sich verschiedene Schlitze in dem Nichtraum, aus denen ebenso verschiedene Wesen traten. Sie bildeten einen Kreis um mich, der sich enger und enger um meine Person zog, was mir zunehmend unangenehm wurde. Generell hatte ich keine Berührungsängste, war ich doch Schlangestehen mit unfreiwilligem Körperkontakt von der Erde gewohnt, aber das wurde dann doch etwas sehr nah. Mein Intimbereich und mein empfindlicher Geruchssinn fühlten sich deutlich bedrängt. Peng, noch in dem Moment, als ich dachte, einer von denen würde besonders streng riechen, wurde mir schwummrig im hungrigen Magen und grün vor Augen. Die nachfolgenden Szenen kann ich darum nur bruchstückhaft rekonstruiert wiedergeben, was definitiv keine Ausrede sein soll dafür, dass mir gerade nichts besseres einfällt, um dem Text ein wenig mehr Würze zu verpassen.

Ich stürzte… wurde getragen… wurde aufgebahrt, entkleidet, an den Haaren gezogen… an mir wurde geleckt, gerochen, ich wurde befingert, gefingert und womöglich gefickt… Stille… grelles Neonlicht… Grelle Stimme.

„Hey! Halloooooo. Würden Sie so nett sein und aufstehen. Ich bin schließlich alt!“

Ein kräftiges Ruckeln dazu weckte mich. In den Händen hielt ich einen Pappbecher mit kaltem Kaffee, halb leer. Unklar war mir in diesem Moment, ob ich die andere Hälfte bereits getrunken hatte oder ob die farblich undefinierbare Pfütze unter mir… Gedankensprung bitte. Mein Blick schweifte weiter zu den schuppigen Füßen, die halb in der Pfütze standen, wanderte träge aufwärts, traf ein Gesicht. Neben mir stand eine ältere, kleine Dame. Sie ruckelte penetrant an meiner Schulter und deutete mit dem übertriebenen Kinn ebenso übertrieben auffordernd in meine Richtung. Benommen und noch immer den Kaffeebecher umklammern stand ich auf. Die kleine Person setzte sich, sah vergnügt aus dem Fenster und murmelte. „Es ist schwer, im Omnibus einen guten Platz zu bekommen.“

Hagelflieger sind keine Helden

schreibchenweise

Ein Sturm kündigt sich an, schickt Wolkentürme, Drohbriefe aus unruhigen Wassertropfen. Die Luft hustet, schreit, spuckt Energie, weint Schloße.

Gestern noch pflügte eine Cessna den Himmel, nahm ihm seine Gewalt. Wieder und wieder schickte sie Absender aus Silberjodid und Aceton an die Erpresser der Sphäre. Heute liegt sie gebrochen und mit gestutzten Flügeln am Boden. Stille und aufgewühlter Boden halten ihr die Totenwache, im Cockpit trocknet Blut. Hagelflieger sind keine Helden und dennoch retten sie Leben – das unzähliger Halme.

Tagebucheintrag, Sonntag, 29. Juli
Was hat das alles noch für einen Sinn, wenn die Farben um mich herum verblassen? Mein Kopf ist grauer Marmor, meine Gedanken welken und fangen an zu stinken. Das Oben ist nicht länger über mir. Das Unten reißt mich hinab. Ein Dazwischen gibt es nicht – nicht mehr, nicht für mich…

„Gab es keinen Notruf?“

„Nein, nichts dergleichen.“

“Habt ihr den Flugschreiber schon gefunden?“

„Keine Spur davon.“

“Scheiße, was war da los?“

Tagebucheintrag, Montag, 30. Juli
Was kommt danach, was war davor? Ich weiß nicht mehr, was richtig und was falsch ist. Alles schwimmt davon, nur reißt mich der Strom nicht mit, sondern hinunter, zu Boden, den ich verliere. Er hat mich ausgehöhlt zurückgelassen. Leer. Ich sah den Strudel, sah den Sog, sah, wie er alles verschlang. Und stand nur da. So leer. So unfähig. So ich…

„Hat er mit dir darüber gesprochen?“

„Worüber, was meinst du?“

„Alles, einfach alles. Ihr seid doch Freunde gewesen, da redet man doch miteinander. Hat er nicht irgendetwas angedeutet?“

„Was willst du damit sagen? Es war ein Unfall!“

Zwanzig Jahre beherrschte er die Unwetter, die Stürme, die Wolken. Zwanzig Jahre zwang er sie, tränkenden Regen zu weinen statt mit vernichtenden Hagelkörnern auf die Ernte zu werfen. Zwanzig Jahre trug er nicht einen Kratzer davon – nicht am Himmel. Die Erde war sein Feind.

Tagebucheintrag, Freitag, 3. August
Jetzt ist sie fort. Ich muss bleiben. Hätte ich sie aufhalten, hätte ich es verhindern können? Wie? Wie? WIE?

„Hast du sie gekannt?“

„Ja, ein wenig. Ich mochte sie. Angenehme Person, irgendwie unscheinbar. Und irgendwie so präsent in ihrer Zurückhaltung.“

„Das widerspricht sich.“

„Ich weiß, aber genau so war sie.“

Tagebucheintrag, Samstag, 11. August
Die Wochenenden sind am schlimmsten. Ich ertrage es kaum. Nicht hier unten. Ich verfluche dich! Du Miststück, du hast aufgegeben, du lässt mich allein! Warum? Du kommst aus dem Nichts, fängst mich ein mit deiner Liebe und verschwindest wieder. Jetzt hänge ich fest, weiß nicht wo, kann mich kaum noch spüren. Bewegungsunfähig. Denkschwer. Müde. Mein Puls stolpert nur noch, lahmt, hinkt, will schlafen. Ich suche tausend Gründe, nicht zu stürzen und finde keinen einzigen…

„Jetzt ist es offiziell, es war Selbstmord.“

„Wer sagt das? Habt ihr die Black Box endlich gefunden?“

„Nein, aber alles deutet darauf hin. Der plötzliche Verlust, seine Niedergeschlagenheit, sein Rückzug. Außerdem hat er in zwanzig Jahren den Vogel und sich immer heile zu Boden gebracht, egal, wie das Wetter war. Glaub mir, es war Selbstmord.“

Letzter Tagebucheintrag, Freitag, 28. September
Die Traurigkeit frisst sich durch meinen Körper, aber ich gönn ihr den Fraß nicht. Nicht so, nicht heute, nicht morgen. Dich hat sie dahingerafft, mich bekommt sie nicht. Ich hab dich verflucht, weil du es nicht geschafft hast. Jetzt verfluche ich mich, dass ich so schwach bin, so brüchig. Du warst stark, stärker, als ich es je sein kann. Aber ich will es versuchen. Ich gehe nicht, ich fliege, und ich werde wieder landen, auch morgen und übermorgen…

Die Wolken verschlucken sich. Fünfzig Millionen Tonnen Wasser spucken dreihunderttausend Ampere an elektrischer Ladung gegen eintausendsechsundfünfzig Kilogramm Metall und ein paar Kilo Mensch. Zwanzig Jahre ergab das ein Unentschieden. Bis heute. Heute hagelt es. Und das nackte Orange der Black Box wirkt wie ein Fremdkörper in all dem Durcheinander.

Lemniskate

schreibchenweise

Was ist Unendlichkeit?

Das kann ich dir nicht beantworten. Aber ich sage dir, wie ich sie gezähmt habe.

Wie?

Ich gab ihr einen neuen Namen.

Da sitzt er, der alte Mann, flach die Atmung, tief die Falten. Sie erzählen Geschichten, sind Zeugen mancher Trauer und mancher Liebe, vieler Freuden und einiger Verluste. In seinen Augen schimmern dreiundneunzig Jahre Wissen, in seinem Herzen tobt die Sehnsucht nach der eigenen Endlichkeit.

Rosige kleine Finger ruhen in seiner braun-gefleckten Hand. Dreiundneunzig Jahre alte Haut wärmt, beruhigt, zittert matt und streichelt trocken. Ein neugieriges Gesicht schaut auf, zählt die Falten, fragt und staunt, verlangt ungeduldig nach Antworten. Müde Augen blicken hinunter in wache, der zahnlose Mund spricht leise und mit viel Geduld, der kleine steht weit offen und gibt eine Reihe unruhiger Milchzähne frei. Zähne, die sich erst noch durchbeißen müssen auf ihrem Weg. Der Alte ist seinen bereits gegangen. Und heute geht er ihn noch einmal, weit zurück, wird wieder jung, verliebt sich erneut, kämpft, tötet, beweint längst begrabene Freunde, spürt verheilt geglaubte Wunden, lebt ein zweites Mal. Dieses zweite Leben ist kürzer, schmeckt weniger süß und auch weniger bitter. Dieses zweite Leben wirft kleine Schatten an die Zimmerdecke und gibt der Unendlichkeit einen Namen, ein neues Gesicht, eines, das dem seinen ähnelt und es weiterträgt, bis es eigene Falten und Geschichten hat.

Da sitzt er, der alte Mann, flach die Atmung, tief die Liebe. Die Vergänglichkeit schmerzt, seine Geschichte ist erzählt – dreiundneunzig Jahre in einer Nacht, und mit ihr bricht auch seine Endlichkeit herein.

Und am Himmel geht der Mond auf

augenscheinlich, schreibchenweise

Gestern waren sie Liebende. Heute schlafen sie getrennt. Er im Garten hinter dem Haus, sie im Teich. Und am Himmel geht der Mond auf.

Sie lebte mit dem Einen und vergötterte den Anderen, seine zarte Erscheinung, seine Feingliedrigkeit, seinen scharfen Geist. Er trug eine Maske und versank unerkannt in ihr, in ihrem Haar, ihrem Geruch, in ihrer Scham. Bisweilen. Sie liebte ihn, wie er war, für das, was er war. Was er vorgab zu sein. Immer. Sie wollte ihn. Ganz. Er wollte sie, wie eine andere, die er nicht haben konnte. Nicht haben durfte. Niemals. In seinem anderen Leben verband ihn dieses kleine Mädchen mit zwei Menschen auf eine Art, die falsch war. In ihrem Leben verband sie zwei kleine Mädchen mit einem Mann, der keine Ahnung hatte. So viele Bindungen und doch kein Bund. Alle zerrissen. Alles verschlissen. Jeder belogen. Von jedem betrogen. Und am Himmel geht der Mond auf.

„Ich kann nicht mit dir leben.“

„Du willst nicht mit mir leben.“

Wenn Erdplatten aufeinander treffen, bilden sich Vulkane. Sie spucken Feuer, ergießen Lava und verglühen. Gebirge türmen sich auf, ragen in die Wolken, bersten, werfen Schatten, bröckeln und versinken im Meer aus Tränen. Bruchschollen fallen auf Granit. Tiefe Gräben bleiben zurück. Verschlucken das, was eben noch die Zukunft war. Und am Himmel geht der Mond auf.

„Ich werde gehen.“

„Dann gibt es kein zurück.“

Im Teich ertrinken die Fische. Drei blasse Seerosen verschließen sich stumm. Irgendwo in dieser Nacht tickt eine Uhr. Rückwärts, bis sie stehen bleibt. Die Erde im Garten hinter dem Haus ist aufgewühlt, ebenso das Herz, das noch eine Stunde schlägt. Dann schweigt auch das. Und am Himmel geht der Mond auf.

Seerosen

Der tiefe Fall in den Qahwa

schreibchenweise

Dieser eine Morgen reit sich an die vergangene Nacht. Weitere Nächte werden folgen, kein weiterer Tag. Der hatte genug. Der ist vergangen. Verbittert. Da stehe ich nun, direkt am Rand. Wärme steigt zu mir hinauf, Bohnendunst. Er vernebelt meinen Blick in die Ferne. Aus der Tiefe flüstert es feucht, heiß und dunkel. Spring!

In wenigen Minuten werde ich mich in die schwarzen Fluten stürzen, werde in psychotroper Verzweiflung baden. Meine Würde wird sich verbrühen, während ich mit den Armen rudernd in das Königreich Kaffa tauche. Meine Lungen füllen sich mit Niacin, strampeln, implodieren, schwimmen zu Tausenden davon. Sucht schreit mir entgegen. Trink!

Dann fließt Excelsa durch meine Adern, giert nach Wegen, um in meine Leber zu flüchten. Ein kleines Stück ist noch da, den größten Teil musste ich verkaufen. Harte Zeiten, Wirtschaftskrise. Manchmal muss man Opfer bringen. Wer braucht schon eine ganze Leber, wenn er ein halbes Königreich besitzen kann, einen halben Fluss mit Ufern voller Plantagen, ein halbes Leben. Atme!

Die Narbe am Bauch stichelt und quängelt, erinnert mich an den Verlust des Lobus dexter, erinnert mich an Spritzen, an das Skalpell, an Scheren und Klammern, an rotgetränkte Tücher und flinke Hände im Hinterhof, an gedimmtes Licht von oben, an Nässe von unten, an dumpfe Schritte hinter Morphinwolken und an den Geruch von Euphorie. Vergiss!

Ich springe vom Rand meines Kaffeebechers, falle, schwimme, trinke aus dem Fluss Qahwa, atme Staub gemahlener Bohnen und vergesse mich. Dann versinke ich im schwarzen Sud aus roten Früchten und gebrannten Gedanken…

Im sicheren Würfel

schreibchenweise

Das weiße Kaninchen fällt und fällt und fellt und fellt und fellt…

Mir ist heute ganz weiß. Grell juckt mich der abrasierte Schädel. Von innen. An meinem linken Bein reibt sich winkend ein Teletubby – der karierte. Schwarz-Weiß-Schwarz-Weiß-Schwarz-Weiß-Schwarz-Bunt. Buntfutterer. Dann uriniert er genüsslich auf meinen nackten Fuß. Das ist schön warm und riecht nach Red Bull. Mein rechtes Bein zuckt. Es liegt in der anderen Zimmerecke. Irgendwie mochte ich es nicht mehr. Es war mir zu eng, da hab ich es einfach abgelegt. Jetzt kann ich besser den Weg des geringsten Widerstandes humpeln. Über mir flackert die Bürokratie. Unter mir scharren die Leichen. An meinem Bett klappern Schnallen und im Raum hinter der Tür werden Nerven getötet. Was kümmert’s mich, ich sitze bei süßer Suppe und geschäumtem Kaffee im sicheren Würfel. Weiß und weich gepuffert und von der Außenwelt verschont.

Ich schließe die Augen und sehe das Fell einer Kuh, das ausgebreitet auf einer Wiese voller Butterblumen trocknet. Schwarzgefleckt. Mein Vater steht gebückt über dem Kadaver der Gehäuteten. Er trägt einen Blumenkranz auf dem Kopf und pfeift. Seine Arme stecken ellenbogentief im Gedärm. Dann rieche ich den Schweiß, das Blut, halbverdautes Gras. Ich schmecke bitter-weißen Milchsaft. Gewöhnlicher Löwenzahn. Ausdauernd. Krautig. Nicht giftig, aber tödlich. Während ich auf den weißen Sonnenschatten seines Unterhemdes starre und die Poren zähle, wünsche ich, ich wäre ein Kaninchen. Da beschließe ich, ihn zu hassen – den Tag. Und ich sperre ihn in einen Würfel – den Tag. Alle Seiten gleich – Tag für Tag. Weiß-Schwarz-Weiß-Schwarz-Weiß-Schwarz-Weiß-Neon.

Mein rechtes Bein zuckt nicht mehr. Die Pfütze aus Red Bull auf meinem Fuß ist getrocknet. In meinem Schädel sterben Nerven. Es ist schön hier, von allen Seiten gleich. Heute ist mir ganz weiß.

Das Geschenk

schreibchenweise

Das ist nur eine Tür, für viele bleibt sie verschlossen, für wenige ist sie eine Option, für alle ist sie ein Dämon. Der Schlüssel zu dieser Tür ist immer im eigenen Kopf, das Dahinter ist ungewiss, der Dämon bleibt hungrig…

Es wird in der Zeitung stehen, recht weit hinten irgendwo. Ein Zweispalter, wenn überhaupt. Kein Bild. Keine emotionale Zeile. Kein Name. Niemand wird weinen oder euphorisch die Hände in die Höhe reißen. Es wird nur eine unscheinbare Randnotiz sein. Aneinander gereihte Worte, Druckerschwärze auf grauem Papier, ein Haufen Pigmente, Bindemittel und chemische Lösungen, gepresst auf kurzlebiges Zellstoffgemisch. Irgendwann wird es nach Vanillin stinken und gelb sein. Zeitungen haben eine geringe Lebenserwartung.

Er sitzt vor dem Telefon, starrt auf die Wählscheibe, starrt auf den zerknitterten Zettel mit der Nummer, starrt auf seinen Arm. Der schmerzt. Er brennt, beißt, sticht, scheint sich von innen aufzulösen. Scheint ihn von innen aufzufressen. Heiße Ameisen würde er sagen, wenn ihn jemand fragte. Millionen von heißen Ameisen.

„Hallo?“

Am anderen Ende der Leitung rauscht es. Nicht stark, nicht wie ein Fluss, der zwischen steinigen Ufern dahinfließt. Auch nicht wie ein Heißluftballon, der im Himmel mit der Freiheit spielt. Dieses Rauschen ist still, es klingt nach innen, es schleicht sich heimlich durch den Kopf und hinterlässt Kälte in den Schläfen.

