„One Dollar. One Dollar.“
Vietnam & KambodschaKleine Pause am Ufer
Vietnam & KambodschaRush Hour
Vietnam & KambodschaGood Morning, Vietnam!
Vietnam & KambodschaTragend
SchottlandGerman Shepherd & Hahnentritt in UK
Schottland, Tierisch*grimmigguck*
TierischArmer Friedrich
Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweiseFriedrich war… was er war. Nicht mehr. Nicht weniger. Sein Horizont schien näher als die Flasche Korn auf seinem Beistelltisch. Im Sofabezug unter seinem Hintern klafften Löcher. An der Decke über ihm hing eine nackte Birne. Seinen Kopf zierte ein Kranz. In seiner Suppe schwammen Augen. Abend für Abend löffelte er, stippte Brot, nippte Korn. Zwischen dem Schlürfen und Pfurzen hörte man die Streitigkeiten der Nachbarn. Ein Kind schrie, ein Mann verfluchte jemanden, eine Frau kreischte, ein Tür knallte. Aus dem Fenster stürzte sich eine Fliege in den Hinterhof. Zivile Banalitäten. Öffentliche Kanalisation. Das Radio summte irgendein Lied.
Geboren und aufgewachsen in einer Kleinstadt zog es Friedrich schon früh in den Abgrund. Vater Säufer, dessen Schwester erst Vaterhure dann Hurensohns Mutter. Sein Bruder erst ein Unfall, dann ein Reinfall. Er selbst das Resultat dieses familiären Durcheinanders, das unter Strafe steht. In der Schule fand er keinen Halt, keine Freunde, keine Bildung. Gefallen fand er nur am Drogenrausch. Es war der einfache Weg. Sich hingeben. Sich ergeben. Sich aufgeben. Der steinigere Weg hätte Charakter vorausgesetzt, moralisches Gewissen, empathische Kompetenz. Und Mut. All das war nicht käuflich wie billiger Schnaps und schlechtes Heroin. Jede Nacht klatschte der Schlafmohn Beifall und am Himmel tanzten Augäpfel während Friedrich zu dem wurde, der er heute ist. Die Widrigkeiten des Lebens verformten ihn. Das arme Kind konnte nichts dafür, dass seine Eltern keine Helden waren, sein Bruder nie eine Chance hatte und ihm selbst nur Steine in den Weg gelegt wurden. Da hatte sein Bruder wahrlich mehr Glück. Der blieb von all dem verschont. Er landete noch vor seiner wirklichen Lebzeit in einer Toilette. Man könnte sagen, er schwamm rechtzeitig mit dem Strom. Friedrich war für das Klo schon zu groß als seine Mutter entschied, ihn in das Leben zu stoßen. Er kam mit dem Hintern nach vorn auf die Welt. Sein Arschloch war das Erste, was man von ihm sah. Der entbindende Arzt meinte, es läge wohl an dem wenigen Fruchtwasser, das seine Mutter in der Schwangerschaft gebildet hatte. Kirschlikör zu kippen hieße nicht zwangsläufig gute Fruchtwasserbildung. Als ihr der Arzt den frischen Friedrich auf die Brust legen wollte, dreht sich seine Mutter mit Abscheu zur Seite und weinte. Ihn zu stillen brachte sie nicht fertig. „Er hat ein böses Gesicht“, sagte sie, „ich will ihn nicht an meinem Körper haben.“ Das hatte Folgen. Als Halbwüchsiger stach Friedrich dem alten Nachbarshund zwei Bleistifte in die Augen. Auf die Frage seines Vaters, warum er das getan hatte, antwortete er: „Der hat mich nie angeschaut, da braucht der auch keine Augen.“
Der Hund starb kurz darauf. Friedrich bekam neue Bleistifte und ging in eine besondere Schule. Hunde und Menschen machten fortan einen weiten Bogen um ihn. An irgendeinem Morgen packte Friedrichs Vater ein paar Hemden in eine Tasche, sah in kurz an, schüttelte den Kopf, stieg in seinen alten Opel und fuhrt davon. Zwei Wochen später kam ein neuer Mann ins Haus und ging wieder. Es folgte ein Zweiter und Dritter, dann hörte Friedrich auf zu zählen. Einer fuhr mit dem Motorrad davon, einer mit dem Rad, einer lief recht flink in Badelatschen von dannen. Die Wohnungstür glich einer Hundeklappe. Jeder Streuner fand den Weg mühelos hinein und schnell wieder hinaus. Irgendwann verließ auch Friedrich das Haus seine Mutter, und zum ersten Mal seit vielen Jahren schlief sie eine Nacht lang ruhig durch. Es war still. Nur aus dem Radio säuselte leise …
… ein Lied. In diesem Moment musste Friedrich an seine Mutter denken.
