Im Hier und Jetzt

Pösie für Lieb & Bösi

Ein Tag zieht seine Fäden und spinnt sich zu Sekunden klein
Ich schaue in den Himmel, da leuchtet es mir ein:
Oben ist oben, darunter ist unten, dazwischen klebt die Zeit
Und während ich sinniere – über das Hier und Jetzt, das Weit und Breit –
Scheißt der Hund die Wand an, einfach so, weil er es kann

Und weil er muss

Es riecht ein wenig, mir wird übel, doch bin ich wohl genug erzogen
Um – statt mich zu erbrechen in hohem, buntem Bogen –
Fein säuberlich gefilterte Gedanken auszuurinieren
Nicht stehend, sondern auf allen meinen Vieren
Angepisst vom Hier und Jetzt, vom Weit und Breit – bekläfft sich selbst der Hund

Ganz Tier

Fremdgesteuert, ferngewartet, das Kind in mir trägt bunte Socken
So bleiben meine Füße warm, das Wasserhirn bleibt trocken
Unten ist unten, darüber ist oben, dazwischen klebt die Zeit
Derweil zerreißt der Tag, zerstreut sich hier und jetzt, weit und breit
Ich pack den Köter bei seinen Pranken, lass ihm das Fell, klau nur Gedanken

Einfach so, weil ich es kann

Ich denke wuff, ich hechle mich frei
Bin halb kastriert, hab noch ein Ei
Das lässt mich breitbeinig durch Straßen streifen
Nach Mietzen hecheln und Pussis pfeifen
Gefällt mir, dieses Hier und Jetzt, das Weit und Breit – ich gönn mir diese Eitelkeit

Tausend Tropfen

Pösie für Lieb & Bösi

Mein Kopf, ein Loch
Und doch sind tausend Worte drin
Ich will sie fangen, will sie kleiden
In Wortgewänder, die mit zartem Stich
Und feiner Nadel sich
Einweben ins Papier, das mir
Im Hier und Jetzt als Zeuge bleibt
Derweil die Zeit verrinnt
Und sich entspinnt in Fäden aus
Vergessenheit, ein Traum verpuppter Eitelkeit
Bereit, sich übermorgen zu entkleiden
Um nackt mit rohen Eingeweiden
In meinem Kopf ein Bad zu nehmen

Mein Kopf, ein Loch
Und doch sind tausend Tropfen drin

 

– Welttag der Poesie –

Die Eitelkeit in dir

Pösie für Lieb & Bösi

Die Eitelkeit in dir ist ein verliebtes Tier,
Das gierig an sich selbst verdaut, spuckt, schluckt und widerkaut,
Sich sonnt in öligen Gedankenlachen

Wie ein Dämon in dir tobt dieses verwundete Tier,
Das ausläuft und brandet wie Gischt, seine Spuren nur halb verwischt,
Sich lautstark erbricht in deinem Hirn

Fast täglich suchst du nach einem neuen Zwirn
Um dich zu flicken und dann den Dämon in den Arsch zu ficken,
Derweil das Tier nur steht – und wartet – mächtig aufgebläht

Mal breit grinsend, oft mitleidig winselnd
Ein plumper Verführer, ein Sucher, ein Spürer
Du wirfst verzweifelt Fallen aus und verfällst doch nur aus dir selbst heraus

Du rennst, drehst dich nackt im Kreis und brennst
Stehst neben dir, neben diesem Tier, siehst im Spiegel dieses WIR
Und empfindest – nichts, nicht mal Leere

Bist weder starr noch angetrieben,
Auf der Suche nach dir selbst, wo bist du abgeblieben?

Nach Atem ringen

Pösie für Lieb & Bösi

An manchen Tagen
Geht die Sonne halbherzig auf und
Der Wind klingt wie ein
Digitales Rauschen

Gedanken bauschen

Am Himmel fiedeln
Arschgeigen in falschen Tönen,
Nur kann ich die Noten nicht lesen,
Weil mir die Augen schwimmen

Ängste glimmen

Das Exil im Kopf
Katert munter vor sich hin…
Hätte ich schönere Beine, ich würde
Kleider tragen und im Kopfstand pinkeln

Geraden winkeln

Bücher füllen sich
Mit Blindtext und Metaphern,
Acht Seiten weiter kleben Bilder,
Die wie Regenbogen klingen

Nach Atem ringen

Häuser fallen aus sich heraus,
Nur deren Wände bleiben stehen –
Will den Kopf daran zerschlagen,
Nicht meinen, der ist schon abgegriffen

Zerschollen an Riffen

Heute ist das Gestern
Von morgen und die Tage stolpern
Über sich selbst –
Jeder singt für sich im Stillen

Stumme Chöre wider Willen

Ein vegetarisches Kinderlied

augenscheinlich, Pösie für Lieb & Bösi

Linsensuppe, Linsensuppe, ess’ den Teller leer mein Kind.
Linsensuppe, Linsensuppe, und dann geh’ und hüt’ das Rind.

Wenn das Rind dann groß und fett, bring es zu des Metzgers Haus,
Messer, Messer, scharf geschliffen, reißen ihm die Därme raus.
Ab den Kopf, zerhackt die Beine, das Blut in einem Topf gefangen,
Hirn gebraten, Schwanz gekocht, die Schinken trocken abgehangen.

Linsensuppe, Linsensuppe, ess’ den Teller leer mein Kind.
Linsensuppe, Linsensuppe, und dann geh’ und hüt’ das Rind.

Das Rind ist tot, der Teller leer, der Tag neigt sich dem Ende zu.
Der Metzger raucht, wischt sich die Hände und legt sich erschöpft zur Ruh.
Des Metzgers Weib hebt seine Röcke, setzt sich auf des Nachbars Sohn,
Stöhnt und schreit und windet sich, lacht und quietscht – der blanke Hohn.

Linsensuppe, Linsensuppe, ess’ den Teller leer mein Kind.
Linsensuppe, Linsensuppe, und dann geh’ und hüt’ das Rind.

Der Metzger aus dem Schlaf gerissen, lauscht dem Treiben in der Nacht,
Wetzt die Messer scharf und schärfer, fühlt sich um die Ehr gebracht.
Er stürzt sich auf sein Weib nebst Nachbar, lässt die Klinge munter springen,
Am Morgen dann gibt’s frisches Fleisch und man hört den Metzger singen:

Linsensuppe, Linsensuppe, ess’ den Teller leer mein Kind.
Linsensuppe, Linsensuppe, und dann geh’ und hüt’ das Rind.

Metzgers Messer

Ein Mähgedicht

Pösie für Lieb & Bösi

Eine Ziege starrt auf einen Mann.
Und dann?
Nichts.

Zwei Ziegen starren auf einen Mann.
Und dann?
Nichts.

Eine dritte Ziege kommt dazu.
Und dann?
Weiter nichts als Ruh.

„Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen.“
Dennoch bleiben alle Ziegen stehen.
Und dann?

Eine der Ziegen meckert: „Mäh.“
Aus ihrem Arsch es kleckert.
Bäh!

Eine zweite Ziege meckert: „Mäh.“
Welch’ Schande, ach.
Welch’ eine Schmach.

Die dritte Ziege steht und schweigt.
Den Kopf sie leicht zur Seite neigt.
Und denkt ad hoc…

… an einen Ziegenbock.

Ein Prost auf die Beständigkeit

Pösie für Lieb & Bösi

Nun geht der Sommer, soll er doch
Versinkt im eignen Sommerloch
Bis er im nächsten Jahr – ich nehm’ es an
Von vorne anfängt dann
Und wieder werden alle maulen
Zu kalt, zu heiß, zu schwül, zu nass – was soll denn das!?
Es werden Blumen blühen, Wespen stechen
Männer ihre Gärten rechen
Frauen nichts unter kurzen Röcken tragen
Jemand am See `nen Fisch erschlagen
Jemand einen Kuchen backen
Ein Hund wird auf den Rasen kacken
Kinder werden im Brunnen toben
Manch einer wird das Wetter loben
Manch einer wird sehr reich mit Eis
Wer U-Bahn fährt, denkt, was für’n Scheiß
Denn bei 50 Grad im Wagen
Wird jedes Deo erneut versagen
Touristen werden kommen, auch wieder gehen
Manch einer den Park mit Müll versehen
Es wird gegrillt, gechillt und viel gelacht
Wer kann, schläft draußen in warmer Nacht
Es werden wieder Tränen fließen
Es wird wieder Herpes sprießen
Das kommt vom vielen Küssen
Von fremden Mündern und fremden Nüssen
Im Biergarten wird man wieder Bier verkaufen
Ich werde mich wieder damit besaufen
Und wie jedes Jahr dann denken – voll Heiterkeit
Ein Prost auf die Beständigkeit

Ein Schwarm von Und

Pösie für Lieb & Bösi

Ein Schwarm von Vögeln
Und am Boden klebt das Nass
Erinnerungen kreisen
Und Gedanken werden blass

Federn spuckt mein Mund
Und am Boden klebt es rot
Wasserfälle bauschen
Und ein Vogel fällt sich tot

Ein Schwarm von Fischen
Und am Boden klebt ein Wort
Nähe rückt sich fern
Und Stille sehnt sich dort

Seegras tanzt im Licht
Und am Boden kleben Noten
Angst beißt an sich selbst
Und schickt täglich einen Boten

Ein Schwarm von Staub
Und am Boden klebt der Wind
Ich stelle Fragen
Und im Herzen bin ich blind

Muttertag

Pösie für Lieb & Bösi

Gezeugt. Geboren. Geliebt.
Nichts ist vergleichbar mit dem, was eine Mutter gibt
Ich habe solches Glück, dass du die meine bist
Auch wenn ich manchmal angepisst
Von dir, von mir, von uns in unserem Kontrast
Weil wir uns so sehr gleichen
Weil wir so von einander weichen
Weil du bist, wie nur du sein kannst
Weil du alles für mich gibst, nie halb, nur ganz
Und ich bin so, so wie ich bin aus dir
Weil ich dich liebe – immer, jetzt und hier
In meiner Seele. Im Kopf. Im Herz.
Du bist mir Liebe, Freud und Schmerz
Gezeugt. Geboren. Immer geliebt.
Nichts ist vergleichbar mit dem, was meine Mutter mir gibt.

 

8 Sekunden – so ewig

Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweise

Im Kopf ein Meer aus Fragen
Die Perücken tragen
Sich in falschen Fummeln winden
Und keinen Ausgang finden
Stolpernd durch die graue Masse treiben
Ohne Sinn –
Bleiben

Im Auge trübschwarze Bilder tropfen
Den Puls zu Tode klopfen
Gierig an den Haaren zerren
Und Mutmaßungen plerren
Bis man beginnt, sich um sich selbst
Zu drehen –
Stehen. Bleiben

Die Hände hack ich ab mit bunten Quasten
Damit sie nicht nach Dummheit tasten
Und lächelnd zur Grimasse aufgetragen
Versteck ich all die Fragen
Für acht Sekunden nur
So kurz –
So ewig. Bleiben

Die Gedanken sind Hai (Ein Traum)

schreibchenweise

Den Kopf im Kissen, den Körper im Schlaf. Ich beobachtete. Eine Ameise. Sie war winzig klein. Mit dem Finger zerquetschte ich sie auf dem Boden. Einfach so. Nur zum Spaß. Weil ich es konnte. Weil ich es wollte. Ihr Leben – nein ihr Tod – gehörte nun mir. Ich lächelte. Dann stand ich auf und ging und wollte nie wieder einen Gedanken an sie verschwenden.

Jetzt lehne ich auf einer schwarzen Liege, das leichte Summen der Tätowiermaschine säuselt mich in jenen süßlichen Dämmerzustand, der einen unschuldigen Morgen von einer sündigen Nacht trennt. Neonlicht meiner Gedanken flackert über mir. An den Wänden hängen Fotos von Tattoos und ihren Trägern. Dazwischen ein Geweih aus brüchigem Horn. In einem Regal schmiegen sich abgegriffene Buchrücken aneinander, Bildbände von Vögeln, Tigern, Schlangen und Insekten. Ich kneife die Augen zusammen, nicht aus Schmerz. Die Luft ist zu trocken. Auf der Innenseite meines Oberarms lebt nun die Ameise weiter, gefangen in einer Schleife aus Unendlichkeit. Sie ist so klein. Sie läuft im Kreis, immer und immer wieder und findet keinen Ausweg. Nun gehört sie mir endgültig. Mit dem Finger streiche ich über ihren Körper, fahre die Lemniskate entlang. Eine kleine Melodie durchflötet meinen Schädel. Gedankenvögel mit scharfen Zähnen. Erinnerungen und schlechter Geschmack kriechen in mich hinein wie Schlangen mit Metallschuppen. Knorpelfische fletschen ihre Federn. Und der Haifisch, der trägt Kräne. Wenn ich jemanden töten könnte, wie würde das aussehen? Wie würde es schmecken, wie riechen und welche Töne würde es zaubern? Wäre es Melodie oder Tinnitus? Wäre es Lilie oder Stapelia? Würde sich ein Kolibri daran ergötzen oder nur ein Haufen Aasfliegen daran zugrunde gehen?

Ich schließe die Augen und taste mich Stufen hinauf, die mich zu einem Liebherr Kranhaus führen. Kilometer über der Erde sitzend steht jemand tief unter mir. Ein nackter Witz in Gummistiefeln, die sich mit Urin füllen. Grün. Galle. Gülleessenz poröser Eingeweide, gepinkelt aus einem krummen Lurch. Es stinkt zum Himmel, vertreibt die Wolken. Die Sonne bricht hervor und kotzt golden auf das krumme Männchen. Und der Kran, der reißt sein Maul auf, ausgehungert nach Eisensaft. Ich lass ihn walten, sehe mich schalten, Knöpfe drücken, Hebel kippen. Der Krahn senkt den Kopf und beißt sich in dem nackten Männchen fest, hackt, reißt, schmatzt, kaut. Spuckt es molekuliert über den Boden. Mit spitzen Lippen pfeife ich dazu, schnippe lustig mit den Fingern im Rhythmus, ertappe meinen linken Fuß heiter wippend. Welch zauberhafte Melodie! Zu töten klingt so heiter in meinen Ohren – ein Orchester aus Triangeln. Metallisches Gezwitscher. Zuckerguss für meine Hörschnecke. Sahnehäubchen auf meinem Pflaumenstrudel.

Stunden später trocknen Krümel menschlicher Hinterlassenschaften im Wind und ein süßer Orgasmus vertreibt sich die Zeit in meinen Unterleib.

