Hagelflieger sind keine Helden

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Ein Sturm kündigt sich an, schickt Wolkentürme, Drohbriefe aus unruhigen Wassertropfen. Die Luft hustet, schreit, spuckt Energie, weint Schloße.

Gestern noch pflügte eine Cessna den Himmel, nahm ihm seine Gewalt. Wieder und wieder schickte sie Absender aus Silberjodid und Aceton an die Erpresser der Sphäre. Heute liegt sie gebrochen und mit gestutzten Flügeln am Boden. Stille und aufgewühlter Boden halten ihr die Totenwache, im Cockpit trocknet Blut. Hagelflieger sind keine Helden und dennoch retten sie Leben – das unzähliger Halme.

Tagebucheintrag, Sonntag, 29. Juli
Was hat das alles noch für einen Sinn, wenn die Farben um mich herum verblassen? Mein Kopf ist grauer Marmor, meine Gedanken welken und fangen an zu stinken. Das Oben ist nicht länger über mir. Das Unten reißt mich hinab. Ein Dazwischen gibt es nicht – nicht mehr, nicht für mich…

„Gab es keinen Notruf?“

„Nein, nichts dergleichen.“

“Habt ihr den Flugschreiber schon gefunden?“

„Keine Spur davon.“

“Scheiße, was war da los?“

Tagebucheintrag, Montag, 30. Juli
Was kommt danach, was war davor? Ich weiß nicht mehr, was richtig und was falsch ist. Alles schwimmt davon, nur reißt mich der Strom nicht mit, sondern hinunter, zu Boden, den ich verliere. Er hat mich ausgehöhlt zurückgelassen. Leer. Ich sah den Strudel, sah den Sog, sah, wie er alles verschlang. Und stand nur da. So leer. So unfähig. So ich…

„Hat er mit dir darüber gesprochen?“

„Worüber, was meinst du?“

„Alles, einfach alles. Ihr seid doch Freunde gewesen, da redet man doch miteinander. Hat er nicht irgendetwas angedeutet?“

„Was willst du damit sagen? Es war ein Unfall!“

Zwanzig Jahre beherrschte er die Unwetter, die Stürme, die Wolken. Zwanzig Jahre zwang er sie, tränkenden Regen zu weinen statt mit vernichtenden Hagelkörnern auf die Ernte zu werfen. Zwanzig Jahre trug er nicht einen Kratzer davon – nicht am Himmel. Die Erde war sein Feind.

Tagebucheintrag, Freitag, 3. August
Jetzt ist sie fort. Ich muss bleiben. Hätte ich sie aufhalten, hätte ich es verhindern können? Wie? Wie? WIE?

„Hast du sie gekannt?“

„Ja, ein wenig. Ich mochte sie. Angenehme Person, irgendwie unscheinbar. Und irgendwie so präsent in ihrer Zurückhaltung.“

„Das widerspricht sich.“

„Ich weiß, aber genau so war sie.“

Tagebucheintrag, Samstag, 11. August
Die Wochenenden sind am schlimmsten. Ich ertrage es kaum. Nicht hier unten. Ich verfluche dich! Du Miststück, du hast aufgegeben, du lässt mich allein! Warum? Du kommst aus dem Nichts, fängst mich ein mit deiner Liebe und verschwindest wieder. Jetzt hänge ich fest, weiß nicht wo, kann mich kaum noch spüren. Bewegungsunfähig. Denkschwer. Müde. Mein Puls stolpert nur noch, lahmt, hinkt, will schlafen. Ich suche tausend Gründe, nicht zu stürzen und finde keinen einzigen…

„Jetzt ist es offiziell, es war Selbstmord.“

„Wer sagt das? Habt ihr die Black Box endlich gefunden?“

„Nein, aber alles deutet darauf hin. Der plötzliche Verlust, seine Niedergeschlagenheit, sein Rückzug. Außerdem hat er in zwanzig Jahren den Vogel und sich immer heile zu Boden gebracht, egal, wie das Wetter war. Glaub mir, es war Selbstmord.“