„Hallo. Ich brauche sie jetzt doch.“

Das Rauschen wird von einer dunklen Stimme unterbrochen. Sie nennt einen Ort, eine Zeit, drei Bedingungen. Dann wieder Rauschen, erwürgt durch hartes Auflegen. Stille. Er zündet sich eine Zigarette an, inhaliert tief, hält für Bruchteile seines Lebens die Luft an, starrt auf das Telefon, starrt auf den Zettel, zündet ihn an und beobachtet dessen Dahinscheiden im gläsernen Aschenbecher. Das Papier zuckt, windet sich, kämpft mit den Flammen und stirbt. Im Arm toben Ameisen. In den Lungen quält Rauch. Im Kopf tanzt ein Gedanke mit der Kälte. Im Aschenbecher ist es grau.

Der Himmel ist Nacht, kein Licht brennt in der Straße. Hier jaulen keine Katzen, die lieben es behaglich. Ein Mann geht langsam irgendwohin, um zwei weitere Bedingungen zu erfüllen und ein Geschenk zu bekommen. In seinem Arm wühlen sich Ameisen durch Adern und Fleisch, fräsen sich in seine Brust. Auf seiner Zunge kann er noch immer den Rauch von eben schmecken und die Zukunft von gleich. Er würde lächeln, wenn er könnte. Es wird ihn überraschen, auch wenn er Ort und Zeit kennt. Das Wie ist sein Geschenk und dieser kurze Moment des Ist. Das Danach kennt keiner, aber es trägt einen Schatten.

Ich schlage die Zeitung auf, überfliege Schlagzeilen, verweile auf Bildern, blättere weiter. Meine Augen suchen nach einer Randnotiz. Kein Foto, kein Name, keine emotionale Zeile. Und doch weiß ich, was dort stehen wird. Ein Code – verzierte Satzspitze aus Wortperlen und Textbordüre. Die Dechiffrierung kostet mich fast einen ganzen Tag, missgönnt mir einen weiteren Tag auf dieser Welt, verspricht mir einen Tag länger mit diesen Schmerzen, die meine Gedärme verdauen und nach und nach ausspucken. Dann wähle ich eine Nummer.

„Hallo. Ich brauche sie jetzt doch.“

Im Rausch

Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweise

„Was willst du hier?“ Sie schaut zu ihm hoch, blinzelt gegen die Sonne.

„Ich will lieben.“ Antwortet er.

„Und was willst du dann von mir?“

Er zuckt nur die Schultern und lehnt sich gegen den Baum. In seinem Rücken zerfällt eine Stadt mit all ihren Strömungen. Es stinkt ein wenig von ihr herüber. Genug, um angewidert zu sein, zu wenig, um sich zu erbrechen. Im Baum sitzt kein Vogel, der kein Lied singt. Da scheißt nur eine Krähe die halbverdaute Rattenbrut wieder aus. Ein schwarzgraues Neozoon in einem halbgrünen Apfelbaum. In seinen Träumen trug er Blüten, der Baum. In ihren Träumen trug er Narben und der Baum schob seine Wurzeln in den Himmel. In der Stadt weint eine Ratte um ihre Jungen. Träumen Ratten?

„Ich werde dich erschießen.“ Lächelt sie ihn an.

„Wird das wehtun?“ Er setzt sich neben sie, stochert im Krähenkot, unterdrückt das Flackern in seinem Kopf.

„Nicht mehr, als der Verlust von Schamgefühl.“

Manchmal versteht er sie nicht. Das berauscht ihn, auch wenn es ungesund schmeckt. Heute kaut er nicht, er verschlingt sie einfach. Der Nachgeschmack kommt später, er wird süßlich sein. Wird sich über seine Zunge ergießen und die Stadt überschwemmen. Die Ratten werden quieken und sich verflüchtigen. In Panik werden sie sich wünschen, auf Krähen zu reiten. Unter dem Baum welkt der Frühling und der Sommer vergeht sich.

Er ist im Rausch, nicht mehr bei Sinnen
Sein Außen schält sich hart nach innen
Sein Kern zerflossen
Schuppt sich davon
Das Hirn erschossen
Weiß nicht, wovon

Sie hält den Colt, verfehlt nur selten
In ihm zerbrechen tausend Welten
Sein Kopf am Pfahl
Sein Herz am Galgen
Die Augen kahl
Die Brust voll Algen

Jetzt frisst der Boden seine Füße
Stößt sauer auf, kotzt bittre Süße
Sie spuckt nur Tränen
Er blutet aus
Dann muss sie gähnen
Und geht nachhaus

Ich hätte es mögen können

schreibchenweise

Das Einlegen oder Einwecken ist eine gängige Methode, Dinge zu konservieren. Zwei Augen im Glas halten so deutlich länger. Blicklegen. Augenwecken.

Und dann füllte ich dich aus, stopfte trockenes Stroh in deinen holen Bauch, auf dem ich einst wie auf einem Kissen ruhte, ließ stumpfe Nägel in deinen krummen Rücken tropfen, damit er stark und gerade ging und schippte Erbsen in deinen Kopf, der einst so schöne Locken trug. Jetzt klappert er. Das ist Musik. Ich hätte es mögen können, wenn man für mich singt…

Am Horizont versinkt ein Glühen. Gelbes Licht macht schöne Haut. Vom Glas auf meinem Tisch wirfst du mir Blicke zu. Zwei Äpfelchen in Spiritus, eins Blau mit schleichender Trübsinnigkeit von den Rändern zur Pupille, eins Grün. Das blüht noch. Mir scheint, du blinzelst. Ich denke, ich hätte es mögen können, wenn man mir zuzwinkert.

Vor einer Woche, oder zwei, da standst du nackt in meinem Leben. Ich fand, du solltest dich bekleiden. Du meintest, das wäre Diebstahl. Also hast du dich bemalt, mit deinen rohen Fingern. Wie albern. Wie schmucklos. Wie halbherzig. Farbenblind und untaktil – Lebendigkeit sieht anders aus. Dabei hätte ich es mögen können, wenn man mich berührt.

Am nächsten Tag hast du so verdammt viele Fragen in mich hineingebrüllt, dein Echo musste ich erbrechen, sonst hätte es mich zerfetzt. Der saure Widerhall im Innern Ich ist unerträglich und schmeckt mir nicht. Ich hab’s versucht. Sogar ein Sößchen nippte ich hinzu und teuren Wein. Vergebens, deine Bitternis klebt noch immer ungenießbar an der Zunge. Vielleicht hätte ich es mögen können, das zu genießen, mit einer Prise Heiterkeit.

Was mach ich nur mit deinen Briefen, die jetzt so schwülstig stinken? Wellige Papiere mit belangloser Tinte beschmiert. Sie verblassen und modern vor sich hin, ziehen Ungeziefer an. Das macht sich breit in meinem Bett und nagt an meinen Lippen. Deine Halbwertszeit ist abgelaufen, meine muss ich neu berechnen. Wahrscheinlich hätte ich es mögen können, dass jemand eine Ziffer in meiner Gleichung ist.

Die Sonne ist Vergangenheit – für dich. Mir scheint der Mond, der ist mir lieber. In ihm spiegelt sich die Eitelkeit so schön. In dieser Nacht verscharre ich die letzten Reste deiner Rührseligkeit im Garten. Irgendeine Katze wird morgen ihre Notdurft darauf verrichten. Nur deine Augen im Glas, die werde ich behalten. Ich mag sie.

Gerade ins Gesicht

schreibchenweise

Das Klingelschild trägt einen neuen Namen und endlich ist es wieder friedlich hier in diesem ordentlichen Haus.

Auf der Pupille blutet Angst. Über dem Auge klafft sich ihr Inneres nach außen. In ihrem Mund stirbt eine Bitte. Und durch seine Fäuste pulsiert Hass. Die Liebe hat er zu Boden gestreckt, sie ging K.o. noch vor der zwölften Runde.

Ein Uniformierter nimmt sich ihrer an, macht Häkchen in Kästchen, nickt, notiert zahnlose Worte. „Ich denke so oft um die Ecke, dass ich eine einfach Gerade nicht erkenne, selbst wenn sie mir direkt ins Gesicht gestreckt wird.“

Obwohl er sich an alle Regeln hielt – erlaubt sind nur Schläge mit geschlossener Faust, auf die Vorderseite des Kopfes, des Halses, des gesamten Korpus bis zur imaginären Gürtellinie am Bauchnabel oder auf die Arme, Schläge unter der Gürtellinie führen zu Punktabzug* – hatte sie ihn disqualifiziert. Und er war zornig.

„Fick dich doch, du Miststück!“ Eine Liebeserklärung klingt anders. Dennoch wird sie bleiben, weil sie hofft. Worauf? Ich weiß es nicht, ich habe nie gefragt, sah nur ihr Gesicht im Hausflur. Schatten um die Augen – Lidschatten. Tiefes Rot auf ihrem Jochbein – Wangenrouge. Tränen aus Staub – Kajal.

Der Ring steht jetzt an einem anderen Ort. Dort wird es Schaulustige und heimliche Zuhörer geben. Wetten werden platziert. Man wird ihr im Hausflur begegnen und sich über ihr Make-Up wundern – von allem ein wenig zu viel. Und man wird schweigen, wie so oft.

*Quelle: Wikipedia

Aale guten Dinge sind Traum

schreibchenweise

Mit einem Aal zwischen den Zähnen lächelt es sich etwas schwierig – hatte ich mal irgendwo gehört und musste just in diesem Moment daran denken. Vor mir stand eine kleine, ausgemergelte Gestalt mit so etwas wie einem Grinsen im Gesicht. Es war schwarz und schmierig und glitschte mir entgegen.

„Du bist dran, sieh zu, dass du es nicht versaust.“

„Kennen wir uns?“

„Nein. Was spielt das für eine Rolle?“

Das Männchen, krummbeinig und spitzzüngig, starkste an mir vorbei in den dunkelnden Morgen und verschwand. Irgendwo. Hinter einem Baum. In einem Loch voll Nichts. Fiel hinab in meine Gedanken. Ich lief weiter, trabte, setzte Laufschritt vor Laufschritt. In meinem Hals steckte eine Gräte. Trockenes Brot in der Tasche wäre jetzt von Vorteil gewesen, damit schob man unschön platzierte Fischskelettreste von der Speiseröhre weiter in den Magen, wo sie säuerlich ertranken. Nur hatte ich kein Brot dabei, das ging drauf, um meinen Rückweg zu markieren. Jetzt fraßen es die Ratten. Landaale.

Eine Augenbewegung und drei Würgereize später stand ich bis zur Hüfte in einem See, Aalsuppe schlürfend. Es roch schlackig, brackig, erstickende Gemütlichkeit drängte sich auf, umspülte mir die Nieren. Meine Gedanken kräuselten sich und schwammen davon. Mit ihnen strampelte das Männchen, einen Aal zwischen seinen Zähnen. Wasserratte.

„Du bist dran“, gurkelte es leiser und leiser werdend, „versau es nicht!“

Um fünf vor halb acht klingelte mein Wecker.

Bermudadreieck

Pösie für Lieb & Bösi

Es war ein Sturm, kurz, heftig, spürbar
Es war salziges Wasser, tief, reibend, brennend

Treibsand am Meeresboden

Es war ein Verlust schon bevor es begann
Es gab keinen Kompass und kein Land

Geisterschiffe auf offener See

Es gab kein Davor und kein Danach
Es war ein Strudel aus weißem Wasser und Magneten

Jetzt ist es still und ich sehne mich nach Sturm

Im Waschsalon wird alles sauber

Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweise

Nur die Gedanken bleiben schwarz

Von oben flackert es. Vor ihm dreht es sich. Unter ihm fährt eine Metro. 21, 22, 23, 24… Schleudern. Spülen. Pumpen. Der Stuhl, auf dem er sitzt, ist hart, wie immer. Es riecht nach Sauberkeit und Bleiche. Kacheln an den Wänden, Kacheln an den Füßen, Kacheln in seinem Kopf, mit Fugen, die brechen und sich verstreuen. Ausgekrümelt werden sie sich in die Sohlen derjenigen eintreten, die versuchen, ihren Schmutz hier zu lassen. Im Waschsalon ist alles sauber – hinterher und drumherum. Und das Dazwischen stinkt. Münzen im Tausch gegen weißes Pulver. Blutspritzer auf anonymen Hemden im Tausch gegen weiße Kragen. Schwarze Erinnerungen im Tausch gegen weiße Gedanken.

Wahllos stopft er alles in eine Tasche, dreckige Socken, ausgeleierte Hosen, beschmierte Hemden, zerrissene Haut. Waschtag. Im Hausflur stehen Räder. Am Himmel stehen Wolken. Am Handgelenk steht seine Uhr. Sie hat es aufgegeben, gegen die Trägheit der Zeit zu rebellieren. Jetzt ist sie schmucklose Zierde, ein Relikt – keines, an dem Nostalgie klebt, einfach nur eines, das stumm nach Gewohnheit klingt. Die Schritte sind die gleichen wie jede Woche, 21, 22, 23, 24… Schleudern. Schwanken. Auffangen. Der Boden, auf dem er geht, ist hart, wie immer. Es riecht nach Winter und Salz. In der Häuserzeile vor ihm lockt ein Neonlicht. Es flackert. Weit aufgerissene Fensteraugen klimpern. Zu hektisch, Wärme schenkt andere Blicke. Die lässt sich besser trinken, füllt den Magen, stillt den Kopf.

Die Trommel schluckt, füllt sich, will sich fast erbrechen. Er füttert weiter. Von oben flackert es. Vor ihm dreht es sich. Neben ihm der Stuhl ist leer… 25, 26, 27, 28, 45 Minuten später ist alles sauber, gespült, gestärkt. Die Trommel spuckt, er atmet Chlor. Unter ihm fährt eine Metro. 46, 47, 48… Wochen ist es her, dass ihre Tür sich schloss. Im Hausflur standen Nachbarn. Am Himmel stand eine Sonne. In seinem Magen stand seine ganze Welt. Stille im Tausch gegen laute Worte. Gefühle im Tausch gegen Blei. Ein Karton voller Bücher im Tausch gegen leere Wände. Auf einem Zettel starben Worte … 34, 35, 36, 37

Wir verlieren uns
Ganz still, ganz leise
In der Zeit, die wir
Nicht teilen

Wir entfernen uns
Rasend langsam
In dem Raum, der uns
Nicht bleibt

Wir vergessen uns
Werden blasser
Und verschwinden
Wie Bleistift auf Papier

Mit Elefanten jonglieren

schreibchenweise

Die Arroganz des Menschen, zu glauben, er könnte einfach alles und ein jedes beherrschen, wird ihm irgendwann mit einem großen Knall auf den Kopf fallen.

Wenn es einfach wäre, das Leben, dann könnte es ja jeder. Aber manchmal ist es, als würde man mit Elefanten jonglieren. So ein Elefant liegt nicht besonders gut in der Hand. Da kann man schon mal das Gleichgewicht verlieren, ins Straucheln kommen, zu Boden gehen, aussterben.

Da lag sie nun, diese traurige, nackte Gestalt, begraben unter einem grauen Berg aus Haut und Falten. Einer der mächtigen Stoßzähne durchbohrte ihre Lenden, hatte den ausgemergelten Hintern buchstäblich in den Boden gerammt. Sie war die letzte ihrer Art – Homo sapiens. Nicht besonders schön, wenig schmackhaft und irgendwie zu nichts zu gebrauchen. Die fünf Tonnen Lebendgewicht erhoben sich schwerfällig, schüttelten sich und starrten etwas betreten auf das Häufchen am Boden.

„Es hat sich ausjongliert.“ Das Quagga nickte zufrieden, wedelte kurz mit dem Schwanz, verabschiedete sich höflich vom Elefanten und trabte davon.

Der Florist

schreibchenweise

Liebe blüht auf unterschiedliche Art. Ihre Farben nuancieren von tiefem Burgunder über leuchtendes Karmesin bis zu pudrigem Blass. Immer jedoch duftet sie atemberaubend.

Sie wirkte so zart, so weiß und so unschuldig. Ihre Hände schienen wie geschaffen, um durch weiches Katzenfell zu streunen, im Vorbeigehen wippende Köpfe langhalsiger Gräser zu liebkosen, sanft über einen aufgeregten Mund zu streichen. Jetzt ruhten sie sauber gefaltet, schwebten über ihrer kalten Scham auf schwarzem Seidenlaub.

Er weinte, als er sie so betrachtete. Nicht um sie. Nicht um ihre Jugend. Nicht um ihren Tod und dessen Unendlichkeit. Er weinte um sich selbst, weil er sie nie würde lieben dürfen. Er hatte sie nackt gehalten, sie sorgfältig gewaschen, sie getrocknet, gecremt und ihr den Tod aus den steifen Gliedern massiert. Er hatte all ihre kleinen Schlupflöcher mit Watte versiegelt, damit nichts von ihrem Inneren verloren ginge. Er hatte ihr das Haar geföhnt und in sanften Wellen um das blasse Antlitz gestaltet. Ihren Lippen hatte er ein wenig Leben aufgehaucht – nicht mit einem Kuss. Das wagte er nicht. Um ihren Hals hatte er ihre silbergliedrige Schlinge gelegt, auf ihrem Herzen schlief nun ein Aquamarin, blassblau, wie ihre Augen hinter den durchschimmernden Lidern. Auf ihre Schläfen hatte er zwei Tropfen Cacharel geatmet. Sie vertrieben die letzte Aufdringlichkeit des Desinfektionsmittels und verströmten einen Hauch aus Frühlingssonne und Heuboden. Dann hatte er ihr ins Kleid geholfen, hatte sie weich gebettet in ihrem hölzernen Setzkasten, hatte ihr Haar erneut gerichtet, ihre Nägel poliert und ihre Hände gefaltet.