… Ich denke, was ich will und was mich beglücket, doch alles in der Still’ und wie es sich schicket. Mein Wunsch und Begehren kann niemand verwehren, es bleibet dabei: Meine Gedanken sind Hai …

Mundspei Ohrenbrei

Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweise

Stille. Mein größter Wunsch ist Stille. Stattdessen höre ich ungefiltert dieses Gurgeln, Hämmern, Jammern, Murmeln, Quäken, Zischeln, Trommeln, Blubbern, Dröhnen, Bimmeln, Sabbeln, Ächzen, Grunzen, Stöhnen, Röhren, Pfeifen, Kreischen, Niesen, Räuspern, Tribbeln, Ruscheln, Nörgeln, Knirschen, Schlürfen… Großraumanimals auf ihrer Pirsch. Der Tag verschlingt sich selbst und spuckt sich stündlich wieder aus.

Er quillt mir aus den Ohren, dieser Brei aus Lauten, klumpt auf meine Seidenbluse, krustet sich den Rücken entlang zum Steiß, bröckelt träge auf den Boden und bildet eine Lache aus getrocknetem Mundspei bis zum Knöchel. Bitte, ich trage Ledersohlen! Fünfundzwanzigeinhalb Stunden ununterbrochen Erbrochenes. Jeder Ton ein Hackebeil in meinem Kopf. Die Paukenhöhle am Zerbersten. Hammer auf Amboss, Hammer auf Amboss, Hammer auf Amboss. Stereozilien kurz vor der Entwurzelung durch monologische Penetration. Geplärrtes Nasalsputum. Verbales Malträtieren. Gehustete Vergewaltigung.

Sadistische Gedanken manifestieren sich, zucken epileptisch hinter meinen Augen. Ich streife doppelt gummierte Handschuhe in freundlichem Gelb über und reiße Zungen aus Kehlen, stopfe die halbtoten Lappen in die Schlaglöcher dieser Stadt und reite mit Winterbeschlag im Galopp darüber. Vierhufiges Zungenpiercing. Straßenschnitzel. Dann erhebe ich Maulmaut und ahnde jedes Missachten auf Gutdünken. Ein Dezibel zu viel kostet mindestens sieben Finger. Fingerhack als Maßeinheit.  Die Wurstindustrie wird es mir danken. Kinder, esst mehr Finger-Food!

Und plötzlich denke ich, ach, tropfe mir heißes Wachs in die geschändeten Ohren, schiebe mir ein Stück Sonne in den Hintern und grinse. Am Himmel scheint ein Honigkuchen gülden durch die Wolken und in meinen Nebenhöhlen blühen Lilien süßlich vor sich hin. Ach.

Der Tag verschlingt sich selbst
und spuckt sich stündlich wieder aus.
Am Morgen stinkt er grün,
am Abend sieht er wütend aus.
Nach Stunden, die im Rausch ersticken,
ziehen Würmer durch das Hirn.
Die Nacht wird diesen Tag verficken,
dem geifernd Mond biet ich die Stirn.

Ach.

Du fragst, was ist … ?

Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweise

Leben ist das, was brennt, faucht, lacht.
Leben ist zum Leben gemacht.
Leben ist reden. Leben ist Stille.
Leben ist lassen. Leben ist Wille.
Leben ist mal unten, mal ganz oben.
Leben ist stillstehen. Leben ist toben.
Leben ist ankommen und wieder gehen.
Leben ist Augen zu. Leben ist sehen.
Leben ist Blut. Leben ist Pflaster.
Leben ist Regel. Leben ist Laster.
Leben ist, was du daraus machst.
Leben ist schlafen. Und Leben ist besonders dann, wenn du erwachst.

Armer Friedrich

Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweise

Friedrich war… was er war. Nicht mehr. Nicht weniger. Sein Horizont schien näher als die Flasche Korn auf seinem Beistelltisch. Im Sofabezug unter seinem Hintern klafften Löcher. An der Decke über ihm hing eine nackte Birne. Seinen Kopf zierte ein Kranz. In seiner Suppe schwammen Augen. Abend für Abend löffelte er, stippte Brot, nippte Korn. Zwischen dem Schlürfen und Pfurzen hörte man die Streitigkeiten der Nachbarn. Ein Kind schrie, ein Mann verfluchte jemanden, eine Frau kreischte, ein Tür knallte. Aus dem Fenster stürzte sich eine Fliege in den Hinterhof. Zivile Banalitäten. Öffentliche Kanalisation. Das Radio summte irgendein Lied.

Geboren und aufgewachsen in einer Kleinstadt zog es Friedrich schon früh in den Abgrund. Vater Säufer, dessen Schwester erst Vaterhure dann Hurensohns Mutter. Sein Bruder erst ein Unfall, dann ein Reinfall. Er selbst das Resultat dieses familiären Durcheinanders, das unter Strafe steht. In der Schule fand er keinen Halt, keine Freunde, keine Bildung. Gefallen fand er nur am Drogenrausch. Es war der einfache Weg. Sich hingeben. Sich ergeben. Sich aufgeben. Der steinigere Weg hätte Charakter vorausgesetzt, moralisches Gewissen, empathische Kompetenz. Und Mut. All das war nicht käuflich wie billiger Schnaps und schlechtes Heroin. Jede Nacht klatschte der Schlafmohn Beifall und am Himmel tanzten Augäpfel während Friedrich zu dem wurde, der er heute ist. Die Widrigkeiten des Lebens verformten ihn. Das arme Kind konnte nichts dafür, dass seine Eltern keine Helden waren, sein Bruder nie eine Chance hatte und ihm selbst nur Steine in den Weg gelegt wurden. Da hatte sein Bruder wahrlich mehr Glück. Der blieb von all dem verschont. Er landete noch vor seiner wirklichen Lebzeit in einer Toilette. Man könnte sagen, er schwamm rechtzeitig mit dem Strom. Friedrich war für das Klo schon zu groß als seine Mutter entschied, ihn in das Leben zu stoßen. Er kam mit dem Hintern nach vorn auf die Welt. Sein Arschloch war das Erste, was man von ihm sah. Der entbindende Arzt meinte, es läge wohl an dem wenigen Fruchtwasser, das seine Mutter in der Schwangerschaft gebildet hatte. Kirschlikör zu kippen hieße nicht zwangsläufig gute Fruchtwasserbildung. Als ihr der Arzt den frischen Friedrich auf die Brust legen wollte, dreht sich seine Mutter mit Abscheu zur Seite und weinte. Ihn zu stillen brachte sie nicht fertig. „Er hat ein böses Gesicht“, sagte sie, „ich will ihn nicht an meinem Körper haben.“  Das hatte Folgen. Als Halbwüchsiger stach Friedrich dem alten Nachbarshund zwei Bleistifte in die Augen. Auf die Frage seines Vaters, warum er das getan hatte, antwortete er: „Der hat mich nie angeschaut, da braucht der auch keine Augen.“

Der Hund starb kurz darauf. Friedrich bekam neue Bleistifte und ging in eine besondere Schule. Hunde und Menschen machten fortan einen weiten Bogen um ihn. An irgendeinem Morgen packte Friedrichs Vater ein paar Hemden in eine Tasche, sah in kurz an, schüttelte den Kopf, stieg in seinen alten Opel und fuhrt davon. Zwei Wochen später kam ein neuer Mann ins Haus und ging wieder. Es folgte ein Zweiter und Dritter, dann hörte Friedrich auf zu zählen. Einer fuhr mit dem Motorrad davon, einer mit dem Rad, einer lief recht flink in Badelatschen von dannen. Die Wohnungstür glich einer Hundeklappe. Jeder Streuner fand den Weg mühelos hinein und schnell wieder hinaus. Irgendwann verließ auch Friedrich das Haus seine Mutter, und zum ersten Mal seit vielen Jahren schlief sie eine Nacht lang ruhig durch. Es war still. Nur aus dem Radio säuselte leise …
… ein Lied. In diesem Moment musste Friedrich an seine Mutter denken.

Er schließt die Augen und rennt
Hinter den Lidern das Koma brennt
Flammende Pein
Nicht artig, nicht rein
Gebranntes Hirn – es stinkt
Schwelendes Elend, schlurft und hinkt
Er droht zu ersticken
Der Tod will ihn ficken
Zerrt am Gedärm
Im Kopf tobt Lärm
Winden
Krümmen
Wimmern

Der Tod wischt sich den Mund
Wäscht sich die Hände und …

… draußen bellt ein Hund

Gehirn aus Cashmere

Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweise

In meinem Gehirn aus Cashmere
Schleichen Krallen
Aus meinen Augen lass ich nach und nach
Die faulen Äpfel fallen
Durch meine Hände rinnen deine Ängste
Und werden Seen mit schwarzen Karpfen drin

Nur manchmal noch, in meinen Träumen
Aus dünn gesponnenen Ideen
Da stiehlt das Raubtier sich davon und ich…
… ich werfe meine Angeln in die Seen
Am Grund seh’ ich dich fliehen dann, auf Silberkugeln
Jetzt wach ich auf und atme Goldstaub aus  – als leisen Husten

Nichts Meer

schreibchenweise

Was tust du da?
Ich schaue aufs Meer.
Und was siehst du?
Nichts.
Warum starrst du dann hin, wenn da nichts ist?
Ich sagte nicht, da wäre nichts. Ich sagte, ich sehe nichts.
Das ist doch das Selbe.
Nein. Nichts sehen heißt nicht, da ist nichts.
Und was ist da, wenn da nichts ist?
Das kann ich dir nicht sagen, ich sehe es ja nicht.

Die Anemone

Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweise

Es war einmal ne Anemone
Die ging gern baden – oben ohne
Doch das Bad in der Menge
Und all das Gedränge
Waren ihr zuwider
Dieses Körper-an-Körper, das Auf-und-Nieder
Zu viele Arme, zu viele Beine
Sind’s die eigenen oder sind es seine
Ein Durcheinander, tausend und ein Tentakel
Mancher ganz blass, mancher voll Makel
Dazwischen Fische, Schnecken, Krebsgetier
Um Ufer grast ein Wasserstier

Zu viel! Die Anemone sehnt sich nach Leere…
„Ach wenn ich doch nur allein wäre“

… und macht sich auf in vollem Lauf
Verlässt die Gruppe, der ist das Schnuppe
„Soll se doch gehen, die eitle Puppe“

Des Meeres Busen wogt und rauscht
Mit Wellen zu Türmen aufgebauscht
Am Himmel ein hungriger Vogel kreist
Ins Wasser scheißt
Hernieder fällt mit spitzem Schnabel
Piekt und sticht, als wär’s ne Gabel
Greift sich flink das Blumentier
Schluckt es im Stück und voller Gier

Am Meeresboden – Leere
Ach wenn sie doch nur geblieben wäre

Sagen Sie jetzt alles

schreibchenweise

Wir kennen sie auf der Bühne als die tanzende Reinkarnation des WhiteBerry Knut und die Älteren unter uns aus dem TV auch in der Rolle der Frau Verpoorten in dem fantastischen Viereinhalbteiler „Ein Ei ist, wenn es singen kann“. Jetzt hat sie ihren ersten Roman auf den Buchmarkt geworfen. In unserer Reihe „Sagen Sie jetzt alles“ treffen wir auf die begnadete Autorin, Zurschaustellerin und Philosophin Griselle van Hell. Das ist Ihr erstes Buch in Schriftform – wie fühlt sich das an, es endlich in den Händen zu halten?

Gestreift.

Wie genau meinen Sie das?

Nun, betrachten Sie Streifen, ihre divergente Homogenität. Streifen sind das Maß aller Dinge. Sie bringen uns an den Rand. Sie zeigen uns ihre inneren und gleichzeitig unsere äußeren Grenzen. Die konterkarieren in ihrer Querform das Horizontale und mahnen zur Disziplin. Streifen sind die Quelle und das Quälende. Ich bin Streifen.

Verstehe. Und was genau hat Sie zu dieser unglaublichen Geschichte inspiriert?

Streifen.

Wie genau meinen Sie das?

Alles begann mit einem Traum. Ich trug diese Strümpfe, schwarz-weiße Ringel bis übers Knie. Die Beine mit Streifen statt Schleifen in den Himmel gereckt, lag ich auf einer Wiese und kaute Tabak oder Nelken. So genau weiß ich das nicht mehr. Jedenfalls über mir in einem Baum sang ein blauer Kiwi die schönsten Arien und schiss unentwegt Nougatcreme auf meine Stirn. Genau in diesem Moment erwachte ich und die Story war geboren.

Verstehe. Und was hat es mit dem Titel „Honig klebt nur, wenn er kleckert“ auf sich?

Was nur wenige Menschen von mir wussten – ich hatte bis vor kurzem eine Bretzel im Hirn. Eine angeborene und sehr schmerzhafte Geschichte. In einer komplizierten Operation schaffte Professor Doktor Kamps das schier Unmögliche und schnitt mir dieses Wuchergebäck aus meinem Kopf. Den Hohlraum goss er mit dem Honig der sehr seltenen und leider vom Aussterben bedrohten ungarischen Schlürfbiene aus. Bei der neurologisch-notorischen Nachuntersuchung dann stellte sich heraus, dass sich beim Kristallisieren des Honigs in meinem Kopf kleine Vakuumblasen gebildet hatten, die wiederum einen solch starken Unterdruck erzeugten und meine Augen aus den Höhlen treten ließen, ähnlich wie bei einem Daumen-Chamäleon. Als ich nach hause kam, erkannte mich meine eigene Mutter nicht, erschrak und stolperte rücklings in mein Verderben. Da dachte ich laut in mich hinein: Honig klebt nur, wenn er kleckert.

Verstehe. Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Welche Projekte stehen als nächstes an?

Ich möchte endlich ein Buch schreiben. Ich denke, das hab ich mir verdient.

Ähm…

Es folgt ein fröhlicher Jingle und eine kurze Werbeunterbrechung.

