Warum alte Männer lieber Beige als Pink tragen

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und warum es nicht immer zu ihrem Vorteil ist.

Horst war gesättigt. Nein, Horst war satt. Es stieß ihm übel auf, schon seit geraumer Zeit. Er mochte nicht mehr. Alles wurde ihm zu bunt. Eines morgens saß er mit blankem und sehr blassem Hintern auf seinem sehr gemusterten Sofa und stellte fest: Die Farbe der Polster passte nicht zu seiner Haut. Überdrüssig des aufdringlichen Sofas, überdrüssig seiner stets gut gelaunten Frau, überdrüssig seiner zu engen Hosen und zu bunten Hemden, überdrüssig, täglich das schüttere Haar in Form zu gelen und dennoch kahl auszusehen, beschloss er, sich aufzulösen.

Als Horst noch ein fescher Jüngling war, mit prächtigem Haarkleid auf Kopf und Brust, da lag ihm die Welt zu Füßen und mit ihr die Frauen – wie Gitte. Gitte war ein junges, züchtiges Ding, das er bei Eis mit bunten Streuseln schnell davon überzeugte, ihren geblümten Schlüpfer zu lupfen, damit er in ihr seine Fingerfertigkeit verbessern konnte. Neuerdings nahm Horst zweimal wöchentlich Klavierstunden, wusste er doch, wie leicht junge Mädchen ihre guten Vorsätze bei einem Musiker vergaßen. Bei Eis und Horsts talentiertem Fingerspiel vergaß auch Gitte die Mahnungen ihres Vater und ihre Augen leuchteten Horst in ihrem schönsten Blau entgegen, das Eis landete in milchig-bunten Speichelfäden auf ihrer rosa-gepunkteten Bluse und aus ihrem Erdbeermund enfleuchte ein dezent gehauchtes „Mmmmmh“. Der Frühling konnte so schön sein.

Zwei Wochen später war Gitte passé und Rita zog Horsts Aufmerksamkeit auf sich. Sie hatte einen üppigeren Busen als Gitte, dafür weniger strenge Blusen und so ungezogenes rotes Haar. Noch ungezogener allerdings waren Ritas Sommersprossen, die sie nicht nur im Gesicht trug. Die nächsten Wochen vergrub Horst regelmäßig sein Kinn zwischen Ritas gepunkteten Schenkeln um zu erkunden, wie viele Sprossen so ein Sommer hervorbringen konnte, bis Rita eines Abends heulend vor seiner Tür stand und behauptete, schwanger zu sein. Horst klärte Rita auf, dass eine Schwangerschaft in ihrem Alter keine gute Idee wäre und nur zu Unannehmlichkeiten mit dem Vater und der Gesellschaft führen würde, woraufhin Rita schnell ihre Tränen trocknete und sich fortan nur noch ihrem Pferd widmete. Vier Tage nach dem tränenreichen Gespräch bekam sie ihre Periode.

Der Sommer wurde etwas kühler, da trat Monika in Horsts Leben. Sie war rundlich, trug karierte Strümpfe und hatte dieses freundliche Lächeln auf ihren rosigen Bäckchen. Mit Monika ging Horst regelmäßig ins Kino. In der Dunkelheit des Saals und der samtigen Fürsorge bequemer Kinosessel drückte er Monikas Kraushaarkopf mit den rosigen Bäckchen immer und immer wieder in seine Lendengegend. Zunächst drohte sie dort zu ersticken, doch nach einer präzisen Einweisung in verschiedene Atemtechniken wusste Monika in etwa, was ihre Aufgabe war und wie sie diese unbeschadet überleben würde. Später im Chor sollte ihr das einen immensen Vorteil gegenüber den Mitsängerinnen verschaffen, ebenso beim Chorleiter. Dass sie nie einen der Filme vollständig sah, versüßte Horst ihr im Anschluss jedes Mal mit einem besonders großen Milchshake. Monika liebte Milchshakes. Anfang Herbst krustete dann ein unschöner und kaum mehr zu versteckender Herpes an Monikas Milchshakelippen und Horst befand, das Kinoangebot sei nun nicht mehr ganz so reizvoll.

