Reelle Realität

schreibchenweise

Dieser Text ist weder spannend noch ironisch noch metaphorisch, hat weder Dramaturgie noch Showdown. Er ist einfach nur das, was er ist – reelle Realität.

Ich weiß, es muss verrückt klingen, aber es stimmt. Ich wurde entführt, von Außerirdischen. Soll heißen, von Nichthumanoiden organischen Ursprungs, von lebendigen Zellhaufen mit Gliedmaßen und einem Kopf ausgestattet, fast wie wir, die aber über eine augenscheinlich andere Physiognomie als unsereins verfügen und darum nicht vom Planeten Erde stammen konnten. Auch waren es weder extrem hässliche noch verkleidete Humanoide, was zunächst nahe lag. Und ich dachte noch, ich träume sciencefictional. Dem wahr war aber nicht so.

Es trug sich folgendes zu: Ich kam aus dem Büro, den Kopf noch in der Arbeit, die Füße bereits im Edeka, weil, die lieben Lebensmittel und ich auch. Auf meiner kauffördernden und aktivierenden Erinnerungshilfe (analoge Einkaufsliste) stand all das, was das Leben lebenswert und behaglich machte und momentan in meinem Haushalt fehlte, was für obenrum, was für untenrum, was für zum Essen, was für zum Trinken, was für vorher und was für nachher. Und in dickeren Lettern, weil von immenser Wichtigkeit für mich, stand dort das Wort Kaffee. So ging ich als erstes und geradewegs Richtung Regal mit kaffeeaffinem Sortiment. Auf dem Weg dorthin wurde ich in meiner Zügigkeit durch einen Stau ausgebremst. Ich stellte mich widerwillig in die sich bildende Schlange, trippelte ungeduldig auf Zehenspitzen herum, um besser über die Köpfe der vor mir Stehenden blicken zu können, und beobachtete das Handgemenge an der Kasse, das begleitet wurde von einer lautstarken Auseinandersetzung zwischen einem Herrn in Edeka-Tracht und einem definitiv nicht von dieser Erde stammenden Uforianer. Letzterer fuchtelte wild mit einem seiner fünf Arme in der Luft herum und nuschelte irgendetwas vor sich hin. Ich verstand kein Wort und fragte eine ältere, kleine Dame, die vor mir und damit näher am Geschehen stand, ob sie denn verstünde, worum es ginge.

„Waaaaaas?“, schrie sie mich an und legte dabei ihre Hand ans Ohr, „Was haben sie gesagt?“

Das beantwortet meine Frage zwar nicht so, wie ich erhoffte, aber dennoch deutlich. Ich nickte höflich und drängelte mich weniger höflich näher an den Tatort. Die Neugier ist ein unaufhaltsamer Motor, der den an sich trägen Menschen vorantreibt. Sie ist stärker als Angst und giert wie kaum ein anderes Verlangen nach Befriedigung. So stand ich drei Ellenbogenstöße und einige jugendfreie Flüche später direkt neben dem Edeka-Mitarbeiter mit freiem Blick auf den rüpelhaften Fünfarmling. Das Nuscheln entpuppte sich aus dieser Entfernung als eine Mischung aus nasalen Zischlauten, deutlich erkennbaren Elementen der deutschen Sprache, und ich vernahm zudem Fragmente aus dem Petuh.

„Wie kann in sitten bei ausses Licht und zue Rollon und näh’n abbe Köbbe an?“, gurgelte das Wesen. „Dascha ’n Maars un kriegn ’n gutte Platz in’n Unibus. So’n Aggewars!“ Ein schlauer Bursche, er wusste, wie man Google benutzt.

Dass der Fremdling mehr oder weniger der hiesigen Sprache mächtig war, schien den sich stoisch wiederholenden Supermarktangestellten, der mit ausdrucksloser Mimik seine Aussage wieder und wieder und wieder von sich gab, in der Absicht, den Außerirdischen zu beruhigen, nicht wesentlich zu irritieren. Es täte ihm leid, er könne da leider nicht helfen. Sich lautstark aufzuregen würde an dieser Tatsache auch nichts ändern und sich darauf zu berufen, nicht von diesem Planeten zu stammen und es darum nicht besser zu wissen, würde ein derart unflätiges Benehmen auch nicht entschuldigen.

Der Außerirdische wirkte sehr traurig in seiner wild fuchtelnden und nuschelnden Verzweiflung, und ich ertrank fast in Empathie. Seine körperliche Auseinandersetzung mit seinem Gegenüber schien bereits ein erstes Opfer gefordert zu haben, denn auf dem Boden lag ein Art Finger, und aus der Hand des dritten Arms linksseits tropfte eine neongelbe Flüssigkeit. Sie roch ein wenig streng und weckte darum mein olfaktorisch motiviertes Interesse. Ich bückte mich, rutschte von allen Umstehenden unbemerkt auf den Knien zwischen atmungsaktiven Geox-Schuhen, wild gemusterten Socken-Sandalen-Kombinationen, billigen Kunstlederpumps und schuppigen Gliedmaßen näher zur stinkenden Pfütze, starrte fasziniert hinein und…

… wachte in einer grell erleuchteten Räumlichkeit wieder auf. An den organisch wirkenden Wänden stand und hing viel Nichts. Es roch nach Nichts und ich hörte ein leises Nichts. Meine Augen mussten einen Moment lang hart arbeiten um sich an die unbekannte Sehtemperatur zu gewöhnen. Mein Hintern schlief tief und fest und mein Mund war Wüste.