Der Lauf der Dinge

Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweise

Eine Frau sortiert ihr Leben
Nicht im Kopf, in ihrer Tasche eben
Eine cremt die rauen Hände
Ihr Kind leckt Wände
Ein Hund muss pissen
Ich seh’s ihm an und will’s nicht wissen
Zwei Mädels sind am Schminken
Gegenüber, die Männer stinken
Um Sitze wird gestritten
Eine Frau zeigt ihre Titten
Ein Mann wird laut „Was will die Braut?“
Ein anderer lacht
Kommt aus der Nacht
Geht in den Tag mit seinem Kater
Gesicht ganz blass, ganz roh, ganz Krater
Die U-Bahn hält
Der Hund, der bellt
Das Kind will raus, die Mutter nicht
Kind zieht Schnute, Mutter spricht
Zu laut, zu grob, zu unsensibel
Ich schaue raus, seh Häusergiebel
Fenster, Bäume und Balkone
Ein Mann, der raucht – mit oben ohne
Auf einem hängt Wäsche, nicht schön, nur nass
Neben mir der Mann wird blass
Torkelt, kippt, fällt auf den Boden
Aus seiner Hose quillt ein Hoden
Ich dreh mich um, will weg, muss raus
Ziehe meine Schuhe aus
Hüpfe singend durch die Bahn
Die Augen weit vom U-Bahn-Wahn
Im Ohr ein Klingen, schrill und fein
Jetzt hüpfe ich auf einem Bein
Man macht mir Platz, man lässt mich ziehen
Ich kann dem Wahnsinn hier entfliehen
Breite meine Flügel aus und springe…
… um morgen wieder hier zu sein – das ist der Lauf der Dinge

Glück gehabt

schreibchenweise

Weil alle grad davon reden…

Irgendwann wird alles gut. Das jedenfalls sagte die Nachrichtensprecherin, kurz bevor sie sich mit einem Lächeln auf den Lippen vor laufender Kamera in den Kopf schoss. Einen Moment lang herrschte Stille – im Studio und vor den 40 Millionen Bildschirmen.

Definiere Moment.

Auf der anderen Seite der Welt, irgendwo in einer dunklen Vorratskammer, kippte ein Sack Reis um und begrub eine Ratte. Sie war so fett gefressen, dass sie sich keinen Millimeter bewegen konnte. Und während sie bauchig und träge von einem Nachschlag träumte, flog der pralle Getreidebeutel aus luftiger Höhe auf das ahnungslose Tier hernieder. Keine Chance auf Überleben. Ratten sind eben keine Katzen. Katzen haben neun Leben. Ratten haben nackte Schwänze – darum mag sie keiner. Auch nackte Männer haben nackte Schwänze.

Definiere nackt.

Als der Leichenwagen die Nachrichtensprecherin abtransportierte, der Kameramann aus seiner dreisekündigen Schreckstarre erwachte und endlich das Blut von der Linse wischte, kehrte Normalität in den Studioalltag zurück. Aus der Maske wurde eine neue, eine noch hübschere Sprecherin geholt, wie gewohnt platziert, kurz ausgeleuchtet und ein letztes Mal frisiert und instruiert. Bitte keine Schusswaffen im Studio und bitte keine Suizide während des laufenden Betriebs. Auch, wenn die Einschaltquoten jedes Mal in die Höhe schossen (welch Wortspiel in diesem Zusammenhang!), das Senderimage vertrüge nicht mehr viele solcher Szenen. Außerdem herrschte mittlerweile ein Mangel an qualifizierten Nachrichtensprecherinnen. Sie nickte.

In der Kantine gab es Butterreis.

Hinter einer durchsichtigen Gardine räkelte sich ein nackter Mitvierziger adonisgleich in einem Bett, das Platz für fünf bot. Er war allein. Er lächelte. Er stand auf, kratzte sich am Sack, ging zum Fenster, nahm einen tiefen Atemzug und sprang. Genau in diesem Moment brach ein Sonnenstrahl durch die Wolkendecke. Man hätte ein inbrünstiges Halleluja schmettern mögen, so wunderbar war das. Die Macher der Wettervorhersage hatten nicht gelogen, ein schöner Tag stand bevor.

Definiere schön.

Wäre er doch nur eine Katze gewesen… Neun Leben. Und Katzen werden gemocht, anders als Ratten. Wahrscheinlich, weil sie im Verhältnis zum Kopf relativ große Augen haben. Kindchenschema. Man möchte sie beschützen, knuddeln und einfach nur liebhaben. Neulich lief ein herzzerreißender Beitrag im örtlichen Teefau. Ein Katzenbaby hatte sich auf einem Baum verirrt. Die örtliche Feuerwehr rückte an, ein Kamerateam des örtlichen Teefau-Senders, der Bürgermeister mit seiner örtlichen Frau. Sie bangte und weinte. Erst das erleichterte Klatschen umstehender Passanten trocknete ihre Tränen, als ein junger Held nach Minuten der Angst das flauschige Ding schützend in die Arme nahm und sicher aus dem Geäst befreite.

Als die Kantine schloss, war vom Butterreis noch jede Menge über.

In der Müllverbrennungsanlage herrscht Hochbetrieb. Alles, was brennbar ist, brennt. Es stinkt ein wenig. Nicht so sehr, wie in den Slums ferner Länder, aber genug, um zu belästigen. Darum wohnen manche Menschen nicht gerne in der Nähe einer solchen Anlage. Das ist nachvollziehbar. Der Geruchssinn des Menschen ist zwar lange nicht so ausgeprägt und fein wie der eines Hundes, aber dennoch empfindlich genug, edlen Duft von penetrantem Gestank zu unterscheiden. Gase, die bei der Müllverbrennung austreten, sind zwar oft giftig, aber nicht Krebs erregend.

Glück gehabt. Irgendwann wird alles gut.

Welche Farbe hat Bedeutsamkeit?

schreibchenweise

Schließ deine Augen und versuche, in Farben zu denken. Nicht in Formen, nicht in Worten, nicht in Assoziationen oder Emotionen. Denk in Farben.

Die Leinwand schweigt weiß, schreit nach Aufmerksamkeit, nach Acryl, nach Öl, nach Kolorit und Verwandlung. Im Raum ist es kühl, still, staubtaub. Ich schließe die Augen, es riecht hellgrau mit einem Hauch von Blau.

„Was für ein Blau?“, will er wissen. Ich muss nachdenken.

„Ein dunkles, durchsichtiges Blau, ein Blau, das in seiner Kraft Verletzlichkeit ausstrahlt.“

Er nickt und schraubt den Choke an seine Vorderschaftrepetierflinte. War das die richtige oder die falsche Antwort? Wahrscheinlich spielt es keine Rolle. Und nur, um meinem herumstreunenden Verdacht ein Zuhause zu geben, frage ich etwas lauter als stumm.

„Werde ich sterben?“

Wieder nickt er, schweigend. Sein Schweigen ist gelblich. Ein kratziges Gelb, ein blasses Gelb, das wässerlich-trüb an sich selbst zu ersticken scheint. Ein hustendes, zerfressenes Gelb, ein unruhiges, das sich in kaum merklichen Nuancen verliert.

„Wie?“

„Kunstvoll. Du wirst großartig aussehen.“

Ich starre auf die Leinwand, versuche mich an ihrer Leere festzuhalten. Ich denke an meine Mutter, sehe ihr farbloses Gesicht, wenn ein Beamter, dem man mit seinem Dienstantritt die Empathie aus den Venen gesogen hatte, beim Öffnen der Tür pflichtbewusst und ordnungsgemäß erst seinen Namen, seinen Rang und dann meinen gewaltsam herbeigeführten Tod durch einen vermutlich verrückten aber durchaus begabten Unbekannten verkündet. Mein Blick wandert zu den Farben, die in einer sich mir nicht erschließenden Ordnung auf dem Boden stehen, Topf an Topf, so als würden sie sich aneinander klammern um nicht umzukippen. Ich suche das Blau, mein Blau. Ich finde es nicht und meine Gedanken streunen auf den Grund eines Meeres. In meinem Kopf rauscht es. Nicht dieses perlmuttfarbene Muschelrauschen, das einem die eigenen Ohrgeräusche vorgaukelt. Mein Rauschen ist feindseliger, wie grellbunte Nadelköpfe auf grauem Schiefer. Mein Rauschen ist verletzend, zerstörend. Mein Rauschen verschluckt mich, um mich zu metamorphisieren und gewaltsam wieder auszuspucken. Mein Rauschen ist nicht Blau, es ist…

„Stell dich vor die Leinwand, ich will sehen, wie der Streuwinkel ist.“

„Hast du schon viele Bilder auf diese Art gemacht?“

Nicken. Blicke. Gedankliche Berechnungen. Er kneift die Augen zusammen, taxiert mich, schiebt mich mal ein Stück weiter nach links, mal etwas mehr nach rechts. Seine Hände sind warm und schön. Seine Haut trägt Spuren, farbige und narbige. Habe ich Angst? Welche Farbe hat Angst? Welche Farbe hat meine Angst? Ich schaue wieder auf die Töpfe. Jetzt erst sehe ich den anderen Behälter. Er steht etwas abseits, außerhalb der Reihe. Er steht allein.

„Was ist das?“

„Du weißt, was das ist.“

Ja, ich weiß, was das ist. Schrotpatronen, gefüllt mit Farbkugeln. Sie werden meinen Körper zerfetzen, platzen und sich zusammen mit meinem Blut, meinen Eingeweiden und meiner Seele in das Weiß der Leinwand fressen. Die Leinwand wird mich trinken, aufsaugen, einatmen, verschlucken. Ich werde Leinwand sein.

„Was passiert danach mit meinem Körper?“

„Was ist schon ein Körper? Nur eine Hülle, eine übergestreifte Eitelkeit. Ich befreie dich davon. Du wirst farbige Ewigkeit, du wirst pigmentierte Zeitlosigkeit. Ich schenke dir etwas, das dich besser ziert als dieser Körper es kann. Ich schenke dir polychrome Bedeutsamkeit.“

Welche Farbe hat Bedeutsamkeit? Ich weiß es nicht. Sag du es mir, schau auf die Leinwand.

Warum alte Männer lieber Beige als Pink tragen

schreibchenweise

und warum es nicht immer zu ihrem Vorteil ist.

Horst war gesättigt. Nein, Horst war satt. Es stieß ihm übel auf, schon seit geraumer Zeit. Er mochte nicht mehr. Alles wurde ihm zu bunt. Eines morgens saß er mit blankem und sehr blassem Hintern auf seinem sehr gemusterten Sofa und stellte fest: Die Farbe der Polster passte nicht zu seiner Haut. Überdrüssig des aufdringlichen Sofas, überdrüssig seiner stets gut gelaunten Frau, überdrüssig seiner zu engen Hosen und zu bunten Hemden, überdrüssig, täglich das schüttere Haar in Form zu gelen und dennoch kahl auszusehen, beschloss er, sich aufzulösen.

Als Horst noch ein fescher Jüngling war, mit prächtigem Haarkleid auf Kopf und Brust, da lag ihm die Welt zu Füßen und mit ihr die Frauen – wie Gitte. Gitte war ein junges, züchtiges Ding, das er bei Eis mit bunten Streuseln schnell davon überzeugte, ihren geblümten Schlüpfer zu lupfen, damit er in ihr seine Fingerfertigkeit verbessern konnte. Neuerdings nahm Horst zweimal wöchentlich Klavierstunden, wusste er doch, wie leicht junge Mädchen ihre guten Vorsätze bei einem Musiker vergaßen. Bei Eis und Horsts talentiertem Fingerspiel vergaß auch Gitte die Mahnungen ihres Vater und ihre Augen leuchteten Horst in ihrem schönsten Blau entgegen, das Eis landete in milchig-bunten Speichelfäden auf ihrer rosa-gepunkteten Bluse und aus ihrem Erdbeermund enfleuchte ein dezent gehauchtes „Mmmmmh“. Der Frühling konnte so schön sein.

Zwei Wochen später war Gitte passé und Rita zog Horsts Aufmerksamkeit auf sich. Sie hatte einen üppigeren Busen als Gitte, dafür weniger strenge Blusen und so ungezogenes rotes Haar. Noch ungezogener allerdings waren Ritas Sommersprossen, die sie nicht nur im Gesicht trug. Die nächsten Wochen vergrub Horst regelmäßig sein Kinn zwischen Ritas gepunkteten Schenkeln um zu erkunden, wie viele Sprossen so ein Sommer hervorbringen konnte, bis Rita eines Abends heulend vor seiner Tür stand und behauptete, schwanger zu sein. Horst klärte Rita auf, dass eine Schwangerschaft in ihrem Alter keine gute Idee wäre und nur zu Unannehmlichkeiten mit dem Vater und der Gesellschaft führen würde, woraufhin Rita schnell ihre Tränen trocknete und sich fortan nur noch ihrem Pferd widmete. Vier Tage nach dem tränenreichen Gespräch bekam sie ihre Periode.

Der Sommer wurde etwas kühler, da trat Monika in Horsts Leben. Sie war rundlich, trug karierte Strümpfe und hatte dieses freundliche Lächeln auf ihren rosigen Bäckchen. Mit Monika ging Horst regelmäßig ins Kino. In der Dunkelheit des Saals und der samtigen Fürsorge bequemer Kinosessel drückte er Monikas Kraushaarkopf mit den rosigen Bäckchen immer und immer wieder in seine Lendengegend. Zunächst drohte sie dort zu ersticken, doch nach einer präzisen Einweisung in verschiedene Atemtechniken wusste Monika in etwa, was ihre Aufgabe war und wie sie diese unbeschadet überleben würde. Später im Chor sollte ihr das einen immensen Vorteil gegenüber den Mitsängerinnen verschaffen, ebenso beim Chorleiter. Dass sie nie einen der Filme vollständig sah, versüßte Horst ihr im Anschluss jedes Mal mit einem besonders großen Milchshake. Monika liebte Milchshakes. Anfang Herbst krustete dann ein unschöner und kaum mehr zu versteckender Herpes an Monikas Milchshakelippen und Horst befand, das Kinoangebot sei nun nicht mehr ganz so reizvoll.