Zwei Tage später flüsterte jemand in der Kapelle, sie sähe aus, als würde sie blühen.

Der graue Nebel

schreibchenweise

Was uns nicht sofort tötet, das frisst uns langsam auf, kaut und schluckt, stößt auf und kaut erneut auf uns herum, bis alle Fasern fein zermahlen sind und jeglicher Inhalt Zersetzung gleicht.

Er starrte vor sich hin. Leere in seinen Augen, leere in seinem Kopf. Da war nichts, nur grauer Nebel. Und dieses Nichts schmerzte ihn. Kein Brennen, wie Salz in dem klaffenden Spalt einer von Wut zerrissenen Haut. Kein Ziehen, wie die Verschlingung krampfender Därme nach einem zu großen Schluck gelösten Rattengiftes. Kein dumpfes Hämmern, wie bei den Schlägen von schwerem Holz gegen einen dafür zu weichen Kopf. Und auch kein Stechen, wie beim Stauchen des Rückgrates nach dem Stoß vom Dach.

Das Nichts schmerzte grau und hohl und stumm und kalt und bitter und in all seiner Trivialität auf eine Schwindel erregende Art. Nicht sonderlich auffällig, aber nachhaltig. Er musste würgen, übergab sich, spie etwas von diesem Nichts auf den Boden unter seinen Füßen, betrachtete es, schob es mit der Schuhspitze zu einem Klumpen zusammen, versuchte seine Hässlichkeit zu ignorieren, versuchte seine Hässlichkeit zu deuten, drehte sich im Kreis, starrte es von oben an, kniete sich davor, roch daran, durchwühlte es mit den Fingern, stand auf, kehrte ihm den Rücken zu, entfernte sich ein paar Schritte, betrachtete es aus der Zimmerecke, kam zurück, legte sich daneben, starrte es an und stellte fest: Nichts.

Fünf Tage, einhundertzwanzig Stunden, siebentausendzweihundert Minuten, vierhundertzweiunddreißigtausend Sekunden später starb er. Schade. Er war im Kern ein netter Mensch, nur wusste er es nicht, niemand wusste es. Und niemand wird es je erfahren. Er starb wie er lebte, unauffällig. Der Tod durch Langeweile ist kein schöner, er hat keine schillernden Farben, keine prachtvollen Waffen, keinen blumigen Geschmack. Langeweile tötet geräuscharm, gemäßigt, geduldig und grau.

„Langeweile ist eine unangenehme Windstille der Seele“  Nietzsche

„In der schändlichen Menagerie unserer Laster ist eines noch hässlicher, noch bösartiger, noch schmutziger! Die Langeweile ist’s!“ Baudelaires

Und welche Farbe hat Bedeutsamkeit?

Eine wahre Geschichte – sagt M

schreibchenweise

Eine Nacht kann lang sein, oder auch verdammt schnell vergehen. Diese Nacht war lang. Mindestens zwei Menschen schliefen nicht. Und einer erzählte am folgenden Tag eine Geschichte.

Kaltes Metall stößt zweimal an seine Schläfe. „¡Apúrate!“ M wagt kaum zu atmen. Das Eisen an seinem Kopf duldet keine heftigen Bewegungen und schon gar keinen Widerstand. Der Mann hinter ihm stinkt nach Gewaltbereitschaft. „¿Cuánto es? ¿Cuánto es?“, drängt eine zweite Stimme. Ungeduld färbt sie schrill. „Bastante. Vamos pues.“ M wird vom Geldautomaten in Richtung eines Autos gestolpert. Zwei behandschuhte Hände stoßen ihn auf die Rückbank, zwei weitere stecken seinen Kopf in einen Sack, Schwarz, fesseln seine Hände hinter dem Rücken, Schmerz. Alles geht so verdammt schnell. Säuerlicher Geruch steigt in Ms Nase, beißt sich durch die Nebenhöhlen in den Stirnlappen. Der Wagen springt an, M wird in die Rückenlehne gedrückt. Angst. Schweiß. Kalte Gedanken. Noch mehr Angst. Gefühlte Stunden fällt kein klar verständliches Wort, nur verflüsterte Absprachen, gebrüllte Flüche. Das Auto jammert. Nächtliches Wirrwarr der Straße dringt durch seine marode Karosse, Benzingestank erkriecht sich den Innenraum. Eine Kurve, noch eine, Unwegsamkeit quält das Auto, Schonungslosigkeit das Getriebe. M lauscht, sucht nach Vertrautem, sucht nach Halt, bekommt einen Hieb. Die Dunkelheit wird schwärzer, berauscht. Nebel im Kopf. Stille.

„Coño de la madre, que…“ Jemand zerrt an Ms linker Hand, versucht sich am Finger. „Le va a cortar. ¡Joder!“ Klickgeräusche. Panik. Draußen rauscht die Nacht mit geschlossenen Augen und verwachsten Ohren vorbei. „Nein, nein, nicht den Finger, nicht den Finger!“ Wieder schlägt hartes Eisen gegen Ms Kopf. Süßer Geschmack schleicht in den Mund. „Hurensohn!“ Vertraute Sprache, wütender Akzent, weiterer Schlag, diesmal in die Seite, Zerren am Finger, die Klinge setzt an. „Déjalo, puta madre!“ Der Finger bleibt verschont. Eine Tür wird geöffnet, Füße treten M aus dem Wagen. Harter Boden, alles schmerzt, Kopf schlägt gegen Unbekanntes, Abgase entfernen sich. Nebel im Hirn. Die Nacht stinkt. Stille.

Die Sonne steht hoch, gleißt auf einen gekrümmten Körper, der am Straßenrand liegt, verschnürte Arme auf dem Rücken, der Kopf in einem schwarzen Sack, die Füße nackt, an der linken Hand ein Ring. M stöhnt, richtet sich auf, lauscht. Keine Chance, die schmerzenden Hände zu lösen. M auf den Knien, langsam vorwärts tastend, innehaltend, lauschend, weiter auf den Knien. Ms Schulter stößt gegen einen Widerstand. Eine Wand? Ein Baum? Bestiefelte Beine? Innehalten. Kein Atemzug. Kein Stoß gegen den Kopf folgt, kein Fluchen, kein metallisches Klicken an der Schläfe. Ausatmen. M reibt seinen Kopf am Widerstand, schiebt kratzigen Stoff über die Augen, blinzelt. Ein Baum. M sackt zusammen. Der Baum bewegt sich keinen Millimeter, wehrt sich nicht, droht nicht, bietet Halt.

Sechs Stunden später zurück in Caracas, blutige Füße, nasses Hemd, schmutzige Augen. Keine Papiere, keine Schuhe. Am Finger ein Ring. „Frag nicht.“ Tue ich nicht. Stille.

Vögel haben eigentlich immer Fieber

schreibchenweise

Die normale Körpertemperatur des Menschen schwankt um die 37 Grad. Rektal gemessen bekommt man den genauesten Wert. Unter 33 tut es fast nicht mehr weh, ein Geniestreich des Gehirns…

„Entschuldigen Sie bitte, aber so wird das nichts.“

„Sie machen mich nervös. Wenn Sie mich so anstarren, das irritiert mich eben. Es ist auch für mich das erste Mal in der Form.“

„Tut mir leid, ich wollte Sie nicht kritisieren, aber ich hoffe, Sie wissen, was Sie da tun. Ich möchte, dass es perfekt ist. Es muss perfekt werden, wissen Sie, was ich meine?“

„Ja, das weiß ich. Es ist nur eben nicht so einfach, das, was man weiß, auch in die Praxis umzusetzen. Und wenn Sie mir dann auch noch so auf die Finger gucken, macht es das nicht besser.“

„Dann lass ich Sie jetzt einfach mal machen. Ich vertrau Ihnen voll und ganz. Ihre Referenzen sind tadellos.“

Für einen Moment durchbricht Stille das Zimmer, teilt es vom Rest der Welt. Nein, das wäre übertrieben, aber vom Rest des Hauses. Der Mann mit den schlanken Fingern nickt und widmet sich weiter seiner Aufgabe, die nun seine volle Konzentration fordert.

„Wissen Sie, ich hatte Sie mir ganz anders vorgestellt, irgendwie größer. Sie wirken so zart. Darf ich das sagen oder beleidige ich Sie damit?“

„Nein.“

„Ich hatte mal einen Schulfreund, dem sehen Sie etwas ähnlich, Norbert Schenker*. Sie kennen Ihn nicht zufällig, oder?“

„Nein, wieso denken Sie, ich könnte ihn kennen?“

„Es wäre doch möglich, dass Sie verwandt sind, Brüder vielleicht sogar. Haben Sie denn einen Bruder?“

„Finden Sie, wir sollten solch intime Details austauschen, während wir…?“

„Nein, Sie haben Recht, das wäre albern. Ja, da haben Sie Recht. Sie sind ja auch der Profi von uns beiden.“

„Ja.“

„Obwohl ich mich schon ein wenig wundere, dass es auch für Sie das erste Mal ist und dass Sie so nervös sind. Sie wirken sehr nervös. Ich dachte, Sie machen das öfters.“

„Tue ich auch, aber eben nicht so wie bei Ihnen jetzt.“

„Verstehe. Kann ich denn etwas tun, das Ihnen die Sacher erleichtert? Sagen Sie mir, was ich tun soll, vielleicht hilft Ihnen das. Ich bin auch gut in einigen Dingen.“

„Nein, bitte, ich versuche mich zu konzentrieren. Es ist wirklich nicht einfach, wenn Sie ständig dabei reden.“

„Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nur etwas aufmuntern, die Stimmung heben. Ich bin jetzt still und begebe mich ganz vertrauensvoll in Ihre Hände. Sie haben übrigens sehr schöne Hände. Entschuldigung, ich bin schon ruhig, machen Sie bitte weiter.“

In der Wohnung über dieser wird lautstark eine Tür geschlossen, dem Geräusch folgen Schritte durch den Hausflur, entfernen sich unter dem Fenster die Straße hinab. Auf dem Fenstersims sitz ein Vogel. Er starrt hinein.

„Wir haben einen Gast, schauen Sie mal, der beobachtet Sie auch. Das ist fast schon Ironie, finden Sie nicht?“

Tiefes Einatmen.

„Entschuldigen Sie. Ich halte mich zurück. Machen Sie bitte weiter, das ist sehr gut so.“

Einige Minuten beobachtet der Vogel die beiden Männer, putzt sich dann ausgiebig das Gefieder, schüttelt sich einmal kräftig, plustert sich auf und huckt sich hin.

„Da sitzt er nun. Scheint sich wohl zu fühlen hier bei uns. Haben Sie gewusst, dass alle Vögel eine immer konstante Körpertemperatur haben?“

„Nein, das wusste ich nicht.“

„Die liegt bei 42 Grad. Das ist höher als bei allen anderen Lebewesen. Eigentlich haben die immer Fieber.“

Jetzt starren beide auf den Vogel und der Vogel starrt zurück. Im Zimmer ist es heiß.

„Was meinen Sie, wie lange Sie noch brauchen?“

„Wenn es gut werden soll, müssen Sie bitte noch etwas Geduld haben. Schaffen Sie das?“

„Aber ja doch, keine Eile. Ich habe mir extra für Sie den ganzen Tag frei genommen.“

Jetzt müssen beide lachen und der Vogel fliegt davon.

„Der war nicht schlecht.“

„Ja, ich gebe zu, den hatte ich geplant. Ich wusste zwar nicht genau, wann und in welchem Zusammenhang ich ihn heute bringen könnte, aber ich hatte ihn geplant.“

„Sind Sie jetzt bereit?“

„Ja, ich denke, ich bin soweit. Lassen Sie es uns vollenden.“

Langsam gleitet das Skalpell durch weiches Fleisch. Wie ein befreiter Fluss ergießt sich Rot auf sauber ausgelegter Folie. Ein Gesicht ist schmerzverzerrt doch glücklich, ein Gesicht hoch konzentriert. Aus einem Gesicht weicht mehr und mehr das Leben, das andere ist hoch konzentriert. In einem Gesicht schließen sich die Augen. Zwei andere blicken hoch konzentriert.

* Norbert Schenker ist eine erfundene Person.

Der Schlangenlederkoffer

schreibchenweise

Die Uhr der Vergangenheit tickt manchmal schneller. Dann holt sie mich ein mit ganzer Kraft.

… und mit der Linken umklammerte sie den Griff ihres Koffers. Schlangenleder. Er war das Einzige, was ihr noch blieb. Ein Python ließ dafür sein Leben, wurde aus seiner Haut gerissen. Wie ihr Bruder, der dort vor ihr hing. Zu junge Füße unter zu alten Balken. Exkremente bildeten verkrustete Schatten, krochen über den Boden. Irgendwo stahl eine Krähe den Rest Menschlichkeit aus einem Leib. Hanf schnitt in Gebälk wo einst ein Leuchter hing. Nun trägt es tote Körper. Beim Anblick schwommen ihr die Augen. Ihr Herz blutete. Bald war es leer. Nur die Gedanken liefen fort, wie sie vor langer Zeit. Bevor das alles begann, dieser Wahnsinn. Jetzt war sie zurück, starrte auf den Tod, der ihr mit Gestank und Hässlichkeit entgegenschlug.

Einst ging ich fort,
um zu vergessen.
Dann kam ich zurück an diesen Ort
und wurde erinnert.
Es ist nicht die Zeit, die geht.
Es sind die Menschen,
die einen Moment nur in ihr wohnen.

Als sie sich umdrehte war da keine Tür mehr, die sie hätte schließen können, nur Schutt, Asche, erstarrte Lebendigkeit und tote Erinnerungen. Vor Jahren war es noch so einfach gewesen, eine Tür zu finden. Da war ein Haus, da war eine Familie, da war ein Tor zum Öffnen mit einem Weg davor, ihrem Weg, an dessen Ende er auf sie wartete. Alles ließ sie hinter sich, ihren Namen, ihre Identität, die Tränen der Mutter, den zornigen Finger des Vaters, das leise Weinen des Bruders. Er hielt ein Häschen in den Armen, sie nur einen einzigen Koffer. Schlangenleder. Ein Python ließ dafür sein Leben. Er hatte keine Wahl als man ihn häutete. Sie wählte das Ungewisse als sie ging. Doch sie ging mit schnellem Schritt, mit erhobenem Kopf und mit weißer Spitze unter ihrem Kleid…

Dies ist der Beginn einer Geschichte, nicht meiner. Es ist die Geschichte meiner Großmutter, die ich irgendwann vielleicht erzählen werde.

212

schreibchenweise

Und er lächelte, als er dich so liegen sah, mit diesem fadenscheinigen Rinnsal, das aus deinen Wangen kroch. Es roch nach Erdbeeren und Leid, nach welken Gedanken und schalem Schmerz. In einem Käfig sang ein Vogel nicht mehr. In deinem Mund erbrach sich Leben. In deinen Augen starb das Blau vor sich hin. Er hielt noch immer das Messer in deinem Herzen, da warst du schon lange fort. Ein Flüchtling in Phantasien. Während er an deinem Blut leckte, kroch dein Geruch bereits die Wände hinauf, 212, ergoss sich über dem Himmel in dir. Hässlichkeit ist keine Frage der Betrachtung, sie zahlt Miete, lenkt deine linke Hand. Und als der Mond erwachte, da ging er einfach aus der Tür.