„Entschuldigung, könnte ich bitte einen Kaffee bekommen?“

Das war das Erste, was mir in den Sinn kam, und ohne es zu wollen, hatte ich es ausgesprochen. Zunächst flüsterte ich mein Verlangen recht zögerlich, dann mit deutlichem Nachdruck in den unwirtlichen Raum. Meine Hände begannen zu zittern, ein Kalter Truthahn lief durchs Zimmer. Ein Wild Turkey wäre mir deutlich lieber gewesen, am besten in einem heißen Kaffee. Doch meine ernst gemeinte Bitte stieß auf kein Ohr. Dachte ich zumindest, wusste ich es bis dato nicht besser. Dass Wände wirklich und nicht nur sprichwörtliche Ohren haben können, sollte mir noch bewusst werden.

Gefühlte sieben Tageseinheiten später hatte ich das dringende Bedürfnis, mich zu entleeren. Eigentlich hätte ich kein Problem damit gehabt, mich in einem Nichtraum ohne sichtbare Türen, Fenster oder sonstige Öffnungen mit Beobachtungspotenzial hinzuhucken, das Höschen zu lupfen und der Blase freien Lauf zu lassen, aber irgend etwas in mir sagte, lass es sein. Es war wie ein flauschiges Flüstern, das zwischen meinen Ohren hin und her hüpfte, während der Druck meiner Blase anstieg und lautstark schrie: Lass es raus! Lass es sein, lass es raus, lass es sein, lass es raus, lass es sein, lass es braus… braus… Maus… raus… Quril.

„Entschuldigung, könnte ich bitte eine Toilette benutzen und dann einen Kaffee bekommen?“

Ich dachte, ein erneut höflicher Versuch, mich in meiner Bedürftigkeit mitzuteilen, konnte nicht schaden. Wenig später und noch immer ungehört pfützte ich in das Nichts, von Peinlichkeit gezeichnet. Allein der Kalte Truthahn gab mir ein wenig Halt, während sich der Raum zu drehen begann. Mir wurde übel. Schon als kleines Kind konnte ich alles ertragen, nur nichts Drehendes. Schaukeln, Karussells, schnelle Tanzwirbelungen um die eigene Achse, zu viel Alkohol – nichts für mich. Und spucken im Kreis wurde auch von umstehenden Schaulustigen niemals mit Applaus belohnt, nicht mal dann, wenn sie aus der eigenen Familie kamen.

„Entschuldigung, die Toilette brauche ich nicht mehr, aber einen Kaffee könnte ich jetzt wirklich vertragen, verdammte Scheiße!“

Anscheinend hatte ich den richtigen Ton oder aber die richtige Tonlage getroffen, jedenfalls beruhigte sich der Raum und in der Wand öffnete sich ein Spalt, durch den ein Wesen auf mich zu trat, das in Form und Farbe dem aus dem Edeka-Markt glich, sich aber in der Art und Weise seiner Artikulation und Höflichkeit deutlich von diesem unterschied.

„Wie hätten Sie denn Ihren Kaffee gern? Wir haben Cappuccino oder Latte macchiato, Espresso und auch stinknormalen Filterkaffee. Der ist grad frisch durchgelaufen.“

„Oh, wie nett, dann nehme ich einen Latte macchiato mit laktosefreier Milch bitte.“

Mit einem peinlich berührten Flüstern fügte ich noch als Entschuldigung hintenan, dass mich eine echte Intoleranz quäle und dieser Sonderwunsch bitte keinesfalls als schnöde Beschäftigungstherapie oder alberne Modeerscheinung zu verstehen sei. Den Flüsternachsatz garnierte ich zudem mit einem huldvollen Lächeln. Das Wesen starrte mich an, zog eine nicht vorhandene Augenbraue hoch und antwortete – nach meinem Empfinden ein wenig zu schnippig und wenig konstruktiv – dass dies ein Scherz gewesen wäre, ob es denn so aussehe, als würde es mir irgendeine Art von erdtypischen Genussmitteln kredenzen wollen. Nun, wenn ich ganz ehrlich sein sollte: Nein.

Einige Minuten standen wir uns schweigend gegenüber, ich in einem Anflug von Nervosität mit einem Fuß wippend, der Fremdling ganz die Ruhe selbst und mich von oben bis unten musternd. Dann stieß er einen scharfen Pfeifton aus. Um die fünf Sekunden später öffneten sich verschiedene Schlitze in dem Nichtraum, aus denen ebenso verschiedene Wesen traten. Sie bildeten einen Kreis um mich, der sich enger und enger um meine Person zog, was mir zunehmend unangenehm wurde. Generell hatte ich keine Berührungsängste, war ich doch Schlangestehen mit unfreiwilligem Körperkontakt von der Erde gewohnt, aber das wurde dann doch etwas sehr nah. Mein Intimbereich und mein empfindlicher Geruchssinn fühlten sich deutlich bedrängt. Peng, noch in dem Moment, als ich dachte, einer von denen würde besonders streng riechen, wurde mir schwummrig im hungrigen Magen und grün vor Augen. Die nachfolgenden Szenen kann ich darum nur bruchstückhaft rekonstruiert wiedergeben, was definitiv keine Ausrede sein soll dafür, dass mir gerade nichts besseres einfällt, um dem Text ein wenig mehr Würze zu verpassen.

Ich stürzte… wurde getragen… wurde aufgebahrt, entkleidet, an den Haaren gezogen… an mir wurde geleckt, gerochen, ich wurde befingert, gefingert und womöglich gefickt… Stille… grelles Neonlicht… Grelle Stimme.