Er schließt die Augen und rennt
Hinter den Lidern das Koma brennt
Flammende Pein
Nicht artig, nicht rein
Gebranntes Hirn – es stinkt
Schwelendes Elend, schlurft und hinkt
Er droht zu ersticken
Der Tod will ihn ficken
Zerrt am Gedärm
Im Kopf tobt Lärm
Winden
Krümmen
Wimmern
Der Tod wischt sich den Mund
Wäscht sich die Hände und …
… draußen bellt ein Hund
Up in den Pub
augenscheinlichNebelfluss
Made in ChinaGehirn aus Cashmere
Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweiseIn meinem Gehirn aus Cashmere
Schleichen Krallen
Aus meinen Augen lass ich nach und nach
Die faulen Äpfel fallen
Durch meine Hände rinnen deine Ängste
Und werden Seen mit schwarzen Karpfen drin
Nur manchmal noch, in meinen Träumen
Aus dünn gesponnenen Ideen
Da stiehlt das Raubtier sich davon und ich…
… ich werfe meine Angeln in die Seen
Am Grund seh’ ich dich fliehen dann, auf Silberkugeln
Jetzt wach ich auf und atme Goldstaub aus – als leisen Husten
Einfach nur schön
Horse - of course!Nichts Meer
schreibchenweiseWas tust du da?
Ich schaue aufs Meer.
Und was siehst du?
Nichts.
Warum starrst du dann hin, wenn da nichts ist?
Ich sagte nicht, da wäre nichts. Ich sagte, ich sehe nichts.
Das ist doch das Selbe.
Nein. Nichts sehen heißt nicht, da ist nichts.
Und was ist da, wenn da nichts ist?
Das kann ich dir nicht sagen, ich sehe es ja nicht.
Teatime
SchottlandScottish daybreak
SchottlandBridge over troubled water
SchottlandVery old
SchottlandVery Highland
SchottlandVery Scottish
SchottlandAt the Doctors
SchottlandDie Anemone
Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweiseEs war einmal ne Anemone
Die ging gern baden – oben ohne
Doch das Bad in der Menge
Und all das Gedränge
Waren ihr zuwider
Dieses Körper-an-Körper, das Auf-und-Nieder
Zu viele Arme, zu viele Beine
Sind’s die eigenen oder sind es seine
Ein Durcheinander, tausend und ein Tentakel
Mancher ganz blass, mancher voll Makel
Dazwischen Fische, Schnecken, Krebsgetier
Um Ufer grast ein Wasserstier
Zu viel! Die Anemone sehnt sich nach Leere…
„Ach wenn ich doch nur allein wäre“
… und macht sich auf in vollem Lauf
Verlässt die Gruppe, der ist das Schnuppe
„Soll se doch gehen, die eitle Puppe“
Des Meeres Busen wogt und rauscht
Mit Wellen zu Türmen aufgebauscht
Am Himmel ein hungriger Vogel kreist
Ins Wasser scheißt
Hernieder fällt mit spitzem Schnabel
Piekt und sticht, als wär’s ne Gabel
Greift sich flink das Blumentier
Schluckt es im Stück und voller Gier
Am Meeresboden – Leere
Ach wenn sie doch nur geblieben wäre
Ei Wei Wei – Ostern ist vorbei
augenscheinlichSagen Sie jetzt alles
schreibchenweiseWir kennen sie auf der Bühne als die tanzende Reinkarnation des WhiteBerry Knut und die Älteren unter uns aus dem TV auch in der Rolle der Frau Verpoorten in dem fantastischen Viereinhalbteiler „Ein Ei ist, wenn es singen kann“. Jetzt hat sie ihren ersten Roman auf den Buchmarkt geworfen. In unserer Reihe „Sagen Sie jetzt alles“ treffen wir auf die begnadete Autorin, Zurschaustellerin und Philosophin Griselle van Hell. Das ist Ihr erstes Buch in Schriftform – wie fühlt sich das an, es endlich in den Händen zu halten?
