Eine Krise wie diese

Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweise

Eine Krise wie diese hat das Land bisher noch nicht gekannt. So heißt es. Papier ist für den Arsch und wird in seiner Knappheit hoch gehandelt. Wertpapier. Anlage. Rollenspiel. Wir Menschen stehen Schlange, lange und mit Abstand. Der Einweg-Fehdehandschuh schlägt uns täglich ins Gesicht. Man spricht: Gib her! Und nimmt meist mehr als man verträgt. Gerangel. Geschubse. Drohgebärden in den Herden von handbeschuhten Maskenträgern. Verzicht ist unser täglich Brot in dieser Not. Doch Verzicht ist nicht die Tugend, die uns großgezogen. Verlogen manche Fakten. Gebogen manch Gesetz. Die Nudel wird zur großen Liebe, für alle, auch für Ladendiebe. Plötzlich ist es wichtig, dass in China der Sack Reis umfiel und im großen Stil die Welt befällt. Viren marschieren über Grenzen und vernetzen uns global, lokal, oral und manchem ist auch das egal – weil er zu jung, zu gut, zu reich, zu eitel bis zum Scheitel. Madonna badet sich in Milch und Rosen, Sophia räkelt ohne Hosen sich am Pool des Mannes. Ja, sie kann es. Quarantäne ist, was du draus machst. Wer kann, der kann, wer nicht – der bricht. Der Laden um die Ecke bleibt für immer zu. Er wird’s nicht schaffen. Löcher klaffen. Der Umsatz fällt wie Laub von Bäumen. Keine Zeit zum Träumen. Viel Zeit um aufzuräumen. Im Keller, im Kopf, im Leben. Zeit auch mal zu geben. Mit Abstand – eine Krise wie diese zeigt des Pudels Kern. Darauf reimt sich… habt mich gern.

Ein Stein ist ein Stein

augenscheinlich, Pösie für Lieb & Bösi

Ein Stein ist ein Stein. Ein Stein wird nie etwas Anderes sein. Er ist kein Wind, er wird kein Gras, er kann sich nicht biegen, er ist nicht aus Glas. Ein Stein ist das Sein, ein Stein ist kein Wollen. Ein Stein ist ein Stein, ein Stein ist kein Sollen. Ein Stein ist kein Spiegel, ein Stein braucht kein Glück. Ein Stein ist kein Siegel, kein Stein ist verrückt. Kein Stein muss gefallen, kein Stein sich erklären. Kein Stein braucht Krallen, kein Stein muss sich wehren. Ein Stein ist mal rund, hat Kanten und Ecken. Ein Stein bleibt ein Stein, kein Stein wird verrecken. Ein Stein schreit stumm, ein Stein schweigt laut. Kein Stein ist Schein mit so dünner Haut…

Ein Stein ist ein Stein, nicht mehr und nicht weniger. Ein Stein möchte ich sein.

Brot & Spiele

Pösie für Lieb & Bösi

Wir sind so viele
Und jeder allein
Brot und Spiele
Raus oder rein

Jeder ist besser
Keiner ist gut
Die Masse befriedigt
Im Innern die Wut

Trampeln in Herden
Treten im Takt
Drohgebärden
Klüngelnder Pakt

Brot und Spiele
Krümel vom Kuchen
Wir sind so viele
Winden und Suchen

Zwei Seiten sind gleich
Die Münze verlogen
Einer wird reich
Die Andern verbogen

Schwarz und weiß
Dazwischen kein bunt
Der gleiche Scheiß
Das Dreieck ist rund

Glatt geleckt
Sauber verblendet
Die Zähne versteckt
Moral geschändet

Brot und Spiele
Ein jeder dabei
Wir sind so viele
Im Einheitsbrei

Im Kopf eine Wiese wie diese

schreibchenweise

Im Kopf eine Wiese wie diese ist das Chaos der Seele. Grün ist keine Weite, Grün ist diese eine Beruhigungspille, die süchtig macht während sich die Bienen durch den Körper drohnen. Tage, die schon am Morgen aufstoßen und wie ein schlechter Furz quer hängen. Tage der Misanthropie, die nach Pizza und Tabasco stinken. Tage der gewaltsamen Melancholie voll dummer Metaphern. Sie liegen brach, diese Tage, und ich springe nackt mit einem Lachen beschmiert durch meinen inneren Pool. What a fool.