Zum Winter wurde es ruhiger und Horst entdeckte seine Leidenschaft für die Pornografie in den eigenen vier Wänden. Nun hießen die Mädchen nicht mehr Gitte oder Rita oder Monika und sie trugen auch keine bunten Flanellkleider oder wild geblümten Baumwollschlüpfer. Bis zum Frühling genoss Horst die nacktfarbene Zweisamkeit mal mit Sunny, mal mit Bunny, mal mit Trudi oder Rosa oder Vicky, oder Vicky und Gina und verließ sein Heim nur, um das Nötigste zu erledigen. Leider gehörte dann irgendwann auch das regelmäßige Geldverdienen dazu, dies tat er fortan bei der Badischen Anilin- und Soda-Fabrik. Horst machte dort unter der Woche in Farben und am Wochenende daheim weiterhin in ungeblümter Handarbeit. Dann, zwischen Labor, Schreibtisch und Kantine, lernte er die flotte Sibylle kennen, eine der Sekretärinnen-Schülerin im ersten Ausbildungsjahr. Sibylle und Horst verband zunächst nicht viel, bis auf die ein oder andere gemeinsame Zigarettenpause. Etwa nach einem halben Jahr wagte Sibylle den nächsten Schritt und bat Horst sehr bestimmt um ein Abendessen, bei dem sie ihm ihre vortrefflichen Kochkünste vorführen wollte. Horst willigte ein und genoss sichtlich beeindruckt Rollbraten mit Schmorkraut, dazu einen vortrefflichen Rotwein sowie einen Pudding im Nachgang, der ihn ein wenig an Monikas Bauch erinnerte. Und während Horst sich im Badezimmer die letzten Speisereste aus den Zähnen pulte, dabei an Monika dachte und sich nach Bunny sehnte, schmiedete Sibylle bereits Hochzeitspläne und suchte gedanklich schon nach den passenden Tapeten fürs gemeinsame Heim. Geblümt würden sie werden, geblümt und farbenfroh, mit viel Rot, viel Orange, noch mehr Gelb und besonders viel Grün. Auf dem Sofa vor der Tapete würden unzählige Kissen schmusen, die ebenso wie die Tapeten ihre Frohheit in all ihrer Farbigkeit und Fülle ausdrücken sollten.

Horst hatte Blähungen. Sibylles Kraut bekam ihm nicht. Es rumorte arg in seinen Eingeweiden, sodass er beschloss, den Abend vorzeitig zu beenden. Er verabschiedete sich mit einem zarten Wangenkuss von einer sichtlich enttäuschten, nach Veilchen und Bratensoße duftenden Sibylle und zog allein in die Schlichtkeit der Nacht. Er war ein wenig müde und drei Monate später war Hochzeit. Eine bewegte Braut in einem üppigen Kleid, ein höflich bemühter Bräutigam und eine noch üppigere Torte, die vier Stockwerke hoch die Hecke der Nachbarn überragte, besiegelten Horsts farbenfrohe Zukunft, die bis heute keine wesentlichen Höhepunkte oder Farbveränderungen vorzuweisen hatte. Bis heute.

Horst erhob seinen blassen Hintern von seinem bunten Sofa, ging ins Schlafzimmer, öffnete den Kleiderschrank mit all den bunten Hemden, die Sibylle im ausgesucht hatte, weil sie meinte, sie würden ihn jünger und frischer aussehen lassen, schob diese beiseite und griff zu einer alten aber kaum getragenen, beigefarbenen Hemd-Hosen-Kombination. Fast feierlich stieg er in die Hose und knöpfte das Hemd zu. Das Pastell seiner Haut ging nahtfrei in das sandige Creme seiner Bekleidung über. Ein dezenter Gürtel, der in etwa die Nuance eines jungen Mopses hatte, rundete das Ensemble ab. Zum Abschluss schlüpfe Horst in ein paar elfenbeinfarbene Socken und zusammen mit diesen in hellbraune Slipper. Zufrieden betrachtete er sich im Spiegel und stellte fest: Er war unsichtbar.

Mit einem leisen Lächeln auf den alten Lippen trat Horst vor die Tür und schaute die Straße hinunter in den Sonnenuntergang. Er fühlte sich unendlich frei und leicht und so unfassbar beige. Auch den Lastwagen fühlte er, aber erst Sekunden später. Und während Sibylle auf dem Markt nach Schnittblumen fragte, hörte Horst auf zu röcheln und die verschiedensten Rottöne bildeten wunderschöne Kontraste auf seinem Hemd. Sibylle hätte es gefallen.

Und plötzlich ist es kalt

schreibchenweise

Einst saß ein Mädchen in einem Park, auf einer Bank, wartend…

Kennst du sie?
Wen?
Das Mädchen, dort drüben, auf der Bank.
Nein. Sollte ich?
Ich weiß nicht. Sie sitzt dort jeden Tag. Immer zur gleichen Zeit.
Ja und? Wir stehen hier auch jeden Tag, auch immer zur gleichen Zeit.

Am Baum neben der Bank zeigen sich erste zarte Knospen. Die Luft ist so frisch, man möchte sie küssen.

Was meinst du, auf was sie wohl wartet? Oder auf wen?
Keine Ahnung. Was geht es mich an?
Sie sieht so jung aus, fast kindlich.
Das kann man doch von hier gar nicht sehen.
Vielleicht wartet sie auf ihren Freund.
Wie auch immer, auf dich wartet sie jedenfalls nicht.

Das Mädchen nimmt die Mütze vom Kopf und schüttelt ihre Haare. Lang sind sie und leuchtend honigblond. Wie sie sich wohl anfühlen?

Hast du die Zigarettenmarke gewechselt?
Ja, die hier sind weniger stark.
Machst du dir Sorgen um deine Gesundheit?
Quatsch, aber meine Frau. Außerdem sind die billiger.
Das Mädchen raucht nie. Wie alt sie wohl ist?
Was weiß ich, vermutlich noch ein Kind. Irgendwann wird sie rauchen.

Jetzt steht der Baum in voller Blüte. Zarte Hände spielen mit einer von ihnen, die vom Baum gefallen ist. Ein leichter Duft zieht herüber, den auf dieser Seite keiner wahrnimmt. Er erstickt unter dem Rauch billiger Zigaretten.

Geht’s dir wieder besser?
Ja, war halb so wild. Das Herz macht langsam schlapp.
Schau, heute trägt sie ein Kleid. Das ist schön.
Du wirst noch sentimental auf deine alten Tage.
Sie ist so allein.
Vielleicht will sie allein sein, schon mal daran gedacht?

Am Himmel fliegen Wolken vorbüber, weiße, graue, nasse. Sie haben es eilig. Die Frau friert ein wenig und zieht die Schultern höher. Sie betrachtet lange ihre schmalen Hände, bevor sie diese tief in ihren Manteltaschen vergräbt.

Sie friert. Ob ich mal zu ihr rübergehe?
Was willst du da, du bist ein alter Sack, sie ein junges Ding.
Na, vielleicht hätte sie gern ein wenig Gesellschaft.
Bestimmt, aber nicht deine!
Du kannst echt ein Arsch sein.

Der Baum trägt jetzt Orange und tiefes Rot. Ein Rabe vertreibt sich die Zeit im Geäst. Die Frau auf der Bank schließt müde ihre Augen. Ihr Haar hat die Farbe von Spätsommerstroh.

Irgendwas liegt heut in der Luft. So schwer.
Entschuldige, das ist dieser verdammte Eintopf. Ich soll abnehmen, sagt der Arzt.
Wie sie da sitzt. Das macht mich fast traurig.
Sie sitzt da wie immer.
Eben, das ist es ja.

Eine Windböe greift nach den letzten Blättern, greift nach grauen Haaren und einem Wollschal, der dünne Schultern schützen will. Es riecht nach Schnee.

Entschuldigen sie, aber hier ist das Rauchen verboten.
Seit wann das denn?
Schon seit einiger Zeit. Sie waren wohl länger nicht hier?
Ja, scheint so.
Gehen sie doch da rüber in den Park auf die Bank. Dort können sie rauchen, wenn sie wollen.
Ach nein, der Park ist so verdammt leer ohne den alten Baum.

Das Schlüsselloch im Kopf

schreibchenweise

Noch ist Sommer. Das Sommerloch klafft. Dreht man sich elfdreiviertel Mal im Kreis, ist Herbst, und die Blätter fallen, das Zellsterben beginnt und Chlorophyll wird knapp. Männer mit Hackebeilchen schänden den Wald.

Verdammte Axt, Sie haben da ein Loch im Kopf, ein… Schlüsselloch!

Darum also der Schmerz, das Blut, die kalte Briese im Hirn.

Tut das nicht weh?

Nein, es zieht nur ein wenig. Aber das bin ich gewohnt, lüge ich.

Wie ein Vögelchen hucke ich auf dem Giebelgesims meines Hauses. Sitzen kann ich nicht mehr, der Hintern wurde mir spitz und wund und lahm. Drei Tage können eine lange Zeit sein. Drei Tage Durchzug. Drei Tage Gedankenflucht. Drei Tage Hirnpfiff.

Und, werden Sie es stopfen?

Hab ich versucht, hat nicht gehalten. Erst mit heißem Wachs und einer roten Lunte… Der Fuchs tut mir noch immer leid, jetzt rennt er schwanzlos durch die Wälder. Dann auch mit Stroh. Rum. Rein. Rüber. Einen Schluck für den Magen, drei für den Kopf. Es floss aber gleich wieder heraus und brannte arg. Vielleicht versuch ich’s mal mit Rosinen.

Ich bin ja eigentlich kein Voyeur, aber dürfte ich mal durchschauen?

Nur zu. Schauen Sie durch mich hindurch. Drinnen werden Sie nichts finden, da ist es dunkel. Manchmal, wenn sich die Augen nach einigen Minuten starren ein wenig an das Schwarz gewöhnt haben, dann flimmert die Iris Bilder hervor. Es wäre mir aber lieb, wenn Sie mir vorher eine Freistellung unterzeichnen würden, sicher ist sicher.

Eine Freistellung, wofür?

Damit ich mich absichern kann. Was weiß denn ich, was Ihre Iris dem Gehirn in Ihrem Kopf vorgaukelt und ob Sie das verkraften. Nachher verklagen Sie mich, weil Sie glauben, in meiner Dunkelkammer Schemen einer Unzucht mit Minderwertigen gesehen zu haben oder bezichtigen mich des Hirnterrorismus’.

Ja, ja. Ich unterzeichne, was immer Sie wollen. Geben Sie das Blatt schon her!

Wissen Sie eigentlich, wie viele Blätter ein Baum hat? Das lässt sich ganz einfach berechnen. 3S = 3(4*8)m^2 ugf. 100 m^2 = 1.000.000 cm^2 B ugf. 4×5 cm^2 = 20 cm^2. Das Ergebnis wäre dann N=S/B=50.000. Erscheint einem doch recht beachtlich, für einen einzelnen Baum mittlerer Größe, oder?

Vermutlich. Hätten Sie womöglich einen Stift? Meinen verlor ich kürzlich, er fiel in einen Brotteig. Ich hoffe, er richtet keinen weiteren Schaden an.

Da habe ich wohl Glück. Ich esse keine Backwaren. Aber ich kaue gern auf Nelken, das beruhigt das Zahnfleisch. Früher kaute ich auf Stiften, das beruhigte mich. Die Tinte auf der Zunge wiederum beunruhigte meine Mutter. Sie war immer schon besonders besorgt um mich, hatte Angst, ich würde mich vergiften.

Lebt Ihre Mutter noch?

Ja. In einem Tintenfass.

Dann schlafen mir die Beine ein vom vielen Reden und der kalte Abendwind bläst nass durch meinen Kopf. Ich stopfe einen alten Korken in das Schlüsselloch, springe vom Gesims und fliege gen Süden.

¡Qué pena!*

Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweise

Als Trophäe bekommt der Sieger den Schwanz des Verlierers. Ich stelle das Glas mit seinen Eiern in mein Regal, zu all den anderen…

Da kniet er in seinem weißen Zwirn
Im Sand die Knie, zum Himmel die Stirn
¡Viva la corrida!  ¡Viva el matador!
Die Arena tobt, die Menge schreit im Chor

Die Picadores, sie reiten und schwitzen
Und Menschen springen von ihren Sitzen
Nur der Stier steht plötzlich ganz still
Weil er jetzt und hier und so nicht sterben will

Dann beginnen sie ihn umher zu hetzen
Heben die Lanzen, um ihn zu verletzen
Blut tränkt den Sand, die Masse – sie singt
Während der Stier um Würde ringt

Stille. Blut tropft. Schweiß perlt. Der Himmel ist blau.

El Matador – steht sicher, setzt an zum letzten Stoß
Und es regt Wollust sich in seinem Schoß
Der Stier senkt seinen schönen Kopf…
… und spießt ihn einfach auf, den armen Tropf

Ich dreh mich um, verlasse grinsend die Arena
Und denke so bei mir ganz still: ¡Qué pena!
Schön war er, der Matador, und eitel noch dazu
Soll er schmoren in der Hölle, ich wünsch’ ihm gute Ruh

 * Wie schade!

Reelle Realität

schreibchenweise

Dieser Text ist weder spannend noch ironisch noch metaphorisch, hat weder Dramaturgie noch Showdown. Er ist einfach nur das, was er ist – reelle Realität.

Ich weiß, es muss verrückt klingen, aber es stimmt. Ich wurde entführt, von Außerirdischen. Soll heißen, von Nichthumanoiden organischen Ursprungs, von lebendigen Zellhaufen mit Gliedmaßen und einem Kopf ausgestattet, fast wie wir, die aber über eine augenscheinlich andere Physiognomie als unsereins verfügen und darum nicht vom Planeten Erde stammen konnten. Auch waren es weder extrem hässliche noch verkleidete Humanoide, was zunächst nahe lag. Und ich dachte noch, ich träume sciencefictional. Dem wahr war aber nicht so.

Es trug sich folgendes zu: Ich kam aus dem Büro, den Kopf noch in der Arbeit, die Füße bereits im Edeka, weil, die lieben Lebensmittel und ich auch. Auf meiner kauffördernden und aktivierenden Erinnerungshilfe (analoge Einkaufsliste) stand all das, was das Leben lebenswert und behaglich machte und momentan in meinem Haushalt fehlte, was für obenrum, was für untenrum, was für zum Essen, was für zum Trinken, was für vorher und was für nachher. Und in dickeren Lettern, weil von immenser Wichtigkeit für mich, stand dort das Wort Kaffee. So ging ich als erstes und geradewegs Richtung Regal mit kaffeeaffinem Sortiment. Auf dem Weg dorthin wurde ich in meiner Zügigkeit durch einen Stau ausgebremst. Ich stellte mich widerwillig in die sich bildende Schlange, trippelte ungeduldig auf Zehenspitzen herum, um besser über die Köpfe der vor mir Stehenden blicken zu können, und beobachtete das Handgemenge an der Kasse, das begleitet wurde von einer lautstarken Auseinandersetzung zwischen einem Herrn in Edeka-Tracht und einem definitiv nicht von dieser Erde stammenden Uforianer. Letzterer fuchtelte wild mit einem seiner fünf Arme in der Luft herum und nuschelte irgendetwas vor sich hin. Ich verstand kein Wort und fragte eine ältere, kleine Dame, die vor mir und damit näher am Geschehen stand, ob sie denn verstünde, worum es ginge.

