Der Schlangenlederkoffer

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Die Uhr der Vergangenheit tickt manchmal schneller. Dann holt sie mich ein mit ganzer Kraft.

… und mit der Linken umklammerte sie den Griff ihres Koffers. Schlangenleder. Er war das Einzige, was ihr noch blieb. Ein Python ließ dafür sein Leben, wurde aus seiner Haut gerissen. Wie ihr Bruder, der dort vor ihr hing. Zu junge Füße unter zu alten Balken. Exkremente bildeten verkrustete Schatten, krochen über den Boden. Irgendwo stahl eine Krähe den Rest Menschlichkeit aus einem Leib. Hanf schnitt in Gebälk wo einst ein Leuchter hing. Nun trägt es tote Körper. Beim Anblick schwommen ihr die Augen. Ihr Herz blutete. Bald war es leer. Nur die Gedanken liefen fort, wie sie vor langer Zeit. Bevor das alles begann, dieser Wahnsinn. Jetzt war sie zurück, starrte auf den Tod, der ihr mit Gestank und Hässlichkeit entgegenschlug.

Einst ging ich fort,
um zu vergessen.
Dann kam ich zurück an diesen Ort
und wurde erinnert.
Es ist nicht die Zeit, die geht.
Es sind die Menschen,
die einen Moment nur in ihr wohnen.

Als sie sich umdrehte war da keine Tür mehr, die sie hätte schließen können, nur Schutt, Asche, erstarrte Lebendigkeit und tote Erinnerungen. Vor Jahren war es noch so einfach gewesen, eine Tür zu finden. Da war ein Haus, da war eine Familie, da war ein Tor zum Öffnen mit einem Weg davor, ihrem Weg, an dessen Ende er auf sie wartete. Alles ließ sie hinter sich, ihren Namen, ihre Identität, die Tränen der Mutter, den zornigen Finger des Vaters, das leise Weinen des Bruders. Er hielt ein Häschen in den Armen, sie nur einen einzigen Koffer. Schlangenleder. Ein Python ließ dafür sein Leben. Er hatte keine Wahl als man ihn häutete. Sie wählte das Ungewisse als sie ging. Doch sie ging mit schnellem Schritt, mit erhobenem Kopf und mit weißer Spitze unter ihrem Kleid…

Dies ist der Beginn einer Geschichte, nicht meiner. Es ist die Geschichte meiner Großmutter, die ich irgendwann vielleicht erzählen werde.

Hinter schwarzen Masken

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Leben zwischen Fetisch und Familie

Eine Reportage

Hamburg St. Pauli, Prinzenbar, 23 Uhr. Es ist eng, heiß und diffus. Der Raum schwitzt. Haut klebt an Latex. Haare kleben an Gummi. Hände klatschen auf nackte Hintern. Peitschen schwingen durch die Luft. Ich fange Gesprächsfetzen auf, Sätze, die irgendwie nicht zu den Bildern vor meinen Augen passen. Bilder aus einer mir bis dahin fremden Welt. Es ist die Welt des Sadomasochismus’, des Schmerzes und der Demut. Ich bin mittendrin, angepasst, die Brüste gepresst in zu enges Leder. Eine Kette führt von meinem Hals zu Ingo, einem bekannten und bekennenden SM-Guru der Hamburger Szene. An diesem Abend wird er mein Meister sein und mein Kontaktmann. In meinem Kopf tummeln sich Vorurteile. Neugier gesellt sich dazu. Der Ruck am Halsband zieht mich in die Menge. Ich tauche unter.

Sadomasochismus (SM), diese pikante Spielart zur sexuellen Stimulation findet im Verborgenen statt, auf privaten Partys, in privaten Clubs. Seine Farben sind dreckig und blutend. Die sadistische, aktive Lust am Quälen hat strenge Formen und harte Gerätschaften. Das Masochistische, das Passiv-Devote liegt schutzlos und unterwürfig in Fesseln, mit geknebeltem Mund. Dennoch geschieht alles einvernehmlich, nach klaren Regeln. Ein Nein ist ein Nein und kein Vielleicht. Ein einstimmiges Ja ist Befriedigung auf allen Seiten.