Zum Winter wurde es ruhiger und Horst entdeckte seine Leidenschaft für die Pornografie in den eigenen vier Wänden. Nun hießen die Mädchen nicht mehr Gitte oder Rita oder Monika und sie trugen auch keine bunten Flanellkleider oder wild geblümten Baumwollschlüpfer. Bis zum Frühling genoss Horst die nacktfarbene Zweisamkeit mal mit Sunny, mal mit Bunny, mal mit Trudi oder Rosa oder Vicky, oder Vicky und Gina und verließ sein Heim nur, um das Nötigste zu erledigen. Leider gehörte dann irgendwann auch das regelmäßige Geldverdienen dazu, dies tat er fortan bei der Badischen Anilin- und Soda-Fabrik. Horst machte dort unter der Woche in Farben und am Wochenende daheim weiterhin in ungeblümter Handarbeit. Dann, zwischen Labor, Schreibtisch und Kantine, lernte er die flotte Sibylle kennen, eine der Sekretärinnen-Schülerin im ersten Ausbildungsjahr. Sibylle und Horst verband zunächst nicht viel, bis auf die ein oder andere gemeinsame Zigarettenpause. Etwa nach einem halben Jahr wagte Sibylle den nächsten Schritt und bat Horst sehr bestimmt um ein Abendessen, bei dem sie ihm ihre vortrefflichen Kochkünste vorführen wollte. Horst willigte ein und genoss sichtlich beeindruckt Rollbraten mit Schmorkraut, dazu einen vortrefflichen Rotwein sowie einen Pudding im Nachgang, der ihn ein wenig an Monikas Bauch erinnerte. Und während Horst sich im Badezimmer die letzten Speisereste aus den Zähnen pulte, dabei an Monika dachte und sich nach Bunny sehnte, schmiedete Sibylle bereits Hochzeitspläne und suchte gedanklich schon nach den passenden Tapeten fürs gemeinsame Heim. Geblümt würden sie werden, geblümt und farbenfroh, mit viel Rot, viel Orange, noch mehr Gelb und besonders viel Grün. Auf dem Sofa vor der Tapete würden unzählige Kissen schmusen, die ebenso wie die Tapeten ihre Frohheit in all ihrer Farbigkeit und Fülle ausdrücken sollten.

Horst hatte Blähungen. Sibylles Kraut bekam ihm nicht. Es rumorte arg in seinen Eingeweiden, sodass er beschloss, den Abend vorzeitig zu beenden. Er verabschiedete sich mit einem zarten Wangenkuss von einer sichtlich enttäuschten, nach Veilchen und Bratensoße duftenden Sibylle und zog allein in die Schlichtkeit der Nacht. Er war ein wenig müde und drei Monate später war Hochzeit. Eine bewegte Braut in einem üppigen Kleid, ein höflich bemühter Bräutigam und eine noch üppigere Torte, die vier Stockwerke hoch die Hecke der Nachbarn überragte, besiegelten Horsts farbenfrohe Zukunft, die bis heute keine wesentlichen Höhepunkte oder Farbveränderungen vorzuweisen hatte. Bis heute.

Horst erhob seinen blassen Hintern von seinem bunten Sofa, ging ins Schlafzimmer, öffnete den Kleiderschrank mit all den bunten Hemden, die Sibylle im ausgesucht hatte, weil sie meinte, sie würden ihn jünger und frischer aussehen lassen, schob diese beiseite und griff zu einer alten aber kaum getragenen, beigefarbenen Hemd-Hosen-Kombination. Fast feierlich stieg er in die Hose und knöpfte das Hemd zu. Das Pastell seiner Haut ging nahtfrei in das sandige Creme seiner Bekleidung über. Ein dezenter Gürtel, der in etwa die Nuance eines jungen Mopses hatte, rundete das Ensemble ab. Zum Abschluss schlüpfe Horst in ein paar elfenbeinfarbene Socken und zusammen mit diesen in hellbraune Slipper. Zufrieden betrachtete er sich im Spiegel und stellte fest: Er war unsichtbar.