Der neue Tag beginnt ohne dich. In einem Laden an der Ecke wird ein neues Messer gekauft. Tot. In einem Laden daneben ein neues Herz. Schlag. Und er lächelt noch immer, „… was für eine beschissene Farbe hatte diese Tür!“

 

Es war nett, mit Ihnen zu plaudern

schreibchenweise

Entschuldigung, ist hier noch frei? Danke. Wissen Sie, ich kannte mal einen, der war Ihrem hier sehr ähnlich. Ich erinnere mich noch, wie er da saß, der Herr Kowalski, etwas umständlich zwar, auf einer Arschbacke nur, die Eier eingeklemmt auf kaltem Unterboden, doch das war nicht sein eigentliches Problem, denn es goss in Strömen, und Herr Kowalski mochte keinen Regen. Um ihn herum bildete sich bereits eine dunkelbunte Pfütze, die er steif und fest zu ignorieren schien ohne eine Mine zu verziehen, und obwohl die Pfütze sich immer weiter ausdehnte und auch an Tiefe gewann, tat er tat keinen einzigen Schritt, weder vorwärts noch rückwärts, weder aus der Pfütze heraus noch um sie herum noch in sonst eine Richtung. Und so wurde er nass und nässer. Gummistiefel wären definitiv von Vorteil gewesen, doch die besaß Herr Kowalski nicht. Auch keinen Schirm. Nicht einmal einen wasserfesten Hut. Der hätte an ihm auch recht albern ausgesehen, ähnlich albern wie Gummistiefel, obwohl es die in wunderschönen und Herrn Kowalskis Äußeres aufgreifenden Farben gab, mit und ohne Musterung, mit verschiedenen Schafthöhen und unterschiedlicher Besohlung. Ich selber trage abwechselnd zwei Paar schöner Gummistiefel. Die einen haben Streifen und changieren von lichtem Grün zu pudrigem Rosé. Das andere Paar, mit einem nicht ganz so hohen Stiefelschaft ausgestattet und daher für weniger starke Regentage mit niedrigerem Pfützenstand sehr gut geeignet, besitzt Flecken in der Form und Farbe, wie sie Leoparden auf ihrem Fell zur Schau stellen. Das passt, denn das Fell von Leoparden und artverwandten Raubkatzen ist sehr gut imprägniert und dadurch ein sehr guter Schutz gegen die raue Natur, zu der auch Regengüsse zählen – genau wie meine raubkatzengemusterten Gummistiefel. Ich hatte mal einen Kater, der muss in seinem Familienstammbaum auch einen echten Wildfang gehabt haben, denn dieser Kater – ich nannte ihn Tüte, weil er kurz nachdem ich ihn abgemagert und ausgemergelt aus einem Feuer gerettet hatte, ihn mit Schlagsahne und Eigelb aufgepeppelt und ihm mit Brandsalbe die offenen Pfoten versorgt hatte, als erstes vor Angst in eine herumliegende Plastiktüte flüchtete – trug in seinem Fell ebenfalls dieses raubtierähnliche Fleckenmuster, das unseren überzüchteten Stubentigern über die Jahre der Domestizierung irgendwie abhanden gekommen zu seien scheint und einem reinen Streifenkleid gewichen ist. Tüte hatte beides, wilde Flecken und domestizierte Streifen. Genau wie meine Gummistiefel. Also wenn ich einen rechten von dem einen Paar und einen linken des anderen anziehen würde, könnte man mir eine gewisse Ähnlichkeit mit Tüte nachsagen. Was ich natürlich nicht tat und auch zukünftig nicht vorhatte, also das Tragen zweierlei verschiedenfarbiger Gummistiefel an unterschiedlichen Füßen. Es sei denn, ich verlöre den einen der Streifenstiefel oder den anderen der gefleckten. Aber warum sollte ich. Ich trage entweder die gestreiften oder die gefleckten. Punkt. Es ist ja nicht so, dass ich keine Wahl hätte, so wie Tüte. Der hatte keine Wahl, weder bei der Färbung und Beschaffenheit seines Beinkleides noch bei der Wahl seines Retters. Dabei hatte er ausgesprochenes Glück, an mich geraten zu sein. Es hätte ihn auch richtig schlimm treffen können. Er hätte ganz und gar verbrennen können und nicht nur fast, oder ein anderer Mensch, ein weniger tierlieber, als ich es war, hätte ihm einfach eins mit dem Spaten über den verqualmten Kopf mit den verbrannten Schnurrhaaren ziehen können, statt seinem Wimmern zu folgen und ihn zwischen glühenden Restwurzeln und dampfendem Dreck hervorzufischen. Ich hingegen, ich nahm mich seiner an, ohne auch nur eine Minute zu zögern. Obwohl ich keine Gummistiefel trug an diesem Tag. Es regnete ja auch nicht. Hätte es geregnet, dann wäre womöglich gar kein Feuer ausgebrochen, in das der arme Kater, das kleine Häufchen Elend, geraten wäre. Oder der Regen hätte das Feuer rechtzeitig gelöscht noch bevor das Tierchen halb darin verkohlt wäre. Aber es regnete nicht. Darum trug ich auch keine Regen abweisenden Schuhe. Als ich Tüte fand, kleideten mich Sandalen. Ich kann wunderbar Sandalen tragen, denn ich habe schöne Füße. Eine Sandale setzt einen schönen Fuß voraus, zwei Sandalen natürlich auch entsprechend zwei schöne Füße, auch wenn nicht viele in diesem Land meine Meinung dazu zu teilen scheinen, geht man nach der Wahl ihrer Beschuhung in Bezug auf die Beschaffenheit ihrer Füße, da sich diese nicht selten in einem recht unordentlichen Zustand befinden und sie selbige dann auch gerne in noch unschönere Sandalen stecken. Unschöne Füße in unschönen Sandalen gehören verboten. Auch unschöne Füße in schönen Sandalen. Für unschöne Füße sind Gummistiefel die bessere Alternative zu Sandalen, egal, ob schön oder nicht. Auch bei nicht vorhandenem Regen. In diesem Fall schützen sie den Träger nicht vor Nässe sondern die Mitmenschen vor einem unästhetischen Anblick. Ich fände es manchmal ganz angenehm, wenn wir uns alle mehr um das Wohl unserer Mitmenschen sorgten. Nicht, dass ich jetzt meinem Nachbarn, der im Übrigen über ein sehr unschönes Paar Füße verfügt, die ich einmal die Woche unfreiwillig zu Gesicht bekomme, da er es sich zur Angewohnheit gemacht hat, seine überaus sprießfreudigen Zehennägel im gemeinsam genutzten Hausflur zu beschneiden, und zwar immer genau dann, wenn ich morgens mit noch leerem Magen meine Wohnung verlasse, um zur U-Bahn zu eilen, ständig meine Gutmenschattitüde aufdrücken müsste. Aber ab und an sorge ich für ihn, indem ich ihm ein bis zwei Flaschen Bier mitbringe oder, wie erst kürzlich, ihm einen nagelneuen Fußabtreter vor die Tür lege, nachdem er meinen mehrfach malträtiert und damit etwas überstrapaziert hatte und sich mittlerweile ein kleiner Berg Schmutz unter meinem Abtreter anzusammeln begann, der nicht allein von mir stammen konnte. Ein Schmutzberg, der jeden Mittwochmorgen von unserer nicht ganz billigen Hausputzmannschaft gewissenhaft umreinigt wurde. Wenigstens entfernten sie die abgetrennten Fußnägel meines Nachbarn von den Treppenstufen. Dafür war ich jede Woche überaus dankbar und zahle gern die allmonatliche Erhöhung der Nebenkosten, Posten für Hausreinigung. Manchmal frisst auch die Katze von Gegenüber die Nägelreste noch vor dem Reinigungstrupp. Katzen und Hunde mögen abgestorbenes Gewebe, das weiß ich, denn der Hund meiner Cousine – der leider erst vor kurzem verstarb und Herr Kowalski hieß, was ein recht ungewöhnlicher Name für einen Hund ist, aber weil er auch ein recht ungewöhnlicher Hund war, passte der Name dann doch irgendwie – der liebte es, wenn man sich die Fingernägel feilte. Dann legte er einem seinen riesigen Kopf mit den Langen braunen Schlappohren auf die Knie, und mit stechendem Blick hypnotisierte er die Nagelfeile solange, bis man das Schmirgeln unterbrach, innehielt und ihm die Feile vor die Nase hielt. Etwas unappetitlich anmutend und für mich als Mensch auch in keiner Weise nachvollziehbar, beschnüffelte Herr Kowalski erst genussvoll das Feilwerkzeug um es dann in ganzer Ausgiebigkeit abzulecken. Das und Pansen mochte Herr Kowalski. Aber er mochte nicht im Regen gehen. So, hier muss ich raus, es war nett, mit Ihnen zu plaudern.

Der Tag danach

schreibchenweise

Der Narr in mir lässt mich denken, alles Normale wäre logisch und alles Logische wäre normal. Es ist dieser Narr in mir, der mich zu Tode langweilt.

Durch den Fensterspalt dringen viel zu zeitig Sonnenstrahlen und Vogelstimmen. Letztere zwingen sich in meine mit Wachs verschlossenen Gehörgänge, bilden Ausschlag in meinem Hirn. Zwitscherblasen, gepiepster Herpes. Meine Augen wollen sich nicht öffnen, als hätten sie Angst, die tausend Sonnen verbrennen mich mitten durch die Pupillen. An meinen Wimpern klebt Marmor.

„Ich kann meine Füße nicht bewegen.“

Dann lass es doch.

Neben mir sitzt ein Pferd. Es raucht. In meinem Bett. Ich hasse es, wenn jemand in meinem Bett raucht. Mir ist schlecht.

„Was tust du hier?“

Ich sitze und rauche.

„Das sehe ich. Warum tust du das und warum hier, bei mir?“

Du hast mich gewonnen, weißt du das nicht mehr?

„Du bist ein Pferd!“

Und du bist ein Narr.

Mein Hirn ist leer. Mein Magen brennt. Meine Füße gehorchen nicht. Ich wische mir den Marmor von den Augen und starre es an. Seine Nüstern blähen sich dezent als es den Rauch ausstößt. Ich würde ihm später einen Kaugummi anbieten, nehme ich mir vor.

„Ich muss arbeiten. Du kannst nicht hier bleiben.“

Warum nicht? Ich wohne jetzt hier. Außerdem ist heute Sonntag. Niemand arbeitet am Sonntag.

„Du wohnst hier nicht. Du bist ein Pferd.“

Soweit waren wir schon. Und ich sagte, du bist ein Narr. Das langweilt. Lass uns frühstücken.

„Entschuldige, aber mein Hafervorrat für diese Woche ist bereits verbraucht. Ich hatte Schweinchen Babe gerade erst zu Besuch.“

Sarkasmus ist ein Hilfeschrei, wusstest du das?

„Jetzt weiß ich es. Was bist du, mein Therapeut, meine moralische Fliegenklatsche?“

Ich bin dein Pferd. Das muss reichen.

Ich bekomme Angst. Die Erinnerung an mein Gestern ist so rappig wie sein Fell. Schwarz und ohne jegliche Schattierung. Einfach nur schwarz.

„Hast du einen Namen oder soll ich dich einfach nur Pferd nennen?“

Nenn mich Areion.

Unter der Dusche gelingt es mir nicht, einen klaren Kopf zu bekommen. Bruchstücke vergangener Stunden schieben sich ins Schwarz meiner Gedanken. Ein Tunnel. Helles Klirren. Der Geruch von gebratenen Eiern…

„Was ist das?“

Wonach sieht es denn aus?

„Ich weiß genau, was das ist, nur begreife ich nicht, was das alles soll. Und zu deiner Information, ich esse keine Eier. Scheiße, Mann, du bist ein Pferd. Du stehst in meiner Küche und brätst mir Eier. Was soll ich davon halten?“

Wenn du keine Eier magst, dann nehme ich sie. Was willst du stattdessen, Haferbrei?

Ich lasse mich auf meinen Küchenstuhl fallen. Kraftlosigkeit besiegt meine Beine. Von meinen Haaren tropft Verzweiflung. Ein irres Kichern schiebt sich durch meine Brust.

„Kannst du auch Kaffee kochen?“

Ist das eine rhetorische Frage? Ich bin ein Pferd, das in deiner Küche steht und Eier brät, natürlich kann ich Kaffee kochen.

Das irre Kichern befreit sich aus meinen Rippen und erbrüllt sich in die Küchenzeile während sich das Pferd eine weitere Zigarette anzündet. Mit fünf Löffeln Zucker ersticke ich meinen Kaffee und nehme mir ebenfalls eine.

Du rauchst? Das ist ungesund, das weißt du.

„Wie gebratene Eier für Pferde.“

Punkt für dich.

„Und was hast du jetzt vor?“

Das Gleiche wie du. Ich bin dein Pferd. Was hast du vor?

Die tropfende Verzweiflung ist unter mir zu einer großen Pfütze geworden. Ich lasse mich vom Stuhl rutschen, tauche in die betrunkene Stille. Gleißend schließt sich der Himmel über mir. Schwimmen. Davonschwimmen. Dahinschwimmen. Entkommen. Benommen. Ich öffne die Augen…

Dein Kaffee ist tot. Zieh dir dein Mi-Parti an und lass uns grasen gehen, draußen scheint die Sonne.

Eine Art Spiel

schreibchenweise

Was würdest du machen, wenn dies dein letzter Tag wäre?

Die Frage ist albern, dies ist nicht mein letzter Tag.

Und wenn doch?

Dann würde ich… ich weiß nicht, es gibt so Vieles, was ich dann gerne tun würde.

Was genau?

Du nervst, keine Ahnung. Vielleicht würde ich gerne all mein Geld abholen und auf einmal ausgeben. Einfach nur so, ohne an morgen zu denken. Ohne, dass die Bank anruft oder mein Konto sperrt. Shoppen bis zum Abwinken.

Dann hast du all den Kram gekauft, und dann? Dann ist dein letzter Tag vorbei und du kannst nichts damit anfangen.

Ich sagte doch, die Frage ist albern.

Denk nach. Die Frage ist nicht albern. Deine Antwort war es.

Na dann würde ich eben eine riesige Party feiern mit all meinen Freunden. Das wäre dann wie eine gigantische Abschiedsparty.

Aber die Organisation der Party würde doch schon deinen letzten Tag komplett vereinnahmen.

Herr Gott, dann eben keine Party. Ich denke, ich soll mir etwas wünschen?

Nicht wünschen, do sollst sagen, was du an deinem Letzten Tag im Leben machen würdest.

Das versuche ich ja, aber du lässt mich nicht.

Versuch’s noch mal, versuch’s besser.

Wenn dies mein letzter Tag wäre… jetzt ist es aber schon halb drei. Das ist ja gar kein ganzer Tag mehr.

Ich weiß.

Du spinnst.

Konzentrier dich, was würdest du tun?

Also dann würde ich vielleicht alles essen, was ich mir sonst immer verbiete. Ich würde Fettes und Süßes wahllos in mich reinstopfen, bis ich kotzen muss. Und dann würde ich weiter essen.

Du würdest dich tatsächlich an deinem letzten Tag, von dem du genau weißt, dass er gleich zu Ende ist, und ich meine zu Ende, nicht vorbei und ein nächster kommt, an dem würdest du dich mit irgendeinem Essen vollstopfen?

Was willst du eigentlich von mir? Es ist doch mein letzter Tag!

Eben, dann vergeude ihn nicht.

Was sollte ich denn deiner Meinung nach an meinem letzten Tag tun? Was würdest du denn machen?

Das erfährst du noch. Erst bist du dran.

Ist das eine Art Spiel?

Wenn du so willst. Ja, es ist eine Art Spiel. Also, mach weiter, denk nach. Was würdest du tun, wenn du genau wüsstest, ohne wenn und aber, dass dies dein absolut letzter Tag wäre?

Vielleicht würde ich einfach nur so da liegen, wie jetzt, in den Himmel schauen und nichts tun. Ich würde vielleicht darüber nachdenken, was ich bisher so gemacht habe und was nicht. Dann würde ich mich vielleicht an Dinge erinnern, die ich vergessen hatte, Dinge, wie einen flüchtigen Kuss oder eine zufällige Berührung. Ich würde mich an Kleinigkeiten erinnern wie den ersten Kratzer in meinem neuen Fahrrad. Ich würde vielleicht darüber nachdenken, dass ich dir einmal wehgetan habe. Ich würde daran denken, wie wir uns wieder vertragen haben. Ich würde mich vielleicht daran erinnern, wie es war, als mein Vater gegangen ist und meine Mutter tagelang weinte. Ich würde versuchen mir vorzustellen, wie es gewesen wäre, wenn meine beste Freundin nicht in eine andere Stadt gezogen wäre. Ich würde mich daran erinnern, wie es war, als ich Schwimmen lernte und fast ertrunken wäre. Dann würde ich vielleicht darüber nachdenken, wie es wäre, wenn ich reich wäre oder unsterblich, oder reich und unsterblich.

Und dann wäre dein letzter Tag vorbei und du hättest nur nachgedacht. Findest du das sinnvoll?

Ach jetzt muss es auch noch sinnvoll sein? Ich soll nicht blödsinnig konsumieren, ich soll mich nicht wahllos vollstopfen, ich soll nicht meine Zukunft bunt ausmalen, wie es mir gefällt – was willst du eigentlich, das ich tue?

Es geht doch nicht darum, was ich will, das du tust, sondern darum, was du wirklich tun solltest, wenn das dein letzter Tag wäre.

Dann lass ihn mich doch so gestalten, wie ich möchte.

Lass ich. Ich will dich nur sensibilisieren. Ich will dir noch eine Chance geben.

Was soll das denn jetzt. Das ist ein echt blödes Spiel.

Denk nach, denk richtig nach. Es ist dein letzter Tag. Du liegst neben mir, genau wie jetzt. Alles ist genau wie jetzt. Alles ist jetzt, jetzt ist alles. Heute ist dein letzter Tag. Was würdest du jetzt tun?

Dich küssen?

Falsche Antwort. Die Zeit und der Tod lassen sich nicht küssen, sie ficken dich einfach. Du hättest vorher wegrennen sollen…

Die brave Inge

schreibchenweise

Väter lieben ihre Töchter immer auf ganz besondere Weise…

Die kleine Inge war ein braves Mädchen. Sie trug brave Zöpfe, hatte brave Füße in brav gebundenen Schnürschühchen und einen braven Rock, der ihre braven Knie brav bedeckte. In Inges bravem Gesichtchen lächelte ein braver Mund, der nur ganz selten die kecke Zahnlücke entblößte. Dann wirkte die kleine Inge nicht mehr ganz so brav. Darum wollte ihr Vater, dass die kleine Inge den Mund lieber nicht öffnete, jedenfalls nicht, um so keck zu lachen.