„Hey! Halloooooo. Würden Sie so nett sein und aufstehen. Ich bin schließlich alt!“

Ein kräftiges Ruckeln dazu weckte mich. In den Händen hielt ich einen Pappbecher mit kaltem Kaffee, halb leer. Unklar war mir in diesem Moment, ob ich die andere Hälfte bereits getrunken hatte oder ob die farblich undefinierbare Pfütze unter mir… Gedankensprung bitte. Mein Blick schweifte weiter zu den schuppigen Füßen, die halb in der Pfütze standen, wanderte träge aufwärts, traf ein Gesicht. Neben mir stand eine ältere, kleine Dame. Sie ruckelte penetrant an meiner Schulter und deutete mit dem übertriebenen Kinn ebenso übertrieben auffordernd in meine Richtung. Benommen und noch immer den Kaffeebecher umklammern stand ich auf. Die kleine Person setzte sich, sah vergnügt aus dem Fenster und murmelte. „Es ist schwer, im Omnibus einen guten Platz zu bekommen.“

Hagelflieger sind keine Helden

schreibchenweise

Ein Sturm kündigt sich an, schickt Wolkentürme, Drohbriefe aus unruhigen Wassertropfen. Die Luft hustet, schreit, spuckt Energie, weint Schloße.

Gestern noch pflügte eine Cessna den Himmel, nahm ihm seine Gewalt. Wieder und wieder schickte sie Absender aus Silberjodid und Aceton an die Erpresser der Sphäre. Heute liegt sie gebrochen und mit gestutzten Flügeln am Boden. Stille und aufgewühlter Boden halten ihr die Totenwache, im Cockpit trocknet Blut. Hagelflieger sind keine Helden und dennoch retten sie Leben – das unzähliger Halme.

Tagebucheintrag, Sonntag, 29. Juli
Was hat das alles noch für einen Sinn, wenn die Farben um mich herum verblassen? Mein Kopf ist grauer Marmor, meine Gedanken welken und fangen an zu stinken. Das Oben ist nicht länger über mir. Das Unten reißt mich hinab. Ein Dazwischen gibt es nicht – nicht mehr, nicht für mich…

„Gab es keinen Notruf?“

„Nein, nichts dergleichen.“

“Habt ihr den Flugschreiber schon gefunden?“

„Keine Spur davon.“

“Scheiße, was war da los?“

Tagebucheintrag, Montag, 30. Juli
Was kommt danach, was war davor? Ich weiß nicht mehr, was richtig und was falsch ist. Alles schwimmt davon, nur reißt mich der Strom nicht mit, sondern hinunter, zu Boden, den ich verliere. Er hat mich ausgehöhlt zurückgelassen. Leer. Ich sah den Strudel, sah den Sog, sah, wie er alles verschlang. Und stand nur da. So leer. So unfähig. So ich…

„Hat er mit dir darüber gesprochen?“

„Worüber, was meinst du?“

„Alles, einfach alles. Ihr seid doch Freunde gewesen, da redet man doch miteinander. Hat er nicht irgendetwas angedeutet?“

„Was willst du damit sagen? Es war ein Unfall!“

Zwanzig Jahre beherrschte er die Unwetter, die Stürme, die Wolken. Zwanzig Jahre zwang er sie, tränkenden Regen zu weinen statt mit vernichtenden Hagelkörnern auf die Ernte zu werfen. Zwanzig Jahre trug er nicht einen Kratzer davon – nicht am Himmel. Die Erde war sein Feind.

Tagebucheintrag, Freitag, 3. August
Jetzt ist sie fort. Ich muss bleiben. Hätte ich sie aufhalten, hätte ich es verhindern können? Wie? Wie? WIE?

„Hast du sie gekannt?“

„Ja, ein wenig. Ich mochte sie. Angenehme Person, irgendwie unscheinbar. Und irgendwie so präsent in ihrer Zurückhaltung.“

„Das widerspricht sich.“

„Ich weiß, aber genau so war sie.“

Tagebucheintrag, Samstag, 11. August
Die Wochenenden sind am schlimmsten. Ich ertrage es kaum. Nicht hier unten. Ich verfluche dich! Du Miststück, du hast aufgegeben, du lässt mich allein! Warum? Du kommst aus dem Nichts, fängst mich ein mit deiner Liebe und verschwindest wieder. Jetzt hänge ich fest, weiß nicht wo, kann mich kaum noch spüren. Bewegungsunfähig. Denkschwer. Müde. Mein Puls stolpert nur noch, lahmt, hinkt, will schlafen. Ich suche tausend Gründe, nicht zu stürzen und finde keinen einzigen…

„Jetzt ist es offiziell, es war Selbstmord.“

„Wer sagt das? Habt ihr die Black Box endlich gefunden?“

„Nein, aber alles deutet darauf hin. Der plötzliche Verlust, seine Niedergeschlagenheit, sein Rückzug. Außerdem hat er in zwanzig Jahren den Vogel und sich immer heile zu Boden gebracht, egal, wie das Wetter war. Glaub mir, es war Selbstmord.“

Letzter Tagebucheintrag, Freitag, 28. September
Die Traurigkeit frisst sich durch meinen Körper, aber ich gönn ihr den Fraß nicht. Nicht so, nicht heute, nicht morgen. Dich hat sie dahingerafft, mich bekommt sie nicht. Ich hab dich verflucht, weil du es nicht geschafft hast. Jetzt verfluche ich mich, dass ich so schwach bin, so brüchig. Du warst stark, stärker, als ich es je sein kann. Aber ich will es versuchen. Ich gehe nicht, ich fliege, und ich werde wieder landen, auch morgen und übermorgen…

Die Wolken verschlucken sich. Fünfzig Millionen Tonnen Wasser spucken dreihunderttausend Ampere an elektrischer Ladung gegen eintausendsechsundfünfzig Kilogramm Metall und ein paar Kilo Mensch. Zwanzig Jahre ergab das ein Unentschieden. Bis heute. Heute hagelt es. Und das nackte Orange der Black Box wirkt wie ein Fremdkörper in all dem Durcheinander.

Lemniskate

schreibchenweise

Was ist Unendlichkeit?