Hamburg, Talstrasse, 17 Uhr. Ingo öffnet die Tür seiner Wohnung. Zigarettenrauch schlägt mir entgegen. Er kriecht durch die Tür in den Flur, heftet sich an meine Jacke, parkt auf meinen Haaren. „In Jeans willst’e aber dann nicht losgehen?“ Es ist mehr ein Befehl denn eine Frage. Ich schüttele den Kopf und schiebe mich und meinen Koffer durch die Tür. Da steht dieser Mann im Quadrat. Statur und Stimme sind raumfüllend. Er verströmt Dominanz und Präsenz, man kann sich nicht entziehen. „Na komm erstmal rein, Püppi, fühl dich wie zu hause.“ Sein Lachen schüttelt den Rauch aus meinen Haaren.

Seit fast 20 Jahren hat Ingo seinen festen Platz in der SM-Szene. Man kennt ihn, man schätzt ihn. Man vertraut ihm. Er lebt nicht im Verborgenen, er tut, was die meisten von uns tun. Er geht seiner Arbeit nach. Er hat eine Familie, die er liebt. Seine Söhne studieren. Er isst, er trinkt, er raucht. Er besteigt seine Frau Bettina, wenn sie es zulässt. Mal nimmt er sie in der Liebesschaukel, mal im heimischen Wasserbett. Gerne dominiert er sie auch auf dem Küchentisch und manchmal sogar in dem eigens eingerichteten „Spielzimmer“ mit all den schwarzen Gerätschaften hinter der schwarzen Tür. Bettina ist seine Sklavin, Ingo ist ihr Meister, keine Diskussion. Beide mögen es genau so, seit 20 Jahren.

Partykatakomben unter der Prinzenbar, 23:30 Uhr. „Hallo du, ich bin der Jochen.“ Gummi vom Kopf bis zu den Füßen. Ein halb geöffneter Reisverschluss lässt den Mund erahnen. Seine Hand quietscht mir entgegen. Sie ist schmal und zart wie die ganze Figur. Allein die schwarze Umhüllung macht ihn sichtbar. Seine Augen in den Seeschlitzen wandern zu Ingo. Die Männer treffen eine stumme Abmachung. Mein Meister nickt. Jochen wendet sich wieder an mich, will wissen, was ich denn so mache. Ohne meine Antwort abzuwarten, plaudert er über sich, als hätte er nur auf ein Gegenüber gewartet. Seine Worte plätschern, singen und hüpfen. Er ist Lehrer an einem Gymnasium, erzählt er. Mathematik und Geografie sind seine Fächer. Schon als kleiner Junge wollte er wissen, warum in der Wüste so viel Sand ist und wie viele Sandkörner da wohl liegen. Ich bin etwas verstört.

Sadomasochismus ist eine Störung der Sexualpräferenz. So bezeichnet es zumindest eines  der wichtigsten und weltweit anerkannten medizinischen Diagnoseklassifikations- und Verschlüsselungssysteme. Herausgeber dieses Einteilungssystems ist die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Unter der Schlüsselnummer F65.5 wird SM als eine Form der Persönlichkeits- und Verhaltensstörung gelistet. Es handelt sich also um eine Krankheit?

Prinzenbar, 24 Uhr. Ingo sieht gesund aus. Von Jochen sehe ich nicht so viel. Er steckt in Gummi. Aber auch er macht keinen kranken Eindruck. Er redet gerne und viel. „Meine Frau hasst es, dass ich von jeder Reise Gläser voll Sand mit nach hause bringe. Aber ich mag den Sand. Der erzählt Geschichten. Der ist Geschichte.“ Ich entschuldige mich kurz, ein Bedürfnis zwingt mich zur Pause. Jochen verstummt, nickt. Sein Blick hängt mir nach. Ich wende mich zu meinem Meister, knie vor ihm nieder. Seine quadratische Hand mit dem dicken Ring ist dicht vor meinem Gesicht. Ich küsse den Ring und erhebe mich. Ingo löst die Kette von meinem Halsband. Ich darf zur Toilette. Dieses Ritual werden wir mehrmals an diesem Abend wiederholen.

Rituale und Regeln bestimmen das Leben. Kennen und beachten wir sie, leben wir gut in unserer Gemeinschaft. Rebellieren wir gegen sie, provozieren wir, stoßen auf Widerstand. Die Regeln im Sadomasochismus unterscheiden sich kaum zu anderen. Sie beruhen auf gegenseitiger Achtung. Jeder, der sich in dieser Szene bewegt, hält sich daran. Tut er dies nicht, wird er verstoßen, verliert seinen Platz in der Szene. Die Rollen sind klar verteilt, meistens bleiben sie das auch. Eher selten gibt es ein willkürliches Hin- und Herspringen zwischen Sado und Maso. Irgendwann entscheidet sich der Sadist für das Geben und der Masochist für das Empfangen. Einer ist aktiv, der andere passiv. Einer steht und einer kniet. Einer agiert und einer reagiert. Einer gibt und einer nimmt. Der Umgang ist höflich. Respekt klebt an jeder Peitsche.