Jeden Mittwoch ging die kleine Inge zum Ballettunterricht. Körperhaltung ist schließlich wichtig für eine junge Dame. Das fand auch Inges Mutter, die sehr darauf achtet, dass Inge Haltung bewahrte, auch außerhalb des Ballettraumes. Und Inge gab ihr Bestes – auch außerhalb des Ballettraumes. Inge half ihrer Mutter, wo sie nur konnte: im Haushalt, bei der Wäsche, bei der Versorgung der Hunde und bei der besonderen Betreuung ihres Vaters.

Darin war Inge gut, genau wie in der Schule. Ihre Noten lagen immer im oberen Durchschnitt, ganz zur Freude von Inges Lehrerin, Inges Mutter und zur besonderen Freude des Vaters. Brachte die brave Inge eine gute Note heim, dann gab es eine Belohnung, manchmal von der Mutter, meistens vom Vater. Überhaupt belohnte der seine kleine Inge besonders gerne und besonders oft. Er liebte seine Tochter – besonders.

Die brave Inge liebt Heiner, auch heute noch. Heiner ist schon etwas struppig, hat ein abgerissenes Ohr und ihm fehlt die karierte Weste, die er einst über der braunen Fellbrust trug, als der Vater ihn der kleinen Inge in den Arm legte. Als Belohnung, weil Inge so tapfer war. Jetzt ist Heiner fast nackt, ohne Weste, kaum noch mit Fell bedeckt. Aber das macht Inge nichts aus, Nacktheit kennt sie. Nacktheit ist in Inges Welt kein Tabu, denn Nacktheit gehört zu Inges Alltag wie einst der tägliche Weg zur Schule, der wöchentliche Ballettunterricht oder die regelmäßigen Besuche beim Vater. Den sah Inge oft nackt. Auch heute noch.

Früher, im Sommer, da spielte die kleine Inge gern nackt im Planschbecken der Nachbarn, zusammen mit Björn. Björn ist genauso alt wie Inge, ging aber noch nie zum Ballett. Björn war auch nie so brav wie Inge. Björn war manchmal sogar ein ganz schöner Rüpel, der sich prügelte und darum oft Schrammen hatte. Einmal kam Björn mit einem blauen Auge und einer Platzwunde am Kopf nach hause. Und wenn Björn dann lachte, weil er fand, dass ihm das gut stehen würde und ihn irgendwie männlich machte, hatte er genau so eine Zahnlücke wie Inge. Das fand auch Inge schön, denn so hatten die beiden etwas gemeinsam. Wenn Inge ihm daraufhin ein Pflaster auf seine Platzwunde klebte und ihm einen zarten Kuss darüber hauchte, dann war Björn gar kein Rüpel mehr, sondern einfach nur Björn. Inge hätte gerne viel mehr Zeit mit Björn verbracht, aber das ging damals nicht, weil Inge sich um ihren Vater kümmern musste.

Das tut sie auch heute noch. Und auch heute wird er ihr wieder sagen, dass er sie liebt und dass sie etwas ganz Besonderes für ihn ist. Auch heute wird er dabei nur still liegen bleiben und sie beobachten. Und wenn Inge dann Tränen in den Augen hat, wird er sie anschauen und sagen: „Sei brav, du schaffst das schon.“ So wie immer.

Und dann wird Inge weinend das Zimmer verlassen, in dem ihr Vater regungslos liegt, seit er vor Jahren diesen Unfall hatte. Sie wird ihren weißen Kittel ausziehen, die bequemen Schuhe gegen ein paar elegantere tauschen und nach Hause gehen, zu Björn.

Andy war hohl

schreibchenweise

… aber er liebte seine Tomatensuppe, die ihn besonders an Tagen der Einsamkeit und Stille an die einzige Frau in seinem Leben erinnerte, die ihn glücklich machen konnte.

Er konnte wirklich nichts dafür, seine Mutter war Schuld. Als Andy noch ganz klein war, da sagte sie immer zu ihm: „Schatz, das musst du nicht wissen. Es reicht, wenn ich das weiß. Wenn du groß bist, dann ergibt alles schon einen Sinn.“ Und irgendwann gab Andy das Fragen auf und wuchs mit dem sicheren Gefühl der Pubertät entgegen, dass Mutti ihm schon sagen würde, wenn irgendetwas nicht stimmte. Oder wenn irgendwann der Sinn fehlte. Oder wenn er irgendwas oder irgendwen besser nicht anfassen sollte. Oder wenn er irgendwo besser nicht hinschauen oder hinhorchen sollte. So verschwanden allmählich die Worte der Neugier, dieses ständige Wieso, Weshalb und Warum, aus Andys Sprachgebrauch und an ihrer Stelle nistete sich Stille in seinem Kopf ein. Diese geistig-blasse Unberührtheit führte dazu, dass Andy unbeholfen aber glücklich wirkend durch seine Kindheit und Jugend tappte. Mitmenschen, die Andy nicht kannten, sagten hinter vorgehaltenen Händen, hinter vergilbten Gardinen und hinter flüchtig gestrichenen Wänden: Andy war hohl.

Ein wenig hatten sie wohl recht damit. Er war kein Genie oder Hochleistungssportler, wie sie in China geboren gezüchtet wurden. Er war auch kein Künstler, er trug weder eine exzentrische Frisur noch hatte er ein Gespür für Ästhetik. Er konnte weder malen noch singen noch sonst irgendwie musizieren noch schöne Skulpturen basteln. Hätte er geahnt, dass man allein durch die Abbildung einer Dose Tomatensuppe die Menschen begeistern könnte und sie einem dadurch Achtung und Respekt entgegenbringen würden, weil man etwas ganz Besonderes geschaffen hatte – weil man jemand ganz Besonderes war – er hätte vielleicht doch die ein oder andere Frage gestellt, er hätte vielleicht doch versucht, den ein oder anderen Zusammenhang zu begreifen und Rückschlüsse daraus zu ziehen. Das tat er nicht. Er aß still und geduldig die Tomatensuppe seiner Mutter, stippte Brot hinein, wunderte sich nicht, dass dieses erst schwamm und dann vollgesogen unterging um – wartete er zu lange – zu undefinierbaren Klumpen zu zerfallen und sich vollends aufzulösen. Er fragte auch nicht, warum es brannte, wenn er die kochend heiß servierte Suppe schluckte oder warum seine Mutter manchmal weinte, wenn sie sich nach dem Abwasch der Tomatensuppenteller allein in ihr Zimmer zurückzog und sich selbst Ohrfeigen gab, die dumpf klatschend durch die halb geschlossene Tür in den Flur schlichen.

Andy war hohl, das stand für alle fest, nur für seine Mutter nicht. Für sie war er etwas ganz Besonderes. Denn eines konnte Andy besser als all die Kinder seiner Schule und das war etwas, was neben den Lehrern auch seine Mutter sehr an ihm schätzte. Andy konnte stillsein und stillsitzen wie niemand sonst. Während andere plapperten, zappelten oder unentwegt etwas kaputt machten, während sie rannten, tobten, sich rauften und sich in ihrem jugendlichen Kräftemessen gegenseitig die Fäuste, Bäuche, Muskeln und Intimbereiche zeigten, saß Andy einfach nur da und… wartete. Andy wartete darauf, dass er endlich groß wurde und alles einen Sinn ergab, genau so, wie seine Mutter es ihm immer zu prophezeien pflegte.

„Hey, Schwachkopf! Du Hohlbirne, was sitzt’n da so dämlich rum? Auf was wartest’n? Auf die Zahnfee, dass die dir endlich mal einen runterholt?“

Andy kümmerte sich nicht weiter um solche Zurufe. Er hatte sich daran gewöhnt und auch daran, dass sie ihn wieder in Ruhe ließen. Sein stoisches Nichtreagieren auf jegliche Umwelteinflüsse oder menschliche Aufmerksamkeiten ließen ihn unantastbar werden. Es schien fast so, als hätte sich mit der Zeit um Andy eine Art Glocke gebildet, durch die keinerlei schulkindliche Angriffe zu ihm durchdrangen und durch die auch keinerlei Emotionalität mitteilsam nach draußen gelangte. Und irgendwann machten alle einen Bogen um Andy und ließen ihn das sein, was er war: ein stiller, nichtssagender Junge mit leerem Blick, der auf etwas oder jemanden zu warten schien. Das war gut. Er mochte es zu warten. Er mochte es, dass sich in seinem Kopf Milchglasstimmung ausbreitete. Und er mochte seine heiße Tomatensuppe mit Brotstippe, die er jeden Abend von seiner Mutter serviert bekam, auch wenn sie danach weinte.

Eines Tages war Andy 17. Es ging so schnell, dass seine Mutter einen Schreck bekam, als es soweit war. An Andys Waden sprossen dunkle Haare, sein Gesichtsausdruck wurde markanter, genau wie sein Geruch. Andy war noch immer hohl im Kopf, doch in seinem Körper regte sich dafür umso mehr Leben – Empfindungen, die er nicht einzuordnen, geschweige denn zu unterdrücken wusste. Das Stillsitzen fiel ihm zusehends schwerer und das Milchglas im Kopf wich einem kehligen Brummen, dessen Vibrationen sich bis hinab in seine Lenden schlichen.

Andys Mutter missfiel diese Veränderung ihres einzigen Sprosses, die selbst sie nicht aufzuhalten vermochte. Und sie hatte sich solche Mühe gegeben. An einem Donnerstag setzte sie darum zum unvermeidbaren Gespräch an. Dieser ungewohnte Ausflug in die Welt der Kommunikation irritierte Andy so sehr, dass er sich an einem Tomatensuppenstippbrotstückchen verschluckte, stark zu husten begann und sowohl Tomatensuppe als auch Brotstücken aus dem Mund zurück auf den Tisch und dort quer über Tischlaken und Geschirr verteilte. Zugegeben, vorher sah das abendbrotliche Arrangement etwas schöner aus.

„Ich weiß, das kommt jetzt überraschend, aber ich muss dir etwas erklären.“

Andy starrte seine Mutter mit offenem Mund an. Aus seinem Mundwinkel troff rote Stippe. Seine Augen spiegelten Verstörung. Während sie nach den richtigen Worten suchte, wischte Andys Mutter das verhustete Übel ihres Sohnes so gut es eben ging von der blütenweißen Jungfräulichkeit des Tisches.

„Du bist jetzt kein Kind mehr. Du bist fast so etwas wie…“ Sie stockte. „… wie ein Mann. Und, nun ja, als solch ein Mann wirst du wohl oder übel solch männliche Gefühle entwickeln, die…“ Und wieder suchte sie nach dem richtigen Vokabular, das ihr nicht so recht über die Zunge kommen wollte. Sie holte tief Luft und stieß den Rest des Satzes so stark und schnell hervor, dass Andy ein weiteres Mal geräuschvoll husten musste. „… im Geschlechtsakt mit einer Frau enden könnten.“

Und dann geschah etwas sehr Ungewöhnliches, etwas, das Andys Mutter als ausgestorben wähnte. Ihr Sohn stellte eine Frage.

„Was ist Geschlechtsakt?“

Das Geräusch, das auf diese Frage folgte, verankerte sich als sehr unangenehm in Andys Kopfstille. Es klang wie ein erwürgtes Schreien gefolgt von einem dumpfen Aufprall, dem ein Scheppern nachsprang. Als wieder Stille herrschte hing Andys Mutter in einer grotesken Pose inmitten von zerbrochenem Geschirr auf einem nicht mehr weißen Tischlaken eine Suppenschüssel umklammernd und verdrehte die Augen.

Andy saß nur da. Und wartete. Er wartet noch immer. Nur seine Jacke ist heute etwas eng und die Schnallen am Rücken drücken. Aber die Wände sind so herrlich milchig und es ist still, wie in seinem Kopf. Andy war glücklich.

Ich trage einen Fisch in mir

schreibchenweise

Betta splendens tanzt im Formenkreis, ein Auf und Ab, das jeden Kompass Lügen straft.

Ich trage einen Fisch in mir. Che Rry schmeckt seine Farbe, ihn schmückt ein schöner Schwanz. Betta splendens. Tief in meinem Herzen steckt eine seiner Schuppen. Es schmerzt ein wenig. Ich schlucke ein Rezept dagegen, das lärmt mich wieder still. Love is the Devil und der Fisch schwimmt weiter im Feuermeer. Er taucht. Unter. Ein. Nicht wieder auf. Und wenn, dann ringt er nach Luft.

Ich ringe nach Boden, denn meine Füße sind zum Fliehen da. Zum Treten. Ihre Spuren brennen sich in Haut, die Narben schlägt. Meine zieh’ ich einfach aus, springe aus dem Ichgewand. Dann liegt es dort. Am Boden. Stirbt. Jeden dieser Tage ein bisschen mehr. Der Fisch trägt Tränen. Aus meinen Augen tropfen seine Schuppen auf die Straße. Schaumnestpfützen. Und mir ist kalt dabei.

Fische schwimmen nicht auf Straßen, sie vertrocknen dort. Love is the Devil und mein Fisch wird auf dem Teer ertrinken. Schwarzer Teer. Roter Che Rry. Ich bleibe farblos.

An meinem Fenster

schreibchenweise

Du sollst nicht über Gullies geh’n, du sollst nicht in den Abgrund seh’n. Und wenn, dann nimm den Falco mit.

Regen peitscht bösartig die Straße, drischt wie eine kätzische Domina auf den Asphalt. Die Tropfen am Ende jeder Nasspeitsche zerplatzen. Und sterben. Unter der Straße zerrt ein Rauschen am Gehör. Die Unterwelt ist schwarzer Fluss. Ratten suchen nach einer rettenden Arche, Plastik verwirbelt sich ziellos in gurgelnden Strudeln. Staub ertrinkt. Oben weint die Nacht. Himmel und Horizont kopulieren während in den Häusern das Schweigen brüllt. Kaum ein Licht, keinerlei Herzschlag, Lebendigkeit „träuft mit Mozambin“  dahin und beginnt zu stinken.

Nur bei ihm ist Licht. Er blickt aus hohlen Augen, die in einem schönen Kopf stecken. Noch. Makellose Körper verkaufen sich besser. Für Intelligenz bezahlt kaum einer, wenn der Schwanz zu klein ist. Und es plaudert sich so schwer mit vollem Mund. Dieser ist so schön, so voll, so zartlippig, mit einem Zungenspiel, das bekannt, begehrt, berüchtigt fast. Ungedruckte Flugblätter zitieren seinen Namen von Ohr zu Ohr. Männer und Frauen verlangen nach ihm, auch weil er – oben wie unten, von hinten wie von vorne – eine Zier ist. Eine Gier ist. Weil er willig ist. Weil er billig ist. Noch.

Ich beobachte ihn und ihn und sie und ihn, sie alle, wie sie sich reiben, lutschen und winden, wie Zähne sich in Fleisch bohren, wie Brüste an Schwänzen ziehen, Zungen sich in welke Blüten schieben, wie alte Lenden auf pralle Ärsche klatschen. Ein Geräusch, genau wie das der Regenpeitschen. Draußen. Auf der Straße. An meinem Fenster. Ich wünsche mir die Nacht endlos. Ich bin in Raum und Zeit gefangen.

Die Gosse schläft nicht. Sie hält nur manchmal still, einen Moment lang, einen Zeigerschlag vielleicht, mehr nicht. Keine Zeit für Zeugen. Im Boden klafft jetzt ein Loch, das den Urin der Regenstraße schluckt, sich ergießt wie „die Donau außer Rand und Band“. Auf ihr schwimmt ein Schuh, stürzt sich hinab, wird Ratte mit zwei Senkelschwänzen. Der Gullydeckel gilt als vermisst, der Jüngling nicht. „Der hat sich verpisst!“ – schreit’s durch die Nacht. Ich schweige.

Mein Fenster bleibt leer, starre nur auf Wachs. Himmel und Horizont verlieren sich aus den Augen. Müde. Unter der Stadt liegt der Tod. Sein Mund war so schön, so voll, so zartlippig. Jetzt fehlt ihm ein Schuh.

Mein schönstes Ferienerlebnis

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… oder: Wie sich mein erster Berufswunsch etablierte

Neulich hatte ich Ferien, das war echt toll. Meine Eltern schickten mich in ein Camp. Ich solle mal die Natur kennenlernen, meinten sie, weil ich doch immer nur in meinem Zimmer säße und gar nicht genau wüsste, was so in der echten Welt da draußen passieren würde. Echte Welt, Natur… was dachten die denn, wer ich bin? Es gab doch Internet. Da erfährst’e doch alles und weißt sofort, wie und wo der Hase läuft. Dank http://www.bunny-nature.de erschließt sich dem neugierigen Jugendlichen die Welt der artgerechten Tierhaltung mit allem Drum und Dran. Und wer auf große Hasen mit großen Ohren steht, na der findet im Internet auch schnell die entsprechenden Leerseiten Lehrseiten, auch mit allem Drum und noch mehr Dran.

Dennoch, Mutti und Vatti meinten also, dass ich, der etwas verkümmerte Stammhalter der Familie, endlich reif für ein echtes Camp mit echten Jungs in echter Natur wäre. Scheiße, ich sah das anders.

