Muttertag

Pösie für Lieb & Bösi

Gezeugt. Geboren. Geliebt.
Nichts ist vergleichbar mit dem, was eine Mutter gibt
Ich habe solches Glück, dass du die meine bist
Auch wenn ich manchmal angepisst
Von dir, von mir, von uns in unserem Kontrast
Weil wir uns so sehr gleichen
Weil wir so von einander weichen
Weil du bist, wie nur du sein kannst
Weil du alles für mich gibst, nie halb, nur ganz
Und ich bin so, so wie ich bin aus dir
Weil ich dich liebe – immer, jetzt und hier
In meiner Seele. Im Kopf. Im Herz.
Du bist mir Liebe, Freud und Schmerz
Gezeugt. Geboren. Immer geliebt.
Nichts ist vergleichbar mit dem, was meine Mutter mir gibt.

 

Warum alte Männer lieber Beige als Pink tragen

schreibchenweise

und warum es nicht immer zu ihrem Vorteil ist.

Horst war gesättigt. Nein, Horst war satt. Es stieß ihm übel auf, schon seit geraumer Zeit. Er mochte nicht mehr. Alles wurde ihm zu bunt. Eines morgens saß er mit blankem und sehr blassem Hintern auf seinem sehr gemusterten Sofa und stellte fest: Die Farbe der Polster passte nicht zu seiner Haut. Überdrüssig des aufdringlichen Sofas, überdrüssig seiner stets gut gelaunten Frau, überdrüssig seiner zu engen Hosen und zu bunten Hemden, überdrüssig, täglich das schüttere Haar in Form zu gelen und dennoch kahl auszusehen, beschloss er, sich aufzulösen.

Als Horst noch ein fescher Jüngling war, mit prächtigem Haarkleid auf Kopf und Brust, da lag ihm die Welt zu Füßen und mit ihr die Frauen – wie Gitte. Gitte war ein junges, züchtiges Ding, das er bei Eis mit bunten Streuseln schnell davon überzeugte, ihren geblümten Schlüpfer zu lupfen, damit er in ihr seine Fingerfertigkeit verbessern konnte. Neuerdings nahm Horst zweimal wöchentlich Klavierstunden, wusste er doch, wie leicht junge Mädchen ihre guten Vorsätze bei einem Musiker vergaßen. Bei Eis und Horsts talentiertem Fingerspiel vergaß auch Gitte die Mahnungen ihres Vater und ihre Augen leuchteten Horst in ihrem schönsten Blau entgegen, das Eis landete in milchig-bunten Speichelfäden auf ihrer rosa-gepunkteten Bluse und aus ihrem Erdbeermund enfleuchte ein dezent gehauchtes „Mmmmmh“. Der Frühling konnte so schön sein.

Zwei Wochen später war Gitte passé und Rita zog Horsts Aufmerksamkeit auf sich. Sie hatte einen üppigeren Busen als Gitte, dafür weniger strenge Blusen und so ungezogenes rotes Haar. Noch ungezogener allerdings waren Ritas Sommersprossen, die sie nicht nur im Gesicht trug. Die nächsten Wochen vergrub Horst regelmäßig sein Kinn zwischen Ritas gepunkteten Schenkeln um zu erkunden, wie viele Sprossen so ein Sommer hervorbringen konnte, bis Rita eines Abends heulend vor seiner Tür stand und behauptete, schwanger zu sein. Horst klärte Rita auf, dass eine Schwangerschaft in ihrem Alter keine gute Idee wäre und nur zu Unannehmlichkeiten mit dem Vater und der Gesellschaft führen würde, woraufhin Rita schnell ihre Tränen trocknete und sich fortan nur noch ihrem Pferd widmete. Vier Tage nach dem tränenreichen Gespräch bekam sie ihre Periode.