Letzter Tagebucheintrag, Freitag, 28. September
Die Traurigkeit frisst sich durch meinen Körper, aber ich gönn ihr den Fraß nicht. Nicht so, nicht heute, nicht morgen. Dich hat sie dahingerafft, mich bekommt sie nicht. Ich hab dich verflucht, weil du es nicht geschafft hast. Jetzt verfluche ich mich, dass ich so schwach bin, so brüchig. Du warst stark, stärker, als ich es je sein kann. Aber ich will es versuchen. Ich gehe nicht, ich fliege, und ich werde wieder landen, auch morgen und übermorgen…

Die Wolken verschlucken sich. Fünfzig Millionen Tonnen Wasser spucken dreihunderttausend Ampere an elektrischer Ladung gegen eintausendsechsundfünfzig Kilogramm Metall und ein paar Kilo Mensch. Zwanzig Jahre ergab das ein Unentschieden. Bis heute. Heute hagelt es. Und das nackte Orange der Black Box wirkt wie ein Fremdkörper in all dem Durcheinander.

Mein schönstes Ferienerlebnis

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… oder: Wie sich mein erster Berufswunsch etablierte

Neulich hatte ich Ferien, das war echt toll. Meine Eltern schickten mich in ein Camp. Ich solle mal die Natur kennenlernen, meinten sie, weil ich doch immer nur in meinem Zimmer säße und gar nicht genau wüsste, was so in der echten Welt da draußen passieren würde. Echte Welt, Natur… was dachten die denn, wer ich bin? Es gab doch Internet. Da erfährst’e doch alles und weißt sofort, wie und wo der Hase läuft. Dank http://www.bunny-nature.de erschließt sich dem neugierigen Jugendlichen die Welt der artgerechten Tierhaltung mit allem Drum und Dran. Und wer auf große Hasen mit großen Ohren steht, na der findet im Internet auch schnell die entsprechenden Leerseiten Lehrseiten, auch mit allem Drum und noch mehr Dran.

Dennoch, Mutti und Vatti meinten also, dass ich, der etwas verkümmerte Stammhalter der Familie, endlich reif für ein echtes Camp mit echten Jungs in echter Natur wäre. Scheiße, ich sah das anders.

Da stand ich also, das Köfferchen in der einen, das ausgewogene Verpflegungsset in der anderen Hand. Vor mir eine Horde Halbwüchsiger, hinter mir winkende und heulende Eltern, dazwischen die unendliche Weite… und ich. (Im Film würde hier der „Vertigo-Effekt“ einsetzen, um meine Gefühlslage zu verbildlichen – stellt es Euch also bitte entsprechend vor). Mein Magen krampfte, meine Augen staubten aus, ich bekam Tinitus (kann aber auch am Geschrei einer hysterischen Mutter links hinter mir gelegen haben). Sprich, mein ganzer Körper zeigte Verweigerungsreaktionen. Ich schluchzte. Heimlich. Innerlich. Ich vermisste jetzt schon meinen Heimcomputer in meiner heilen wwwWelt, meine unpersönlichen Freunde, meine Ruhe.

Zwei Nächte und drei Tage später hatte ich meinen ersten echten Freund, Jan-Hendrik. Ganz ehrlich? Er war bescheuert. Aber er war der Einzige, der sich mit mir abgab. Nicht, dass ich großen Wert darauf gelegt hätte, mit Leon, Finn oder Julius zu spielen. Die waren grob. Jan-Hendrik war zart. Sehr zart. Meine Oma hätte ihn gemocht, dann hätte sie jemanden einstricken können. Ich weigerte mich immer. Zu meiner ausgeklügelten Einstrick-Verweigerungs-Strategie gehörte die schrittweise Entwicklung einer wunderbar ausgeprägten Wollallergie (ja, sowas lernt man nicht in der echten Welt sondern im Internet). Jan-Hendrik reagierte allergisch auf Nickel. An seinen Hosen waren sämtliche nickelhaltigen Knöpfe und Nieten durch Plastikknöpfe ersetzt worden, mitunter sehr stümperhaft. Es sah wirklich albern aus, vor allem an Jeans. Aber wenigsten würde er sich so nicht die ganze Zeit am Sack kratzen, wie er mir versicherte. Darüber war ich froh.