Gestreift.
Wie genau meinen Sie das?
Nun, betrachten Sie Streifen, ihre divergente Homogenität. Streifen sind das Maß aller Dinge. Sie bringen uns an den Rand. Sie zeigen uns ihre inneren und gleichzeitig unsere äußeren Grenzen. Die konterkarieren in ihrer Querform das Horizontale und mahnen zur Disziplin. Streifen sind die Quelle und das Quälende. Ich bin Streifen.
Verstehe. Und was genau hat Sie zu dieser unglaublichen Geschichte inspiriert?
Streifen.
Wie genau meinen Sie das?
Alles begann mit einem Traum. Ich trug diese Strümpfe, schwarz-weiße Ringel bis übers Knie. Die Beine mit Streifen statt Schleifen in den Himmel gereckt, lag ich auf einer Wiese und kaute Tabak oder Nelken. So genau weiß ich das nicht mehr. Jedenfalls über mir in einem Baum sang ein blauer Kiwi die schönsten Arien und schiss unentwegt Nougatcreme auf meine Stirn. Genau in diesem Moment erwachte ich und die Story war geboren.
Verstehe. Und was hat es mit dem Titel „Honig klebt nur, wenn er kleckert“ auf sich?
Was nur wenige Menschen von mir wussten – ich hatte bis vor kurzem eine Bretzel im Hirn. Eine angeborene und sehr schmerzhafte Geschichte. In einer komplizierten Operation schaffte Professor Doktor Kamps das schier Unmögliche und schnitt mir dieses Wuchergebäck aus meinem Kopf. Den Hohlraum goss er mit dem Honig der sehr seltenen und leider vom Aussterben bedrohten ungarischen Schlürfbiene aus. Bei der neurologisch-notorischen Nachuntersuchung dann stellte sich heraus, dass sich beim Kristallisieren des Honigs in meinem Kopf kleine Vakuumblasen gebildet hatten, die wiederum einen solch starken Unterdruck erzeugten und meine Augen aus den Höhlen treten ließen, ähnlich wie bei einem Daumen-Chamäleon. Als ich nach hause kam, erkannte mich meine eigene Mutter nicht, erschrak und stolperte rücklings in mein Verderben. Da dachte ich laut in mich hinein: Honig klebt nur, wenn er kleckert.
Verstehe. Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Welche Projekte stehen als nächstes an?
Ich möchte endlich ein Buch schreiben. Ich denke, das hab ich mir verdient.
Ähm…
Es folgt ein fröhlicher Jingle und eine kurze Werbeunterbrechung.
Der Lauf der Dinge
Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweiseEine Frau sortiert ihr Leben
Nicht im Kopf, in ihrer Tasche eben
Eine cremt die rauen Hände
Ihr Kind leckt Wände
Ein Hund muss pissen
Ich seh’s ihm an und will’s nicht wissen
Zwei Mädels sind am Schminken
Gegenüber, die Männer stinken
Um Sitze wird gestritten
Eine Frau zeigt ihre Titten
Ein Mann wird laut „Was will die Braut?“
Ein anderer lacht
Kommt aus der Nacht
Geht in den Tag mit seinem Kater
Gesicht ganz blass, ganz roh, ganz Krater
Die U-Bahn hält
Der Hund, der bellt
Das Kind will raus, die Mutter nicht
Kind zieht Schnute, Mutter spricht
Zu laut, zu grob, zu unsensibel
Ich schaue raus, seh Häusergiebel
Fenster, Bäume und Balkone
Ein Mann, der raucht – mit oben ohne
Auf einem hängt Wäsche, nicht schön, nur nass
Neben mir der Mann wird blass
Torkelt, kippt, fällt auf den Boden
Aus seiner Hose quillt ein Hoden
Ich dreh mich um, will weg, muss raus
Ziehe meine Schuhe aus
Hüpfe singend durch die Bahn
Die Augen weit vom U-Bahn-Wahn
Im Ohr ein Klingen, schrill und fein
Jetzt hüpfe ich auf einem Bein
Man macht mir Platz, man lässt mich ziehen
Ich kann dem Wahnsinn hier entfliehen
Breite meine Flügel aus und springe…
… um morgen wieder hier zu sein – das ist der Lauf der Dinge
















































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