„Waaaaaas?“, schrie sie mich an und legte dabei ihre Hand ans Ohr, „Was haben sie gesagt?“

Das beantwortet meine Frage zwar nicht so, wie ich erhoffte, aber dennoch deutlich. Ich nickte höflich und drängelte mich weniger höflich näher an den Tatort. Die Neugier ist ein unaufhaltsamer Motor, der den an sich trägen Menschen vorantreibt. Sie ist stärker als Angst und giert wie kaum ein anderes Verlangen nach Befriedigung. So stand ich drei Ellenbogenstöße und einige jugendfreie Flüche später direkt neben dem Edeka-Mitarbeiter mit freiem Blick auf den rüpelhaften Fünfarmling. Das Nuscheln entpuppte sich aus dieser Entfernung als eine Mischung aus nasalen Zischlauten, deutlich erkennbaren Elementen der deutschen Sprache, und ich vernahm zudem Fragmente aus dem Petuh.

„Wie kann in sitten bei ausses Licht und zue Rollon und näh’n abbe Köbbe an?“, gurgelte das Wesen. „Dascha ’n Maars un kriegn ’n gutte Platz in’n Unibus. So’n Aggewars!“ Ein schlauer Bursche, er wusste, wie man Google benutzt.

Dass der Fremdling mehr oder weniger der hiesigen Sprache mächtig war, schien den sich stoisch wiederholenden Supermarktangestellten, der mit ausdrucksloser Mimik seine Aussage wieder und wieder und wieder von sich gab, in der Absicht, den Außerirdischen zu beruhigen, nicht wesentlich zu irritieren. Es täte ihm leid, er könne da leider nicht helfen. Sich lautstark aufzuregen würde an dieser Tatsache auch nichts ändern und sich darauf zu berufen, nicht von diesem Planeten zu stammen und es darum nicht besser zu wissen, würde ein derart unflätiges Benehmen auch nicht entschuldigen.

Der Außerirdische wirkte sehr traurig in seiner wild fuchtelnden und nuschelnden Verzweiflung, und ich ertrank fast in Empathie. Seine körperliche Auseinandersetzung mit seinem Gegenüber schien bereits ein erstes Opfer gefordert zu haben, denn auf dem Boden lag ein Art Finger, und aus der Hand des dritten Arms linksseits tropfte eine neongelbe Flüssigkeit. Sie roch ein wenig streng und weckte darum mein olfaktorisch motiviertes Interesse. Ich bückte mich, rutschte von allen Umstehenden unbemerkt auf den Knien zwischen atmungsaktiven Geox-Schuhen, wild gemusterten Socken-Sandalen-Kombinationen, billigen Kunstlederpumps und schuppigen Gliedmaßen näher zur stinkenden Pfütze, starrte fasziniert hinein und…

… wachte in einer grell erleuchteten Räumlichkeit wieder auf. An den organisch wirkenden Wänden stand und hing viel Nichts. Es roch nach Nichts und ich hörte ein leises Nichts. Meine Augen mussten einen Moment lang hart arbeiten um sich an die unbekannte Sehtemperatur zu gewöhnen. Mein Hintern schlief tief und fest und mein Mund war Wüste.

„Entschuldigung, könnte ich bitte einen Kaffee bekommen?“

Das war das Erste, was mir in den Sinn kam, und ohne es zu wollen, hatte ich es ausgesprochen. Zunächst flüsterte ich mein Verlangen recht zögerlich, dann mit deutlichem Nachdruck in den unwirtlichen Raum. Meine Hände begannen zu zittern, ein Kalter Truthahn lief durchs Zimmer. Ein Wild Turkey wäre mir deutlich lieber gewesen, am besten in einem heißen Kaffee. Doch meine ernst gemeinte Bitte stieß auf kein Ohr. Dachte ich zumindest, wusste ich es bis dato nicht besser. Dass Wände wirklich und nicht nur sprichwörtliche Ohren haben können, sollte mir noch bewusst werden.

Gefühlte sieben Tageseinheiten später hatte ich das dringende Bedürfnis, mich zu entleeren. Eigentlich hätte ich kein Problem damit gehabt, mich in einem Nichtraum ohne sichtbare Türen, Fenster oder sonstige Öffnungen mit Beobachtungspotenzial hinzuhucken, das Höschen zu lupfen und der Blase freien Lauf zu lassen, aber irgend etwas in mir sagte, lass es sein. Es war wie ein flauschiges Flüstern, das zwischen meinen Ohren hin und her hüpfte, während der Druck meiner Blase anstieg und lautstark schrie: Lass es raus! Lass es sein, lass es raus, lass es sein, lass es raus, lass es sein, lass es braus… braus… Maus… raus… Quril.

„Entschuldigung, könnte ich bitte eine Toilette benutzen und dann einen Kaffee bekommen?“

Ich dachte, ein erneut höflicher Versuch, mich in meiner Bedürftigkeit mitzuteilen, konnte nicht schaden. Wenig später und noch immer ungehört pfützte ich in das Nichts, von Peinlichkeit gezeichnet. Allein der Kalte Truthahn gab mir ein wenig Halt, während sich der Raum zu drehen begann. Mir wurde übel. Schon als kleines Kind konnte ich alles ertragen, nur nichts Drehendes. Schaukeln, Karussells, schnelle Tanzwirbelungen um die eigene Achse, zu viel Alkohol – nichts für mich. Und spucken im Kreis wurde auch von umstehenden Schaulustigen niemals mit Applaus belohnt, nicht mal dann, wenn sie aus der eigenen Familie kamen.

„Entschuldigung, die Toilette brauche ich nicht mehr, aber einen Kaffee könnte ich jetzt wirklich vertragen, verdammte Scheiße!“

Anscheinend hatte ich den richtigen Ton oder aber die richtige Tonlage getroffen, jedenfalls beruhigte sich der Raum und in der Wand öffnete sich ein Spalt, durch den ein Wesen auf mich zu trat, das in Form und Farbe dem aus dem Edeka-Markt glich, sich aber in der Art und Weise seiner Artikulation und Höflichkeit deutlich von diesem unterschied.

„Wie hätten Sie denn Ihren Kaffee gern? Wir haben Cappuccino oder Latte macchiato, Espresso und auch stinknormalen Filterkaffee. Der ist grad frisch durchgelaufen.“

„Oh, wie nett, dann nehme ich einen Latte macchiato mit laktosefreier Milch bitte.“

Mit einem peinlich berührten Flüstern fügte ich noch als Entschuldigung hintenan, dass mich eine echte Intoleranz quäle und dieser Sonderwunsch bitte keinesfalls als schnöde Beschäftigungstherapie oder alberne Modeerscheinung zu verstehen sei. Den Flüsternachsatz garnierte ich zudem mit einem huldvollen Lächeln. Das Wesen starrte mich an, zog eine nicht vorhandene Augenbraue hoch und antwortete – nach meinem Empfinden ein wenig zu schnippig und wenig konstruktiv – dass dies ein Scherz gewesen wäre, ob es denn so aussehe, als würde es mir irgendeine Art von erdtypischen Genussmitteln kredenzen wollen. Nun, wenn ich ganz ehrlich sein sollte: Nein.

Einige Minuten standen wir uns schweigend gegenüber, ich in einem Anflug von Nervosität mit einem Fuß wippend, der Fremdling ganz die Ruhe selbst und mich von oben bis unten musternd. Dann stieß er einen scharfen Pfeifton aus. Um die fünf Sekunden später öffneten sich verschiedene Schlitze in dem Nichtraum, aus denen ebenso verschiedene Wesen traten. Sie bildeten einen Kreis um mich, der sich enger und enger um meine Person zog, was mir zunehmend unangenehm wurde. Generell hatte ich keine Berührungsängste, war ich doch Schlangestehen mit unfreiwilligem Körperkontakt von der Erde gewohnt, aber das wurde dann doch etwas sehr nah. Mein Intimbereich und mein empfindlicher Geruchssinn fühlten sich deutlich bedrängt. Peng, noch in dem Moment, als ich dachte, einer von denen würde besonders streng riechen, wurde mir schwummrig im hungrigen Magen und grün vor Augen. Die nachfolgenden Szenen kann ich darum nur bruchstückhaft rekonstruiert wiedergeben, was definitiv keine Ausrede sein soll dafür, dass mir gerade nichts besseres einfällt, um dem Text ein wenig mehr Würze zu verpassen.

Ich stürzte… wurde getragen… wurde aufgebahrt, entkleidet, an den Haaren gezogen… an mir wurde geleckt, gerochen, ich wurde befingert, gefingert und womöglich gefickt… Stille… grelles Neonlicht… Grelle Stimme.

„Hey! Halloooooo. Würden Sie so nett sein und aufstehen. Ich bin schließlich alt!“

Ein kräftiges Ruckeln dazu weckte mich. In den Händen hielt ich einen Pappbecher mit kaltem Kaffee, halb leer. Unklar war mir in diesem Moment, ob ich die andere Hälfte bereits getrunken hatte oder ob die farblich undefinierbare Pfütze unter mir… Gedankensprung bitte. Mein Blick schweifte weiter zu den schuppigen Füßen, die halb in der Pfütze standen, wanderte träge aufwärts, traf ein Gesicht. Neben mir stand eine ältere, kleine Dame. Sie ruckelte penetrant an meiner Schulter und deutete mit dem übertriebenen Kinn ebenso übertrieben auffordernd in meine Richtung. Benommen und noch immer den Kaffeebecher umklammern stand ich auf. Die kleine Person setzte sich, sah vergnügt aus dem Fenster und murmelte. „Es ist schwer, im Omnibus einen guten Platz zu bekommen.“

Hagelflieger sind keine Helden

schreibchenweise

Ein Sturm kündigt sich an, schickt Wolkentürme, Drohbriefe aus unruhigen Wassertropfen. Die Luft hustet, schreit, spuckt Energie, weint Schloße.

Gestern noch pflügte eine Cessna den Himmel, nahm ihm seine Gewalt. Wieder und wieder schickte sie Absender aus Silberjodid und Aceton an die Erpresser der Sphäre. Heute liegt sie gebrochen und mit gestutzten Flügeln am Boden. Stille und aufgewühlter Boden halten ihr die Totenwache, im Cockpit trocknet Blut. Hagelflieger sind keine Helden und dennoch retten sie Leben – das unzähliger Halme.

Tagebucheintrag, Sonntag, 29. Juli
Was hat das alles noch für einen Sinn, wenn die Farben um mich herum verblassen? Mein Kopf ist grauer Marmor, meine Gedanken welken und fangen an zu stinken. Das Oben ist nicht länger über mir. Das Unten reißt mich hinab. Ein Dazwischen gibt es nicht – nicht mehr, nicht für mich…

„Gab es keinen Notruf?“

„Nein, nichts dergleichen.“

“Habt ihr den Flugschreiber schon gefunden?“

„Keine Spur davon.“

“Scheiße, was war da los?“

Tagebucheintrag, Montag, 30. Juli
Was kommt danach, was war davor? Ich weiß nicht mehr, was richtig und was falsch ist. Alles schwimmt davon, nur reißt mich der Strom nicht mit, sondern hinunter, zu Boden, den ich verliere. Er hat mich ausgehöhlt zurückgelassen. Leer. Ich sah den Strudel, sah den Sog, sah, wie er alles verschlang. Und stand nur da. So leer. So unfähig. So ich…

„Hat er mit dir darüber gesprochen?“

„Worüber, was meinst du?“

„Alles, einfach alles. Ihr seid doch Freunde gewesen, da redet man doch miteinander. Hat er nicht irgendetwas angedeutet?“

„Was willst du damit sagen? Es war ein Unfall!“

Zwanzig Jahre beherrschte er die Unwetter, die Stürme, die Wolken. Zwanzig Jahre zwang er sie, tränkenden Regen zu weinen statt mit vernichtenden Hagelkörnern auf die Ernte zu werfen. Zwanzig Jahre trug er nicht einen Kratzer davon – nicht am Himmel. Die Erde war sein Feind.

Tagebucheintrag, Freitag, 3. August
Jetzt ist sie fort. Ich muss bleiben. Hätte ich sie aufhalten, hätte ich es verhindern können? Wie? Wie? WIE?

„Hast du sie gekannt?“

„Ja, ein wenig. Ich mochte sie. Angenehme Person, irgendwie unscheinbar. Und irgendwie so präsent in ihrer Zurückhaltung.“

„Das widerspricht sich.“

„Ich weiß, aber genau so war sie.“

Tagebucheintrag, Samstag, 11. August
Die Wochenenden sind am schlimmsten. Ich ertrage es kaum. Nicht hier unten. Ich verfluche dich! Du Miststück, du hast aufgegeben, du lässt mich allein! Warum? Du kommst aus dem Nichts, fängst mich ein mit deiner Liebe und verschwindest wieder. Jetzt hänge ich fest, weiß nicht wo, kann mich kaum noch spüren. Bewegungsunfähig. Denkschwer. Müde. Mein Puls stolpert nur noch, lahmt, hinkt, will schlafen. Ich suche tausend Gründe, nicht zu stürzen und finde keinen einzigen…

„Jetzt ist es offiziell, es war Selbstmord.“

„Wer sagt das? Habt ihr die Black Box endlich gefunden?“

„Nein, aber alles deutet darauf hin. Der plötzliche Verlust, seine Niedergeschlagenheit, sein Rückzug. Außerdem hat er in zwanzig Jahren den Vogel und sich immer heile zu Boden gebracht, egal, wie das Wetter war. Glaub mir, es war Selbstmord.“

Letzter Tagebucheintrag, Freitag, 28. September
Die Traurigkeit frisst sich durch meinen Körper, aber ich gönn ihr den Fraß nicht. Nicht so, nicht heute, nicht morgen. Dich hat sie dahingerafft, mich bekommt sie nicht. Ich hab dich verflucht, weil du es nicht geschafft hast. Jetzt verfluche ich mich, dass ich so schwach bin, so brüchig. Du warst stark, stärker, als ich es je sein kann. Aber ich will es versuchen. Ich gehe nicht, ich fliege, und ich werde wieder landen, auch morgen und übermorgen…

Die Wolken verschlucken sich. Fünfzig Millionen Tonnen Wasser spucken dreihunderttausend Ampere an elektrischer Ladung gegen eintausendsechsundfünfzig Kilogramm Metall und ein paar Kilo Mensch. Zwanzig Jahre ergab das ein Unentschieden. Bis heute. Heute hagelt es. Und das nackte Orange der Black Box wirkt wie ein Fremdkörper in all dem Durcheinander.

Lemniskate

schreibchenweise

Was ist Unendlichkeit?

Das kann ich dir nicht beantworten. Aber ich sage dir, wie ich sie gezähmt habe.