Der Sommer wurde etwas kühler, da trat Monika in Horsts Leben. Sie war rundlich, trug karierte Strümpfe und hatte dieses freundliche Lächeln auf ihren rosigen Bäckchen. Mit Monika ging Horst regelmäßig ins Kino. In der Dunkelheit des Saals und der samtigen Fürsorge bequemer Kinosessel drückte er Monikas Kraushaarkopf mit den rosigen Bäckchen immer und immer wieder in seine Lendengegend. Zunächst drohte sie dort zu ersticken, doch nach einer präzisen Einweisung in verschiedene Atemtechniken wusste Monika in etwa, was ihre Aufgabe war und wie sie diese unbeschadet überleben würde. Später im Chor sollte ihr das einen immensen Vorteil gegenüber den Mitsängerinnen verschaffen, ebenso beim Chorleiter. Dass sie nie einen der Filme vollständig sah, versüßte Horst ihr im Anschluss jedes Mal mit einem besonders großen Milchshake. Monika liebte Milchshakes. Anfang Herbst krustete dann ein unschöner und kaum mehr zu versteckender Herpes an Monikas Milchshakelippen und Horst befand, das Kinoangebot sei nun nicht mehr ganz so reizvoll.

Zum Winter wurde es ruhiger und Horst entdeckte seine Leidenschaft für die Pornografie in den eigenen vier Wänden. Nun hießen die Mädchen nicht mehr Gitte oder Rita oder Monika und sie trugen auch keine bunten Flanellkleider oder wild geblümten Baumwollschlüpfer. Bis zum Frühling genoss Horst die nacktfarbene Zweisamkeit mal mit Sunny, mal mit Bunny, mal mit Trudi oder Rosa oder Vicky, oder Vicky und Gina und verließ sein Heim nur, um das Nötigste zu erledigen. Leider gehörte dann irgendwann auch das regelmäßige Geldverdienen dazu, dies tat er fortan bei der Badischen Anilin- und Soda-Fabrik. Horst machte dort unter der Woche in Farben und am Wochenende daheim weiterhin in ungeblümter Handarbeit. Dann, zwischen Labor, Schreibtisch und Kantine, lernte er die flotte Sibylle kennen, eine der Sekretärinnen-Schülerin im ersten Ausbildungsjahr. Sibylle und Horst verband zunächst nicht viel, bis auf die ein oder andere gemeinsame Zigarettenpause. Etwa nach einem halben Jahr wagte Sibylle den nächsten Schritt und bat Horst sehr bestimmt um ein Abendessen, bei dem sie ihm ihre vortrefflichen Kochkünste vorführen wollte. Horst willigte ein und genoss sichtlich beeindruckt Rollbraten mit Schmorkraut, dazu einen vortrefflichen Rotwein sowie einen Pudding im Nachgang, der ihn ein wenig an Monikas Bauch erinnerte. Und während Horst sich im Badezimmer die letzten Speisereste aus den Zähnen pulte, dabei an Monika dachte und sich nach Bunny sehnte, schmiedete Sibylle bereits Hochzeitspläne und suchte gedanklich schon nach den passenden Tapeten fürs gemeinsame Heim. Geblümt würden sie werden, geblümt und farbenfroh, mit viel Rot, viel Orange, noch mehr Gelb und besonders viel Grün. Auf dem Sofa vor der Tapete würden unzählige Kissen schmusen, die ebenso wie die Tapeten ihre Frohheit in all ihrer Farbigkeit und Fülle ausdrücken sollten.

Horst hatte Blähungen. Sibylles Kraut bekam ihm nicht. Es rumorte arg in seinen Eingeweiden, sodass er beschloss, den Abend vorzeitig zu beenden. Er verabschiedete sich mit einem zarten Wangenkuss von einer sichtlich enttäuschten, nach Veilchen und Bratensoße duftenden Sibylle und zog allein in die Schlichtkeit der Nacht. Er war ein wenig müde und drei Monate später war Hochzeit. Eine bewegte Braut in einem üppigen Kleid, ein höflich bemühter Bräutigam und eine noch üppigere Torte, die vier Stockwerke hoch die Hecke der Nachbarn überragte, besiegelten Horsts farbenfrohe Zukunft, die bis heute keine wesentlichen Höhepunkte oder Farbveränderungen vorzuweisen hatte. Bis heute.