Mit einem leisen Lächeln auf den alten Lippen trat Horst vor die Tür und schaute die Straße hinunter in den Sonnenuntergang. Er fühlte sich unendlich frei und leicht und so unfassbar beige. Auch den Lastwagen fühlte er, aber erst Sekunden später. Und während Sibylle auf dem Markt nach Schnittblumen fragte, hörte Horst auf zu röcheln und die verschiedensten Rottöne bildeten wunderschöne Kontraste auf seinem Hemd. Sibylle hätte es gefallen.

Die Farbe passt so gar nicht zu ihrem Kleid

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Die Ampel vor ihnen kann sich nicht entscheiden. Blut – Eiter – Galle – Eiter – Blut – Eiter – Galle – Eiter – Blut.

Er gibt Gas und sie wird in den Sitz gedrückt. Stadtlichter fliegen vorbei. Die Nacht ist schweißig. Sein wütender Blick starrt auf die Straße, ihr wütender Blick starrt auf ihn, durchtrennt seine Halsschlagader. Sein Blut schießt ihr entgegen. Es schmeckt süß aber nicht gut. Es schmeckt nach überreifen, schimmligen Erdbeeren. Und es ist eine Nuance zu rot. Diese Farbe würde so gar nicht zu ihrem Kleid passen, denkt sie.

„Du bist so ein Arschloch.“

„Genau das willst du doch, dass ich ein Arschloch bin.“

Sie schüttelt den Kopf. Als wenn er wüsste, was sie wollte? Er hat keine Ahnung. Wie auch. Hätte er auch nur einmal genauer hingehört, wenn sie an ihm herumkritisierte, dann hätte er die unterschwelligen Änderungsvorschläge als die Botschaften erkannt, als die sie gedacht waren. Aber die Mühe macht er sich nicht. Er steckt all seine Kraft in das eigene Bedauern, in das ständige Zusammensacken, Aufrappeln, Stolpern, Kriechen, Siechen. Dieses Siechen ist unästhetisch. Siechtum hat die erotische Ausstrahlung von faulen Eiern. Durch den Gestank sinkt man ohnmächtig zu Boden, dann frist sich das Ammoniak in die Lunge, macht sich als bestialische Ödeme breit, die wie Rosinen an den Lungenbläschen kleben. Man kann nicht mehr atmen.

„Was willst du denn jetzt damit sagen?“

„Ihr Frauen wollt doch immer Arschlöcher. Frauen verstehende Arschlöcher.“

Plötzlich ist nicht mehr sie das Ziel, jetzt sind es alle Frauen. Auch seine Mutter und seine Ex-Freundin sind Frauen. Aber die dürfen nicht erwähnt werden. Die Mutter bleibt aus dem Spiel, egal, wie das Verhältnis zu ihr ist. Die Ex-Freundin bleibt auch außen vor und wird immer nur dann von ihm wiederaufbereitet und zur besten Freundin befördert, wenn es gerade passt, egal, wie das Verhältnis zu ihr war. Aber beide dürfen niemals in eine solche Arschloch-Diskussion eingeführt werden. Das ist tabu.

„Geh doch zurück zu deinem Ex-Stecher, du blöde Schlampe. Bei dem ist ja anscheinend alles besser, sein Schwanz, seine Wohnung, sein Schuhgeschmack.“

Jetzt muss sie lachen. Er hat wirklich nichts kapiert. Sein Ego trägt Schrammen, die ihre Krallen hinterlassen haben. Kleine, triefende Furchen, die sich grün füllen mit Gallensaft. Nun muss er dringend sein Revier markieren. Wenn er könnte, er würde im Fahren sein Geschlechtsteil aus dem Auto hängen und gegen den Wind pissen. Er gibt Gas. Die Straße rennt ihnen entgegen.

„Fahr doch noch schneller, dann komme ich wenigstens rechtzeitig zu meinem besseren Fick in seiner besseren Wohnung.“

Wut schwappt in seine Augen. Seine Hände masturbieren das Lenkrad während sich ihre in den Sitz krallen. Sie schnallt sich an. Die Ampel vor ihnen kann sich nicht entscheiden. Blut – Eiter – Galle – Eiter – Blut – Eiter – Galle – Eiter – Blut.

