Nach Atem ringen

Pösie für Lieb & Bösi

An manchen Tagen
Geht die Sonne halbherzig auf und
Der Wind klingt wie ein
Digitales Rauschen

Gedanken bauschen

Am Himmel fiedeln
Arschgeigen in falschen Tönen,
Nur kann ich die Noten nicht lesen,
Weil mir die Augen schwimmen

Ängste glimmen

Das Exil im Kopf
Katert munter vor sich hin…
Hätte ich schönere Beine, ich würde
Kleider tragen und im Kopfstand pinkeln

Geraden winkeln

Bücher füllen sich
Mit Blindtext und Metaphern,
Acht Seiten weiter kleben Bilder,
Die wie Regenbogen klingen

Nach Atem ringen

Häuser fallen aus sich heraus,
Nur deren Wände bleiben stehen –
Will den Kopf daran zerschlagen,
Nicht meinen, der ist schon abgegriffen

Zerschollen an Riffen

Heute ist das Gestern
Von morgen und die Tage stolpern
Über sich selbst –
Jeder singt für sich im Stillen

Stumme Chöre wider Willen

Ein vegetarisches Kinderlied

augenscheinlich, Pösie für Lieb & Bösi

Linsensuppe, Linsensuppe, ess’ den Teller leer mein Kind.
Linsensuppe, Linsensuppe, und dann geh’ und hüt’ das Rind.

Wenn das Rind dann groß und fett, bring es zu des Metzgers Haus,
Messer, Messer, scharf geschliffen, reißen ihm die Därme raus.
Ab den Kopf, zerhackt die Beine, das Blut in einem Topf gefangen,
Hirn gebraten, Schwanz gekocht, die Schinken trocken abgehangen.

Linsensuppe, Linsensuppe, ess’ den Teller leer mein Kind.
Linsensuppe, Linsensuppe, und dann geh’ und hüt’ das Rind.

Das Rind ist tot, der Teller leer, der Tag neigt sich dem Ende zu.
Der Metzger raucht, wischt sich die Hände und legt sich erschöpft zur Ruh.
Des Metzgers Weib hebt seine Röcke, setzt sich auf des Nachbars Sohn,
Stöhnt und schreit und windet sich, lacht und quietscht – der blanke Hohn.

Linsensuppe, Linsensuppe, ess’ den Teller leer mein Kind.
Linsensuppe, Linsensuppe, und dann geh’ und hüt’ das Rind.

Der Metzger aus dem Schlaf gerissen, lauscht dem Treiben in der Nacht,
Wetzt die Messer scharf und schärfer, fühlt sich um die Ehr gebracht.
Er stürzt sich auf sein Weib nebst Nachbar, lässt die Klinge munter springen,
Am Morgen dann gibt’s frisches Fleisch und man hört den Metzger singen:

Linsensuppe, Linsensuppe, ess’ den Teller leer mein Kind.
Linsensuppe, Linsensuppe, und dann geh’ und hüt’ das Rind.

Metzgers Messer

Ein Mähgedicht

Pösie für Lieb & Bösi

Eine Ziege starrt auf einen Mann.
Und dann?
Nichts.

Zwei Ziegen starren auf einen Mann.
Und dann?
Nichts.

Eine dritte Ziege kommt dazu.
Und dann?
Weiter nichts als Ruh.

„Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen.“
Dennoch bleiben alle Ziegen stehen.
Und dann?

Eine der Ziegen meckert: „Mäh.“
Aus ihrem Arsch es kleckert.
Bäh!

Eine zweite Ziege meckert: „Mäh.“
Welch’ Schande, ach.
Welch’ eine Schmach.

Die dritte Ziege steht und schweigt.
Den Kopf sie leicht zur Seite neigt.
Und denkt ad hoc…

… an einen Ziegenbock.

Ein Prost auf die Beständigkeit

Pösie für Lieb & Bösi

Nun geht der Sommer, soll er doch
Versinkt im eignen Sommerloch
Bis er im nächsten Jahr – ich nehm’ es an
Von vorne anfängt dann
Und wieder werden alle maulen
Zu kalt, zu heiß, zu schwül, zu nass – was soll denn das!?
Es werden Blumen blühen, Wespen stechen
Männer ihre Gärten rechen
Frauen nichts unter kurzen Röcken tragen
Jemand am See `nen Fisch erschlagen
Jemand einen Kuchen backen
Ein Hund wird auf den Rasen kacken
Kinder werden im Brunnen toben
Manch einer wird das Wetter loben
Manch einer wird sehr reich mit Eis
Wer U-Bahn fährt, denkt, was für’n Scheiß
Denn bei 50 Grad im Wagen
Wird jedes Deo erneut versagen
Touristen werden kommen, auch wieder gehen
Manch einer den Park mit Müll versehen
Es wird gegrillt, gechillt und viel gelacht
Wer kann, schläft draußen in warmer Nacht
Es werden wieder Tränen fließen
Es wird wieder Herpes sprießen
Das kommt vom vielen Küssen
Von fremden Mündern und fremden Nüssen
Im Biergarten wird man wieder Bier verkaufen
Ich werde mich wieder damit besaufen
Und wie jedes Jahr dann denken – voll Heiterkeit
Ein Prost auf die Beständigkeit