Horst erhob seinen blassen Hintern von seinem bunten Sofa, ging ins Schlafzimmer, öffnete den Kleiderschrank mit all den bunten Hemden, die Sibylle im ausgesucht hatte, weil sie meinte, sie würden ihn jünger und frischer aussehen lassen, schob diese beiseite und griff zu einer alten aber kaum getragenen, beigefarbenen Hemd-Hosen-Kombination. Fast feierlich stieg er in die Hose und knöpfte das Hemd zu. Das Pastell seiner Haut ging nahtfrei in das sandige Creme seiner Bekleidung über. Ein dezenter Gürtel, der in etwa die Nuance eines jungen Mopses hatte, rundete das Ensemble ab. Zum Abschluss schlüpfe Horst in ein paar elfenbeinfarbene Socken und zusammen mit diesen in hellbraune Slipper. Zufrieden betrachtete er sich im Spiegel und stellte fest: Er war unsichtbar.

Mit einem leisen Lächeln auf den alten Lippen trat Horst vor die Tür und schaute die Straße hinunter in den Sonnenuntergang. Er fühlte sich unendlich frei und leicht und so unfassbar beige. Auch den Lastwagen fühlte er, aber erst Sekunden später. Und während Sibylle auf dem Markt nach Schnittblumen fragte, hörte Horst auf zu röcheln und die verschiedensten Rottöne bildeten wunderschöne Kontraste auf seinem Hemd. Sibylle hätte es gefallen.

Und plötzlich ist es kalt

schreibchenweise

Einst saß ein Mädchen in einem Park, auf einer Bank, wartend…

Kennst du sie?
Wen?
Das Mädchen, dort drüben, auf der Bank.
Nein. Sollte ich?
Ich weiß nicht. Sie sitzt dort jeden Tag. Immer zur gleichen Zeit.
Ja und? Wir stehen hier auch jeden Tag, auch immer zur gleichen Zeit.

Am Baum neben der Bank zeigen sich erste zarte Knospen. Die Luft ist so frisch, man möchte sie küssen.

Was meinst du, auf was sie wohl wartet? Oder auf wen?
Keine Ahnung. Was geht es mich an?
Sie sieht so jung aus, fast kindlich.
Das kann man doch von hier gar nicht sehen.
Vielleicht wartet sie auf ihren Freund.
Wie auch immer, auf dich wartet sie jedenfalls nicht.

Das Mädchen nimmt die Mütze vom Kopf und schüttelt ihre Haare. Lang sind sie und leuchtend honigblond. Wie sie sich wohl anfühlen?

Hast du die Zigarettenmarke gewechselt?
Ja, die hier sind weniger stark.
Machst du dir Sorgen um deine Gesundheit?
Quatsch, aber meine Frau. Außerdem sind die billiger.
Das Mädchen raucht nie. Wie alt sie wohl ist?
Was weiß ich, vermutlich noch ein Kind. Irgendwann wird sie rauchen.

Jetzt steht der Baum in voller Blüte. Zarte Hände spielen mit einer von ihnen, die vom Baum gefallen ist. Ein leichter Duft zieht herüber, den auf dieser Seite keiner wahrnimmt. Er erstickt unter dem Rauch billiger Zigaretten.

Geht’s dir wieder besser?
Ja, war halb so wild. Das Herz macht langsam schlapp.
Schau, heute trägt sie ein Kleid. Das ist schön.
Du wirst noch sentimental auf deine alten Tage.
Sie ist so allein.
Vielleicht will sie allein sein, schon mal daran gedacht?

Am Himmel fliegen Wolken vorbüber, weiße, graue, nasse. Sie haben es eilig. Die Frau friert ein wenig und zieht die Schultern höher. Sie betrachtet lange ihre schmalen Hände, bevor sie diese tief in ihren Manteltaschen vergräbt.

Sie friert. Ob ich mal zu ihr rübergehe?
Was willst du da, du bist ein alter Sack, sie ein junges Ding.
Na, vielleicht hätte sie gern ein wenig Gesellschaft.
Bestimmt, aber nicht deine!
Du kannst echt ein Arsch sein.

