Autor: Tana Hell
Blicke
Made in ChinaGesicht ohne Namen
Made in ChinaAm Abend
Made in ChinaIm Gebet
Made in ChinaIm Rauch
Made in ChinaAn der Ecke
Made in ChinaPediküre
Made in ChinaAm gelben Fluss
Made in ChinaGrünes China
Made in ChinaShanghai-Cowboys, Basecap & Burberry
Made in ChinaLittle China (4)
augenscheinlich, Made in ChinaDer Meister
augenscheinlich, Made in ChinaWomen of China
augenscheinlich, Made in ChinaShanghai-Bräute (3)
augenscheinlich, Made in ChinaShanghai-Bräute (2)
augenscheinlich, Made in ChinaShanghai-Bräute (1)
augenscheinlich, Made in ChinaKopfschmuck
Made in ChinaMaos Erben
augenscheinlich, Made in ChinaKulinarische Vielfalt
augenscheinlich, Made in ChinaLittle China (3)
augenscheinlich, Made in ChinaGanz klein – ganz groß
augenscheinlich, Made in ChinaLittle China (2)
augenscheinlich, Made in ChinaAir China
augenscheinlich, Made in ChinaLittle China (1)
augenscheinlich, Made in ChinaGesichter der Weisheit
augenscheinlich, Made in ChinaDie Männer vom Yangtze-Fluss
augenscheinlich, Made in ChinaMade in China
augenscheinlich, Made in ChinaChina – ein Land der Gegensätze, ein Land, das beeindruckt in seiner Größe, seiner Schönheit und seiner Vielfalt. Von Shanghai nach Yichang, den Yangtze-Fluss entlang bis Chongqing, von dort nach Xi’an und weiter nach Beijing – 3500 Kilometer zwischen Tradition und Moderne, zwischen Einsamkeit und Masse, zwischen Farbenpracht und Dunst…
Welche Farbe hat Bedeutsamkeit?
schreibchenweiseSchließ deine Augen und versuche, in Farben zu denken. Nicht in Formen, nicht in Worten, nicht in Assoziationen oder Emotionen. Denk in Farben.
Die Leinwand schweigt weiß, schreit nach Aufmerksamkeit, nach Acryl, nach Öl, nach Kolorit und Verwandlung. Im Raum ist es kühl, still, staubtaub. Ich schließe die Augen, es riecht hellgrau mit einem Hauch von Blau.
„Was für ein Blau?“, will er wissen. Ich muss nachdenken.
„Ein dunkles, durchsichtiges Blau, ein Blau, das in seiner Kraft Verletzlichkeit ausstrahlt.“
Er nickt und schraubt den Choke an seine Vorderschaftrepetierflinte. War das die richtige oder die falsche Antwort? Wahrscheinlich spielt es keine Rolle. Und nur, um meinem herumstreunenden Verdacht ein Zuhause zu geben, frage ich etwas lauter als stumm.
„Werde ich sterben?“
Wieder nickt er, schweigend. Sein Schweigen ist gelblich. Ein kratziges Gelb, ein blasses Gelb, das wässerlich-trüb an sich selbst zu ersticken scheint. Ein hustendes, zerfressenes Gelb, ein unruhiges, das sich in kaum merklichen Nuancen verliert.
„Wie?“
„Kunstvoll. Du wirst großartig aussehen.“
Ich starre auf die Leinwand, versuche mich an ihrer Leere festzuhalten. Ich denke an meine Mutter, sehe ihr farbloses Gesicht, wenn ein Beamter, dem man mit seinem Dienstantritt die Empathie aus den Venen gesogen hatte, beim Öffnen der Tür pflichtbewusst und ordnungsgemäß erst seinen Namen, seinen Rang und dann meinen gewaltsam herbeigeführten Tod durch einen vermutlich verrückten aber durchaus begabten Unbekannten verkündet. Mein Blick wandert zu den Farben, die in einer sich mir nicht erschließenden Ordnung auf dem Boden stehen, Topf an Topf, so als würden sie sich aneinander klammern um nicht umzukippen. Ich suche das Blau, mein Blau. Ich finde es nicht und meine Gedanken streunen auf den Grund eines Meeres. In meinem Kopf rauscht es. Nicht dieses perlmuttfarbene Muschelrauschen, das einem die eigenen Ohrgeräusche vorgaukelt. Mein Rauschen ist feindseliger, wie grellbunte Nadelköpfe auf grauem Schiefer. Mein Rauschen ist verletzend, zerstörend. Mein Rauschen verschluckt mich, um mich zu metamorphisieren und gewaltsam wieder auszuspucken. Mein Rauschen ist nicht Blau, es ist…
„Stell dich vor die Leinwand, ich will sehen, wie der Streuwinkel ist.“
„Hast du schon viele Bilder auf diese Art gemacht?“
Nicken. Blicke. Gedankliche Berechnungen. Er kneift die Augen zusammen, taxiert mich, schiebt mich mal ein Stück weiter nach links, mal etwas mehr nach rechts. Seine Hände sind warm und schön. Seine Haut trägt Spuren, farbige und narbige. Habe ich Angst? Welche Farbe hat Angst? Welche Farbe hat meine Angst? Ich schaue wieder auf die Töpfe. Jetzt erst sehe ich den anderen Behälter. Er steht etwas abseits, außerhalb der Reihe. Er steht allein.