      These foolish things… Das ist Nonsens.

Genau. Es ist mein Nonsens, demokratisch ausdiskutiert bis zum Erbrechen mit all denen, die sich ihr falsches Lächeln in die Fratze getackert haben und deren Eier an einer Schaukel im Wind hängen. Als Siebenjährige hatte ich eine schwere Eiweißvergiftung. Der Geruch macht mich noch heute grün, genau wie schaukeln. Im Kopf eine Wiese wie diese ist Jammern hinter hohen Mauern, auf denen bewaffnete Boten kauern. Beklatschen wir das Böse, schieben Wollust in die Möse und nicken gönnerhaft dem eignen Spiegelbild entgegen. Von Wegen – geht es in den Graben. Dort fressen dich die Raben. Scheiß auf gestern. Scheiß auf morgen. Ich werde mir ein Jetzt besorgen. Dann trage ich das Jetzt wie eine güldene Trophäe als Gürtelschnalle und verfalle dem Gedanken, dass auch morgen in ein paar Stunden zum Jetzt wird. Derweil bestelle ich Pizza mit Tabasco, vierteile sie und schiebe sie der Menschheit in den Arsch, die Augenlider geschlossen summe ich stumme Melodien dazu. La Li Lu Land. Für eine Kariere wird dies nicht reichen, dessen bin ich mir bewusst. Ich mag mich so ungern ständig bücken. Zu spitz sind Mund und Rücken. Meine Ecken abzurunden fällt mir schwer, so sehr, dass all das nette Chi zersplittert statt schön an mir vorbei zu fließen. Ich bin kein Fluss, ertrinke nur im Überdruss von all dem Lackgeaffe. Eine Wiese wie diese schmeckt nicht nach Klee und Honigtau, sie schmeckt nach Teer, sie schmeckt leer. Leer sind all die Blüten – das Bienensterben steht uns gut – und leer bleibt der Verstand trotz prall gefüllter Buchregale. Ich kannte mal einen Billy, im Ernst. Den musste ich nicht selber zusammenbauen, der war schon fertig. Grüne Pillen gegen den Willen. Er war mehr Rebell denn Lemming und so unfassbar schön. Ihn nur anzusehen war Genuss – ein Muss, ein Zwang, getrieben von Zärtlichkeit, Hunger und Wut. Ja, er war gut in dem was er war. Eine Pille.

      These foolish things… There’s no escape …

Früher war alles besser, die Mädchen braver, die Buben kesser. Wein wurde noch mit nackten Füßen aus echten Trauben getreten und Männer haben zum Tanz gebeten. Sie rochen gut, nach Whisky und Tabak, hießen Abel und Kain und schlugen sich filmreif die Köpfe ein. Dies schrie nach einem schlechten Reim… sorry. These foolish things … Wir Menschen sind ein perfektes Klischee. Ein Glück für uns, ein Pech für alle. Im Kopf eine Wiese wie diese ist verbrannt. Weil Feuer wärmt und gleichzeitig zerstört, fasziniert es uns – genau wie Menschen, die uns zärtlich umarmen während sie langsam das Messer zwischen die Rippen schieben. Man weiß es doch vorher. Man weiß es doch besser, denn Ambivalenz ist die wahre Mutter aller Menschen, nicht Eva, die sich bestechen ließ, aber eigentlich gute Absichten hatte. Jeder ist bestechlich. Auch ich. Ich mag Äpfel. Und eine Schlange hat es im Paradies nie gegeben, da bin ich sicher. In China trank ich Schlangenschnaps, in Venezuela aß ich Krokodil, in Kambodscha naschte ich frittierte Insekten und spülte diese in Russland mit Chili-Knoblauch-Wodka herunter. Wie schmeckt unser Planet, wenn der Mund grade nicht voll Hass und Scheiße ist? Eigentlich ganz gut. Essen ist Lust. Essen ist Leben. Ein bisschen frischen Chili dazu… Leider hat der Inhaber des vietnamesischen Restaurants vor meiner Tür gewechselt. Man hätte mich bis eben Stammgast nennen können. Das Mobiliar ist geblieben. Die Lampen sind neu. Heute ist es dort leer, es schmeckt mir nicht mehr. Nichts ist wie früher, nur an der Wand hängt noch immer das alte Bild einer Wiese – eine Wiese wie diese ist Illusion.

Mutti, bitte nicht allzu ernst nehmen.