Das kann ich dir nicht beantworten. Aber ich sage dir, wie ich sie gezähmt habe.

Wie?

Ich gab ihr einen neuen Namen.

Da sitzt er, der alte Mann, flach die Atmung, tief die Falten. Sie erzählen Geschichten, sind Zeugen mancher Trauer und mancher Liebe, vieler Freuden und einiger Verluste. In seinen Augen schimmern dreiundneunzig Jahre Wissen, in seinem Herzen tobt die Sehnsucht nach der eigenen Endlichkeit.

Rosige kleine Finger ruhen in seiner braun-gefleckten Hand. Dreiundneunzig Jahre alte Haut wärmt, beruhigt, zittert matt und streichelt trocken. Ein neugieriges Gesicht schaut auf, zählt die Falten, fragt und staunt, verlangt ungeduldig nach Antworten. Müde Augen blicken hinunter in wache, der zahnlose Mund spricht leise und mit viel Geduld, der kleine steht weit offen und gibt eine Reihe unruhiger Milchzähne frei. Zähne, die sich erst noch durchbeißen müssen auf ihrem Weg. Der Alte ist seinen bereits gegangen. Und heute geht er ihn noch einmal, weit zurück, wird wieder jung, verliebt sich erneut, kämpft, tötet, beweint längst begrabene Freunde, spürt verheilt geglaubte Wunden, lebt ein zweites Mal. Dieses zweite Leben ist kürzer, schmeckt weniger süß und auch weniger bitter. Dieses zweite Leben wirft kleine Schatten an die Zimmerdecke und gibt der Unendlichkeit einen Namen, ein neues Gesicht, eines, das dem seinen ähnelt und es weiterträgt, bis es eigene Falten und Geschichten hat.

Da sitzt er, der alte Mann, flach die Atmung, tief die Liebe. Die Vergänglichkeit schmerzt, seine Geschichte ist erzählt – dreiundneunzig Jahre in einer Nacht, und mit ihr bricht auch seine Endlichkeit herein.

Und am Himmel geht der Mond auf

augenscheinlich, schreibchenweise

Gestern waren sie Liebende. Heute schlafen sie getrennt. Er im Garten hinter dem Haus, sie im Teich. Und am Himmel geht der Mond auf.

Sie lebte mit dem Einen und vergötterte den Anderen, seine zarte Erscheinung, seine Feingliedrigkeit, seinen scharfen Geist. Er trug eine Maske und versank unerkannt in ihr, in ihrem Haar, ihrem Geruch, in ihrer Scham. Bisweilen. Sie liebte ihn, wie er war, für das, was er war. Was er vorgab zu sein. Immer. Sie wollte ihn. Ganz. Er wollte sie, wie eine andere, die er nicht haben konnte. Nicht haben durfte. Niemals. In seinem anderen Leben verband ihn dieses kleine Mädchen mit zwei Menschen auf eine Art, die falsch war. In ihrem Leben verband sie zwei kleine Mädchen mit einem Mann, der keine Ahnung hatte. So viele Bindungen und doch kein Bund. Alle zerrissen. Alles verschlissen. Jeder belogen. Von jedem betrogen. Und am Himmel geht der Mond auf.

„Ich kann nicht mit dir leben.“

„Du willst nicht mit mir leben.“

Wenn Erdplatten aufeinander treffen, bilden sich Vulkane. Sie spucken Feuer, ergießen Lava und verglühen. Gebirge türmen sich auf, ragen in die Wolken, bersten, werfen Schatten, bröckeln und versinken im Meer aus Tränen. Bruchschollen fallen auf Granit. Tiefe Gräben bleiben zurück. Verschlucken das, was eben noch die Zukunft war. Und am Himmel geht der Mond auf.

„Ich werde gehen.“

„Dann gibt es kein zurück.“

Im Teich ertrinken die Fische. Drei blasse Seerosen verschließen sich stumm. Irgendwo in dieser Nacht tickt eine Uhr. Rückwärts, bis sie stehen bleibt. Die Erde im Garten hinter dem Haus ist aufgewühlt, ebenso das Herz, das noch eine Stunde schlägt. Dann schweigt auch das. Und am Himmel geht der Mond auf.

Seerosen

Der tiefe Fall in den Qahwa

schreibchenweise

Dieser eine Morgen reit sich an die vergangene Nacht. Weitere Nächte werden folgen, kein weiterer Tag. Der hatte genug. Der ist vergangen. Verbittert. Da stehe ich nun, direkt am Rand. Wärme steigt zu mir hinauf, Bohnendunst. Er vernebelt meinen Blick in die Ferne. Aus der Tiefe flüstert es feucht, heiß und dunkel. Spring!

In wenigen Minuten werde ich mich in die schwarzen Fluten stürzen, werde in psychotroper Verzweiflung baden. Meine Würde wird sich verbrühen, während ich mit den Armen rudernd in das Königreich Kaffa tauche. Meine Lungen füllen sich mit Niacin, strampeln, implodieren, schwimmen zu Tausenden davon. Sucht schreit mir entgegen. Trink!

Dann fließt Excelsa durch meine Adern, giert nach Wegen, um in meine Leber zu flüchten. Ein kleines Stück ist noch da, den größten Teil musste ich verkaufen. Harte Zeiten, Wirtschaftskrise. Manchmal muss man Opfer bringen. Wer braucht schon eine ganze Leber, wenn er ein halbes Königreich besitzen kann, einen halben Fluss mit Ufern voller Plantagen, ein halbes Leben. Atme!

Die Narbe am Bauch stichelt und quängelt, erinnert mich an den Verlust des Lobus dexter, erinnert mich an Spritzen, an das Skalpell, an Scheren und Klammern, an rotgetränkte Tücher und flinke Hände im Hinterhof, an gedimmtes Licht von oben, an Nässe von unten, an dumpfe Schritte hinter Morphinwolken und an den Geruch von Euphorie. Vergiss!

