Ein Stein ist ein Stein

augenscheinlich, Pösie für Lieb & Bösi

Ein Stein ist ein Stein. Ein Stein wird nie etwas Anderes sein. Er ist kein Wind, er wird kein Gras, er kann sich nicht biegen, er ist nicht aus Glas. Ein Stein ist das Sein, ein Stein ist kein Wollen. Ein Stein ist ein Stein, ein Stein ist kein Sollen. Ein Stein ist kein Spiegel, ein Stein braucht kein Glück. Ein Stein ist kein Siegel, kein Stein ist verrückt. Kein Stein muss gefallen, kein Stein sich erklären. Kein Stein braucht Krallen, kein Stein muss sich wehren. Ein Stein ist mal rund, hat Kanten und Ecken. Ein Stein bleibt ein Stein, kein Stein wird verrecken. Ein Stein schreit stumm, ein Stein schweigt laut. Kein Stein ist Schein mit so dünner Haut…

Ein Stein ist ein Stein, nicht mehr und nicht weniger. Ein Stein möchte ich sein.

Brot & Spiele

Pösie für Lieb & Bösi

Wir sind so viele
Und jeder allein
Brot und Spiele
Raus oder rein

Jeder ist besser
Keiner ist gut
Die Masse befriedigt
Im Innern die Wut

Trampeln in Herden
Treten im Takt
Drohgebärden
Klüngelnder Pakt

Brot und Spiele
Krümel vom Kuchen
Wir sind so viele
Winden und Suchen

Zwei Seiten sind gleich
Die Münze verlogen
Einer wird reich
Die Andern verbogen

Schwarz und weiß
Dazwischen kein bunt
Der gleiche Scheiß
Das Dreieck ist rund

Glatt geleckt
Sauber verblendet
Die Zähne versteckt
Moral geschändet

Brot und Spiele
Ein jeder dabei
Wir sind so viele
Im Einheitsbrei

Im Hier und Jetzt

Pösie für Lieb & Bösi

Ein Tag zieht seine Fäden und spinnt sich zu Sekunden klein
Ich schaue in den Himmel, da leuchtet es mir ein:
Oben ist oben, darunter ist unten, dazwischen klebt die Zeit
Und während ich sinniere – über das Hier und Jetzt, das Weit und Breit –
Scheißt der Hund die Wand an, einfach so, weil er es kann

Und weil er muss

Es riecht ein wenig, mir wird übel, doch bin ich wohl genug erzogen
Um – statt mich zu erbrechen in hohem, buntem Bogen –
Fein säuberlich gefilterte Gedanken auszuurinieren
Nicht stehend, sondern auf allen meinen Vieren
Angepisst vom Hier und Jetzt, vom Weit und Breit – bekläfft sich selbst der Hund

Ganz Tier

Fremdgesteuert, ferngewartet, das Kind in mir trägt bunte Socken
So bleiben meine Füße warm, das Wasserhirn bleibt trocken
Unten ist unten, darüber ist oben, dazwischen klebt die Zeit
Derweil zerreißt der Tag, zerstreut sich hier und jetzt, weit und breit
Ich pack den Köter bei seinen Pranken, lass ihm das Fell, klau nur Gedanken

Einfach so, weil ich es kann

Ich denke wuff, ich hechle mich frei
Bin halb kastriert, hab noch ein Ei
Das lässt mich breitbeinig durch Straßen streifen
Nach Mietzen hecheln und Pussis pfeifen
Gefällt mir, dieses Hier und Jetzt, das Weit und Breit – ich gönn mir diese Eitelkeit

Die Eitelkeit in dir

Pösie für Lieb & Bösi

Die Eitelkeit in dir ist ein verliebtes Tier,
Das gierig an sich selbst verdaut, spuckt, schluckt und widerkaut,
Sich sonnt in öligen Gedankenlachen

Wie ein Dämon in dir tobt dieses verwundete Tier,
Das ausläuft und brandet wie Gischt, seine Spuren nur halb verwischt,
Sich lautstark erbricht in deinem Hirn

Fast täglich suchst du nach einem neuen Zwirn
Um dich zu flicken und dann den Dämon in den Arsch zu ficken,
Derweil das Tier nur steht – und wartet – mächtig aufgebläht

Mal breit grinsend, oft mitleidig winselnd
Ein plumper Verführer, ein Sucher, ein Spürer
Du wirfst verzweifelt Fallen aus und verfällst doch nur aus dir selbst heraus

Du rennst, drehst dich nackt im Kreis und brennst
Stehst neben dir, neben diesem Tier, siehst im Spiegel dieses WIR
Und empfindest – nichts, nicht mal Leere

Bist weder starr noch angetrieben,
Auf der Suche nach dir selbst, wo bist du abgeblieben?

