Gehirn aus Cashmere

Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweise

In meinem Gehirn aus Cashmere
Schleichen Krallen
Aus meinen Augen lass ich nach und nach
Die faulen Äpfel fallen
Durch meine Hände rinnen deine Ängste
Und werden Seen mit schwarzen Karpfen drin

Nur manchmal noch, in meinen Träumen
Aus dünn gesponnenen Ideen
Da stiehlt das Raubtier sich davon und ich…
… ich werfe meine Angeln in die Seen
Am Grund seh’ ich dich fliehen dann, auf Silberkugeln
Jetzt wach ich auf und atme Goldstaub aus  – als leisen Husten

Gerade ins Gesicht

schreibchenweise

Das Klingelschild trägt einen neuen Namen und endlich ist es wieder friedlich hier in diesem ordentlichen Haus.

Auf der Pupille blutet Angst. Über dem Auge klafft sich ihr Inneres nach außen. In ihrem Mund stirbt eine Bitte. Und durch seine Fäuste pulsiert Hass. Die Liebe hat er zu Boden gestreckt, sie ging K.o. noch vor der zwölften Runde.

Ein Uniformierter nimmt sich ihrer an, macht Häkchen in Kästchen, nickt, notiert zahnlose Worte. „Ich denke so oft um die Ecke, dass ich eine einfach Gerade nicht erkenne, selbst wenn sie mir direkt ins Gesicht gestreckt wird.“

Obwohl er sich an alle Regeln hielt – erlaubt sind nur Schläge mit geschlossener Faust, auf die Vorderseite des Kopfes, des Halses, des gesamten Korpus bis zur imaginären Gürtellinie am Bauchnabel oder auf die Arme, Schläge unter der Gürtellinie führen zu Punktabzug* – hatte sie ihn disqualifiziert. Und er war zornig.

„Fick dich doch, du Miststück!“ Eine Liebeserklärung klingt anders. Dennoch wird sie bleiben, weil sie hofft. Worauf? Ich weiß es nicht, ich habe nie gefragt, sah nur ihr Gesicht im Hausflur. Schatten um die Augen – Lidschatten. Tiefes Rot auf ihrem Jochbein – Wangenrouge. Tränen aus Staub – Kajal.

Der Ring steht jetzt an einem anderen Ort. Dort wird es Schaulustige und heimliche Zuhörer geben. Wetten werden platziert. Man wird ihr im Hausflur begegnen und sich über ihr Make-Up wundern – von allem ein wenig zu viel. Und man wird schweigen, wie so oft.

*Quelle: Wikipedia

Eine wahre Geschichte – sagt M

schreibchenweise

Eine Nacht kann lang sein, oder auch verdammt schnell vergehen. Diese Nacht war lang. Mindestens zwei Menschen schliefen nicht. Und einer erzählte am folgenden Tag eine Geschichte.

Kaltes Metall stößt zweimal an seine Schläfe. „¡Apúrate!“ M wagt kaum zu atmen. Das Eisen an seinem Kopf duldet keine heftigen Bewegungen und schon gar keinen Widerstand. Der Mann hinter ihm stinkt nach Gewaltbereitschaft. „¿Cuánto es? ¿Cuánto es?“, drängt eine zweite Stimme. Ungeduld färbt sie schrill. „Bastante. Vamos pues.“ M wird vom Geldautomaten in Richtung eines Autos gestolpert. Zwei behandschuhte Hände stoßen ihn auf die Rückbank, zwei weitere stecken seinen Kopf in einen Sack, Schwarz, fesseln seine Hände hinter dem Rücken, Schmerz. Alles geht so verdammt schnell. Säuerlicher Geruch steigt in Ms Nase, beißt sich durch die Nebenhöhlen in den Stirnlappen. Der Wagen springt an, M wird in die Rückenlehne gedrückt. Angst. Schweiß. Kalte Gedanken. Noch mehr Angst. Gefühlte Stunden fällt kein klar verständliches Wort, nur verflüsterte Absprachen, gebrüllte Flüche. Das Auto jammert. Nächtliches Wirrwarr der Straße dringt durch seine marode Karosse, Benzingestank erkriecht sich den Innenraum. Eine Kurve, noch eine, Unwegsamkeit quält das Auto, Schonungslosigkeit das Getriebe. M lauscht, sucht nach Vertrautem, sucht nach Halt, bekommt einen Hieb. Die Dunkelheit wird schwärzer, berauscht. Nebel im Kopf. Stille.

„Coño de la madre, que…“ Jemand zerrt an Ms linker Hand, versucht sich am Finger. „Le va a cortar. ¡Joder!“ Klickgeräusche. Panik. Draußen rauscht die Nacht mit geschlossenen Augen und verwachsten Ohren vorbei. „Nein, nein, nicht den Finger, nicht den Finger!“ Wieder schlägt hartes Eisen gegen Ms Kopf. Süßer Geschmack schleicht in den Mund. „Hurensohn!“ Vertraute Sprache, wütender Akzent, weiterer Schlag, diesmal in die Seite, Zerren am Finger, die Klinge setzt an. „Déjalo, puta madre!“ Der Finger bleibt verschont. Eine Tür wird geöffnet, Füße treten M aus dem Wagen. Harter Boden, alles schmerzt, Kopf schlägt gegen Unbekanntes, Abgase entfernen sich. Nebel im Hirn. Die Nacht stinkt. Stille.

Die Sonne steht hoch, gleißt auf einen gekrümmten Körper, der am Straßenrand liegt, verschnürte Arme auf dem Rücken, der Kopf in einem schwarzen Sack, die Füße nackt, an der linken Hand ein Ring. M stöhnt, richtet sich auf, lauscht. Keine Chance, die schmerzenden Hände zu lösen. M auf den Knien, langsam vorwärts tastend, innehaltend, lauschend, weiter auf den Knien. Ms Schulter stößt gegen einen Widerstand. Eine Wand? Ein Baum? Bestiefelte Beine? Innehalten. Kein Atemzug. Kein Stoß gegen den Kopf folgt, kein Fluchen, kein metallisches Klicken an der Schläfe. Ausatmen. M reibt seinen Kopf am Widerstand, schiebt kratzigen Stoff über die Augen, blinzelt. Ein Baum. M sackt zusammen. Der Baum bewegt sich keinen Millimeter, wehrt sich nicht, droht nicht, bietet Halt.

Sechs Stunden später zurück in Caracas, blutige Füße, nasses Hemd, schmutzige Augen. Keine Papiere, keine Schuhe. Am Finger ein Ring. „Frag nicht.“ Tue ich nicht. Stille.