Ich springe vom Rand meines Kaffeebechers, falle, schwimme, trinke aus dem Fluss Qahwa, atme Staub gemahlener Bohnen und vergesse mich. Dann versinke ich im schwarzen Sud aus roten Früchten und gebrannten Gedanken…

Im sicheren Würfel

schreibchenweise

Das weiße Kaninchen fällt und fällt und fellt und fellt und fellt…

Mir ist heute ganz weiß. Grell juckt mich der abrasierte Schädel. Von innen. An meinem linken Bein reibt sich winkend ein Teletubby – der karierte. Schwarz-Weiß-Schwarz-Weiß-Schwarz-Weiß-Schwarz-Bunt. Buntfutterer. Dann uriniert er genüsslich auf meinen nackten Fuß. Das ist schön warm und riecht nach Red Bull. Mein rechtes Bein zuckt. Es liegt in der anderen Zimmerecke. Irgendwie mochte ich es nicht mehr. Es war mir zu eng, da hab ich es einfach abgelegt. Jetzt kann ich besser den Weg des geringsten Widerstandes humpeln. Über mir flackert die Bürokratie. Unter mir scharren die Leichen. An meinem Bett klappern Schnallen und im Raum hinter der Tür werden Nerven getötet. Was kümmert’s mich, ich sitze bei süßer Suppe und geschäumtem Kaffee im sicheren Würfel. Weiß und weich gepuffert und von der Außenwelt verschont.

Ich schließe die Augen und sehe das Fell einer Kuh, das ausgebreitet auf einer Wiese voller Butterblumen trocknet. Schwarzgefleckt. Mein Vater steht gebückt über dem Kadaver der Gehäuteten. Er trägt einen Blumenkranz auf dem Kopf und pfeift. Seine Arme stecken ellenbogentief im Gedärm. Dann rieche ich den Schweiß, das Blut, halbverdautes Gras. Ich schmecke bitter-weißen Milchsaft. Gewöhnlicher Löwenzahn. Ausdauernd. Krautig. Nicht giftig, aber tödlich. Während ich auf den weißen Sonnenschatten seines Unterhemdes starre und die Poren zähle, wünsche ich, ich wäre ein Kaninchen. Da beschließe ich, ihn zu hassen – den Tag. Und ich sperre ihn in einen Würfel – den Tag. Alle Seiten gleich – Tag für Tag. Weiß-Schwarz-Weiß-Schwarz-Weiß-Schwarz-Weiß-Neon.

Mein rechtes Bein zuckt nicht mehr. Die Pfütze aus Red Bull auf meinem Fuß ist getrocknet. In meinem Schädel sterben Nerven. Es ist schön hier, von allen Seiten gleich. Heute ist mir ganz weiß.

Das Geschenk

schreibchenweise

Das ist nur eine Tür, für viele bleibt sie verschlossen, für wenige ist sie eine Option, für alle ist sie ein Dämon. Der Schlüssel zu dieser Tür ist immer im eigenen Kopf, das Dahinter ist ungewiss, der Dämon bleibt hungrig…

Es wird in der Zeitung stehen, recht weit hinten irgendwo. Ein Zweispalter, wenn überhaupt. Kein Bild. Keine emotionale Zeile. Kein Name. Niemand wird weinen oder euphorisch die Hände in die Höhe reißen. Es wird nur eine unscheinbare Randnotiz sein. Aneinander gereihte Worte, Druckerschwärze auf grauem Papier, ein Haufen Pigmente, Bindemittel und chemische Lösungen, gepresst auf kurzlebiges Zellstoffgemisch. Irgendwann wird es nach Vanillin stinken und gelb sein. Zeitungen haben eine geringe Lebenserwartung.

Er sitzt vor dem Telefon, starrt auf die Wählscheibe, starrt auf den zerknitterten Zettel mit der Nummer, starrt auf seinen Arm. Der schmerzt. Er brennt, beißt, sticht, scheint sich von innen aufzulösen. Scheint ihn von innen aufzufressen. Heiße Ameisen würde er sagen, wenn ihn jemand fragte. Millionen von heißen Ameisen.

„Hallo?“

Am anderen Ende der Leitung rauscht es. Nicht stark, nicht wie ein Fluss, der zwischen steinigen Ufern dahinfließt. Auch nicht wie ein Heißluftballon, der im Himmel mit der Freiheit spielt. Dieses Rauschen ist still, es klingt nach innen, es schleicht sich heimlich durch den Kopf und hinterlässt Kälte in den Schläfen.

„Hallo. Ich brauche sie jetzt doch.“

Das Rauschen wird von einer dunklen Stimme unterbrochen. Sie nennt einen Ort, eine Zeit, drei Bedingungen. Dann wieder Rauschen, erwürgt durch hartes Auflegen. Stille. Er zündet sich eine Zigarette an, inhaliert tief, hält für Bruchteile seines Lebens die Luft an, starrt auf das Telefon, starrt auf den Zettel, zündet ihn an und beobachtet dessen Dahinscheiden im gläsernen Aschenbecher. Das Papier zuckt, windet sich, kämpft mit den Flammen und stirbt. Im Arm toben Ameisen. In den Lungen quält Rauch. Im Kopf tanzt ein Gedanke mit der Kälte. Im Aschenbecher ist es grau.