Ein Schwarm von Und

Pösie für Lieb & Bösi

Ein Schwarm von Vögeln
Und am Boden klebt das Nass
Erinnerungen kreisen
Und Gedanken werden blass

Federn spuckt mein Mund
Und am Boden klebt es rot
Wasserfälle bauschen
Und ein Vogel fällt sich tot

Ein Schwarm von Fischen
Und am Boden klebt ein Wort
Nähe rückt sich fern
Und Stille sehnt sich dort

Seegras tanzt im Licht
Und am Boden kleben Noten
Angst beißt an sich selbst
Und schickt täglich einen Boten

Ein Schwarm von Staub
Und am Boden klebt der Wind
Ich stelle Fragen
Und im Herzen bin ich blind

Muttertag

Pösie für Lieb & Bösi

Gezeugt. Geboren. Geliebt.
Nichts ist vergleichbar mit dem, was eine Mutter gibt
Ich habe solches Glück, dass du die meine bist
Auch wenn ich manchmal angepisst
Von dir, von mir, von uns in unserem Kontrast
Weil wir uns so sehr gleichen
Weil wir so von einander weichen
Weil du bist, wie nur du sein kannst
Weil du alles für mich gibst, nie halb, nur ganz
Und ich bin so, so wie ich bin aus dir
Weil ich dich liebe – immer, jetzt und hier
In meiner Seele. Im Kopf. Im Herz.
Du bist mir Liebe, Freud und Schmerz
Gezeugt. Geboren. Immer geliebt.
Nichts ist vergleichbar mit dem, was meine Mutter mir gibt.

 

8 Sekunden – so ewig

Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweise

Im Kopf ein Meer aus Fragen
Die Perücken tragen
Sich in falschen Fummeln winden
Und keinen Ausgang finden
Stolpernd durch die graue Masse treiben
Ohne Sinn –
Bleiben

Im Auge trübschwarze Bilder tropfen
Den Puls zu Tode klopfen
Gierig an den Haaren zerren
Und Mutmaßungen plerren
Bis man beginnt, sich um sich selbst
Zu drehen –
Stehen. Bleiben

Die Hände hack ich ab mit bunten Quasten
Damit sie nicht nach Dummheit tasten
Und lächelnd zur Grimasse aufgetragen
Versteck ich all die Fragen
Für acht Sekunden nur
So kurz –
So ewig. Bleiben

Mundspei Ohrenbrei

Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweise

Stille. Mein größter Wunsch ist Stille. Stattdessen höre ich ungefiltert dieses Gurgeln, Hämmern, Jammern, Murmeln, Quäken, Zischeln, Trommeln, Blubbern, Dröhnen, Bimmeln, Sabbeln, Ächzen, Grunzen, Stöhnen, Röhren, Pfeifen, Kreischen, Niesen, Räuspern, Tribbeln, Ruscheln, Nörgeln, Knirschen, Schlürfen… Großraumanimals auf ihrer Pirsch. Der Tag verschlingt sich selbst und spuckt sich stündlich wieder aus.

Er quillt mir aus den Ohren, dieser Brei aus Lauten, klumpt auf meine Seidenbluse, krustet sich den Rücken entlang zum Steiß, bröckelt träge auf den Boden und bildet eine Lache aus getrocknetem Mundspei bis zum Knöchel. Bitte, ich trage Ledersohlen! Fünfundzwanzigeinhalb Stunden ununterbrochen Erbrochenes. Jeder Ton ein Hackebeil in meinem Kopf. Die Paukenhöhle am Zerbersten. Hammer auf Amboss, Hammer auf Amboss, Hammer auf Amboss. Stereozilien kurz vor der Entwurzelung durch monologische Penetration. Geplärrtes Nasalsputum. Verbales Malträtieren. Gehustete Vergewaltigung.

Sadistische Gedanken manifestieren sich, zucken epileptisch hinter meinen Augen. Ich streife doppelt gummierte Handschuhe in freundlichem Gelb über und reiße Zungen aus Kehlen, stopfe die halbtoten Lappen in die Schlaglöcher dieser Stadt und reite mit Winterbeschlag im Galopp darüber. Vierhufiges Zungenpiercing. Straßenschnitzel. Dann erhebe ich Maulmaut und ahnde jedes Missachten auf Gutdünken. Ein Dezibel zu viel kostet mindestens sieben Finger. Fingerhack als Maßeinheit.  Die Wurstindustrie wird es mir danken. Kinder, esst mehr Finger-Food!

Und plötzlich denke ich, ach, tropfe mir heißes Wachs in die geschändeten Ohren, schiebe mir ein Stück Sonne in den Hintern und grinse. Am Himmel scheint ein Honigkuchen gülden durch die Wolken und in meinen Nebenhöhlen blühen Lilien süßlich vor sich hin. Ach.

Der Tag verschlingt sich selbst
und spuckt sich stündlich wieder aus.
Am Morgen stinkt er grün,
am Abend sieht er wütend aus.
Nach Stunden, die im Rausch ersticken,
ziehen Würmer durch das Hirn.
Die Nacht wird diesen Tag verficken,
dem geifernd Mond biet ich die Stirn.

Ach.