Prinzenbar, Toilette, 1 Uhr. Ich mache mir Notizen. Kajal trifft auf Klopapier, kleine Schwarz-Weiß-Malereien. Es sind kurze Stichworte, über Jochen, über Ingo, über das Paar, das gerade meinen Weg kreuzt. Sie ist groß, schlank und fest, trägt eine teure Frisur. Der exakt geschnittene Bob strahlt silbern im Neon des Toilettenvorraumes. Sie ist mindestens 65 und noch immer eine schöne Frau. Mit stolzem Schritt auf stolzen Absätzen durchschreitet sie den Raum. Er trottet hinter ihr her. Dünne Beine stecken in schwarze Socken und edlen Slippern. Sonst trägt er nichts. Ach doch, das Halsband mit der Kette, die beide miteinander verbindet, die Meisterin und ihren Sklaven. Sein schlaffer Hintern wabert beim Laufen. Kleine Striemen hüpfen zwischen den Falten hin und her. Sein Blick ist verzückt.

Es gibt kein SM-Gesetzbuch, doch die Regeln haben Macht, vor allem in der mehr oder weniger öffentlichen SM-Partyszene. Ein Dresscode hat sich etabliert. Dieser schließt alberne Verkleidungen aus. Dunkle, gedeckte Farben dominieren. Auch festliche Gewänder sind erlaubt. Frack, edle Kleider, Spitze, Lack, Leder, Gummi, Latex, Netzt, nackte Haut – all das darf sein. Neulinge outen sich durch pinkfarbene Federboas und albernes Gekicher. Shirt, Jeans und Turnschuhe ist die Uniform der Außenseiter, der Spanner, die nicht zur Szene gehören. Sie werden ungern gesehen. Auf privaten Veranstaltungen tauchen sie nicht auf. Falls doch, kommen sie nicht am Türsteher vorbei. Die Räumlichkeiten werden entsprechend dem Anlass ausgesucht und dekoriert. In individuell eingerichteten Spielzimmern, den Darkrooms, kann jeder seinen Fetisch ausleben, ob auf Gynäkologen- oder Zahnarztstühlen, in Slings (Schaukeln), an Kreuzen oder Haken hängend, auf Nagelkissen, Liegen, Pritschen, Fetischmöbeln aller Art. Erlaubt ist, was gefällt. Vorhänge oder Türen mit klar formulierten Schildern regeln, ob Zuschauer oder Mitspieler erwünscht sind oder nicht.

Prinzenbar, Darkroom, 2 Uhr. Der Vorhang ist offen, gewährt den Blick auf eine Spielszene. Kerzen rußen. Mit mir beäugt eine kleine Gruppe das Geschehen. Die Frau mit dem silbernen Bob steht hinter dem nackten Mann in seinen teuren Slippern. Sein Oberkörper beugt sich über eine Art Bock aus Leder und Metall. Sie wirkt noch größer, schöner, stolzer. Ihre Peitsche durchpflügt die Feuchtigkeit, die unter der Decke hängt. Sie schlägt weitere kleine Wunden in schlaffe Haut. Sein Minenspiel ist verzerrt und verzückt, ihres ohne jede Bewegung. Seine alten Hände umklammern brüchiges Leder. Ihre manikürte Nägel umklammern den Peitschengriff. Es klatsch ein paar Mal. Eine leichte Erektion kündigt sich an. Dann ist es vorbei. Sie streicht ihm mit einer winzigen Geste über den Rücken, schließt den Vorhang. Intimität folgt. Die Gruppe zerstreut sich wieder. „That was nice“ flüstert eine Frau neben mir.

Im US-amerikanischen „Diagnostischen und statistischen Handbuch psychischer Störungen“ (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) wird das einvernehmlich gelebte Sexualleben mit sadomasochistischen Praktiken nicht als medizinischer Störfall behandelt. Doch der Übergang zwischen einer als andersartig bezeichneten Ausprägung der individuellen Sexualität zur Störung der „normalen“ Sexualpräferenz kann fließend sein, heißt es dort. Wer bestimmt, wann ein Fetisch zur Krankheit wird?

