Mit Elefanten jonglieren

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Die Arroganz des Menschen, zu glauben, er könnte einfach alles und ein jedes beherrschen, wird ihm irgendwann mit einem großen Knall auf den Kopf fallen.

Wenn es einfach wäre, das Leben, dann könnte es ja jeder. Aber manchmal ist es, als würde man mit Elefanten jonglieren. So ein Elefant liegt nicht besonders gut in der Hand. Da kann man schon mal das Gleichgewicht verlieren, ins Straucheln kommen, zu Boden gehen, aussterben.

Da lag sie nun, diese traurige, nackte Gestalt, begraben unter einem grauen Berg aus Haut und Falten. Einer der mächtigen Stoßzähne durchbohrte ihre Lenden, hatte den ausgemergelten Hintern buchstäblich in den Boden gerammt. Sie war die letzte ihrer Art – Homo sapiens. Nicht besonders schön, wenig schmackhaft und irgendwie zu nichts zu gebrauchen. Die fünf Tonnen Lebendgewicht erhoben sich schwerfällig, schüttelten sich und starrten etwas betreten auf das Häufchen am Boden.

„Es hat sich ausjongliert.“ Das Quagga nickte zufrieden, wedelte kurz mit dem Schwanz, verabschiedete sich höflich vom Elefanten und trabte davon.

An meinem Fenster

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Du sollst nicht über Gullies geh’n, du sollst nicht in den Abgrund seh’n. Und wenn, dann nimm den Falco mit.

Regen peitscht bösartig die Straße, drischt wie eine kätzische Domina auf den Asphalt. Die Tropfen am Ende jeder Nasspeitsche zerplatzen. Und sterben. Unter der Straße zerrt ein Rauschen am Gehör. Die Unterwelt ist schwarzer Fluss. Ratten suchen nach einer rettenden Arche, Plastik verwirbelt sich ziellos in gurgelnden Strudeln. Staub ertrinkt. Oben weint die Nacht. Himmel und Horizont kopulieren während in den Häusern das Schweigen brüllt. Kaum ein Licht, keinerlei Herzschlag, Lebendigkeit „träuft mit Mozambin“  dahin und beginnt zu stinken.

Nur bei ihm ist Licht. Er blickt aus hohlen Augen, die in einem schönen Kopf stecken. Noch. Makellose Körper verkaufen sich besser. Für Intelligenz bezahlt kaum einer, wenn der Schwanz zu klein ist. Und es plaudert sich so schwer mit vollem Mund. Dieser ist so schön, so voll, so zartlippig, mit einem Zungenspiel, das bekannt, begehrt, berüchtigt fast. Ungedruckte Flugblätter zitieren seinen Namen von Ohr zu Ohr. Männer und Frauen verlangen nach ihm, auch weil er – oben wie unten, von hinten wie von vorne – eine Zier ist. Eine Gier ist. Weil er willig ist. Weil er billig ist. Noch.

Ich beobachte ihn und ihn und sie und ihn, sie alle, wie sie sich reiben, lutschen und winden, wie Zähne sich in Fleisch bohren, wie Brüste an Schwänzen ziehen, Zungen sich in welke Blüten schieben, wie alte Lenden auf pralle Ärsche klatschen. Ein Geräusch, genau wie das der Regenpeitschen. Draußen. Auf der Straße. An meinem Fenster. Ich wünsche mir die Nacht endlos. Ich bin in Raum und Zeit gefangen.

Die Gosse schläft nicht. Sie hält nur manchmal still, einen Moment lang, einen Zeigerschlag vielleicht, mehr nicht. Keine Zeit für Zeugen. Im Boden klafft jetzt ein Loch, das den Urin der Regenstraße schluckt, sich ergießt wie „die Donau außer Rand und Band“. Auf ihr schwimmt ein Schuh, stürzt sich hinab, wird Ratte mit zwei Senkelschwänzen. Der Gullydeckel gilt als vermisst, der Jüngling nicht. „Der hat sich verpisst!“ – schreit’s durch die Nacht. Ich schweige.

Mein Fenster bleibt leer, starre nur auf Wachs. Himmel und Horizont verlieren sich aus den Augen. Müde. Unter der Stadt liegt der Tod. Sein Mund war so schön, so voll, so zartlippig. Jetzt fehlt ihm ein Schuh.

Warum?

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Wir sind, was wir sind. Wir tun, was wir tun. Weil wir es können.

Was ist das?

Das ist eine Blume.

Was macht die.

Sie blüht.

Warum blüht sie so schön?

Damit lockt sie Bienen an, die ihren süßen Nektar und ihre Pollen sammeln. Dann verwandeln sie beides zu Honig, und davon ernähren sich ihre Nachkommen.

Und was ist das?

Das ist ein Baum.

Was macht der?

Nun, der spendet Sauerstoff, damit andere Lebewesen atmen können. Sonst würden sie alle ersticken.

Was ist das?

Das ist ein Mensch.

Was macht der?

Der fällt Bäume, schüttet Beton über die Blumen und nimmt den Bienen den Honig weg. Und dann fliegt er weiter zum Mars.

Warum tut er das?

Na einfach, weil er es kann.

Ich brenne für dich!

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Valentinstag – kein Tag für verirrte Pralinen aus denen räudige Tauben bereits die Rosinen gepickt haben.

Mit Tränen in den Augen starrt sie auf den schwarzen Fleck, der sich vor ihr krümmt. Sie weint nicht. Ihre Augen reagieren nur auf das Schwelen. Es stinkt, süßlich, hautig, sterbend. Sie denkt an verwahrlostes Blumenwasser. Sie denkt an gammliges Obst. Sie denkt an herrenlose Pizzareste und die Nachgeburt einer Straßenhündin. Sie denkt nicht an ihn.

Ich brenne für dich!

Er war ein hübscher Kerl, hatte ein süßes Lächeln, einen knackigen Hintern. Er war etwas jung vielleicht, aber unverbraucht. Er war keiner dieser coolen Typen, die sich in Bars rumdrückten um Mädchen abzuschleppen. Er war keiner von denen, die gerne damit prahlten, dass sie letzte Nacht wieder zum Schuss gekommen waren ohne auch nur einen Finger zu krümmen. Er sammelte auch keine vergessenen Ohrringe, getragenen Höschen oder Telefonnummern. Nein, er war irgendwie anders. Er war nett.

Sie war es nicht. Sie war ein Miststück. Sie spielte gerne mit dem Feuer. Warum? Das wusste sie selber nicht so genau. Wahrscheinlich war sie einfach nur gelangweilt. Gelangweilt vom Überfluss, von überquellender Farbigkeit, von maßlosen Standards, gelangweilt von geschriebenem Lärm und vertontem Schmerz, gelangweilt von recycelten Massen und individualisierten Uniformen. Sie war gelangweilt von sich selbst.

Und dann traf sie auf ihn, nicht in der Bar, auch nicht auf einer Party. Sie traf ihn einfach so auf der Straße, und es ergoss sich so etwas wie Liebe über den Asphalt. Seine Gegenwart füllte für einen Moment von 97 Tagen Honig in ihre Waben. Sie leckte ihn auf, gierig, unverschämt, exzessiv. Dann war der Honig verbraucht und seine kläglichen Reste verklebten ihr den Kopf. Sie war angewidert, er wollte noch immer Nektar sammeln und Honigtau in sie gießen.

Am Tag 98 entklebt sie sich während er seine Liebe entzündet – mit nur einem Streichholz, mit nur einem Kanister, direkt vor ihren Augen.

Ich brenne für dich!