Nach Atem ringen

Pösie für Lieb & Bösi

An manchen Tagen
Geht die Sonne halbherzig auf und
Der Wind klingt wie ein
Digitales Rauschen

Gedanken bauschen

Am Himmel fiedeln
Arschgeigen in falschen Tönen,
Nur kann ich die Noten nicht lesen,
Weil mir die Augen schwimmen

Ängste glimmen

Das Exil im Kopf
Katert munter vor sich hin…
Hätte ich schönere Beine, ich würde
Kleider tragen und im Kopfstand pinkeln

Geraden winkeln

Bücher füllen sich
Mit Blindtext und Metaphern,
Acht Seiten weiter kleben Bilder,
Die wie Regenbogen klingen

Nach Atem ringen

Häuser fallen aus sich heraus,
Nur deren Wände bleiben stehen –
Will den Kopf daran zerschlagen,
Nicht meinen, der ist schon abgegriffen

Zerschollen an Riffen

Heute ist das Gestern
Von morgen und die Tage stolpern
Über sich selbst –
Jeder singt für sich im Stillen

Stumme Chöre wider Willen

Ein Mähgedicht

Pösie für Lieb & Bösi

Eine Ziege starrt auf einen Mann.
Und dann?
Nichts.

Zwei Ziegen starren auf einen Mann.
Und dann?
Nichts.

Eine dritte Ziege kommt dazu.
Und dann?
Weiter nichts als Ruh.

„Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen.“
Dennoch bleiben alle Ziegen stehen.
Und dann?

Eine der Ziegen meckert: „Mäh.“
Aus ihrem Arsch es kleckert.
Bäh!

Eine zweite Ziege meckert: „Mäh.“
Welch’ Schande, ach.
Welch’ eine Schmach.

Die dritte Ziege steht und schweigt.
Den Kopf sie leicht zur Seite neigt.
Und denkt ad hoc…

… an einen Ziegenbock.

Ein Prost auf die Beständigkeit

Pösie für Lieb & Bösi

Nun geht der Sommer, soll er doch
Versinkt im eignen Sommerloch
Bis er im nächsten Jahr – ich nehm’ es an
Von vorne anfängt dann
Und wieder werden alle maulen
Zu kalt, zu heiß, zu schwül, zu nass – was soll denn das!?
Es werden Blumen blühen, Wespen stechen
Männer ihre Gärten rechen
Frauen nichts unter kurzen Röcken tragen
Jemand am See `nen Fisch erschlagen
Jemand einen Kuchen backen
Ein Hund wird auf den Rasen kacken
Kinder werden im Brunnen toben
Manch einer wird das Wetter loben
Manch einer wird sehr reich mit Eis
Wer U-Bahn fährt, denkt, was für’n Scheiß
Denn bei 50 Grad im Wagen
Wird jedes Deo erneut versagen
Touristen werden kommen, auch wieder gehen
Manch einer den Park mit Müll versehen
Es wird gegrillt, gechillt und viel gelacht
Wer kann, schläft draußen in warmer Nacht
Es werden wieder Tränen fließen
Es wird wieder Herpes sprießen
Das kommt vom vielen Küssen
Von fremden Mündern und fremden Nüssen
Im Biergarten wird man wieder Bier verkaufen
Ich werde mich wieder damit besaufen
Und wie jedes Jahr dann denken – voll Heiterkeit
Ein Prost auf die Beständigkeit

Ein Schwarm von Und

Pösie für Lieb & Bösi

Ein Schwarm von Vögeln
Und am Boden klebt das Nass
Erinnerungen kreisen
Und Gedanken werden blass

Federn spuckt mein Mund
Und am Boden klebt es rot
Wasserfälle bauschen
Und ein Vogel fällt sich tot

Ein Schwarm von Fischen
Und am Boden klebt ein Wort
Nähe rückt sich fern
Und Stille sehnt sich dort

Seegras tanzt im Licht
Und am Boden kleben Noten
Angst beißt an sich selbst
Und schickt täglich einen Boten

Ein Schwarm von Staub
Und am Boden klebt der Wind
Ich stelle Fragen
Und im Herzen bin ich blind