Der Baum trägt jetzt Orange und tiefes Rot. Ein Rabe vertreibt sich die Zeit im Geäst. Die Frau auf der Bank schließt müde ihre Augen. Ihr Haar hat die Farbe von Spätsommerstroh.

Irgendwas liegt heut in der Luft. So schwer.
Entschuldige, das ist dieser verdammte Eintopf. Ich soll abnehmen, sagt der Arzt.
Wie sie da sitzt. Das macht mich fast traurig.
Sie sitzt da wie immer.
Eben, das ist es ja.

Eine Windböe greift nach den letzten Blättern, greift nach grauen Haaren und einem Wollschal, der dünne Schultern schützen will. Es riecht nach Schnee.

Entschuldigen sie, aber hier ist das Rauchen verboten.
Seit wann das denn?
Schon seit einiger Zeit. Sie waren wohl länger nicht hier?
Ja, scheint so.
Gehen sie doch da rüber in den Park auf die Bank. Dort können sie rauchen, wenn sie wollen.
Ach nein, der Park ist so verdammt leer ohne den alten Baum.

Hagelflieger sind keine Helden

schreibchenweise

Ein Sturm kündigt sich an, schickt Wolkentürme, Drohbriefe aus unruhigen Wassertropfen. Die Luft hustet, schreit, spuckt Energie, weint Schloße.

Gestern noch pflügte eine Cessna den Himmel, nahm ihm seine Gewalt. Wieder und wieder schickte sie Absender aus Silberjodid und Aceton an die Erpresser der Sphäre. Heute liegt sie gebrochen und mit gestutzten Flügeln am Boden. Stille und aufgewühlter Boden halten ihr die Totenwache, im Cockpit trocknet Blut. Hagelflieger sind keine Helden und dennoch retten sie Leben – das unzähliger Halme.

Tagebucheintrag, Sonntag, 29. Juli
Was hat das alles noch für einen Sinn, wenn die Farben um mich herum verblassen? Mein Kopf ist grauer Marmor, meine Gedanken welken und fangen an zu stinken. Das Oben ist nicht länger über mir. Das Unten reißt mich hinab. Ein Dazwischen gibt es nicht – nicht mehr, nicht für mich…

„Gab es keinen Notruf?“

„Nein, nichts dergleichen.“

“Habt ihr den Flugschreiber schon gefunden?“

„Keine Spur davon.“

“Scheiße, was war da los?“

Tagebucheintrag, Montag, 30. Juli
Was kommt danach, was war davor? Ich weiß nicht mehr, was richtig und was falsch ist. Alles schwimmt davon, nur reißt mich der Strom nicht mit, sondern hinunter, zu Boden, den ich verliere. Er hat mich ausgehöhlt zurückgelassen. Leer. Ich sah den Strudel, sah den Sog, sah, wie er alles verschlang. Und stand nur da. So leer. So unfähig. So ich…

„Hat er mit dir darüber gesprochen?“

„Worüber, was meinst du?“

„Alles, einfach alles. Ihr seid doch Freunde gewesen, da redet man doch miteinander. Hat er nicht irgendetwas angedeutet?“

„Was willst du damit sagen? Es war ein Unfall!“

Zwanzig Jahre beherrschte er die Unwetter, die Stürme, die Wolken. Zwanzig Jahre zwang er sie, tränkenden Regen zu weinen statt mit vernichtenden Hagelkörnern auf die Ernte zu werfen. Zwanzig Jahre trug er nicht einen Kratzer davon – nicht am Himmel. Die Erde war sein Feind.

Tagebucheintrag, Freitag, 3. August
Jetzt ist sie fort. Ich muss bleiben. Hätte ich sie aufhalten, hätte ich es verhindern können? Wie? Wie? WIE?