Das Camp war okay soweit, wenn man von den vorpubertären Hänseleien durch die oben schon erwähnten drei Bastarde absieht. Ich lernte eine Menge über die Natur. Zum Beispiel, woher Brennnesseln ihren Namen haben und dass man kopfüber hängend nicht pinkeln sollte. Und dann war da noch Jenny. Eigentlich gehörte sie nicht zum Camp – klar, da waren ja nur Jungs und Jan-Hendrik. Jenny brachte morgens die frischen Brötchen. Ihrer Mutter gehörte die Bäckerei unweit unserer Einrichtung. Meine Oma würde jetzt mit dem Kopf schütteln. Aber hey, es war, was es war, eine Einrichtung. Und Jenny passte dort hinein wie eine Erdbeere auf den Fahrersitz eines Schwerlasttransporters. Sie war etwas Besonderes.

Sie hatte goldene Haare, wie die Farbe ihrer Brötchen. Und sie duftete auch so, genau wie ihre Brötchen. Und ihre Muschi sah genau so aus, wie eines ihrer Brötchen. Sie meinte, ich solle mal meinen Finger reinstecken. So ungefähr muss sich frischer Brötchenteig anfühlen, warm und weich und ein wenig feucht, dachte ich, schloss die Augen und war ganz Finger. Zuerst stocherte ich etwas unbeholfen in Jenny herum. Sie raunte mich an, ihre Pussi sei doch nicht meine Nase, die ich auf der Suche nach störendem Inhalt durchforsten würde. Jenny nahm daraufhin meinen Finger aus ihrer Muschi und schob ihn sich in den Mund. Ich bekam Schluckauf, nur ganz kurz, aber ganz heftig. Meine Oma würde sagen, das war ein ausgewachsener Rülps. Dann spielte Jenny mit ihrer Zunge an meinem Finger, schob ihn hin und her, sodass er die fleischigen Innenseiten ihrer Wangen streifte. Dann wieder kringelte sie ihre Zunge um meine Fingerkuppe, lutschte kräftig daran und sog meinen Finger so stark in sich hinein, dass ich ihr Zäpfchen berührte und ich dachte, gleich kotzt sie mich an. Aber sie verdrehte nur die Augen und stöhnte. Dabei floss ihr ein wenig Sabber aus dem Mund. Dann zog sie meinen Finger aus ihrer Schnute, spuckte drauf, wischte sich den Sabber von den Lippen und schob meinen Finger zusammen mit ihrer Spucke zurück in ihr Brötchen. Wahnsinn. Bisher hatten meine Hände immer nur verkrampft auf der verklebten Tastatur meines Computers rumgefingert. Jetzt steckte eine von ihnen abwechselnd in einer Brötchen-Muschi und im schönsten Mund jenseits des Himmels.

Jenny fragte mich, was ich fühlen würde. Ich konnte nur aufgeregt rülpsen. Sie meinte, ein Mund sei fast genauso beschaffen wie eine Möse (sie sagte Möse, nicht ich!) und ich solle mit meinem Finger einfach das in ihrem Brötchen (das sag jetzt ich) machen, was sie mit meinem Finger vorher in ihrem Mund tat. Ich hatte keine Ahnung, wovon sie sprach. Aber in mir manifestierte sich ein Berufswunsch: Bäcker.

Heute bin ich Software-Entwickler bei IBM.

Freund oder Feind?

Pösie für Lieb & Bösi

Gut getarnt der Feind
Sich hinter schillernden Blasen versteckt
Während insgeheim er schon die Krallen reckt
Ein Lächeln hier, dort ein Zauberwort mit Glitzerkram
Hinter geschlossenen Türen aber
Bösgelaber
Fallen stehen, Gräben klaffen
Und der Fallstrick ist gespannt
Armer Trottel, der Gutes denkt
Hat sich im Zuckerguss verrannt