„Was ist das?“
„Du weißt, was das ist.“
Ja, ich weiß, was das ist. Schrotpatronen, gefüllt mit Farbkugeln. Sie werden meinen Körper zerfetzen, platzen und sich zusammen mit meinem Blut, meinen Eingeweiden und meiner Seele in das Weiß der Leinwand fressen. Die Leinwand wird mich trinken, aufsaugen, einatmen, verschlucken. Ich werde Leinwand sein.
„Was passiert danach mit meinem Körper?“
„Was ist schon ein Körper? Nur eine Hülle, eine übergestreifte Eitelkeit. Ich befreie dich davon. Du wirst farbige Ewigkeit, du wirst pigmentierte Zeitlosigkeit. Ich schenke dir etwas, das dich besser ziert als dieser Körper es kann. Ich schenke dir polychrome Bedeutsamkeit.“
Welche Farbe hat Bedeutsamkeit? Ich weiß es nicht. Sag du es mir, schau auf die Leinwand.
Warum alte Männer lieber Beige als Pink tragen
schreibchenweiseund warum es nicht immer zu ihrem Vorteil ist.
Horst war gesättigt. Nein, Horst war satt. Es stieß ihm übel auf, schon seit geraumer Zeit. Er mochte nicht mehr. Alles wurde ihm zu bunt. Eines morgens saß er mit blankem und sehr blassem Hintern auf seinem sehr gemusterten Sofa und stellte fest: Die Farbe der Polster passte nicht zu seiner Haut. Überdrüssig des aufdringlichen Sofas, überdrüssig seiner stets gut gelaunten Frau, überdrüssig seiner zu engen Hosen und zu bunten Hemden, überdrüssig, täglich das schüttere Haar in Form zu gelen und dennoch kahl auszusehen, beschloss er, sich aufzulösen.
Als Horst noch ein fescher Jüngling war, mit prächtigem Haarkleid auf Kopf und Brust, da lag ihm die Welt zu Füßen und mit ihr die Frauen – wie Gitte. Gitte war ein junges, züchtiges Ding, das er bei Eis mit bunten Streuseln schnell davon überzeugte, ihren geblümten Schlüpfer zu lupfen, damit er in ihr seine Fingerfertigkeit verbessern konnte. Neuerdings nahm Horst zweimal wöchentlich Klavierstunden, wusste er doch, wie leicht junge Mädchen ihre guten Vorsätze bei einem Musiker vergaßen. Bei Eis und Horsts talentiertem Fingerspiel vergaß auch Gitte die Mahnungen ihres Vater und ihre Augen leuchteten Horst in ihrem schönsten Blau entgegen, das Eis landete in milchig-bunten Speichelfäden auf ihrer rosa-gepunkteten Bluse und aus ihrem Erdbeermund enfleuchte ein dezent gehauchtes „Mmmmmh“. Der Frühling konnte so schön sein.
Zwei Wochen später war Gitte passé und Rita zog Horsts Aufmerksamkeit auf sich. Sie hatte einen üppigeren Busen als Gitte, dafür weniger strenge Blusen und so ungezogenes rotes Haar. Noch ungezogener allerdings waren Ritas Sommersprossen, die sie nicht nur im Gesicht trug. Die nächsten Wochen vergrub Horst regelmäßig sein Kinn zwischen Ritas gepunkteten Schenkeln um zu erkunden, wie viele Sprossen so ein Sommer hervorbringen konnte, bis Rita eines Abends heulend vor seiner Tür stand und behauptete, schwanger zu sein. Horst klärte Rita auf, dass eine Schwangerschaft in ihrem Alter keine gute Idee wäre und nur zu Unannehmlichkeiten mit dem Vater und der Gesellschaft führen würde, woraufhin Rita schnell ihre Tränen trocknete und sich fortan nur noch ihrem Pferd widmete. Vier Tage nach dem tränenreichen Gespräch bekam sie ihre Periode.
Der Sommer wurde etwas kühler, da trat Monika in Horsts Leben. Sie war rundlich, trug karierte Strümpfe und hatte dieses freundliche Lächeln auf ihren rosigen Bäckchen. Mit Monika ging Horst regelmäßig ins Kino. In der Dunkelheit des Saals und der samtigen Fürsorge bequemer Kinosessel drückte er Monikas Kraushaarkopf mit den rosigen Bäckchen immer und immer wieder in seine Lendengegend. Zunächst drohte sie dort zu ersticken, doch nach einer präzisen Einweisung in verschiedene Atemtechniken wusste Monika in etwa, was ihre Aufgabe war und wie sie diese unbeschadet überleben würde. Später im Chor sollte ihr das einen immensen Vorteil gegenüber den Mitsängerinnen verschaffen, ebenso beim Chorleiter. Dass sie nie einen der Filme vollständig sah, versüßte Horst ihr im Anschluss jedes Mal mit einem besonders großen Milchshake. Monika liebte Milchshakes. Anfang Herbst krustete dann ein unschöner und kaum mehr zu versteckender Herpes an Monikas Milchshakelippen und Horst befand, das Kinoangebot sei nun nicht mehr ganz so reizvoll.