Der Himmel ist Nacht, kein Licht brennt in der Straße. Hier jaulen keine Katzen, die lieben es behaglich. Ein Mann geht langsam irgendwohin, um zwei weitere Bedingungen zu erfüllen und ein Geschenk zu bekommen. In seinem Arm wühlen sich Ameisen durch Adern und Fleisch, fräsen sich in seine Brust. Auf seiner Zunge kann er noch immer den Rauch von eben schmecken und die Zukunft von gleich. Er würde lächeln, wenn er könnte. Es wird ihn überraschen, auch wenn er Ort und Zeit kennt. Das Wie ist sein Geschenk und dieser kurze Moment des Ist. Das Danach kennt keiner, aber es trägt einen Schatten.

Ich schlage die Zeitung auf, überfliege Schlagzeilen, verweile auf Bildern, blättere weiter. Meine Augen suchen nach einer Randnotiz. Kein Foto, kein Name, keine emotionale Zeile. Und doch weiß ich, was dort stehen wird. Ein Code – verzierte Satzspitze aus Wortperlen und Textbordüre. Die Dechiffrierung kostet mich fast einen ganzen Tag, missgönnt mir einen weiteren Tag auf dieser Welt, verspricht mir einen Tag länger mit diesen Schmerzen, die meine Gedärme verdauen und nach und nach ausspucken. Dann wähle ich eine Nummer.

„Hallo. Ich brauche sie jetzt doch.“

Im Rausch

Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweise

„Was willst du hier?“ Sie schaut zu ihm hoch, blinzelt gegen die Sonne.

„Ich will lieben.“ Antwortet er.

„Und was willst du dann von mir?“

Er zuckt nur die Schultern und lehnt sich gegen den Baum. In seinem Rücken zerfällt eine Stadt mit all ihren Strömungen. Es stinkt ein wenig von ihr herüber. Genug, um angewidert zu sein, zu wenig, um sich zu erbrechen. Im Baum sitzt kein Vogel, der kein Lied singt. Da scheißt nur eine Krähe die halbverdaute Rattenbrut wieder aus. Ein schwarzgraues Neozoon in einem halbgrünen Apfelbaum. In seinen Träumen trug er Blüten, der Baum. In ihren Träumen trug er Narben und der Baum schob seine Wurzeln in den Himmel. In der Stadt weint eine Ratte um ihre Jungen. Träumen Ratten?

„Ich werde dich erschießen.“ Lächelt sie ihn an.

„Wird das wehtun?“ Er setzt sich neben sie, stochert im Krähenkot, unterdrückt das Flackern in seinem Kopf.

„Nicht mehr, als der Verlust von Schamgefühl.“

Manchmal versteht er sie nicht. Das berauscht ihn, auch wenn es ungesund schmeckt. Heute kaut er nicht, er verschlingt sie einfach. Der Nachgeschmack kommt später, er wird süßlich sein. Wird sich über seine Zunge ergießen und die Stadt überschwemmen. Die Ratten werden quieken und sich verflüchtigen. In Panik werden sie sich wünschen, auf Krähen zu reiten. Unter dem Baum welkt der Frühling und der Sommer vergeht sich.

Er ist im Rausch, nicht mehr bei Sinnen
Sein Außen schält sich hart nach innen
Sein Kern zerflossen
Schuppt sich davon
Das Hirn erschossen
Weiß nicht, wovon

Sie hält den Colt, verfehlt nur selten
In ihm zerbrechen tausend Welten
Sein Kopf am Pfahl
Sein Herz am Galgen
Die Augen kahl
Die Brust voll Algen

Jetzt frisst der Boden seine Füße
Stößt sauer auf, kotzt bittre Süße
Sie spuckt nur Tränen
Er blutet aus
Dann muss sie gähnen
Und geht nachhaus

Ich hätte es mögen können

schreibchenweise

Das Einlegen oder Einwecken ist eine gängige Methode, Dinge zu konservieren. Zwei Augen im Glas halten so deutlich länger. Blicklegen. Augenwecken.

Und dann füllte ich dich aus, stopfte trockenes Stroh in deinen holen Bauch, auf dem ich einst wie auf einem Kissen ruhte, ließ stumpfe Nägel in deinen krummen Rücken tropfen, damit er stark und gerade ging und schippte Erbsen in deinen Kopf, der einst so schöne Locken trug. Jetzt klappert er. Das ist Musik. Ich hätte es mögen können, wenn man für mich singt…

Am Horizont versinkt ein Glühen. Gelbes Licht macht schöne Haut. Vom Glas auf meinem Tisch wirfst du mir Blicke zu. Zwei Äpfelchen in Spiritus, eins Blau mit schleichender Trübsinnigkeit von den Rändern zur Pupille, eins Grün. Das blüht noch. Mir scheint, du blinzelst. Ich denke, ich hätte es mögen können, wenn man mir zuzwinkert.

Vor einer Woche, oder zwei, da standst du nackt in meinem Leben. Ich fand, du solltest dich bekleiden. Du meintest, das wäre Diebstahl. Also hast du dich bemalt, mit deinen rohen Fingern. Wie albern. Wie schmucklos. Wie halbherzig. Farbenblind und untaktil – Lebendigkeit sieht anders aus. Dabei hätte ich es mögen können, wenn man mich berührt.

Am nächsten Tag hast du so verdammt viele Fragen in mich hineingebrüllt, dein Echo musste ich erbrechen, sonst hätte es mich zerfetzt. Der saure Widerhall im Innern Ich ist unerträglich und schmeckt mir nicht. Ich hab’s versucht. Sogar ein Sößchen nippte ich hinzu und teuren Wein. Vergebens, deine Bitternis klebt noch immer ungenießbar an der Zunge. Vielleicht hätte ich es mögen können, das zu genießen, mit einer Prise Heiterkeit.

