Lemniskate

schreibchenweise

Was ist Unendlichkeit?

Das kann ich dir nicht beantworten. Aber ich sage dir, wie ich sie gezähmt habe.

Wie?

Ich gab ihr einen neuen Namen.

Da sitzt er, der alte Mann, flach die Atmung, tief die Falten. Sie erzählen Geschichten, sind Zeugen mancher Trauer und mancher Liebe, vieler Freuden und einiger Verluste. In seinen Augen schimmern dreiundneunzig Jahre Wissen, in seinem Herzen tobt die Sehnsucht nach der eigenen Endlichkeit.

Rosige kleine Finger ruhen in seiner braun-gefleckten Hand. Dreiundneunzig Jahre alte Haut wärmt, beruhigt, zittert matt und streichelt trocken. Ein neugieriges Gesicht schaut auf, zählt die Falten, fragt und staunt, verlangt ungeduldig nach Antworten. Müde Augen blicken hinunter in wache, der zahnlose Mund spricht leise und mit viel Geduld, der kleine steht weit offen und gibt eine Reihe unruhiger Milchzähne frei. Zähne, die sich erst noch durchbeißen müssen auf ihrem Weg. Der Alte ist seinen bereits gegangen. Und heute geht er ihn noch einmal, weit zurück, wird wieder jung, verliebt sich erneut, kämpft, tötet, beweint längst begrabene Freunde, spürt verheilt geglaubte Wunden, lebt ein zweites Mal. Dieses zweite Leben ist kürzer, schmeckt weniger süß und auch weniger bitter. Dieses zweite Leben wirft kleine Schatten an die Zimmerdecke und gibt der Unendlichkeit einen Namen, ein neues Gesicht, eines, das dem seinen ähnelt und es weiterträgt, bis es eigene Falten und Geschichten hat.

Da sitzt er, der alte Mann, flach die Atmung, tief die Liebe. Die Vergänglichkeit schmerzt, seine Geschichte ist erzählt – dreiundneunzig Jahre in einer Nacht, und mit ihr bricht auch seine Endlichkeit herein.