Wie?

Ich gab ihr einen neuen Namen.

Da sitzt er, der alte Mann, flach die Atmung, tief die Falten. Sie erzählen Geschichten, sind Zeugen mancher Trauer und mancher Liebe, vieler Freuden und einiger Verluste. In seinen Augen schimmern dreiundneunzig Jahre Wissen, in seinem Herzen tobt die Sehnsucht nach der eigenen Endlichkeit.

Rosige kleine Finger ruhen in seiner braun-gefleckten Hand. Dreiundneunzig Jahre alte Haut wärmt, beruhigt, zittert matt und streichelt trocken. Ein neugieriges Gesicht schaut auf, zählt die Falten, fragt und staunt, verlangt ungeduldig nach Antworten. Müde Augen blicken hinunter in wache, der zahnlose Mund spricht leise und mit viel Geduld, der kleine steht weit offen und gibt eine Reihe unruhiger Milchzähne frei. Zähne, die sich erst noch durchbeißen müssen auf ihrem Weg. Der Alte ist seinen bereits gegangen. Und heute geht er ihn noch einmal, weit zurück, wird wieder jung, verliebt sich erneut, kämpft, tötet, beweint längst begrabene Freunde, spürt verheilt geglaubte Wunden, lebt ein zweites Mal. Dieses zweite Leben ist kürzer, schmeckt weniger süß und auch weniger bitter. Dieses zweite Leben wirft kleine Schatten an die Zimmerdecke und gibt der Unendlichkeit einen Namen, ein neues Gesicht, eines, das dem seinen ähnelt und es weiterträgt, bis es eigene Falten und Geschichten hat.

Da sitzt er, der alte Mann, flach die Atmung, tief die Liebe. Die Vergänglichkeit schmerzt, seine Geschichte ist erzählt – dreiundneunzig Jahre in einer Nacht, und mit ihr bricht auch seine Endlichkeit herein.

Und am Himmel geht der Mond auf

augenscheinlich, schreibchenweise

Gestern waren sie Liebende. Heute schlafen sie getrennt. Er im Garten hinter dem Haus, sie im Teich. Und am Himmel geht der Mond auf.

Sie lebte mit dem Einen und vergötterte den Anderen, seine zarte Erscheinung, seine Feingliedrigkeit, seinen scharfen Geist. Er trug eine Maske und versank unerkannt in ihr, in ihrem Haar, ihrem Geruch, in ihrer Scham. Bisweilen. Sie liebte ihn, wie er war, für das, was er war. Was er vorgab zu sein. Immer. Sie wollte ihn. Ganz. Er wollte sie, wie eine andere, die er nicht haben konnte. Nicht haben durfte. Niemals. In seinem anderen Leben verband ihn dieses kleine Mädchen mit zwei Menschen auf eine Art, die falsch war. In ihrem Leben verband sie zwei kleine Mädchen mit einem Mann, der keine Ahnung hatte. So viele Bindungen und doch kein Bund. Alle zerrissen. Alles verschlissen. Jeder belogen. Von jedem betrogen. Und am Himmel geht der Mond auf.

„Ich kann nicht mit dir leben.“

„Du willst nicht mit mir leben.“

Wenn Erdplatten aufeinander treffen, bilden sich Vulkane. Sie spucken Feuer, ergießen Lava und verglühen. Gebirge türmen sich auf, ragen in die Wolken, bersten, werfen Schatten, bröckeln und versinken im Meer aus Tränen. Bruchschollen fallen auf Granit. Tiefe Gräben bleiben zurück. Verschlucken das, was eben noch die Zukunft war. Und am Himmel geht der Mond auf.

„Ich werde gehen.“

„Dann gibt es kein zurück.“

Im Teich ertrinken die Fische. Drei blasse Seerosen verschließen sich stumm. Irgendwo in dieser Nacht tickt eine Uhr. Rückwärts, bis sie stehen bleibt. Die Erde im Garten hinter dem Haus ist aufgewühlt, ebenso das Herz, das noch eine Stunde schlägt. Dann schweigt auch das. Und am Himmel geht der Mond auf.

Seerosen

Der tiefe Fall in den Qahwa

schreibchenweise

Dieser eine Morgen reit sich an die vergangene Nacht. Weitere Nächte werden folgen, kein weiterer Tag. Der hatte genug. Der ist vergangen. Verbittert. Da stehe ich nun, direkt am Rand. Wärme steigt zu mir hinauf, Bohnendunst. Er vernebelt meinen Blick in die Ferne. Aus der Tiefe flüstert es feucht, heiß und dunkel. Spring!

In wenigen Minuten werde ich mich in die schwarzen Fluten stürzen, werde in psychotroper Verzweiflung baden. Meine Würde wird sich verbrühen, während ich mit den Armen rudernd in das Königreich Kaffa tauche. Meine Lungen füllen sich mit Niacin, strampeln, implodieren, schwimmen zu Tausenden davon. Sucht schreit mir entgegen. Trink!

Dann fließt Excelsa durch meine Adern, giert nach Wegen, um in meine Leber zu flüchten. Ein kleines Stück ist noch da, den größten Teil musste ich verkaufen. Harte Zeiten, Wirtschaftskrise. Manchmal muss man Opfer bringen. Wer braucht schon eine ganze Leber, wenn er ein halbes Königreich besitzen kann, einen halben Fluss mit Ufern voller Plantagen, ein halbes Leben. Atme!

Die Narbe am Bauch stichelt und quängelt, erinnert mich an den Verlust des Lobus dexter, erinnert mich an Spritzen, an das Skalpell, an Scheren und Klammern, an rotgetränkte Tücher und flinke Hände im Hinterhof, an gedimmtes Licht von oben, an Nässe von unten, an dumpfe Schritte hinter Morphinwolken und an den Geruch von Euphorie. Vergiss!

Ich springe vom Rand meines Kaffeebechers, falle, schwimme, trinke aus dem Fluss Qahwa, atme Staub gemahlener Bohnen und vergesse mich. Dann versinke ich im schwarzen Sud aus roten Früchten und gebrannten Gedanken…

Im sicheren Würfel

schreibchenweise

Das weiße Kaninchen fällt und fällt und fellt und fellt und fellt…

Mir ist heute ganz weiß. Grell juckt mich der abrasierte Schädel. Von innen. An meinem linken Bein reibt sich winkend ein Teletubby – der karierte. Schwarz-Weiß-Schwarz-Weiß-Schwarz-Weiß-Schwarz-Bunt. Buntfutterer. Dann uriniert er genüsslich auf meinen nackten Fuß. Das ist schön warm und riecht nach Red Bull. Mein rechtes Bein zuckt. Es liegt in der anderen Zimmerecke. Irgendwie mochte ich es nicht mehr. Es war mir zu eng, da hab ich es einfach abgelegt. Jetzt kann ich besser den Weg des geringsten Widerstandes humpeln. Über mir flackert die Bürokratie. Unter mir scharren die Leichen. An meinem Bett klappern Schnallen und im Raum hinter der Tür werden Nerven getötet. Was kümmert’s mich, ich sitze bei süßer Suppe und geschäumtem Kaffee im sicheren Würfel. Weiß und weich gepuffert und von der Außenwelt verschont.

Ich schließe die Augen und sehe das Fell einer Kuh, das ausgebreitet auf einer Wiese voller Butterblumen trocknet. Schwarzgefleckt. Mein Vater steht gebückt über dem Kadaver der Gehäuteten. Er trägt einen Blumenkranz auf dem Kopf und pfeift. Seine Arme stecken ellenbogentief im Gedärm. Dann rieche ich den Schweiß, das Blut, halbverdautes Gras. Ich schmecke bitter-weißen Milchsaft. Gewöhnlicher Löwenzahn. Ausdauernd. Krautig. Nicht giftig, aber tödlich. Während ich auf den weißen Sonnenschatten seines Unterhemdes starre und die Poren zähle, wünsche ich, ich wäre ein Kaninchen. Da beschließe ich, ihn zu hassen – den Tag. Und ich sperre ihn in einen Würfel – den Tag. Alle Seiten gleich – Tag für Tag. Weiß-Schwarz-Weiß-Schwarz-Weiß-Schwarz-Weiß-Neon.

Mein rechtes Bein zuckt nicht mehr. Die Pfütze aus Red Bull auf meinem Fuß ist getrocknet. In meinem Schädel sterben Nerven. Es ist schön hier, von allen Seiten gleich. Heute ist mir ganz weiß.

Das Geschenk

schreibchenweise

Das ist nur eine Tür, für viele bleibt sie verschlossen, für wenige ist sie eine Option, für alle ist sie ein Dämon. Der Schlüssel zu dieser Tür ist immer im eigenen Kopf, das Dahinter ist ungewiss, der Dämon bleibt hungrig…

Es wird in der Zeitung stehen, recht weit hinten irgendwo. Ein Zweispalter, wenn überhaupt. Kein Bild. Keine emotionale Zeile. Kein Name. Niemand wird weinen oder euphorisch die Hände in die Höhe reißen. Es wird nur eine unscheinbare Randnotiz sein. Aneinander gereihte Worte, Druckerschwärze auf grauem Papier, ein Haufen Pigmente, Bindemittel und chemische Lösungen, gepresst auf kurzlebiges Zellstoffgemisch. Irgendwann wird es nach Vanillin stinken und gelb sein. Zeitungen haben eine geringe Lebenserwartung.

Er sitzt vor dem Telefon, starrt auf die Wählscheibe, starrt auf den zerknitterten Zettel mit der Nummer, starrt auf seinen Arm. Der schmerzt. Er brennt, beißt, sticht, scheint sich von innen aufzulösen. Scheint ihn von innen aufzufressen. Heiße Ameisen würde er sagen, wenn ihn jemand fragte. Millionen von heißen Ameisen.

„Hallo?“

Am anderen Ende der Leitung rauscht es. Nicht stark, nicht wie ein Fluss, der zwischen steinigen Ufern dahinfließt. Auch nicht wie ein Heißluftballon, der im Himmel mit der Freiheit spielt. Dieses Rauschen ist still, es klingt nach innen, es schleicht sich heimlich durch den Kopf und hinterlässt Kälte in den Schläfen.

„Hallo. Ich brauche sie jetzt doch.“

Das Rauschen wird von einer dunklen Stimme unterbrochen. Sie nennt einen Ort, eine Zeit, drei Bedingungen. Dann wieder Rauschen, erwürgt durch hartes Auflegen. Stille. Er zündet sich eine Zigarette an, inhaliert tief, hält für Bruchteile seines Lebens die Luft an, starrt auf das Telefon, starrt auf den Zettel, zündet ihn an und beobachtet dessen Dahinscheiden im gläsernen Aschenbecher. Das Papier zuckt, windet sich, kämpft mit den Flammen und stirbt. Im Arm toben Ameisen. In den Lungen quält Rauch. Im Kopf tanzt ein Gedanke mit der Kälte. Im Aschenbecher ist es grau.

Der Himmel ist Nacht, kein Licht brennt in der Straße. Hier jaulen keine Katzen, die lieben es behaglich. Ein Mann geht langsam irgendwohin, um zwei weitere Bedingungen zu erfüllen und ein Geschenk zu bekommen. In seinem Arm wühlen sich Ameisen durch Adern und Fleisch, fräsen sich in seine Brust. Auf seiner Zunge kann er noch immer den Rauch von eben schmecken und die Zukunft von gleich. Er würde lächeln, wenn er könnte. Es wird ihn überraschen, auch wenn er Ort und Zeit kennt. Das Wie ist sein Geschenk und dieser kurze Moment des Ist. Das Danach kennt keiner, aber es trägt einen Schatten.

Ich schlage die Zeitung auf, überfliege Schlagzeilen, verweile auf Bildern, blättere weiter. Meine Augen suchen nach einer Randnotiz. Kein Foto, kein Name, keine emotionale Zeile. Und doch weiß ich, was dort stehen wird. Ein Code – verzierte Satzspitze aus Wortperlen und Textbordüre. Die Dechiffrierung kostet mich fast einen ganzen Tag, missgönnt mir einen weiteren Tag auf dieser Welt, verspricht mir einen Tag länger mit diesen Schmerzen, die meine Gedärme verdauen und nach und nach ausspucken. Dann wähle ich eine Nummer.

„Hallo. Ich brauche sie jetzt doch.“

Im Rausch

Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweise

„Was willst du hier?“ Sie schaut zu ihm hoch, blinzelt gegen die Sonne.

„Ich will lieben.“ Antwortet er.

„Und was willst du dann von mir?“

Er zuckt nur die Schultern und lehnt sich gegen den Baum. In seinem Rücken zerfällt eine Stadt mit all ihren Strömungen. Es stinkt ein wenig von ihr herüber. Genug, um angewidert zu sein, zu wenig, um sich zu erbrechen. Im Baum sitzt kein Vogel, der kein Lied singt. Da scheißt nur eine Krähe die halbverdaute Rattenbrut wieder aus. Ein schwarzgraues Neozoon in einem halbgrünen Apfelbaum. In seinen Träumen trug er Blüten, der Baum. In ihren Träumen trug er Narben und der Baum schob seine Wurzeln in den Himmel. In der Stadt weint eine Ratte um ihre Jungen. Träumen Ratten?

„Ich werde dich erschießen.“ Lächelt sie ihn an.

„Wird das wehtun?“ Er setzt sich neben sie, stochert im Krähenkot, unterdrückt das Flackern in seinem Kopf.

„Nicht mehr, als der Verlust von Schamgefühl.“

Manchmal versteht er sie nicht. Das berauscht ihn, auch wenn es ungesund schmeckt. Heute kaut er nicht, er verschlingt sie einfach. Der Nachgeschmack kommt später, er wird süßlich sein. Wird sich über seine Zunge ergießen und die Stadt überschwemmen. Die Ratten werden quieken und sich verflüchtigen. In Panik werden sie sich wünschen, auf Krähen zu reiten. Unter dem Baum welkt der Frühling und der Sommer vergeht sich.

Er ist im Rausch, nicht mehr bei Sinnen
Sein Außen schält sich hart nach innen
Sein Kern zerflossen
Schuppt sich davon
Das Hirn erschossen
Weiß nicht, wovon

Sie hält den Colt, verfehlt nur selten
In ihm zerbrechen tausend Welten
Sein Kopf am Pfahl
Sein Herz am Galgen
Die Augen kahl
Die Brust voll Algen

Jetzt frisst der Boden seine Füße
Stößt sauer auf, kotzt bittre Süße
Sie spuckt nur Tränen
Er blutet aus
Dann muss sie gähnen
Und geht nachhaus

Ich hätte es mögen können

schreibchenweise

Das Einlegen oder Einwecken ist eine gängige Methode, Dinge zu konservieren. Zwei Augen im Glas halten so deutlich länger. Blicklegen. Augenwecken.

