Beton ist wärmer als Champagner

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Die Friedrichstrasse wird gereinigt, das ist gut, dann verschwindet der Dreck.

Links neben ihm erbricht sich Starbucks. Der alte Mann kauert. Außen derb, tief und dreckig und in seinem Innersten an Herz verblutend. Er trinkt. Er stinkt. Er hustet. Offen klafft die Brust, verschlossen beißt der Mund auf zahnlosen Gedanken herum. Im alten Bart sterben Erinnerungen an Milch und Honig. Vergilbte Floskeln warten in seinen Händen darauf, Verstand zu erblicken, Verständnis zu ernten. Die Pappe ist gebrochen, die Worte darauf verlieren an Gehalt. Aber sie drücken im Kopf.

Nichts von all dem dringt in den Blick derer, die an ihm vorbeitelefonieren. Die Großstadt ist ein Canyon. Im Hinterhalt lauern durchgeladene Läufe, zwischen den Füßen winden sich Reptilien. Sie schuppen. Alte Häute und neue Hüte füllen Nischen, die niemanden ernähren – nicht den kranken Mann an der Mauer. Rechts von ihm ist es bunt, sortiert und sauber. Nicht für ihn.

Seine Augen wollen erzählen, sie brüllen mich an, ganz leise, nicht wütend, nicht fordernd, nur verflüssigt. Ich blicke in zwei endliche Tunnel der Vergangenheit, weil Zukunft hier nicht wohnt. Ihm gegenüber glänzen Chrom und rascheln Scheine. Zu weit weg. Fünf Schritte bis zum Abgrund, da ist Beton wärmer als Champagner. Die Wand in seinem Rücken bricht ihm das Genick und die Strasse unter seinen Füßen wird morgen früh gereinigt. Das ist gut, dann verschwindet der Dreck. Dann ist auch er verschwunden und mit ihm mein schlechtes Gewissen, das mich jedes Mal ertränkt, wenn ich ihm nichts weiter als ein Stück dreckiges Metall und einen Kaffee in die zittrigen Finger legen kann.

5 wilde Tiere im Canyon der Hauptstadt

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Berlin, Viertel vor Zehn, im Keller einer Bar, fünf Männer, eine Bühne. Ich wippe mit dem Fuß, schnippe mit den Fingern, singe die eine Textzeile mit, die ich sofort erkenne. Ich war es, ich bin es und ich werde es wohl für den Rest meines Lebens sein – ein echtes, ein begeistertes Pferdemädchen. Ich mag süße Ponys, edle Stuten und erst recht wilde Hengste. Auf letztere traf ich hier, unter Tage, weit weg von nebenan. Ein Ritt durch die Nacht, wild und ungestüm, Zähmung nicht in Sicht. Shame on you, wer jetzt unter der Gürtellinie denkt.

The Horse Force 5 sind Indie-Rock pur und ohne Sattel. Sie brauchen kein Zaumzeug, sie haben Schlagzeug. Ihr Bass wummert wie schweres Gehuf durch den Canyon der Großstadt. Die Gitarre scheint bespannt mit feinstem Schweifhaar, gespielt mit Pferdestärke. Angeführt vom Leithengst folgen die vier Mustangs keinem Gesetz, sondern seinem Gesang, der außen dreckig ist, tief und derb und in seinem Innersten an Herz verblutet.

Die Bar war einfach zu schwarz, zu eng, zu trocken. Ihr müsst weiter ziehen.
Jungs, ich reite mit euch!

Stadtfresser vor meiner Tür

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Die Seelen wurden begraben, als die Sandfresser kamen. Sie rissen ihre Mäuler auf, fraßen Dreck und kackten Beton.

Da steht er. Drückt sich in die Ecke. Schaut ganz grau, der kleine Laden. Eisenwaren heißt er. Immer schon. Auch heute noch. Seine Fenster blicken schief. Die Tür verzieht die Mundwinkel. Hat er Angst? Er nickt. Es klirrt in seinem Magen, aber nur ganz leise. Eisenmangel. Darum ist er auch so blass.

Früher, sagt er, früher hatte er noch viele Zähne, aus Stahl. Die waren mächtig. Die konnten beißen. Heute, da wackelt der hinten rechts auch schon. Beißen geht nicht mehr. Er hat Hunger. Genau wie der Dicke da gegenüber. Der wird immer fetter, schluckt einfach alles, kaut nicht mal richtig. Würgt gierig, schlingt, geifert. Spuckt Menschenbeine wieder aus. Der Dicke hat tausend Namen, schrille, bunte, alberne, aber ohne Seelen. Die wurden begraben, als die Sandfresser kamen. Sie rissen ihre Mäuler auf, fraßen Dreck und kackten Beton.

Da steht er, der kleine Laden. Die Knie versagen, die Hüfte bricht. Er stirbt.

Alle Jahre wieder… Berlin im Schneechaos

Pösie für Lieb & Bösi

Es schneit, nun – das ist nicht neu
Drum wundert’s mich, wie scheu
Erneut die Räumkolonne ist
Haben wir sie doch schon letztes Jahr vermisst

(… und niemand lernt dazu, buhu)

Es schneit, nun – das ist nicht schön
Kann man nur bewaffnet mit dem Föhn
Straßenkrusten überwinden
Um zu seinem Ziel zu finden

(… unter welchem Dreckhaufen verbirgt sich mein Auto?)

Ich sehn den Frühling mir herbei
Mit grünem Gras und buntem Allerlei
An Blumen und an Krauchgetier
Ach wär’ er doch nur schon erst hier

Hilft weder Jammern noch Krakelen
Zugeschneit sind zarte Seelen
Tiefgefroren wie grüne Bohnen
Die in Tiefkühlschränken wohnen

Schnief

Danke an die BVG: Berlin ist …

Pösie für Lieb & Bösi

Stehe Stunden rum und wart’
Neben mir ein Mann mit Bart
Vor mir alte Frau mit Kind
Schaut ganz traurig, wie ein Rind
Das Kleine ist fasziniert vom Bart
Der sich nun mit Schnodder paart

Endlich nähert sich ein Bus
Doch zu allem Überfluss
Ist der schon voll
Wie auch der Mann mit seinem Bart
Stinkt doll nach Schnaps, das ist echt hart

Quetschen, schieben, böser Blick
Tür geht zu mit einem Klick
Menschen atmen, Luft wird knapper
Angefüllt mit Teen-Geplapper
Mann mit Bart und Fuselfahne
Schaut mich an und ich erahne
Gleich wird er mich auserwählen
Und mir all sein Leid erzählen

Bus steht schon wieder statt zu fahren
Gleich mir platzt mein Winterkragen
Neben mir ein Rülps vom Döner
Lilienduft, das wäre schöner
Schließ die Augen, denk mich weit fort
An einen wundersamen Ort
Wo Busse regelmäßig fahren
Bärte sich mit Klingen paaren
Wo ich schöne Dinge seh’ …

Träum weiter – sagt die BVG