Was mach ich nur mit deinen Briefen, die jetzt so schwülstig stinken? Wellige Papiere mit belangloser Tinte beschmiert. Sie verblassen und modern vor sich hin, ziehen Ungeziefer an. Das macht sich breit in meinem Bett und nagt an meinen Lippen. Deine Halbwertszeit ist abgelaufen, meine muss ich neu berechnen. Wahrscheinlich hätte ich es mögen können, dass jemand eine Ziffer in meiner Gleichung ist.

Die Sonne ist Vergangenheit – für dich. Mir scheint der Mond, der ist mir lieber. In ihm spiegelt sich die Eitelkeit so schön. In dieser Nacht verscharre ich die letzten Reste deiner Rührseligkeit im Garten. Irgendeine Katze wird morgen ihre Notdurft darauf verrichten. Nur deine Augen im Glas, die werde ich behalten. Ich mag sie.

Gerade ins Gesicht

schreibchenweise

Das Klingelschild trägt einen neuen Namen und endlich ist es wieder friedlich hier in diesem ordentlichen Haus.

Auf der Pupille blutet Angst. Über dem Auge klafft sich ihr Inneres nach außen. In ihrem Mund stirbt eine Bitte. Und durch seine Fäuste pulsiert Hass. Die Liebe hat er zu Boden gestreckt, sie ging K.o. noch vor der zwölften Runde.

Ein Uniformierter nimmt sich ihrer an, macht Häkchen in Kästchen, nickt, notiert zahnlose Worte. „Ich denke so oft um die Ecke, dass ich eine einfach Gerade nicht erkenne, selbst wenn sie mir direkt ins Gesicht gestreckt wird.“

Obwohl er sich an alle Regeln hielt – erlaubt sind nur Schläge mit geschlossener Faust, auf die Vorderseite des Kopfes, des Halses, des gesamten Korpus bis zur imaginären Gürtellinie am Bauchnabel oder auf die Arme, Schläge unter der Gürtellinie führen zu Punktabzug* – hatte sie ihn disqualifiziert. Und er war zornig.

„Fick dich doch, du Miststück!“ Eine Liebeserklärung klingt anders. Dennoch wird sie bleiben, weil sie hofft. Worauf? Ich weiß es nicht, ich habe nie gefragt, sah nur ihr Gesicht im Hausflur. Schatten um die Augen – Lidschatten. Tiefes Rot auf ihrem Jochbein – Wangenrouge. Tränen aus Staub – Kajal.

Der Ring steht jetzt an einem anderen Ort. Dort wird es Schaulustige und heimliche Zuhörer geben. Wetten werden platziert. Man wird ihr im Hausflur begegnen und sich über ihr Make-Up wundern – von allem ein wenig zu viel. Und man wird schweigen, wie so oft.

*Quelle: Wikipedia

Aale guten Dinge sind Traum

schreibchenweise

Mit einem Aal zwischen den Zähnen lächelt es sich etwas schwierig – hatte ich mal irgendwo gehört und musste just in diesem Moment daran denken. Vor mir stand eine kleine, ausgemergelte Gestalt mit so etwas wie einem Grinsen im Gesicht. Es war schwarz und schmierig und glitschte mir entgegen.

„Du bist dran, sieh zu, dass du es nicht versaust.“

„Kennen wir uns?“

„Nein. Was spielt das für eine Rolle?“

Das Männchen, krummbeinig und spitzzüngig, starkste an mir vorbei in den dunkelnden Morgen und verschwand. Irgendwo. Hinter einem Baum. In einem Loch voll Nichts. Fiel hinab in meine Gedanken. Ich lief weiter, trabte, setzte Laufschritt vor Laufschritt. In meinem Hals steckte eine Gräte. Trockenes Brot in der Tasche wäre jetzt von Vorteil gewesen, damit schob man unschön platzierte Fischskelettreste von der Speiseröhre weiter in den Magen, wo sie säuerlich ertranken. Nur hatte ich kein Brot dabei, das ging drauf, um meinen Rückweg zu markieren. Jetzt fraßen es die Ratten. Landaale.

Eine Augenbewegung und drei Würgereize später stand ich bis zur Hüfte in einem See, Aalsuppe schlürfend. Es roch schlackig, brackig, erstickende Gemütlichkeit drängte sich auf, umspülte mir die Nieren. Meine Gedanken kräuselten sich und schwammen davon. Mit ihnen strampelte das Männchen, einen Aal zwischen seinen Zähnen. Wasserratte.

„Du bist dran“, gurkelte es leiser und leiser werdend, „versau es nicht!“

Um fünf vor halb acht klingelte mein Wecker.

Bermudadreieck

Pösie für Lieb & Bösi

Es war ein Sturm, kurz, heftig, spürbar
Es war salziges Wasser, tief, reibend, brennend

Treibsand am Meeresboden

Es war ein Verlust schon bevor es begann
Es gab keinen Kompass und kein Land

Geisterschiffe auf offener See

Es gab kein Davor und kein Danach
Es war ein Strudel aus weißem Wasser und Magneten

Jetzt ist es still und ich sehne mich nach Sturm

Im Waschsalon wird alles sauber

Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweise

Nur die Gedanken bleiben schwarz

Von oben flackert es. Vor ihm dreht es sich. Unter ihm fährt eine Metro. 21, 22, 23, 24… Schleudern. Spülen. Pumpen. Der Stuhl, auf dem er sitzt, ist hart, wie immer. Es riecht nach Sauberkeit und Bleiche. Kacheln an den Wänden, Kacheln an den Füßen, Kacheln in seinem Kopf, mit Fugen, die brechen und sich verstreuen. Ausgekrümelt werden sie sich in die Sohlen derjenigen eintreten, die versuchen, ihren Schmutz hier zu lassen. Im Waschsalon ist alles sauber – hinterher und drumherum. Und das Dazwischen stinkt. Münzen im Tausch gegen weißes Pulver. Blutspritzer auf anonymen Hemden im Tausch gegen weiße Kragen. Schwarze Erinnerungen im Tausch gegen weiße Gedanken.