Zum Winter wurde es ruhiger und Horst entdeckte seine Leidenschaft für die Pornografie in den eigenen vier Wänden. Nun hießen die Mädchen nicht mehr Gitte oder Rita oder Monika und sie trugen auch keine bunten Flanellkleider oder wild geblümten Baumwollschlüpfer. Bis zum Frühling genoss Horst die nacktfarbene Zweisamkeit mal mit Sunny, mal mit Bunny, mal mit Trudi oder Rosa oder Vicky, oder Vicky und Gina und verließ sein Heim nur, um das Nötigste zu erledigen. Leider gehörte dann irgendwann auch das regelmäßige Geldverdienen dazu, dies tat er fortan bei der Badischen Anilin- und Soda-Fabrik. Horst machte dort unter der Woche in Farben und am Wochenende daheim weiterhin in ungeblümter Handarbeit. Dann, zwischen Labor, Schreibtisch und Kantine, lernte er die flotte Sibylle kennen, eine der Sekretärinnen-Schülerin im ersten Ausbildungsjahr. Sibylle und Horst verband zunächst nicht viel, bis auf die ein oder andere gemeinsame Zigarettenpause. Etwa nach einem halben Jahr wagte Sibylle den nächsten Schritt und bat Horst sehr bestimmt um ein Abendessen, bei dem sie ihm ihre vortrefflichen Kochkünste vorführen wollte. Horst willigte ein und genoss sichtlich beeindruckt Rollbraten mit Schmorkraut, dazu einen vortrefflichen Rotwein sowie einen Pudding im Nachgang, der ihn ein wenig an Monikas Bauch erinnerte. Und während Horst sich im Badezimmer die letzten Speisereste aus den Zähnen pulte, dabei an Monika dachte und sich nach Bunny sehnte, schmiedete Sibylle bereits Hochzeitspläne und suchte gedanklich schon nach den passenden Tapeten fürs gemeinsame Heim. Geblümt würden sie werden, geblümt und farbenfroh, mit viel Rot, viel Orange, noch mehr Gelb und besonders viel Grün. Auf dem Sofa vor der Tapete würden unzählige Kissen schmusen, die ebenso wie die Tapeten ihre Frohheit in all ihrer Farbigkeit und Fülle ausdrücken sollten.
Horst hatte Blähungen. Sibylles Kraut bekam ihm nicht. Es rumorte arg in seinen Eingeweiden, sodass er beschloss, den Abend vorzeitig zu beenden. Er verabschiedete sich mit einem zarten Wangenkuss von einer sichtlich enttäuschten, nach Veilchen und Bratensoße duftenden Sibylle und zog allein in die Schlichtkeit der Nacht. Er war ein wenig müde und drei Monate später war Hochzeit. Eine bewegte Braut in einem üppigen Kleid, ein höflich bemühter Bräutigam und eine noch üppigere Torte, die vier Stockwerke hoch die Hecke der Nachbarn überragte, besiegelten Horsts farbenfrohe Zukunft, die bis heute keine wesentlichen Höhepunkte oder Farbveränderungen vorzuweisen hatte. Bis heute.
Horst erhob seinen blassen Hintern von seinem bunten Sofa, ging ins Schlafzimmer, öffnete den Kleiderschrank mit all den bunten Hemden, die Sibylle im ausgesucht hatte, weil sie meinte, sie würden ihn jünger und frischer aussehen lassen, schob diese beiseite und griff zu einer alten aber kaum getragenen, beigefarbenen Hemd-Hosen-Kombination. Fast feierlich stieg er in die Hose und knöpfte das Hemd zu. Das Pastell seiner Haut ging nahtfrei in das sandige Creme seiner Bekleidung über. Ein dezenter Gürtel, der in etwa die Nuance eines jungen Mopses hatte, rundete das Ensemble ab. Zum Abschluss schlüpfe Horst in ein paar elfenbeinfarbene Socken und zusammen mit diesen in hellbraune Slipper. Zufrieden betrachtete er sich im Spiegel und stellte fest: Er war unsichtbar.
Mit einem leisen Lächeln auf den alten Lippen trat Horst vor die Tür und schaute die Straße hinunter in den Sonnenuntergang. Er fühlte sich unendlich frei und leicht und so unfassbar beige. Auch den Lastwagen fühlte er, aber erst Sekunden später. Und während Sibylle auf dem Markt nach Schnittblumen fragte, hörte Horst auf zu röcheln und die verschiedensten Rottöne bildeten wunderschöne Kontraste auf seinem Hemd. Sibylle hätte es gefallen.




















