Da stand ich also, das Köfferchen in der einen, das ausgewogene Verpflegungsset in der anderen Hand. Vor mir eine Horde Halbwüchsiger, hinter mir winkende und heulende Eltern, dazwischen die unendliche Weite… und ich. (Im Film würde hier der „Vertigo-Effekt“ einsetzen, um meine Gefühlslage zu verbildlichen – stellt es Euch also bitte entsprechend vor). Mein Magen krampfte, meine Augen staubten aus, ich bekam Tinitus (kann aber auch am Geschrei einer hysterischen Mutter links hinter mir gelegen haben). Sprich, mein ganzer Körper zeigte Verweigerungsreaktionen. Ich schluchzte. Heimlich. Innerlich. Ich vermisste jetzt schon meinen Heimcomputer in meiner heilen wwwWelt, meine unpersönlichen Freunde, meine Ruhe.

Zwei Nächte und drei Tage später hatte ich meinen ersten echten Freund, Jan-Hendrik. Ganz ehrlich? Er war bescheuert. Aber er war der Einzige, der sich mit mir abgab. Nicht, dass ich großen Wert darauf gelegt hätte, mit Leon, Finn oder Julius zu spielen. Die waren grob. Jan-Hendrik war zart. Sehr zart. Meine Oma hätte ihn gemocht, dann hätte sie jemanden einstricken können. Ich weigerte mich immer. Zu meiner ausgeklügelten Einstrick-Verweigerungs-Strategie gehörte die schrittweise Entwicklung einer wunderbar ausgeprägten Wollallergie (ja, sowas lernt man nicht in der echten Welt sondern im Internet). Jan-Hendrik reagierte allergisch auf Nickel. An seinen Hosen waren sämtliche nickelhaltigen Knöpfe und Nieten durch Plastikknöpfe ersetzt worden, mitunter sehr stümperhaft. Es sah wirklich albern aus, vor allem an Jeans. Aber wenigsten würde er sich so nicht die ganze Zeit am Sack kratzen, wie er mir versicherte. Darüber war ich froh.

Das Camp war okay soweit, wenn man von den vorpubertären Hänseleien durch die oben schon erwähnten drei Bastarde absieht. Ich lernte eine Menge über die Natur. Zum Beispiel, woher Brennnesseln ihren Namen haben und dass man kopfüber hängend nicht pinkeln sollte. Und dann war da noch Jenny. Eigentlich gehörte sie nicht zum Camp – klar, da waren ja nur Jungs und Jan-Hendrik. Jenny brachte morgens die frischen Brötchen. Ihrer Mutter gehörte die Bäckerei unweit unserer Einrichtung. Meine Oma würde jetzt mit dem Kopf schütteln. Aber hey, es war, was es war, eine Einrichtung. Und Jenny passte dort hinein wie eine Erdbeere auf den Fahrersitz eines Schwerlasttransporters. Sie war etwas Besonderes.

Sie hatte goldene Haare, wie die Farbe ihrer Brötchen. Und sie duftete auch so, genau wie ihre Brötchen. Und ihre Muschi sah genau so aus, wie eines ihrer Brötchen. Sie meinte, ich solle mal meinen Finger reinstecken. So ungefähr muss sich frischer Brötchenteig anfühlen, warm und weich und ein wenig feucht, dachte ich, schloss die Augen und war ganz Finger. Zuerst stocherte ich etwas unbeholfen in Jenny herum. Sie raunte mich an, ihre Pussi sei doch nicht meine Nase, die ich auf der Suche nach störendem Inhalt durchforsten würde. Jenny nahm daraufhin meinen Finger aus ihrer Muschi und schob ihn sich in den Mund. Ich bekam Schluckauf, nur ganz kurz, aber ganz heftig. Meine Oma würde sagen, das war ein ausgewachsener Rülps. Dann spielte Jenny mit ihrer Zunge an meinem Finger, schob ihn hin und her, sodass er die fleischigen Innenseiten ihrer Wangen streifte. Dann wieder kringelte sie ihre Zunge um meine Fingerkuppe, lutschte kräftig daran und sog meinen Finger so stark in sich hinein, dass ich ihr Zäpfchen berührte und ich dachte, gleich kotzt sie mich an. Aber sie verdrehte nur die Augen und stöhnte. Dabei floss ihr ein wenig Sabber aus dem Mund. Dann zog sie meinen Finger aus ihrer Schnute, spuckte drauf, wischte sich den Sabber von den Lippen und schob meinen Finger zusammen mit ihrer Spucke zurück in ihr Brötchen. Wahnsinn. Bisher hatten meine Hände immer nur verkrampft auf der verklebten Tastatur meines Computers rumgefingert. Jetzt steckte eine von ihnen abwechselnd in einer Brötchen-Muschi und im schönsten Mund jenseits des Himmels.

Jenny fragte mich, was ich fühlen würde. Ich konnte nur aufgeregt rülpsen. Sie meinte, ein Mund sei fast genauso beschaffen wie eine Möse (sie sagte Möse, nicht ich!) und ich solle mit meinem Finger einfach das in ihrem Brötchen (das sag jetzt ich) machen, was sie mit meinem Finger vorher in ihrem Mund tat. Ich hatte keine Ahnung, wovon sie sprach. Aber in mir manifestierte sich ein Berufswunsch: Bäcker.

Heute bin ich Software-Entwickler bei IBM.

Die Läuferin

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… oder: Wie alles begann (1)

Der Waldboden war trocken, dennoch roch es feucht hinter den Bäumen. Frühlingsfeucht. Ein Zartgrün schob sich unter rostigen Altblättern hervor, noch etwas mühevoll aber mit ungebremstem Drang dem Licht entgegen. Dünne Pflänzchen, dünne Blätter, dünne Triebe, zu zart für schweres Schuhwerk und harte Tritte. Noch lag Stille über dem Wald. Irgendwo in einem der winterkahlen Wipfel sang ein rothalsiger Vogel seiner Sonne entgegen. Kleines Kehlchen, schöne Stimme, auf der Suche nach Anschluss in dieser Stille. Den wird er bald finden. Der Tag sorgte schon dafür, dass ein solch wunderbarer Sänger mit solch wunderbarer Zeichnung nicht lange allein bleiben würde. Die Schönsten blieben nie lange allein. Die Schönsten weckten Verlangen, Begierde mitunter. Die Schönsten zogen Andere an, auch weniger Schöne – bisweilen. Und dann kann es unschön werden – vereinzelt.

Bewusst atmen. Denk an deine Atmung. Ausatmen ist genauso wichtig, wie einatmen. Ein, zwei Schritte durch die Nase ein, pump dich voll. Mindestens doppelt so viele Züge wieder aus. Benutze deinen Mund. Mach deine Lungen richtig leer. Spüre es.

Das Kehlchen flog davon, verschreckt, gestört in seinem Liebeslied, das ungehört verstummte. Schritt um Schritt flogen die Bäume an der Läuferin vorbei, nicht hastig, nur beflügelt. Wurzelwerk kreuzte ihren Weg, ließ sie zur Gazelle werden. Ihre Schritte waren ganz leicht und so hellgrün wie die ersten Bodenblüher. Ihre Schuhe waren Air. Frühlingsair. Nur ihr Herz war etwas schwer und angefüllt mit Ballast. Das drückte. Noch mehr Druck, und es würde eine unschöne Blase bilden, voll der Tränen. Dann müsste sie ihr Herz aufstechen, so dass die Wundflüssigkeit ablaufen könnte. Und ein Pflaster müsste sie darüber kleben, damit kein Dreck in die offene Herzwunde käme. In Zukunft wollte sie auf sich achten.

Lass einfach alles los, wenn du läufst. Deine Gedanken, deine Gefühle, wirf sie mit jedem Schritt hinter dich. Dein Kopf wird frei, dein Blut reinigt sich vom Alltagsdunkel. Dein Körper ist nicht mehr Fleisch und Knochen, er ist rotes Adrenalin mit weißen Endorphinflügeln.

Weil das Blut in ihren Ohren rauschte, hörte sie das Knacken der Äste nicht. Morsches Astwerk unter schweren Füßen. Schwere Füße an groben Körpern. Grobe Körper unter hohlen Köpfen. In ihren Händen hielten sie harte Eisen, zackige Werkzeuge, bestialische Fallen, die Grausames verrichten sollten, dort im Wald, wo nur der Frühling grasen wollte. Es waren vier Unschöne. Und sie, die Schöne, sie hatte ein ebenso unschönes Verlangen in ihnen geweckt.

„Das nenn‘ ich mal einen feinen Fang. Haltet sie fest, haltet sie doch fest verdammt. So wird das nichts. Scheiße, seht zu, dass sie nicht mehr schreien kann. Macht, dass sie endlich still ist. Stopft ihr den verdammten Mund!“

Frühlingsair. Atme. Durch die Nase ein. Ein. Ein. Atme. Bewusst. Aus.

Das Bewusstsein wich. Das Rauschen in ihren Ohren verstummte wie kurz zuvor das Singen aus der kleinen Kehle im kahlen Baum. Dumpfes Gelächter und Bosheiten krochen über den Waldboden, der jetzt nicht mehr ganz so trocken war. Unbeherrschte Gier zerwühlte das Laub, mischte sich mit dem Geruch panischer Angst, mit dem Geruch ausgehauchter Seele. Ihr Mund wurde gebraucht. Nicht mehr zum Atmen. Ihre Lungen wurden leer und nicht wieder gefüllt. Nie mehr.

„Bindet sie da an den Baum. Ja verdammt, an den Baum. Setzt sie aufrecht hin, die Beine breit, noch breiter. Ja genau. Genauso, als würde sie es wollen. Los, jetzt seid ihr dran…“

Ganz in der Nähe erwachte Michi mit dem buschigen Schwanz, putzte sich die Nacht aus den Augen und kletterte aus seinem Kobel. Die frischen Düfte des nicht mehr aufzuhaltenden Frühlings lockten. Sein Magen war leer und knurrte nach Füllung. Die Sonne blendete bereits und Michi der Eichkater griff zur Ray Ban, bevor er an seinem Baumstamm hinunterflitze und geradewegs in die Eisenfalle tappte. Dumme Brille. Bissiges Eisen. Armer Eichkater. Pochende Pfote.

Zur gleichen Zeit strahlte Hendrik, der Ranger, seinem Vater entgegen, während der ihm mit feierlicher Geste die Nobile Grade II mit ihrem edlen Nussbaumschaft überreichte. Im Wald hinterm Haus war es wieder still, vorerst, die schweren Schritte fort, für den Moment. Ein paar hellgrüne Airs lagen verstreut unter dem Laub, das noch immer dem Winter gehörte. Auf einem klebte Rot, beim zweiten fehlte der Senkel.

Die Farbe passt so gar nicht zu ihrem Kleid

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Die Ampel vor ihnen kann sich nicht entscheiden. Blut – Eiter – Galle – Eiter – Blut – Eiter – Galle – Eiter – Blut.

Er gibt Gas und sie wird in den Sitz gedrückt. Stadtlichter fliegen vorbei. Die Nacht ist schweißig. Sein wütender Blick starrt auf die Straße, ihr wütender Blick starrt auf ihn, durchtrennt seine Halsschlagader. Sein Blut schießt ihr entgegen. Es schmeckt süß aber nicht gut. Es schmeckt nach überreifen, schimmligen Erdbeeren. Und es ist eine Nuance zu rot. Diese Farbe würde so gar nicht zu ihrem Kleid passen, denkt sie.

„Du bist so ein Arschloch.“

„Genau das willst du doch, dass ich ein Arschloch bin.“

Sie schüttelt den Kopf. Als wenn er wüsste, was sie wollte? Er hat keine Ahnung. Wie auch. Hätte er auch nur einmal genauer hingehört, wenn sie an ihm herumkritisierte, dann hätte er die unterschwelligen Änderungsvorschläge als die Botschaften erkannt, als die sie gedacht waren. Aber die Mühe macht er sich nicht. Er steckt all seine Kraft in das eigene Bedauern, in das ständige Zusammensacken, Aufrappeln, Stolpern, Kriechen, Siechen. Dieses Siechen ist unästhetisch. Siechtum hat die erotische Ausstrahlung von faulen Eiern. Durch den Gestank sinkt man ohnmächtig zu Boden, dann frist sich das Ammoniak in die Lunge, macht sich als bestialische Ödeme breit, die wie Rosinen an den Lungenbläschen kleben. Man kann nicht mehr atmen.

„Was willst du denn jetzt damit sagen?“

„Ihr Frauen wollt doch immer Arschlöcher. Frauen verstehende Arschlöcher.“

Plötzlich ist nicht mehr sie das Ziel, jetzt sind es alle Frauen. Auch seine Mutter und seine Ex-Freundin sind Frauen. Aber die dürfen nicht erwähnt werden. Die Mutter bleibt aus dem Spiel, egal, wie das Verhältnis zu ihr ist. Die Ex-Freundin bleibt auch außen vor und wird immer nur dann von ihm wiederaufbereitet und zur besten Freundin befördert, wenn es gerade passt, egal, wie das Verhältnis zu ihr war. Aber beide dürfen niemals in eine solche Arschloch-Diskussion eingeführt werden. Das ist tabu.

„Geh doch zurück zu deinem Ex-Stecher, du blöde Schlampe. Bei dem ist ja anscheinend alles besser, sein Schwanz, seine Wohnung, sein Schuhgeschmack.“

Jetzt muss sie lachen. Er hat wirklich nichts kapiert. Sein Ego trägt Schrammen, die ihre Krallen hinterlassen haben. Kleine, triefende Furchen, die sich grün füllen mit Gallensaft. Nun muss er dringend sein Revier markieren. Wenn er könnte, er würde im Fahren sein Geschlechtsteil aus dem Auto hängen und gegen den Wind pissen. Er gibt Gas. Die Straße rennt ihnen entgegen.

„Fahr doch noch schneller, dann komme ich wenigstens rechtzeitig zu meinem besseren Fick in seiner besseren Wohnung.“

Wut schwappt in seine Augen. Seine Hände masturbieren das Lenkrad während sich ihre in den Sitz krallen. Sie schnallt sich an. Die Ampel vor ihnen kann sich nicht entscheiden. Blut – Eiter – Galle – Eiter – Blut – Eiter – Galle – Eiter – Blut.

Sein Gesicht klebt auf dem Asphalt. Überall verteilt sich Gekröse in der Nacht. Aus der Motorhaube steigt Dampf in den Himmel, blass-gelb wie aus einer Friedenspfeife. Sie steigt aus dem Auto oder besser aus dem, was davon übrig ist. Ihr linkes Auge schwillt an, sie kann kaum etwas sehen, stolpert auf ihn zu. Drei, fünf, siebzig Stunden wacht sie neben ihm, horcht in die Stille, lauscht, ob er noch atmet. Dann kniet sie sich hin und nimmt seinen Kopf – oder das, was davon noch übrig ist – und legt ihn sich in den Schoß. Die Farbe passt so gar nicht zu ihrem Kleid.

Warum?

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Wir sind, was wir sind. Wir tun, was wir tun. Weil wir es können.

Was ist das?

Das ist eine Blume.

Was macht die.

Sie blüht.

Warum blüht sie so schön?

Damit lockt sie Bienen an, die ihren süßen Nektar und ihre Pollen sammeln. Dann verwandeln sie beides zu Honig, und davon ernähren sich ihre Nachkommen.

Und was ist das?

Das ist ein Baum.

Was macht der?

Nun, der spendet Sauerstoff, damit andere Lebewesen atmen können. Sonst würden sie alle ersticken.

Was ist das?

Das ist ein Mensch.

Was macht der?

Der fällt Bäume, schüttet Beton über die Blumen und nimmt den Bienen den Honig weg. Und dann fliegt er weiter zum Mars.

Warum tut er das?

Na einfach, weil er es kann.

Ich brenne für dich!

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Valentinstag – kein Tag für verirrte Pralinen aus denen räudige Tauben bereits die Rosinen gepickt haben.

Mit Tränen in den Augen starrt sie auf den schwarzen Fleck, der sich vor ihr krümmt. Sie weint nicht. Ihre Augen reagieren nur auf das Schwelen. Es stinkt, süßlich, hautig, sterbend. Sie denkt an verwahrlostes Blumenwasser. Sie denkt an gammliges Obst. Sie denkt an herrenlose Pizzareste und die Nachgeburt einer Straßenhündin. Sie denkt nicht an ihn.

Ich brenne für dich!

Er war ein hübscher Kerl, hatte ein süßes Lächeln, einen knackigen Hintern. Er war etwas jung vielleicht, aber unverbraucht. Er war keiner dieser coolen Typen, die sich in Bars rumdrückten um Mädchen abzuschleppen. Er war keiner von denen, die gerne damit prahlten, dass sie letzte Nacht wieder zum Schuss gekommen waren ohne auch nur einen Finger zu krümmen. Er sammelte auch keine vergessenen Ohrringe, getragenen Höschen oder Telefonnummern. Nein, er war irgendwie anders. Er war nett.

Sie war es nicht. Sie war ein Miststück. Sie spielte gerne mit dem Feuer. Warum? Das wusste sie selber nicht so genau. Wahrscheinlich war sie einfach nur gelangweilt. Gelangweilt vom Überfluss, von überquellender Farbigkeit, von maßlosen Standards, gelangweilt von geschriebenem Lärm und vertontem Schmerz, gelangweilt von recycelten Massen und individualisierten Uniformen. Sie war gelangweilt von sich selbst.