Wahllos stopft er alles in eine Tasche, dreckige Socken, ausgeleierte Hosen, beschmierte Hemden, zerrissene Haut. Waschtag. Im Hausflur stehen Räder. Am Himmel stehen Wolken. Am Handgelenk steht seine Uhr. Sie hat es aufgegeben, gegen die Trägheit der Zeit zu rebellieren. Jetzt ist sie schmucklose Zierde, ein Relikt – keines, an dem Nostalgie klebt, einfach nur eines, das stumm nach Gewohnheit klingt. Die Schritte sind die gleichen wie jede Woche, 21, 22, 23, 24… Schleudern. Schwanken. Auffangen. Der Boden, auf dem er geht, ist hart, wie immer. Es riecht nach Winter und Salz. In der Häuserzeile vor ihm lockt ein Neonlicht. Es flackert. Weit aufgerissene Fensteraugen klimpern. Zu hektisch, Wärme schenkt andere Blicke. Die lässt sich besser trinken, füllt den Magen, stillt den Kopf.

Die Trommel schluckt, füllt sich, will sich fast erbrechen. Er füttert weiter. Von oben flackert es. Vor ihm dreht es sich. Neben ihm der Stuhl ist leer… 25, 26, 27, 28, 45 Minuten später ist alles sauber, gespült, gestärkt. Die Trommel spuckt, er atmet Chlor. Unter ihm fährt eine Metro. 46, 47, 48… Wochen ist es her, dass ihre Tür sich schloss. Im Hausflur standen Nachbarn. Am Himmel stand eine Sonne. In seinem Magen stand seine ganze Welt. Stille im Tausch gegen laute Worte. Gefühle im Tausch gegen Blei. Ein Karton voller Bücher im Tausch gegen leere Wände. Auf einem Zettel starben Worte … 34, 35, 36, 37

Wir verlieren uns
Ganz still, ganz leise
In der Zeit, die wir
Nicht teilen

Wir entfernen uns
Rasend langsam
In dem Raum, der uns
Nicht bleibt

Wir vergessen uns
Werden blasser
Und verschwinden
Wie Bleistift auf Papier

Mit Elefanten jonglieren

schreibchenweise

Die Arroganz des Menschen, zu glauben, er könnte einfach alles und ein jedes beherrschen, wird ihm irgendwann mit einem großen Knall auf den Kopf fallen.

Wenn es einfach wäre, das Leben, dann könnte es ja jeder. Aber manchmal ist es, als würde man mit Elefanten jonglieren. So ein Elefant liegt nicht besonders gut in der Hand. Da kann man schon mal das Gleichgewicht verlieren, ins Straucheln kommen, zu Boden gehen, aussterben.

Da lag sie nun, diese traurige, nackte Gestalt, begraben unter einem grauen Berg aus Haut und Falten. Einer der mächtigen Stoßzähne durchbohrte ihre Lenden, hatte den ausgemergelten Hintern buchstäblich in den Boden gerammt. Sie war die letzte ihrer Art – Homo sapiens. Nicht besonders schön, wenig schmackhaft und irgendwie zu nichts zu gebrauchen. Die fünf Tonnen Lebendgewicht erhoben sich schwerfällig, schüttelten sich und starrten etwas betreten auf das Häufchen am Boden.

„Es hat sich ausjongliert.“ Das Quagga nickte zufrieden, wedelte kurz mit dem Schwanz, verabschiedete sich höflich vom Elefanten und trabte davon.

Der Florist

schreibchenweise

Liebe blüht auf unterschiedliche Art. Ihre Farben nuancieren von tiefem Burgunder über leuchtendes Karmesin bis zu pudrigem Blass. Immer jedoch duftet sie atemberaubend.

Sie wirkte so zart, so weiß und so unschuldig. Ihre Hände schienen wie geschaffen, um durch weiches Katzenfell zu streunen, im Vorbeigehen wippende Köpfe langhalsiger Gräser zu liebkosen, sanft über einen aufgeregten Mund zu streichen. Jetzt ruhten sie sauber gefaltet, schwebten über ihrer kalten Scham auf schwarzem Seidenlaub.

Er weinte, als er sie so betrachtete. Nicht um sie. Nicht um ihre Jugend. Nicht um ihren Tod und dessen Unendlichkeit. Er weinte um sich selbst, weil er sie nie würde lieben dürfen. Er hatte sie nackt gehalten, sie sorgfältig gewaschen, sie getrocknet, gecremt und ihr den Tod aus den steifen Gliedern massiert. Er hatte all ihre kleinen Schlupflöcher mit Watte versiegelt, damit nichts von ihrem Inneren verloren ginge. Er hatte ihr das Haar geföhnt und in sanften Wellen um das blasse Antlitz gestaltet. Ihren Lippen hatte er ein wenig Leben aufgehaucht – nicht mit einem Kuss. Das wagte er nicht. Um ihren Hals hatte er ihre silbergliedrige Schlinge gelegt, auf ihrem Herzen schlief nun ein Aquamarin, blassblau, wie ihre Augen hinter den durchschimmernden Lidern. Auf ihre Schläfen hatte er zwei Tropfen Cacharel geatmet. Sie vertrieben die letzte Aufdringlichkeit des Desinfektionsmittels und verströmten einen Hauch aus Frühlingssonne und Heuboden. Dann hatte er ihr ins Kleid geholfen, hatte sie weich gebettet in ihrem hölzernen Setzkasten, hatte ihr Haar erneut gerichtet, ihre Nägel poliert und ihre Hände gefaltet.

Zwei Tage später flüsterte jemand in der Kapelle, sie sähe aus, als würde sie blühen.