Und dann füllte ich dich aus, stopfte trockenes Stroh in deinen holen Bauch, auf dem ich einst wie auf einem Kissen ruhte, ließ stumpfe Nägel in deinen krummen Rücken tropfen, damit er stark und gerade ging und schippte Erbsen in deinen Kopf, der einst so schöne Locken trug. Jetzt klappert er. Das ist Musik. Ich hätte es mögen können, wenn man für mich singt…

Am Horizont versinkt ein Glühen. Gelbes Licht macht schöne Haut. Vom Glas auf meinem Tisch wirfst du mir Blicke zu. Zwei Äpfelchen in Spiritus, eins Blau mit schleichender Trübsinnigkeit von den Rändern zur Pupille, eins Grün. Das blüht noch. Mir scheint, du blinzelst. Ich denke, ich hätte es mögen können, wenn man mir zuzwinkert.

Vor einer Woche, oder zwei, da standst du nackt in meinem Leben. Ich fand, du solltest dich bekleiden. Du meintest, das wäre Diebstahl. Also hast du dich bemalt, mit deinen rohen Fingern. Wie albern. Wie schmucklos. Wie halbherzig. Farbenblind und untaktil – Lebendigkeit sieht anders aus. Dabei hätte ich es mögen können, wenn man mich berührt.

Am nächsten Tag hast du so verdammt viele Fragen in mich hineingebrüllt, dein Echo musste ich erbrechen, sonst hätte es mich zerfetzt. Der saure Widerhall im Innern Ich ist unerträglich und schmeckt mir nicht. Ich hab’s versucht. Sogar ein Sößchen nippte ich hinzu und teuren Wein. Vergebens, deine Bitternis klebt noch immer ungenießbar an der Zunge. Vielleicht hätte ich es mögen können, das zu genießen, mit einer Prise Heiterkeit.

Was mach ich nur mit deinen Briefen, die jetzt so schwülstig stinken? Wellige Papiere mit belangloser Tinte beschmiert. Sie verblassen und modern vor sich hin, ziehen Ungeziefer an. Das macht sich breit in meinem Bett und nagt an meinen Lippen. Deine Halbwertszeit ist abgelaufen, meine muss ich neu berechnen. Wahrscheinlich hätte ich es mögen können, dass jemand eine Ziffer in meiner Gleichung ist.

Die Sonne ist Vergangenheit – für dich. Mir scheint der Mond, der ist mir lieber. In ihm spiegelt sich die Eitelkeit so schön. In dieser Nacht verscharre ich die letzten Reste deiner Rührseligkeit im Garten. Irgendeine Katze wird morgen ihre Notdurft darauf verrichten. Nur deine Augen im Glas, die werde ich behalten. Ich mag sie.

Gerade ins Gesicht

schreibchenweise

Das Klingelschild trägt einen neuen Namen und endlich ist es wieder friedlich hier in diesem ordentlichen Haus.

Auf der Pupille blutet Angst. Über dem Auge klafft sich ihr Inneres nach außen. In ihrem Mund stirbt eine Bitte. Und durch seine Fäuste pulsiert Hass. Die Liebe hat er zu Boden gestreckt, sie ging K.o. noch vor der zwölften Runde.

Ein Uniformierter nimmt sich ihrer an, macht Häkchen in Kästchen, nickt, notiert zahnlose Worte. „Ich denke so oft um die Ecke, dass ich eine einfach Gerade nicht erkenne, selbst wenn sie mir direkt ins Gesicht gestreckt wird.“

Obwohl er sich an alle Regeln hielt – erlaubt sind nur Schläge mit geschlossener Faust, auf die Vorderseite des Kopfes, des Halses, des gesamten Korpus bis zur imaginären Gürtellinie am Bauchnabel oder auf die Arme, Schläge unter der Gürtellinie führen zu Punktabzug* – hatte sie ihn disqualifiziert. Und er war zornig.

„Fick dich doch, du Miststück!“ Eine Liebeserklärung klingt anders. Dennoch wird sie bleiben, weil sie hofft. Worauf? Ich weiß es nicht, ich habe nie gefragt, sah nur ihr Gesicht im Hausflur. Schatten um die Augen – Lidschatten. Tiefes Rot auf ihrem Jochbein – Wangenrouge. Tränen aus Staub – Kajal.

Der Ring steht jetzt an einem anderen Ort. Dort wird es Schaulustige und heimliche Zuhörer geben. Wetten werden platziert. Man wird ihr im Hausflur begegnen und sich über ihr Make-Up wundern – von allem ein wenig zu viel. Und man wird schweigen, wie so oft.

*Quelle: Wikipedia

Aale guten Dinge sind Traum

schreibchenweise

Mit einem Aal zwischen den Zähnen lächelt es sich etwas schwierig – hatte ich mal irgendwo gehört und musste just in diesem Moment daran denken. Vor mir stand eine kleine, ausgemergelte Gestalt mit so etwas wie einem Grinsen im Gesicht. Es war schwarz und schmierig und glitschte mir entgegen.

„Du bist dran, sieh zu, dass du es nicht versaust.“

„Kennen wir uns?“

„Nein. Was spielt das für eine Rolle?“

Das Männchen, krummbeinig und spitzzüngig, starkste an mir vorbei in den dunkelnden Morgen und verschwand. Irgendwo. Hinter einem Baum. In einem Loch voll Nichts. Fiel hinab in meine Gedanken. Ich lief weiter, trabte, setzte Laufschritt vor Laufschritt. In meinem Hals steckte eine Gräte. Trockenes Brot in der Tasche wäre jetzt von Vorteil gewesen, damit schob man unschön platzierte Fischskelettreste von der Speiseröhre weiter in den Magen, wo sie säuerlich ertranken. Nur hatte ich kein Brot dabei, das ging drauf, um meinen Rückweg zu markieren. Jetzt fraßen es die Ratten. Landaale.

Eine Augenbewegung und drei Würgereize später stand ich bis zur Hüfte in einem See, Aalsuppe schlürfend. Es roch schlackig, brackig, erstickende Gemütlichkeit drängte sich auf, umspülte mir die Nieren. Meine Gedanken kräuselten sich und schwammen davon. Mit ihnen strampelte das Männchen, einen Aal zwischen seinen Zähnen. Wasserratte.

„Du bist dran“, gurkelte es leiser und leiser werdend, „versau es nicht!“

Um fünf vor halb acht klingelte mein Wecker.

Bermudadreieck

Pösie für Lieb & Bösi

Es war ein Sturm, kurz, heftig, spürbar
Es war salziges Wasser, tief, reibend, brennend

Treibsand am Meeresboden

Es war ein Verlust schon bevor es begann
Es gab keinen Kompass und kein Land

Geisterschiffe auf offener See

Es gab kein Davor und kein Danach
Es war ein Strudel aus weißem Wasser und Magneten

Jetzt ist es still und ich sehne mich nach Sturm

Im Waschsalon wird alles sauber

Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweise

Nur die Gedanken bleiben schwarz

Von oben flackert es. Vor ihm dreht es sich. Unter ihm fährt eine Metro. 21, 22, 23, 24… Schleudern. Spülen. Pumpen. Der Stuhl, auf dem er sitzt, ist hart, wie immer. Es riecht nach Sauberkeit und Bleiche. Kacheln an den Wänden, Kacheln an den Füßen, Kacheln in seinem Kopf, mit Fugen, die brechen und sich verstreuen. Ausgekrümelt werden sie sich in die Sohlen derjenigen eintreten, die versuchen, ihren Schmutz hier zu lassen. Im Waschsalon ist alles sauber – hinterher und drumherum. Und das Dazwischen stinkt. Münzen im Tausch gegen weißes Pulver. Blutspritzer auf anonymen Hemden im Tausch gegen weiße Kragen. Schwarze Erinnerungen im Tausch gegen weiße Gedanken.

Wahllos stopft er alles in eine Tasche, dreckige Socken, ausgeleierte Hosen, beschmierte Hemden, zerrissene Haut. Waschtag. Im Hausflur stehen Räder. Am Himmel stehen Wolken. Am Handgelenk steht seine Uhr. Sie hat es aufgegeben, gegen die Trägheit der Zeit zu rebellieren. Jetzt ist sie schmucklose Zierde, ein Relikt – keines, an dem Nostalgie klebt, einfach nur eines, das stumm nach Gewohnheit klingt. Die Schritte sind die gleichen wie jede Woche, 21, 22, 23, 24… Schleudern. Schwanken. Auffangen. Der Boden, auf dem er geht, ist hart, wie immer. Es riecht nach Winter und Salz. In der Häuserzeile vor ihm lockt ein Neonlicht. Es flackert. Weit aufgerissene Fensteraugen klimpern. Zu hektisch, Wärme schenkt andere Blicke. Die lässt sich besser trinken, füllt den Magen, stillt den Kopf.

Die Trommel schluckt, füllt sich, will sich fast erbrechen. Er füttert weiter. Von oben flackert es. Vor ihm dreht es sich. Neben ihm der Stuhl ist leer… 25, 26, 27, 28, 45 Minuten später ist alles sauber, gespült, gestärkt. Die Trommel spuckt, er atmet Chlor. Unter ihm fährt eine Metro. 46, 47, 48… Wochen ist es her, dass ihre Tür sich schloss. Im Hausflur standen Nachbarn. Am Himmel stand eine Sonne. In seinem Magen stand seine ganze Welt. Stille im Tausch gegen laute Worte. Gefühle im Tausch gegen Blei. Ein Karton voller Bücher im Tausch gegen leere Wände. Auf einem Zettel starben Worte … 34, 35, 36, 37

Wir verlieren uns
Ganz still, ganz leise
In der Zeit, die wir
Nicht teilen

Wir entfernen uns
Rasend langsam
In dem Raum, der uns
Nicht bleibt

Wir vergessen uns
Werden blasser
Und verschwinden
Wie Bleistift auf Papier

Mit Elefanten jonglieren

schreibchenweise

Die Arroganz des Menschen, zu glauben, er könnte einfach alles und ein jedes beherrschen, wird ihm irgendwann mit einem großen Knall auf den Kopf fallen.

Wenn es einfach wäre, das Leben, dann könnte es ja jeder. Aber manchmal ist es, als würde man mit Elefanten jonglieren. So ein Elefant liegt nicht besonders gut in der Hand. Da kann man schon mal das Gleichgewicht verlieren, ins Straucheln kommen, zu Boden gehen, aussterben.

Da lag sie nun, diese traurige, nackte Gestalt, begraben unter einem grauen Berg aus Haut und Falten. Einer der mächtigen Stoßzähne durchbohrte ihre Lenden, hatte den ausgemergelten Hintern buchstäblich in den Boden gerammt. Sie war die letzte ihrer Art – Homo sapiens. Nicht besonders schön, wenig schmackhaft und irgendwie zu nichts zu gebrauchen. Die fünf Tonnen Lebendgewicht erhoben sich schwerfällig, schüttelten sich und starrten etwas betreten auf das Häufchen am Boden.

„Es hat sich ausjongliert.“ Das Quagga nickte zufrieden, wedelte kurz mit dem Schwanz, verabschiedete sich höflich vom Elefanten und trabte davon.

Der Florist

schreibchenweise

Liebe blüht auf unterschiedliche Art. Ihre Farben nuancieren von tiefem Burgunder über leuchtendes Karmesin bis zu pudrigem Blass. Immer jedoch duftet sie atemberaubend.

Sie wirkte so zart, so weiß und so unschuldig. Ihre Hände schienen wie geschaffen, um durch weiches Katzenfell zu streunen, im Vorbeigehen wippende Köpfe langhalsiger Gräser zu liebkosen, sanft über einen aufgeregten Mund zu streichen. Jetzt ruhten sie sauber gefaltet, schwebten über ihrer kalten Scham auf schwarzem Seidenlaub.

Er weinte, als er sie so betrachtete. Nicht um sie. Nicht um ihre Jugend. Nicht um ihren Tod und dessen Unendlichkeit. Er weinte um sich selbst, weil er sie nie würde lieben dürfen. Er hatte sie nackt gehalten, sie sorgfältig gewaschen, sie getrocknet, gecremt und ihr den Tod aus den steifen Gliedern massiert. Er hatte all ihre kleinen Schlupflöcher mit Watte versiegelt, damit nichts von ihrem Inneren verloren ginge. Er hatte ihr das Haar geföhnt und in sanften Wellen um das blasse Antlitz gestaltet. Ihren Lippen hatte er ein wenig Leben aufgehaucht – nicht mit einem Kuss. Das wagte er nicht. Um ihren Hals hatte er ihre silbergliedrige Schlinge gelegt, auf ihrem Herzen schlief nun ein Aquamarin, blassblau, wie ihre Augen hinter den durchschimmernden Lidern. Auf ihre Schläfen hatte er zwei Tropfen Cacharel geatmet. Sie vertrieben die letzte Aufdringlichkeit des Desinfektionsmittels und verströmten einen Hauch aus Frühlingssonne und Heuboden. Dann hatte er ihr ins Kleid geholfen, hatte sie weich gebettet in ihrem hölzernen Setzkasten, hatte ihr Haar erneut gerichtet, ihre Nägel poliert und ihre Hände gefaltet.

Zwei Tage später flüsterte jemand in der Kapelle, sie sähe aus, als würde sie blühen.

Der graue Nebel

schreibchenweise

Was uns nicht sofort tötet, das frisst uns langsam auf, kaut und schluckt, stößt auf und kaut erneut auf uns herum, bis alle Fasern fein zermahlen sind und jeglicher Inhalt Zersetzung gleicht.

Er starrte vor sich hin. Leere in seinen Augen, leere in seinem Kopf. Da war nichts, nur grauer Nebel. Und dieses Nichts schmerzte ihn. Kein Brennen, wie Salz in dem klaffenden Spalt einer von Wut zerrissenen Haut. Kein Ziehen, wie die Verschlingung krampfender Därme nach einem zu großen Schluck gelösten Rattengiftes. Kein dumpfes Hämmern, wie bei den Schlägen von schwerem Holz gegen einen dafür zu weichen Kopf. Und auch kein Stechen, wie beim Stauchen des Rückgrates nach dem Stoß vom Dach.