Und dann traf sie auf ihn, nicht in der Bar, auch nicht auf einer Party. Sie traf ihn einfach so auf der Straße, und es ergoss sich so etwas wie Liebe über den Asphalt. Seine Gegenwart füllte für einen Moment von 97 Tagen Honig in ihre Waben. Sie leckte ihn auf, gierig, unverschämt, exzessiv. Dann war der Honig verbraucht und seine kläglichen Reste verklebten ihr den Kopf. Sie war angewidert, er wollte noch immer Nektar sammeln und Honigtau in sie gießen.

Am Tag 98 entklebt sie sich während er seine Liebe entzündet – mit nur einem Streichholz, mit nur einem Kanister, direkt vor ihren Augen.

Ich brenne für dich!

Ausgehungert

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Georg senkt den Blick. Er ist müde. Seine Haare sind es auch. Einige von ihnen hatten sich bereits vor Jahren beiseite gelegt. Ein paar halten die Stellung, genau wie Georg. Er möchte sich auch einfach nur beiseite legen. Noch steht er. Ruth liegt bereits; vor ihm; tot; in einem Sarg. Der ist nicht schön, genau wie Ruth. Ruth war weder schön noch besonders nett gewesen als sie noch lebte, und dennoch ist Georg all die Jahre bei ihr geblieben. Auch jetzt ist er bei ihr. Georg legt seine Hand auf den Sarg. Seine Hand ist nicht schön, nur weiß und ganz dürr.

„Du musst schon richtig zupacken, sonst macht das Huhn, was es will. Herr Gott, jetzt greif doch mal richtig zu! Du bist zu lasch. So wird das nichts. Lass mich mal. Ohne mich würdest du irgendwann verhungern.“

Ruth konnte zupacken. Keine Minute später hörte das Huhn auf zu zappeln. Georg stand schon lange still daneben. Es roch nach Blut. Es schmeckte nach Blut. Georg hatte sich auf die Zunge gebissen während Ruths Beil den Hühnerkopf vom Hühnerrumpf trennte. Später roch es nach Suppe. Kleine Fettaugen schwammen träge in Georgs Schüssel. Hühnertränen.

„Jetzt iss schon, sonst wird sie kalt. Was starrst du denn so in die Schüssel? Du sollst die Suppe essen und nicht hypnotisieren.“

Schweigend aß Georg die Suppe. Sie schmeckte nach Suppe, nach Huhn, nach Möhren und Maggi. Sie schmeckte nicht nach Blut, auch nicht nach Tränen. Die Suppe brannte etwas auf seiner Zunge. Georg dachte an das Huhn.

In der Kapelle verklingt die Musik, und die Sargträger schwitzen als sie Ruth über den Friedhof zu der Stelle bringen, die später ihren Namen tragen wird. Ein Name, zwei Daten, drei Zeilen, gehauen in einen schwarzen Stein, vier schwitzende Sargträger in schwarzen Anzügen – drei von ihnen sind ein wenig zu feist. Ihre Anzüge spannen. Georgs Anzug spannt nicht, denn Georg ist schmal, sehr schmal. Und Georg friert.

„Du musst mehr essen, du bist ja nur noch ein Strich im Gelände. So sieht doch kein richtiger Mann aus. Die Nachbarn werden denken, ich sei unfähig, meinen Mann zu bekochen. Und von der Bewegung kann’s ja nicht kommen, dass du immer dürrer wirst. Du bewegst dich ja kaum. Stehst immer nur dumm im Weg rum. Mach dich nützlich, mäh doch mal den Rasen. Ich kann doch nicht alles selber machen. Ohne mich würde uns der Rasen bald über den Kopf wuchern.“

Georg mähte den Rasen. Am Abend gab es aufgewärmte Hühnersuppe. Sie schmeckte noch immer nach Huhn, Möhren und nach noch mehr Maggi. Georg mochte kein Maggi. Er musste davon aufstoßen und empfand das als sehr unangenehm. Ruth empfand ihn dann als sehr unangenehm. Dann musste Georg in den Garten gehen und trockenes Brot essen, damit sich sein Magen beruhigte und damit Ruth nicht ständig den Geruch von aufgestoßener Hühnersuppe um sich hatte. Aber das war nicht so schlimm. Georg saß gerne im Garten. Manchmal teilte Georg sein Brot mit den Hühnern. Und dann dachte er darüber nach, dass er dieses Brot irgendwie zweimal aß. Seinen Magen beruhigte das nicht.

„Musst du das Brot an die dummen Hühner verfüttern? Also dafür hab ich es nicht gebacken. Wenn du so weiter machst, sind die Hühner irgendwann fetter als du.“

Der Sarg sinkt in die ausgehobene Erdmulde. Eine Frau aus der kleinen Trauergruppe schnieft und tupft sich mit übertriebener Geste die Augen trocken. Hühnertränen, denkt Georg.

Immer wenn Georg im Garten saß und mit den Hühnern sein Brot teilte, dann dachte er an seine Mutter. Sie war nicht wie Ruth. Sie war eine nette Frau gewesen. Sie hatte mehr gelacht und weniger Hühner geschlachtet. Wenn Georg als kleiner Junge mit einer Blessur nach hause kam, dann klebte sie ein Pflaster drauf und sagte, „Bis du heiratest, ist das wieder verheilt.“ Sie hatte recht. Genau wie Ruth.

„Jetzt stell dich nicht so an. So eine kleine Schramme hat noch keinen Mann umgebracht. Wenn ich bei jeder Schramme, die mir das Leben zugefügt hat, so ein Getue machen würde, dann würde ich aus dem Jammern gar nicht mehr herauskommen.“

Der Gemeindepfarrer spricht ein paar Worte, die er von einem Zettel abliest. Georg hatte ihm am Vortag einige Stichpunkte zu Ruths Leben gegeben. Jetzt bettet der Pfarrer diese Stichpunkte in viele nette Adjektive. Georg muss aufstoßen. Es schmeckt nach leerem Magen und nach Maggi.

Seit Wochen wuchert nun schon der Rasen auf Ruths Grab und im Garten. Die Hühner sind glücklich darüber, es läuft sich so schön. Nur das Brot vermissen sie. Georgs Brot. Georg vermisst niemand.

Romy

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Die Grenzen der Hysterie sind erreicht. Panik kraust ihr Haar, weißt es bis in die gespaltenen Spitzen. „Was wirst du tun?“ Seine Schultern zucken nur. Schlaffe Figur, schlaffer Charakter, schlaffer Hut.

Rot quillt Honig den Lattenzaun hinab. Klebt, glänzt träge in der Sonne. Wäre fast schön, wenn nicht falsch vergossen.

Sie sinkt auf die Knie. Strumpfbeine ziehen unfreiwillig Muster. Finger krallen sich ins Grün. Der Dreck unter den Nägeln wird ewig dort verkrusten, zusammen mit Bluthonig, Honigblut.

„Tu etwas!“ Überschlag, Stimme im Delirium. Augen im Nirwana. Sinne im Sturz.

Fahle Hände greifen das leblose Körperlein. Kein Zucken, kein Winseln, kein Wimpernschlag. Schlaffe Arme. Zu wem gehören Sie? Zum Hut? Zum Honigkind?

Schatten klettern durch den Zaun. Der gähnt sich in die Länge. Seine Fänge zerren an ihr. Die Grenzen der Hysterie sind da schon längst überschritten.

Der Zaun war zu hoch, zu spitz, zu stark. Und Honig kann sehr bitter schmecken.

Manchmal mochte er seinen Beruf

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Die Gegenwart eines Menschen kann mitunter so präsent sein, dass sie einem Schmerzen bereitet.

Da lag sie, den Kopf leicht zur Seite geneigt, die Augen waren geschlossen. Dunkles Haar umrahmte das unschuldige Kissen. Ihr Duft füllte den Raum, nicht erstickend, nicht verschwenderisch, aber er war da. Und er sollte so schnell nicht verschwinden.

Durch das Fenster schlichen Sonnenstrahlen, ließen Staubflocken tanzen. Kleine dreckige Wirbel, die – kniff man die Augen etwas zusammen – fast wie Schnee funkelten. Fast. Für Schnee war es zu heiß. Stille machte sich breit, nahm prahlerisch Platz auf dem Sessel, der in der Zimmerecke stand. Diese Stille war so laut, dass ihr Ohr zu bluten schien. Ein dünner roter Faden schlängelte sich über das Kissenweiß, sprang in einem Tropfen auf das Laken und nistete sich in dessen kühlen Seidenfaden ein.

Was wäre, wenn er sich einfach zu ihr legen könnte, ihre Wärme spüren, das kühle Laken unter seiner Haut. Er könnte sich in den Finger stechen, dann würde sich ein Tropfen seines Blutes mit dem ihren verbinden. Dann hätten sie eine Gemeinsamkeit. Dann wären sie vereint. Dann wären sie keine Fremden mehr.

Er betrachtete ihren Körper, so zart, so hell. Neben dem Bauchnabel leuchtete ein Muttermal, eine kurze Beruhigung für seine Augen, die haltlos über den makellosen Körper strichen. Ihre Beine waren gekreuzt, die Scham von einer Hand bedeckt. Sein Blick blieb auf dieser Hand liegen, liebkoste die zarten Finger, glitt an ihnen hinab, kroch in das kleine Dreieck, das sie zu verdecken dachten. Und wieder roch er ihr Parfüm.

Sie war so schön, dass es wehtat. Manchmal mochte er seinen Beruf.

„Schafft die Leiche jetzt raus, ich bin hier fertig.“

Hendrik, der Ranger

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Kinder brauchen schließlich Vorbilder (2)

Schon als Hendrik noch ein ganz kleiner Junge war, träumte er von den unendlichen Weiten, so wie viele in seinem Alter. Damit hatte es sich dann auch mit der Gemeinsamkeit, die Hendrik mit den Meisten seiner gleichaltrigen Weggefährten verband. Denn Hendriks Traumweiten waren anders. Sie waren nicht angefüllt mit fliegendem Blech und unbekannten Planeten, die es zu erobern galt. Hendriks Idole trugen auch keine hautengen, ocker-schwarz-gemusterten Anzüge mit kleinem Stehkragen. Hendriks Idole kommunizierten auch nicht über eine Brosche, die an der Heldenbrust steckte. Hendricks Idole waren sein Vater und Daktari. Hendriks Idole trugen Khaki und waren in den Weiten Afrikas und den Wäldern hinterm Haus unterwegs um aufzuräumen. Hendriks Idole befreiten verirrte Tiere und verwirrte Menschen von ihrem Leiden. Hendriks Idole steckten in männlichen Stiefeln, trugen männliche Funkgeräte, auch mal ein männliches Gewehr. Hendriks Idole hatte ein männliches Tier zum Freund – einen Schäferhund namens Fritz oder einen Löwen, der auf den Namen Clarence hörte, der zwar schielte und darum immer etwas dumm aussah, der aber durch eine imposante Frisur zu beeindrucken wusste und durch seine friedfertige Gesinnung jedes Herz im Sturm eroberte, fast wie Fritz.

Hendriks einzig echter Freund außerhalb dieser Weiten Afrikas schielte auch und hieß Robert. Robert trug eine Brille mit Gläsern, die dicker waren als das kugelsichere Panzerglas, hinter dem sich das Lächeln der Mona Lisa sicher fühlen durfte. Wenn Robert seine Brille abnahm, was in den seltensten Fällen freiwillig geschah, sondern weil sie ihm als Folge einer Hänselei von der Nase gefallen wurde, dann hatte Robert den Gesichtsausdruck eines erschrockenen Doozer. Für die, die nichts mit dem Begriff Doozer anfangen können: das sind kleine, knopfäugige Vertreter der Arbeiterklasse, die im Untergrund für die Fraggles schuften, während diese ihre Zeit mit Singen, Lachen und Tanzen verbringen und damit das Feier- und Konsumtum symbolisieren.

Hendrik und Robert kümmerten sich wenig um die Einteilung in Schufter und Sänger. Hendrik und Robert teilten ihre Welt in Ranger und Nichtranger. Hendriks Vater, der war ein Ranger, denn der war in einem männlichen Verein, wo alle männliches Khaki und männliche Stiefel trugen und wahlweise männliche Gewehre oder Pistolen mit sich führten. Robert hatte keinen Vater, jedenfalls keinen vorhandenen. Hätte er einen, dann würde der mit Sicherheit zu den Nichtrangern zählen, schlussfolgerte Hendrik aus den Aussagen, die Roberts Mutter über Roberts nichtvorhandenen Vater machte. Die Begriffe Schlappschwanz, Lutscher und hodenloses Sackgesicht klangen nicht so, als würden sie einen echten, ehrlichen Ranger bezeichnen, einen, der verirrte Tiere und verwirrte Menschen von ihrem Elend befreite. Nein, Roberts Vater, wenn es ihn denn gäbe, der wäre definitiv ein Nichtranger, ein Doozer, ein Looser. Die Jungs vertrauten da ganz auf das Urteil von Roberts Mutter. Immerhin war sie eine anerkannte Frau im Ort. Für diese Anerkennung hatte sie hart schuften müssen, nachdem sich das hodenlose Sackgesicht aus dem Staub gemacht hatte. Bis auf ein paar wenige Ausnahmen hatten alle Männer des Ortes, Ranger wie Nichtranger, Roberts Mutter anerkannt. Woher die Jungs das wussten? Sie hörten es, wenn Nacht für Nacht einer dieser Männer aus dem Schlafzimmer schrie. „Ja, du bist gut. Ja, du bist es. Jaaaaaa verdammt, du bist es!“ Das war pure Anerkennung.

Hendriks Mutter war auch eine ortsbekannte Frau. Sie leitete den Frauenchor. Allerdings brachte ihr das nicht ganz so viel Anerkennung unter den männlichen Nachbarn wie Roberts Mutter. Dafür war ihr jede Nacht die Anerkennung durch Hendriks Vater sicher. Denn dann trainierte sie ihre Stimme und sang lautstark immer wieder diese eine Zeile für ihn: „Oh Lord, ohhhhhhhhh Lord!“  Und Hendriks Vater stieg anerkennend mit ein und sang die zweite Stimme: „Jaaaaaa, bete, Baby, bete.“ Hendrik fand es toll, dass seine Eltern ein gemeinsames Hobby hatten, auch wenn Singen in seinen Augen nicht besonders männlich war. Aber bei seinem Vater machte Hendrik eine Ausnahme. Egal, was er tat, er tat es männlich.

Hendrik wollte überhaupt genau so sein wie sein Vater. Hendrik wollte zwar aussehen und leben wie Daktari in Afrika, wollte wirken wie John Charles Carter, der – besser bekannt unter seinem Hollywood-Namen Charlton Heston – vor und hinter der Kamera zu Ruhm und Ehre gelangte, aber sein Vater war sein großes Vorbild. Kinder brauchen schließlich Vorbilder. Und ein Ranger ist ein gutes Vorbild.

Zu seinem 16. Geburtstag beschloss Hendriks Vater, die Zeit sei nun reif, seinem Sohn sein erstes Gewehr zu schenken. Später wird sich Hendrik daran erinnern, dass dies der feierlichste Moment seines Lebens war. Stolz hielt Hendrik die Nobile Grade II, Kaliber 20/76 in seinen jugendlichen Händen. Die Doppelflinte mit ihrem edlen Nussbaumschaft und der eleganten Gravur fühlte sich an, als würde sie schon immer in Hendriks Hände gehören. Jetzt war Hendrik ein echter Ranger. Ab jetzt würde Hendrik mit seiner Nobile Grade und Schäferhund Fritz durch die Wälder hinterm Haus wandern, genau wie sein Vater, um Tiere und Menschen zu erretten. In Hendriks Vorstellung aber streifte er wie ein echter Ranger durch die Weiten Afrikas, sah Elefantenherden vorbeiziehen und Giraffen friedlich grasen. Er würde Wilderer in die Flucht schlagen und von ihnen gefangene Tiere aus den blutigen Fallen erlösen. Er würde ein Held werden und das Böse besiegen, genau wie Daktari in Afrika oder Charlton Heston im Wilden Westen als „Der letzte der harten Männer“.

