Im Hier und Jetzt

Pösie für Lieb & Bösi

Ein Tag zieht seine Fäden und spinnt sich zu Sekunden klein
Ich schaue in den Himmel, da leuchtet es mir ein:
Oben ist oben, darunter ist unten, dazwischen klebt die Zeit
Und während ich sinniere – über das Hier und Jetzt, das Weit und Breit –
Scheißt der Hund die Wand an, einfach so, weil er es kann

Und weil er muss

Es riecht ein wenig, mir wird übel, doch bin ich wohl genug erzogen
Um – statt mich zu erbrechen in hohem, buntem Bogen –
Fein säuberlich gefilterte Gedanken auszuurinieren
Nicht stehend, sondern auf allen meinen Vieren
Angepisst vom Hier und Jetzt, vom Weit und Breit – bekläfft sich selbst der Hund

Ganz Tier

Fremdgesteuert, ferngewartet, das Kind in mir trägt bunte Socken
So bleiben meine Füße warm, das Wasserhirn bleibt trocken
Unten ist unten, darüber ist oben, dazwischen klebt die Zeit
Derweil zerreißt der Tag, zerstreut sich hier und jetzt, weit und breit
Ich pack den Köter bei seinen Pranken, lass ihm das Fell, klau nur Gedanken

Einfach so, weil ich es kann

Ich denke wuff, ich hechle mich frei
Bin halb kastriert, hab noch ein Ei
Das lässt mich breitbeinig durch Straßen streifen
Nach Mietzen hecheln und Pussis pfeifen
Gefällt mir, dieses Hier und Jetzt, das Weit und Breit – ich gönn mir diese Eitelkeit

Tausend Tropfen

Pösie für Lieb & Bösi

Mein Kopf, ein Loch
Und doch sind tausend Worte drin
Ich will sie fangen, will sie kleiden
In Wortgewänder, die mit zartem Stich
Und feiner Nadel sich
Einweben ins Papier, das mir
Im Hier und Jetzt als Zeuge bleibt
Derweil die Zeit verrinnt
Und sich entspinnt in Fäden aus
Vergessenheit, ein Traum verpuppter Eitelkeit
Bereit, sich übermorgen zu entkleiden
Um nackt mit rohen Eingeweiden
In meinem Kopf ein Bad zu nehmen

Mein Kopf, ein Loch
Und doch sind tausend Tropfen drin

 

– Welttag der Poesie –

Die Eitelkeit in dir

Pösie für Lieb & Bösi

Die Eitelkeit in dir ist ein verliebtes Tier,
Das gierig an sich selbst verdaut, spuckt, schluckt und widerkaut,
Sich sonnt in öligen Gedankenlachen

Wie ein Dämon in dir tobt dieses verwundete Tier,
Das ausläuft und brandet wie Gischt, seine Spuren nur halb verwischt,
Sich lautstark erbricht in deinem Hirn

Fast täglich suchst du nach einem neuen Zwirn
Um dich zu flicken und dann den Dämon in den Arsch zu ficken,
Derweil das Tier nur steht – und wartet – mächtig aufgebläht

Mal breit grinsend, oft mitleidig winselnd
Ein plumper Verführer, ein Sucher, ein Spürer
Du wirfst verzweifelt Fallen aus und verfällst doch nur aus dir selbst heraus

Du rennst, drehst dich nackt im Kreis und brennst
Stehst neben dir, neben diesem Tier, siehst im Spiegel dieses WIR
Und empfindest – nichts, nicht mal Leere

Bist weder starr noch angetrieben,
Auf der Suche nach dir selbst, wo bist du abgeblieben?

Nach Atem ringen

Pösie für Lieb & Bösi

An manchen Tagen
Geht die Sonne halbherzig auf und
Der Wind klingt wie ein
Digitales Rauschen

Gedanken bauschen

Am Himmel fiedeln
Arschgeigen in falschen Tönen,
Nur kann ich die Noten nicht lesen,
Weil mir die Augen schwimmen

Ängste glimmen

Das Exil im Kopf
Katert munter vor sich hin…
Hätte ich schönere Beine, ich würde
Kleider tragen und im Kopfstand pinkeln

Geraden winkeln

Bücher füllen sich
Mit Blindtext und Metaphern,
Acht Seiten weiter kleben Bilder,
Die wie Regenbogen klingen

Nach Atem ringen

Häuser fallen aus sich heraus,
Nur deren Wände bleiben stehen –
Will den Kopf daran zerschlagen,
Nicht meinen, der ist schon abgegriffen

Zerschollen an Riffen

Heute ist das Gestern
Von morgen und die Tage stolpern
Über sich selbst –
Jeder singt für sich im Stillen

Stumme Chöre wider Willen

Ein vegetarisches Kinderlied

augenscheinlich, Pösie für Lieb & Bösi

Linsensuppe, Linsensuppe, ess’ den Teller leer mein Kind.
Linsensuppe, Linsensuppe, und dann geh’ und hüt’ das Rind.

Wenn das Rind dann groß und fett, bring es zu des Metzgers Haus,
Messer, Messer, scharf geschliffen, reißen ihm die Därme raus.
Ab den Kopf, zerhackt die Beine, das Blut in einem Topf gefangen,
Hirn gebraten, Schwanz gekocht, die Schinken trocken abgehangen.

Linsensuppe, Linsensuppe, ess’ den Teller leer mein Kind.
Linsensuppe, Linsensuppe, und dann geh’ und hüt’ das Rind.

Das Rind ist tot, der Teller leer, der Tag neigt sich dem Ende zu.
Der Metzger raucht, wischt sich die Hände und legt sich erschöpft zur Ruh.
Des Metzgers Weib hebt seine Röcke, setzt sich auf des Nachbars Sohn,
Stöhnt und schreit und windet sich, lacht und quietscht – der blanke Hohn.

Linsensuppe, Linsensuppe, ess’ den Teller leer mein Kind.
Linsensuppe, Linsensuppe, und dann geh’ und hüt’ das Rind.

Der Metzger aus dem Schlaf gerissen, lauscht dem Treiben in der Nacht,
Wetzt die Messer scharf und schärfer, fühlt sich um die Ehr gebracht.
Er stürzt sich auf sein Weib nebst Nachbar, lässt die Klinge munter springen,
Am Morgen dann gibt’s frisches Fleisch und man hört den Metzger singen:

Linsensuppe, Linsensuppe, ess’ den Teller leer mein Kind.
Linsensuppe, Linsensuppe, und dann geh’ und hüt’ das Rind.

Metzgers Messer