Sein Gesicht klebt auf dem Asphalt. Überall verteilt sich Gekröse in der Nacht. Aus der Motorhaube steigt Dampf in den Himmel, blass-gelb wie aus einer Friedenspfeife. Sie steigt aus dem Auto oder besser aus dem, was davon übrig ist. Ihr linkes Auge schwillt an, sie kann kaum etwas sehen, stolpert auf ihn zu. Drei, fünf, siebzig Stunden wacht sie neben ihm, horcht in die Stille, lauscht, ob er noch atmet. Dann kniet sie sich hin und nimmt seinen Kopf – oder das, was davon noch übrig ist – und legt ihn sich in den Schoß. Die Farbe passt so gar nicht zu ihrem Kleid.

Romy

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Die Grenzen der Hysterie sind erreicht. Panik kraust ihr Haar, weißt es bis in die gespaltenen Spitzen. „Was wirst du tun?“ Seine Schultern zucken nur. Schlaffe Figur, schlaffer Charakter, schlaffer Hut.

Rot quillt Honig den Lattenzaun hinab. Klebt, glänzt träge in der Sonne. Wäre fast schön, wenn nicht falsch vergossen.

Sie sinkt auf die Knie. Strumpfbeine ziehen unfreiwillig Muster. Finger krallen sich ins Grün. Der Dreck unter den Nägeln wird ewig dort verkrusten, zusammen mit Bluthonig, Honigblut.

„Tu etwas!“ Überschlag, Stimme im Delirium. Augen im Nirwana. Sinne im Sturz.

Fahle Hände greifen das leblose Körperlein. Kein Zucken, kein Winseln, kein Wimpernschlag. Schlaffe Arme. Zu wem gehören Sie? Zum Hut? Zum Honigkind?

Schatten klettern durch den Zaun. Der gähnt sich in die Länge. Seine Fänge zerren an ihr. Die Grenzen der Hysterie sind da schon längst überschritten.

Der Zaun war zu hoch, zu spitz, zu stark. Und Honig kann sehr bitter schmecken.

Manchmal mochte er seinen Beruf

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Die Gegenwart eines Menschen kann mitunter so präsent sein, dass sie einem Schmerzen bereitet.

Da lag sie, den Kopf leicht zur Seite geneigt, die Augen waren geschlossen. Dunkles Haar umrahmte das unschuldige Kissen. Ihr Duft füllte den Raum, nicht erstickend, nicht verschwenderisch, aber er war da. Und er sollte so schnell nicht verschwinden.

Durch das Fenster schlichen Sonnenstrahlen, ließen Staubflocken tanzen. Kleine dreckige Wirbel, die – kniff man die Augen etwas zusammen – fast wie Schnee funkelten. Fast. Für Schnee war es zu heiß. Stille machte sich breit, nahm prahlerisch Platz auf dem Sessel, der in der Zimmerecke stand. Diese Stille war so laut, dass ihr Ohr zu bluten schien. Ein dünner roter Faden schlängelte sich über das Kissenweiß, sprang in einem Tropfen auf das Laken und nistete sich in dessen kühlen Seidenfaden ein.

Was wäre, wenn er sich einfach zu ihr legen könnte, ihre Wärme spüren, das kühle Laken unter seiner Haut. Er könnte sich in den Finger stechen, dann würde sich ein Tropfen seines Blutes mit dem ihren verbinden. Dann hätten sie eine Gemeinsamkeit. Dann wären sie vereint. Dann wären sie keine Fremden mehr.

Er betrachtete ihren Körper, so zart, so hell. Neben dem Bauchnabel leuchtete ein Muttermal, eine kurze Beruhigung für seine Augen, die haltlos über den makellosen Körper strichen. Ihre Beine waren gekreuzt, die Scham von einer Hand bedeckt. Sein Blick blieb auf dieser Hand liegen, liebkoste die zarten Finger, glitt an ihnen hinab, kroch in das kleine Dreieck, das sie zu verdecken dachten. Und wieder roch er ihr Parfüm.

Sie war so schön, dass es wehtat. Manchmal mochte er seinen Beruf.

„Schafft die Leiche jetzt raus, ich bin hier fertig.“