Das Nichts schmerzte grau und hohl und stumm und kalt und bitter und in all seiner Trivialität auf eine Schwindel erregende Art. Nicht sonderlich auffällig, aber nachhaltig. Er musste würgen, übergab sich, spie etwas von diesem Nichts auf den Boden unter seinen Füßen, betrachtete es, schob es mit der Schuhspitze zu einem Klumpen zusammen, versuchte seine Hässlichkeit zu ignorieren, versuchte seine Hässlichkeit zu deuten, drehte sich im Kreis, starrte es von oben an, kniete sich davor, roch daran, durchwühlte es mit den Fingern, stand auf, kehrte ihm den Rücken zu, entfernte sich ein paar Schritte, betrachtete es aus der Zimmerecke, kam zurück, legte sich daneben, starrte es an und stellte fest: Nichts.

Fünf Tage, einhundertzwanzig Stunden, siebentausendzweihundert Minuten, vierhundertzweiunddreißigtausend Sekunden später starb er. Schade. Er war im Kern ein netter Mensch, nur wusste er es nicht, niemand wusste es. Und niemand wird es je erfahren. Er starb wie er lebte, unauffällig. Der Tod durch Langeweile ist kein schöner, er hat keine schillernden Farben, keine prachtvollen Waffen, keinen blumigen Geschmack. Langeweile tötet geräuscharm, gemäßigt, geduldig und grau.

„Langeweile ist eine unangenehme Windstille der Seele“  Nietzsche

„In der schändlichen Menagerie unserer Laster ist eines noch hässlicher, noch bösartiger, noch schmutziger! Die Langeweile ist’s!“ Baudelaires

Und welche Farbe hat Bedeutsamkeit?

Eine wahre Geschichte – sagt M

schreibchenweise

Eine Nacht kann lang sein, oder auch verdammt schnell vergehen. Diese Nacht war lang. Mindestens zwei Menschen schliefen nicht. Und einer erzählte am folgenden Tag eine Geschichte.

Kaltes Metall stößt zweimal an seine Schläfe. „¡Apúrate!“ M wagt kaum zu atmen. Das Eisen an seinem Kopf duldet keine heftigen Bewegungen und schon gar keinen Widerstand. Der Mann hinter ihm stinkt nach Gewaltbereitschaft. „¿Cuánto es? ¿Cuánto es?“, drängt eine zweite Stimme. Ungeduld färbt sie schrill. „Bastante. Vamos pues.“ M wird vom Geldautomaten in Richtung eines Autos gestolpert. Zwei behandschuhte Hände stoßen ihn auf die Rückbank, zwei weitere stecken seinen Kopf in einen Sack, Schwarz, fesseln seine Hände hinter dem Rücken, Schmerz. Alles geht so verdammt schnell. Säuerlicher Geruch steigt in Ms Nase, beißt sich durch die Nebenhöhlen in den Stirnlappen. Der Wagen springt an, M wird in die Rückenlehne gedrückt. Angst. Schweiß. Kalte Gedanken. Noch mehr Angst. Gefühlte Stunden fällt kein klar verständliches Wort, nur verflüsterte Absprachen, gebrüllte Flüche. Das Auto jammert. Nächtliches Wirrwarr der Straße dringt durch seine marode Karosse, Benzingestank erkriecht sich den Innenraum. Eine Kurve, noch eine, Unwegsamkeit quält das Auto, Schonungslosigkeit das Getriebe. M lauscht, sucht nach Vertrautem, sucht nach Halt, bekommt einen Hieb. Die Dunkelheit wird schwärzer, berauscht. Nebel im Kopf. Stille.

„Coño de la madre, que…“ Jemand zerrt an Ms linker Hand, versucht sich am Finger. „Le va a cortar. ¡Joder!“ Klickgeräusche. Panik. Draußen rauscht die Nacht mit geschlossenen Augen und verwachsten Ohren vorbei. „Nein, nein, nicht den Finger, nicht den Finger!“ Wieder schlägt hartes Eisen gegen Ms Kopf. Süßer Geschmack schleicht in den Mund. „Hurensohn!“ Vertraute Sprache, wütender Akzent, weiterer Schlag, diesmal in die Seite, Zerren am Finger, die Klinge setzt an. „Déjalo, puta madre!“ Der Finger bleibt verschont. Eine Tür wird geöffnet, Füße treten M aus dem Wagen. Harter Boden, alles schmerzt, Kopf schlägt gegen Unbekanntes, Abgase entfernen sich. Nebel im Hirn. Die Nacht stinkt. Stille.

Die Sonne steht hoch, gleißt auf einen gekrümmten Körper, der am Straßenrand liegt, verschnürte Arme auf dem Rücken, der Kopf in einem schwarzen Sack, die Füße nackt, an der linken Hand ein Ring. M stöhnt, richtet sich auf, lauscht. Keine Chance, die schmerzenden Hände zu lösen. M auf den Knien, langsam vorwärts tastend, innehaltend, lauschend, weiter auf den Knien. Ms Schulter stößt gegen einen Widerstand. Eine Wand? Ein Baum? Bestiefelte Beine? Innehalten. Kein Atemzug. Kein Stoß gegen den Kopf folgt, kein Fluchen, kein metallisches Klicken an der Schläfe. Ausatmen. M reibt seinen Kopf am Widerstand, schiebt kratzigen Stoff über die Augen, blinzelt. Ein Baum. M sackt zusammen. Der Baum bewegt sich keinen Millimeter, wehrt sich nicht, droht nicht, bietet Halt.

Sechs Stunden später zurück in Caracas, blutige Füße, nasses Hemd, schmutzige Augen. Keine Papiere, keine Schuhe. Am Finger ein Ring. „Frag nicht.“ Tue ich nicht. Stille.

Vögel haben eigentlich immer Fieber

schreibchenweise

Die normale Körpertemperatur des Menschen schwankt um die 37 Grad. Rektal gemessen bekommt man den genauesten Wert. Unter 33 tut es fast nicht mehr weh, ein Geniestreich des Gehirns…

„Entschuldigen Sie bitte, aber so wird das nichts.“

„Sie machen mich nervös. Wenn Sie mich so anstarren, das irritiert mich eben. Es ist auch für mich das erste Mal in der Form.“

„Tut mir leid, ich wollte Sie nicht kritisieren, aber ich hoffe, Sie wissen, was Sie da tun. Ich möchte, dass es perfekt ist. Es muss perfekt werden, wissen Sie, was ich meine?“

„Ja, das weiß ich. Es ist nur eben nicht so einfach, das, was man weiß, auch in die Praxis umzusetzen. Und wenn Sie mir dann auch noch so auf die Finger gucken, macht es das nicht besser.“

„Dann lass ich Sie jetzt einfach mal machen. Ich vertrau Ihnen voll und ganz. Ihre Referenzen sind tadellos.“

Für einen Moment durchbricht Stille das Zimmer, teilt es vom Rest der Welt. Nein, das wäre übertrieben, aber vom Rest des Hauses. Der Mann mit den schlanken Fingern nickt und widmet sich weiter seiner Aufgabe, die nun seine volle Konzentration fordert.

„Wissen Sie, ich hatte Sie mir ganz anders vorgestellt, irgendwie größer. Sie wirken so zart. Darf ich das sagen oder beleidige ich Sie damit?“

„Nein.“

„Ich hatte mal einen Schulfreund, dem sehen Sie etwas ähnlich, Norbert Schenker*. Sie kennen Ihn nicht zufällig, oder?“

„Nein, wieso denken Sie, ich könnte ihn kennen?“

„Es wäre doch möglich, dass Sie verwandt sind, Brüder vielleicht sogar. Haben Sie denn einen Bruder?“

„Finden Sie, wir sollten solch intime Details austauschen, während wir…?“

„Nein, Sie haben Recht, das wäre albern. Ja, da haben Sie Recht. Sie sind ja auch der Profi von uns beiden.“

„Ja.“

„Obwohl ich mich schon ein wenig wundere, dass es auch für Sie das erste Mal ist und dass Sie so nervös sind. Sie wirken sehr nervös. Ich dachte, Sie machen das öfters.“

„Tue ich auch, aber eben nicht so wie bei Ihnen jetzt.“

„Verstehe. Kann ich denn etwas tun, das Ihnen die Sacher erleichtert? Sagen Sie mir, was ich tun soll, vielleicht hilft Ihnen das. Ich bin auch gut in einigen Dingen.“

„Nein, bitte, ich versuche mich zu konzentrieren. Es ist wirklich nicht einfach, wenn Sie ständig dabei reden.“

„Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nur etwas aufmuntern, die Stimmung heben. Ich bin jetzt still und begebe mich ganz vertrauensvoll in Ihre Hände. Sie haben übrigens sehr schöne Hände. Entschuldigung, ich bin schon ruhig, machen Sie bitte weiter.“

In der Wohnung über dieser wird lautstark eine Tür geschlossen, dem Geräusch folgen Schritte durch den Hausflur, entfernen sich unter dem Fenster die Straße hinab. Auf dem Fenstersims sitz ein Vogel. Er starrt hinein.

„Wir haben einen Gast, schauen Sie mal, der beobachtet Sie auch. Das ist fast schon Ironie, finden Sie nicht?“

Tiefes Einatmen.

„Entschuldigen Sie. Ich halte mich zurück. Machen Sie bitte weiter, das ist sehr gut so.“

Einige Minuten beobachtet der Vogel die beiden Männer, putzt sich dann ausgiebig das Gefieder, schüttelt sich einmal kräftig, plustert sich auf und huckt sich hin.

„Da sitzt er nun. Scheint sich wohl zu fühlen hier bei uns. Haben Sie gewusst, dass alle Vögel eine immer konstante Körpertemperatur haben?“

„Nein, das wusste ich nicht.“

„Die liegt bei 42 Grad. Das ist höher als bei allen anderen Lebewesen. Eigentlich haben die immer Fieber.“

Jetzt starren beide auf den Vogel und der Vogel starrt zurück. Im Zimmer ist es heiß.

„Was meinen Sie, wie lange Sie noch brauchen?“

„Wenn es gut werden soll, müssen Sie bitte noch etwas Geduld haben. Schaffen Sie das?“

„Aber ja doch, keine Eile. Ich habe mir extra für Sie den ganzen Tag frei genommen.“

Jetzt müssen beide lachen und der Vogel fliegt davon.

„Der war nicht schlecht.“

„Ja, ich gebe zu, den hatte ich geplant. Ich wusste zwar nicht genau, wann und in welchem Zusammenhang ich ihn heute bringen könnte, aber ich hatte ihn geplant.“

„Sind Sie jetzt bereit?“

„Ja, ich denke, ich bin soweit. Lassen Sie es uns vollenden.“

Langsam gleitet das Skalpell durch weiches Fleisch. Wie ein befreiter Fluss ergießt sich Rot auf sauber ausgelegter Folie. Ein Gesicht ist schmerzverzerrt doch glücklich, ein Gesicht hoch konzentriert. Aus einem Gesicht weicht mehr und mehr das Leben, das andere ist hoch konzentriert. In einem Gesicht schließen sich die Augen. Zwei andere blicken hoch konzentriert.

* Norbert Schenker ist eine erfundene Person.

Der Schlangenlederkoffer

schreibchenweise

Die Uhr der Vergangenheit tickt manchmal schneller. Dann holt sie mich ein mit ganzer Kraft.

… und mit der Linken umklammerte sie den Griff ihres Koffers. Schlangenleder. Er war das Einzige, was ihr noch blieb. Ein Python ließ dafür sein Leben, wurde aus seiner Haut gerissen. Wie ihr Bruder, der dort vor ihr hing. Zu junge Füße unter zu alten Balken. Exkremente bildeten verkrustete Schatten, krochen über den Boden. Irgendwo stahl eine Krähe den Rest Menschlichkeit aus einem Leib. Hanf schnitt in Gebälk wo einst ein Leuchter hing. Nun trägt es tote Körper. Beim Anblick schwommen ihr die Augen. Ihr Herz blutete. Bald war es leer. Nur die Gedanken liefen fort, wie sie vor langer Zeit. Bevor das alles begann, dieser Wahnsinn. Jetzt war sie zurück, starrte auf den Tod, der ihr mit Gestank und Hässlichkeit entgegenschlug.

Einst ging ich fort,
um zu vergessen.
Dann kam ich zurück an diesen Ort
und wurde erinnert.
Es ist nicht die Zeit, die geht.
Es sind die Menschen,
die einen Moment nur in ihr wohnen.

Als sie sich umdrehte war da keine Tür mehr, die sie hätte schließen können, nur Schutt, Asche, erstarrte Lebendigkeit und tote Erinnerungen. Vor Jahren war es noch so einfach gewesen, eine Tür zu finden. Da war ein Haus, da war eine Familie, da war ein Tor zum Öffnen mit einem Weg davor, ihrem Weg, an dessen Ende er auf sie wartete. Alles ließ sie hinter sich, ihren Namen, ihre Identität, die Tränen der Mutter, den zornigen Finger des Vaters, das leise Weinen des Bruders. Er hielt ein Häschen in den Armen, sie nur einen einzigen Koffer. Schlangenleder. Ein Python ließ dafür sein Leben. Er hatte keine Wahl als man ihn häutete. Sie wählte das Ungewisse als sie ging. Doch sie ging mit schnellem Schritt, mit erhobenem Kopf und mit weißer Spitze unter ihrem Kleid…

Dies ist der Beginn einer Geschichte, nicht meiner. Es ist die Geschichte meiner Großmutter, die ich irgendwann vielleicht erzählen werde.

212

schreibchenweise

Und er lächelte, als er dich so liegen sah, mit diesem fadenscheinigen Rinnsal, das aus deinen Wangen kroch. Es roch nach Erdbeeren und Leid, nach welken Gedanken und schalem Schmerz. In einem Käfig sang ein Vogel nicht mehr. In deinem Mund erbrach sich Leben. In deinen Augen starb das Blau vor sich hin. Er hielt noch immer das Messer in deinem Herzen, da warst du schon lange fort. Ein Flüchtling in Phantasien. Während er an deinem Blut leckte, kroch dein Geruch bereits die Wände hinauf, 212, ergoss sich über dem Himmel in dir. Hässlichkeit ist keine Frage der Betrachtung, sie zahlt Miete, lenkt deine linke Hand. Und als der Mond erwachte, da ging er einfach aus der Tür.

Der neue Tag beginnt ohne dich. In einem Laden an der Ecke wird ein neues Messer gekauft. Tot. In einem Laden daneben ein neues Herz. Schlag. Und er lächelt noch immer, „… was für eine beschissene Farbe hatte diese Tür!“