Im Rausch

Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweise

„Was willst du hier?“ Sie schaut zu ihm hoch, blinzelt gegen die Sonne.

„Ich will lieben.“ Antwortet er.

„Und was willst du dann von mir?“

Er zuckt nur die Schultern und lehnt sich gegen den Baum. In seinem Rücken zerfällt eine Stadt mit all ihren Strömungen. Es stinkt ein wenig von ihr herüber. Genug, um angewidert zu sein, zu wenig, um sich zu erbrechen. Im Baum sitzt kein Vogel, der kein Lied singt. Da scheißt nur eine Krähe die halbverdaute Rattenbrut wieder aus. Ein schwarzgraues Neozoon in einem halbgrünen Apfelbaum. In seinen Träumen trug er Blüten, der Baum. In ihren Träumen trug er Narben und der Baum schob seine Wurzeln in den Himmel. In der Stadt weint eine Ratte um ihre Jungen. Träumen Ratten?

„Ich werde dich erschießen.“ Lächelt sie ihn an.

„Wird das wehtun?“ Er setzt sich neben sie, stochert im Krähenkot, unterdrückt das Flackern in seinem Kopf.

„Nicht mehr, als der Verlust von Schamgefühl.“

Manchmal versteht er sie nicht. Das berauscht ihn, auch wenn es ungesund schmeckt. Heute kaut er nicht, er verschlingt sie einfach. Der Nachgeschmack kommt später, er wird süßlich sein. Wird sich über seine Zunge ergießen und die Stadt überschwemmen. Die Ratten werden quieken und sich verflüchtigen. In Panik werden sie sich wünschen, auf Krähen zu reiten. Unter dem Baum welkt der Frühling und der Sommer vergeht sich.

Er ist im Rausch, nicht mehr bei Sinnen
Sein Außen schält sich hart nach innen
Sein Kern zerflossen
Schuppt sich davon
Das Hirn erschossen
Weiß nicht, wovon

Sie hält den Colt, verfehlt nur selten
In ihm zerbrechen tausend Welten
Sein Kopf am Pfahl
Sein Herz am Galgen
Die Augen kahl
Die Brust voll Algen

Jetzt frisst der Boden seine Füße
Stößt sauer auf, kotzt bittre Süße
Sie spuckt nur Tränen
Er blutet aus
Dann muss sie gähnen
Und geht nachhaus

Ich hätte es mögen können

schreibchenweise

Das Einlegen oder Einwecken ist eine gängige Methode, Dinge zu konservieren. Zwei Augen im Glas halten so deutlich länger. Blicklegen. Augenwecken.

Und dann füllte ich dich aus, stopfte trockenes Stroh in deinen holen Bauch, auf dem ich einst wie auf einem Kissen ruhte, ließ stumpfe Nägel in deinen krummen Rücken tropfen, damit er stark und gerade ging und schippte Erbsen in deinen Kopf, der einst so schöne Locken trug. Jetzt klappert er. Das ist Musik. Ich hätte es mögen können, wenn man für mich singt…

Am Horizont versinkt ein Glühen. Gelbes Licht macht schöne Haut. Vom Glas auf meinem Tisch wirfst du mir Blicke zu. Zwei Äpfelchen in Spiritus, eins Blau mit schleichender Trübsinnigkeit von den Rändern zur Pupille, eins Grün. Das blüht noch. Mir scheint, du blinzelst. Ich denke, ich hätte es mögen können, wenn man mir zuzwinkert.

Vor einer Woche, oder zwei, da standst du nackt in meinem Leben. Ich fand, du solltest dich bekleiden. Du meintest, das wäre Diebstahl. Also hast du dich bemalt, mit deinen rohen Fingern. Wie albern. Wie schmucklos. Wie halbherzig. Farbenblind und untaktil – Lebendigkeit sieht anders aus. Dabei hätte ich es mögen können, wenn man mich berührt.

Am nächsten Tag hast du so verdammt viele Fragen in mich hineingebrüllt, dein Echo musste ich erbrechen, sonst hätte es mich zerfetzt. Der saure Widerhall im Innern Ich ist unerträglich und schmeckt mir nicht. Ich hab’s versucht. Sogar ein Sößchen nippte ich hinzu und teuren Wein. Vergebens, deine Bitternis klebt noch immer ungenießbar an der Zunge. Vielleicht hätte ich es mögen können, das zu genießen, mit einer Prise Heiterkeit.

Was mach ich nur mit deinen Briefen, die jetzt so schwülstig stinken? Wellige Papiere mit belangloser Tinte beschmiert. Sie verblassen und modern vor sich hin, ziehen Ungeziefer an. Das macht sich breit in meinem Bett und nagt an meinen Lippen. Deine Halbwertszeit ist abgelaufen, meine muss ich neu berechnen. Wahrscheinlich hätte ich es mögen können, dass jemand eine Ziffer in meiner Gleichung ist.

Die Sonne ist Vergangenheit – für dich. Mir scheint der Mond, der ist mir lieber. In ihm spiegelt sich die Eitelkeit so schön. In dieser Nacht verscharre ich die letzten Reste deiner Rührseligkeit im Garten. Irgendeine Katze wird morgen ihre Notdurft darauf verrichten. Nur deine Augen im Glas, die werde ich behalten. Ich mag sie.

Gerade ins Gesicht

schreibchenweise

Das Klingelschild trägt einen neuen Namen und endlich ist es wieder friedlich hier in diesem ordentlichen Haus.

Auf der Pupille blutet Angst. Über dem Auge klafft sich ihr Inneres nach außen. In ihrem Mund stirbt eine Bitte. Und durch seine Fäuste pulsiert Hass. Die Liebe hat er zu Boden gestreckt, sie ging K.o. noch vor der zwölften Runde.

Ein Uniformierter nimmt sich ihrer an, macht Häkchen in Kästchen, nickt, notiert zahnlose Worte. „Ich denke so oft um die Ecke, dass ich eine einfach Gerade nicht erkenne, selbst wenn sie mir direkt ins Gesicht gestreckt wird.“

Obwohl er sich an alle Regeln hielt – erlaubt sind nur Schläge mit geschlossener Faust, auf die Vorderseite des Kopfes, des Halses, des gesamten Korpus bis zur imaginären Gürtellinie am Bauchnabel oder auf die Arme, Schläge unter der Gürtellinie führen zu Punktabzug* – hatte sie ihn disqualifiziert. Und er war zornig.

„Fick dich doch, du Miststück!“ Eine Liebeserklärung klingt anders. Dennoch wird sie bleiben, weil sie hofft. Worauf? Ich weiß es nicht, ich habe nie gefragt, sah nur ihr Gesicht im Hausflur. Schatten um die Augen – Lidschatten. Tiefes Rot auf ihrem Jochbein – Wangenrouge. Tränen aus Staub – Kajal.

Der Ring steht jetzt an einem anderen Ort. Dort wird es Schaulustige und heimliche Zuhörer geben. Wetten werden platziert. Man wird ihr im Hausflur begegnen und sich über ihr Make-Up wundern – von allem ein wenig zu viel. Und man wird schweigen, wie so oft.

*Quelle: Wikipedia