„Hast du sie gekannt?“

„Ja, ein wenig. Ich mochte sie. Angenehme Person, irgendwie unscheinbar. Und irgendwie so präsent in ihrer Zurückhaltung.“

„Das widerspricht sich.“

„Ich weiß, aber genau so war sie.“

Tagebucheintrag, Samstag, 11. August
Die Wochenenden sind am schlimmsten. Ich ertrage es kaum. Nicht hier unten. Ich verfluche dich! Du Miststück, du hast aufgegeben, du lässt mich allein! Warum? Du kommst aus dem Nichts, fängst mich ein mit deiner Liebe und verschwindest wieder. Jetzt hänge ich fest, weiß nicht wo, kann mich kaum noch spüren. Bewegungsunfähig. Denkschwer. Müde. Mein Puls stolpert nur noch, lahmt, hinkt, will schlafen. Ich suche tausend Gründe, nicht zu stürzen und finde keinen einzigen…

„Jetzt ist es offiziell, es war Selbstmord.“

„Wer sagt das? Habt ihr die Black Box endlich gefunden?“

„Nein, aber alles deutet darauf hin. Der plötzliche Verlust, seine Niedergeschlagenheit, sein Rückzug. Außerdem hat er in zwanzig Jahren den Vogel und sich immer heile zu Boden gebracht, egal, wie das Wetter war. Glaub mir, es war Selbstmord.“

Letzter Tagebucheintrag, Freitag, 28. September
Die Traurigkeit frisst sich durch meinen Körper, aber ich gönn ihr den Fraß nicht. Nicht so, nicht heute, nicht morgen. Dich hat sie dahingerafft, mich bekommt sie nicht. Ich hab dich verflucht, weil du es nicht geschafft hast. Jetzt verfluche ich mich, dass ich so schwach bin, so brüchig. Du warst stark, stärker, als ich es je sein kann. Aber ich will es versuchen. Ich gehe nicht, ich fliege, und ich werde wieder landen, auch morgen und übermorgen…

Die Wolken verschlucken sich. Fünfzig Millionen Tonnen Wasser spucken dreihunderttausend Ampere an elektrischer Ladung gegen eintausendsechsundfünfzig Kilogramm Metall und ein paar Kilo Mensch. Zwanzig Jahre ergab das ein Unentschieden. Bis heute. Heute hagelt es. Und das nackte Orange der Black Box wirkt wie ein Fremdkörper in all dem Durcheinander.

Lemniskate

schreibchenweise

Was ist Unendlichkeit?

Das kann ich dir nicht beantworten. Aber ich sage dir, wie ich sie gezähmt habe.

Wie?

Ich gab ihr einen neuen Namen.

Da sitzt er, der alte Mann, flach die Atmung, tief die Falten. Sie erzählen Geschichten, sind Zeugen mancher Trauer und mancher Liebe, vieler Freuden und einiger Verluste. In seinen Augen schimmern dreiundneunzig Jahre Wissen, in seinem Herzen tobt die Sehnsucht nach der eigenen Endlichkeit.

Rosige kleine Finger ruhen in seiner braun-gefleckten Hand. Dreiundneunzig Jahre alte Haut wärmt, beruhigt, zittert matt und streichelt trocken. Ein neugieriges Gesicht schaut auf, zählt die Falten, fragt und staunt, verlangt ungeduldig nach Antworten. Müde Augen blicken hinunter in wache, der zahnlose Mund spricht leise und mit viel Geduld, der kleine steht weit offen und gibt eine Reihe unruhiger Milchzähne frei. Zähne, die sich erst noch durchbeißen müssen auf ihrem Weg. Der Alte ist seinen bereits gegangen. Und heute geht er ihn noch einmal, weit zurück, wird wieder jung, verliebt sich erneut, kämpft, tötet, beweint längst begrabene Freunde, spürt verheilt geglaubte Wunden, lebt ein zweites Mal. Dieses zweite Leben ist kürzer, schmeckt weniger süß und auch weniger bitter. Dieses zweite Leben wirft kleine Schatten an die Zimmerdecke und gibt der Unendlichkeit einen Namen, ein neues Gesicht, eines, das dem seinen ähnelt und es weiterträgt, bis es eigene Falten und Geschichten hat.

Da sitzt er, der alte Mann, flach die Atmung, tief die Liebe. Die Vergänglichkeit schmerzt, seine Geschichte ist erzählt – dreiundneunzig Jahre in einer Nacht, und mit ihr bricht auch seine Endlichkeit herein.