Und dann traf Hendrik auf das echte Leben im Wald hinterm Haus. Fritz kläffte plötzlich und gebärdete sich wie verrückt. Und weil Fritz so an der Leine zog, dass sie Hendrik fast die Finger abschnürte, ließ er sie einfach los, nahm seine Flinte von der Schulter, um besser rennen zu können und folgte Fritz – bis zu dem Baum. Da kniete Robert ohne Brille, dafür recht breitbeinig auf einer Blondine. Die sah nicht glücklich aus. Sie schien zu schreien, ohne einen Ton von sich zu geben. Ihr Mund stand offen, wie ein dunkles Loch. Robert wimmerte. Um den Baum herum standen ein paar ältere Jungs. Sie lachten während der arme Robert sich krümmte. Hendrik wollte ihm helfen, ihn beschützen, ihn retten, denn Hendrik hatte viel von seinem Vater gelernt, was Loyalität bedeutete, was echte Freundschaft ist und vor allem, worauf es beim Schießen ankam. „Du musst ganz klar dein Ziel kennen, du musst es treffen wollen, du musst es fixieren und nie wieder aus den Augen verlieren. Dann atmest du tief ein und beim Ausatmen – kurz bevor du wieder Luft holen musst – drückst du ab.“

Hendrik schoss. Bumm, der saß. Dann lud er nach, ganz ruhig und schoss wieder. Bumm, auch der saß. Noch einmal laden, einmal schießen, laden, schießen. Fritz kläffte. Das Lachen der Jungs verstummte. Robert wimmerte. Die Blondine starrte noch immer bewegungslos mit offenem Mund in den Wald. Hendrik ging zu Robert. Der arme knopfäugige Doozer hing mit seinem Hosenstall irgendwie in der Blondine fest. Aus Roberts Hose quoll allerlei Hosensaft. Es stank nach Urin, nach Blut, nach Kot. Fritz begann, sich an Roberts Hosensaft zu schaffen zu machen. Tiere haben mitunter einen komischen Geschmack, dachte Hendrik. Robert wimmerte immer leiser, sackte weiter zusammen. „Hilf mir, Ranger, hilf mir.“ Hendrik überlegte kurz, dachte an Afrika. Was würde Daktari mit einem verwundeten, wimmernden Tier machen, das saft- und kraftlos in einer Falle steckte? Er würde es erlösen. Hendrik der Ranger lud seine Nobile Grade mit dem Nussbaumschaft und der schönen Gravur ein letztes Mal an diesem Tag.

Beim Abendbrot herrschte Stille. Hendriks Mutter hatte Kohlrouladen gemacht, ihre beiden Männer liebten Kohlrouladen, da wurde viel gegessen und wenig geredet. Erst beim Pudding durchbrach Hendrik die schmatzende Stille. „Ich bräuchte mal deine Hilfe im Wald.“

Währenddessen: Der Eichkater & die Blondine

Der Eichkater & die Blondine

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Es war im Wald und es war bitter, bitter kalt… (3)

Sein Blick richtete sich auf den Baum. Irgendetwas war anders als sonst. Es war nicht die Rinde, die in großen Stücken brach und auf den Waldboden fiel. Es war auch nicht das Harz, das in dicken Tropfen den Stamm herab weinte. Es war bestimmt nicht das eine welke Blatt, das noch immer einsam an einem der morschen Äste hing. Nein, es war etwas ganz Anderes…

Michi mit dem buschigen Schwanz humpelte um den Baumstamm herum. Seine rechte Vorderpfote steckte noch immer in dieser Falle, die eines der Menschenkinder unlängst im Wald postierte und in die er vor drei Tagen blindlings hineingeraten war, weil er sich selbst bei herbstlich-gedämpftem Tageslicht nicht von seiner Ray Ban trennen wollte. „Dumm gelaufen“, nennt man das wohl in Menschenkreisen. Bei den Eichkatzen sagt man es so: „Hast du eine Pfote in der Falle, dann ist das extrem Scheiße“. Und ja, es war kein schönes Gefühl, wenn die Pfote langsam ausblutete und abstarb. Was würde er wohl anfangen mit nur drei funktionstüchtigen Pfoten? Er war ein Eichkater, kein Dreibein und auch kein Hocker. In einer Bar würde er demnächst definitiv nicht herum stehen. Auch dann nicht, wenn die Aussicht auf eine schöne Blondine mit dicken Lippen, die ihm die Nacht versüßen würde, indem sie ihm mit eben diesen Lippen den Schwanz lutschte, sehr verlockend klang. Er hatte noch nie von einem Eichkater gehört, der von einer Blondine angemacht wurde, die ihm dann den Schwanz lutschte. Wahrscheinlich lag es daran, dass Schwänze von Eichkatern im Allgemeinen sehr haarig und buschig waren und Blondinen das nicht so mochten.

Michi konzentrierte sich wieder auf den Baum, auch wenn es ihm sichtlich schwer fiel, schrie ihm doch die schmerzende Pfote pochende Hasstiraden entgegen. Sie machte ihn und seine schwarz bebrillte Eitelkeit dafür verantwortlich, dass er sie einfach so hat in ihr Missgeschick tapsen lassen. Michi war genervt.

„Dumme Pfote, halt die Schnauze.“

„Was sonst – reißt du mich ab und vergräbst mich hier im Wald, oder was?“

„Nein man, ich beiß dich ab, schluck dich runter und scheiß dich wieder aus!“

Das saß. Die Pfote war ruhig. Daran hatte sie zu kauen. Ja, verbal konnte dem Michi keiner so schnell das Wasser reichen. Auch eine Pfote in dieser Extremsituation nicht. Denn Michi der Eichkater machte nicht nur in den Baumwipfeln eine gute Figur, sprachtechnisch war Michi so etwas wie der Oliver Pocher unter den Waldtieren, nur eben in rothaarig und mit deutlich längerem Schwanz. An dieser Stelle sei betont, dass die Autorin beim verfassen dieses Textes keinerlei Ahnung von der Schwanzlänge eines Herrn Pocher hatte. Die Aussage basiert auf reinem Hörensagen und der Tatsache, dass der Schwanz eines Sciurus vulgaris bis zu 20 Zentimeter lang werden kann.

Michis Blick wanderte wieder zum Baum und blieb am weißen Leib der Blondine hängen, die an ihm lehnte. Michi vergaß die schmerzlich-pochende Pfote, deren sterbender Geruch das Waldpilz-Odeur verdrängte. Er vergaß auch den nahenden Winter und die Vorräte, die er sich so langsam anfressen müsste, wollte er diesen überleben. Michi hätte selbst seine geliebte Mutter vergessen, hätte sie in diesem Augenblick mit einem duftenden Haselnusstörtchen neben ihm gestanden. Michi sah nur sie, ihre Brüste mit den wohl geformten Nippeln, die wie knackige Kastanien zu schreien schienen „Friss uns“. Das war es also, das sagenumwobene Menschenweibchen, von dem hier im Wald so oft die Rede war. Bisher wussten nur der Fuchs und der alte Eber von ihr zu berichten. Es hieß, sie streife nachts durch das Unterholz, gebückt, auf allen Vieren kriechend wie ein Tier, mit einem Männchen ihrer Art am Hinterleib klebend. Der alte Eber hatte erzählt, der Duft ihrer angeschwollenen Möse würde seiner Rotte an Jungebern jede Nacht den Kopf verdrehen, ein Zustand, dem er sehr missmutig gegenüber trat, hatten sich die Bachen doch angefangen zu beschweren. Eifersucht war unter Wildschweinen ein sehr verbreiteter Zustand, der regelmäßig zu bösen Auseinandersetzungen innerhalb der Rotte und im Gegenüber mit den Menschenweibern führte. Und mit einer Horde wild keifender Bachen war nicht zu spaßen.

„Ich bin zu alt für diese Scheiße“, nuschelte der Eber dann an seinem Zahn vorbei und hoffte, sein Sohn würde endlich den Laden übernehmen, statt sich immer nur in den Vorgärten der Städter herumzutreiben, auf der Suche nach schnellem Essen. Aber das wäre eine andere Geschichte.

Trotz seines Handicaps erklomm Michi den Baumstamm, um eine bessere Sicht auf die Kastanien der Blondine zu werfen. Seine Sinne schwanden fast bei dem Gedanken an einen schlaraffigen Kastanienbusenschmaus mit anschließendem Schwanzkraulen. In Schulterhöhe angekommen sah Michi, dass im Gesicht der Blondine etwas fehlte. Er konnte es nicht sofort benennen, was es war, so gut kannte er sich mit der Physiognomie artfremder Weibchen nicht aus, als dass er sich als Experte hätte bezeichnen wollen. Und Oliver Pocher war gerade nicht in der Nähe um beratend zur Seite zu stehen. Aber der Kopf erschien ihm komisch, unharmonisch, fehlerhaft. Er kroch näher, stützte sich mit der Fallenpfote auf das dicke Seil, dass mehrfach um den Oberkörper der Blondine geschlungen war und warf einen genaueren Blick ins Gesicht des Menschenweibchens. Da, jetzt wusste er, was es war. Die Lippen fehlten. Statt praller, rosarot glänzender Mundausstülpungen war da nur ein Loch. Karl der Käfer hatte es bereits für sich in Anspruch genommen und sich und seine komplette Familie nebst der seiner Gattin in diesem Loch untergebracht. Also nichts mit Lutschen.

„Ein herrliches Winterdomizil“, kommentierte Karl.

„Die Wände sind etwas feucht“, konstatierte dessen Gattin.

„Ich bevorzuge tiefer im Innern liegende Höhlen, die sind wärmer“, erwiderte Michi im Vorbeihumpelklettern.

Michi kroch weiter auf seinen drei noch handlungsfähigen Pfoten am Seil entlang in Richtung der Kastanienbrüste. Zwei kleine, hellbraune Rundungen, die dem zwanghaften Einengen des Seils zu entkommen schienen um sich übermütig an ihm vorbei in Freiheit zu drängen. Eben wollte er genussvoll in eine der Kastanien beißen, als ein weiter unten liegendes Etwas seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Was war das? Es sah aus, wie die Eisenfalle an seiner Pfote. Das Ding, das darin festzustecken schien, sah auch in etwa so aus, wie eine Pfote, nur halb nackt, halb befellt, von einer dreckig-schwarzen Kruste überzog. Es hing halb aus der Blondine, als wollte es gerade flüchten. Michi kroch näher heran und nahm seine Sonnenbrille ab. Zwischen den Beinen des Weibes klemmte eine Art Guillotine mit Zähnen, die zum Einen ihre Möse auseinander zu spreizen schien und zum Anderen das, was halb in der Möse steckte, irgendwie auffraß. Michi konnte gewisse Parallelen zu seiner Pfote nicht negieren. Auch diese steckte, genau wie das Ding, gewaltig in der Klemme. Nur war in seiner Pfote noch ein Rest Leben zu spüren. Das Ding, das in der Möse steckte, war definitiv tot. Zur Sicherheit stupste Michi dagegen. Nichts. Tot.

Es wurde dunkel, die Nacht brach an. Karl und seine Sippe schoben ein dickes Blatt von innen vor die Mundöffnung der Blondine ohne Lippen. Schlafenszeit. Auch Michi wurde müde, er fror und beschloss, am kommenden Tag erneut den Baum mit der Blondine aufzusuchen um weitere Untersuchungen anzustellen und die Kastanien in Sicherheit zu bringen. Als er in die Nacht humpelte, versagte sein Herz. Blutleer und septisch fiel er der Länge nach auf den nassen Laubboden. Sein buschiger Schwanz blieb ungekrault neben seinem leblosen Körper liegen. Wenigstens hatte er ihn noch, als er starb.

Wie alles begannt: Die Läuferin
Ein paar Tage zuvor: Hendrik, der Ranger

Fräulein Müllers Gespür fürs Reh

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Ein Weihnachtsrezept zum Nachkochen, für alle, die mal etwas Besonderes wollen…

„Ilse, wann ist das Essen endlich auf dem Tisch, was dauert da bloß immer so lange bei dir?“

Drei Tage zuvor

Fräulein Müller nahm einen großen Schluck aus der Rotweinflasche, bevor sie den verbleibenden Inhalt über die bereits klein gehackten Karotten, den in Streifen geschnittenen Sellerie und die gewürfelten Zwiebeln goss. Fein säuberlich verstreute sie Nelken dazu, ließ liebevoll einige Lorbeerblätter in das Weinbett gleiten und rundete die Beize mit einem guten Löffel Wacholderbeeren ab. Ganz so, wie ihre Mutter es ihr gezeigt hatte.

Der Rotwein kroch ihren Rachen herunter. Ihre Zunge pelzte ein wenig. Aber auch dagegen gab es ein Rezept. Und auch das hatte sie von ihrer Mutter. „Es kommt immer auf die richtigen Zutaten an und auf das weibliche Geschick, diese in der richtigen Menge zu einem Ganzen zusammenzubringen, als hätte alles schon immer genau so zusammen gehört.“ Mutter Müller war eine geschickte Hausfrau gewesen, bevor sie vor Gram über ihr eigenes Unglücklich aus dem Leben schied. Fräulein Müller eiferte ihr nach, so gut sie eben konnte, jedenfalls, was das Hausfrauendasein anbelangte. Sie entwickelte sich zu einer wunderbaren Köchin. Leider kamen nicht viele Mitmenschen in den Genuss ihrer Kunst.

Fräulein Müller steckte sich eine Nelke in den Mund und biss darauf herum. Das aromatische Myrtengewächs verströmte sogleich seine wohltuenden Öle im Mundraum und vertrieb das Pelztier von ihrer Zunge. Aber nur für ein paar Stunden.

Heute

„Es dauert, so lange es eben dauert. Du wolltest doch diesen verdammten Rehbraten.“

Die Beize war ordentlich durchgezogen und hatte die Rehschulter drei volle Tage mit all ihrer aromatischen Liebe verwöhnt und gestreichelt. Fräulein Müller nahm die Schulter aus dem tiefroten Liebesbett, tupfte sie trocken und löste das zart durchwobene Fleisch vom Knochen. Wie gesagt, sie war sehr geschickt darin, selbst dann noch, wenn nebenher eine weitere Rotweinflasche geöffnet und bereits zur Hälfte geleert wurde.

„Scheiße, Weib, ich habe Hunger. Sieh zu, dass dieses verdammte Stück Fleisch endlich in den Ofen kommt, bevor ich dich da reinstecke!“

Da war es wieder, dieses pelzige Tier auf ihrer Zunge. Mit einem weiteren Schluck Rebensaft versuchte sie es zu verdrängen, doch es war zäher als noch drei Tage zuvor. Immer wieder kroch es aus der Speiseröhre zurück auf ihre Zunge um sich dort breit zu machen, während Fräulein Müller das abgetropfte Fleisch mit Küchengarn zusammenband, würzte und in einer Pfanne Öl erhitzte um das satte Bündel von allen Seiten anzubraten. „Du musst das Garn schön fest um das Fleisch binden, dann kannst du es später besser in Scheiben schneiden.“ flüsterte ihr Mutter Müller ins Gehirn.

„Wenn das Scheißvieh nicht bald auf dem Tisch steht, dann geh’ ich rüber zu Achim. Seine Schlampe kocht wenigstens schneller, auch wenn’s genauso schmeckt, wie sie aussieht.“

Das Pelztier war heute einfach nicht von der Zunge zu spülen. Fräulein Müller nahm die angebratene Rehschulter aus dem Bräter, ließ das Öl abtropfen und wickelte sie in Folie, damit sie etwas durchziehen konnte. Dann packte sie eines der scharfen Küchenmesser, hackte weitere Karotten, erwischte ein Stück ihres kleinen Fingers, mischte frische Selleriestreifen dazu und eine Zwiebel, gab alles zusammen mit der angebratenen Rehschulter zurück in den Bräter, löschte das Ensemble mit ein wenig Beize ab und schob den Braten in die vorgeheizte Röhre. Ihr Finger blutete und pochte.

„Ich geh’ jetzt rüber, friss dein Scheißreh alleine.“

Fräulein Müllers Finger pochte nicht mehr ganz so stark, während ihre andere Hand geschickt das Messer führte, mit dem sie das Fleisch von seinen Knochen trennte. Und als sie einige Stunden später die dampfenden Semmelknödel in die Soße stippte, sich dazu eine ordentliche Scheibe Braten in den Mund schob, da war auch das Pelztier von der Zunge verschwunden.

Nikotinkater

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Dunkelheit. Seine Hand greift durch den Türspalt, ertastet den Schalter. Nichts. Nur klick-klack. Die alte Birne hat ihr Leben ausgehaucht. Seine Birne raucht. Obstsalat.

„Scheiße!“

Das Wort riecht nach Suff. Der Nikotinkater faucht. Der Türspalt wirft mit einem Lichtkegel nach ihm. Seine Beine torkeln ihn zum Bett.

„Scheiße verdammte!“

Kissen federn. Federkissen. Ein Schuh sucht die Nähe des Bodens. Der Zweite fühlt sich einsam, flüchtet. Auf dem Nachttisch steht die Zeit still. Er wählt. Nur tut-tut.

„Ach fuck.“

Minuten später stinkt seine Stimme in den Hörer. Das Geschäft ist gemacht. Doch es dauert Stunden, Tage, Wochen. Die Schenkel der Uhr sind weit gespreizt doch tot. Kein tick-tack. Endlich, im Lichtkegel räkelt sich ein Kätzchen, schnurrt, mauzt, leckt die Pfote. Nur die eine, die andere tastet nach dem Schalter. Nichts. Nur klick-klack.

„Komm her, ich will dich sehen!“

„Das scheiß Licht ist kaputt. Du brauchst eine neue Birne.“

Der Feind auf meiner Gurke: EHEC

Pösie für Lieb & Bösi

oder: Die Gurke war der Schurke

Mir knurrt der Magen, dem Virus auch
Frisst sich durch Gurken, dann durch den Bauch
Geboren aus Gülle, geboren als Feind
Sitzt auf Gemüse, sitzt da und greint

Heul doch, Virus, Fressfeind du
Lass ab von Grünzeug, Schwein und Kuh
Geh dahin, wo der Pfeffer welkt
Dich hat hier niemand nicht bestellt

Und die Moral von der Geschicht:
Esst Kuhkackegedüngtes nicht