Prinzenbar, Tresen, 2:30 Uhr. Schummriges Licht bekleidet nackte Körper. Neben mir sind zwei Frauen und ein Mann. Massige Brüste liegen auf dem Tresen, kaum gebändigt durch ein Korsett. Er trägt eine metallene Kettenhose und einen Mundknebel. Die Arme sind ihm auf den Rücken gebunden. Er kniet. Die Gesprächsthemen der Frauen wechseln zwischen Steuererklärung und Kindererziehung. Ich krame mein zerknülltes Stück Toilettenpapier aus der Korsage, ergänze die Stichpunkte im Schein einer Kerze. Der Barkeeper mustert mich fragend, reicht mir eine Serviette. „Ist mehr Platz drauf.“ Dann verstummt die Musik. Der Raum versinkt im Dunkel. Ein Mund bläst die Kerze aus. Eine Hand berührt die meine. „Entschuldigung, das war keine Absicht.“

Devot und passiv zu sein ist in der SM-Szene nicht gleichzusetzen mit dem Begriff Freiwild. Anfassen ist grundsätzlich verboten, vorausgesetzt, es liegt eine Erlaubnis vor, von der Person selber oder dem dazugehörigen Meister, der Meisterin. Ebenso tabu ist die ungefragte Benutzung von fremden Spielzeugen, Peitschen oder Fetischmobiliar. Die Kleidung, der Schmuck und das Verhalten zeigen deutlich, wer devot und wer dominant ist. Halsbänder, Knebel oder verschnürte Gliedmaßen sind ein Erkennungszeichen der passiven Rolle. Peitschen, Handschellen und anderes Spielzeug zeichnen den Aktiven aus. Noch deutlicher macht es der „Ring der O“, den Viele tragen. Auf dem eigentlichen Fingerring ist ein zweiter, kleinerer aufgesetzt, ganz ähnlich der Öse an einem Hundehalsband. Passive tragen diesen Ring rechts, aktive – wie Ingo – an der linken Hand. Wer sich nicht sicher ist, wie er sein Gegenüber einordnen soll, der fragt einfach, wie im fetischfreien Leben auch.

Prinzenbar, 3 Uhr. Der Raum lauert. Die kleine Empore unter dem Kronleuchter wird erhellt. Spotlights streicheln eine nackte Frauengestalt, die sich in einer Art Käfig windet. Das schwebende Vogelnest schaukelt. Geschmeidige Gliedmaßen biegen sich zu klassischer Musik. Neben mir flüchtet ein Seufzer am Mundknebel vorbei in die Freiheit. Die Spotlights ändern die Farbe. Ein tätowierter Glatzkopf tritt an den Vogelkäfig. Er hantiert schnell, präzise. Seine Hände fesseln die Frau mit roten Schnüren. Die Bondage-Show ist ein Höhepunkt des Abends. Aus Schnüren, Knoten und Gliedmaßen entstehen dynamische Gebilde, ein lebendiges Kunstwerk. Die Nacktheit tritt vollkommen in den Hintergrund, wird zur Nebensache. Gespreizte Schenkel haben nichts Anstößiges. Das rasierte Geschlecht ist kein Tabu. Eingeschnürte Brüste sind nicht Schmerz, sondern Schönheit. Die Ästhetik der Darbietung und ihrer Darsteller legt sich über den gesamten Saal. Ich schaue mich um. Lack und Leder werden weich, wie die Mimik ihrer Träger. Nackte Ärsche wiegen sich im Takt der Musik. Eine Hand streicht über einen Rücken. Ein Mund knabbert an einem Ohrläppchen. Köpfe legen sich auf Schultern. Hände halten sich.

Die Kunst des Fesselns ist eine von vielen Formen der sexuellen Stimulation innerhalb der SM-Szene. Ihre Ästhetik findet sich in Film und Fotografie genauso wieder wie in der Mode und ist längst als Kunstform etabliert. Bondage hat verschiedenste Spielarten und Hilfsmittel wie Seile, Ketten, Handschellen, Frischhaltefolie, Kreuze, Spreizstangen. Die bekannteste Form des Fetisch-Fesselns ist das Zweck-Bondage. Der Gefesselte (Bottom) kann mit Handschellen oder Seilen einfach nur am Bett fixiert werden. So schränkt der Fessler (Top) dessen Bewegungsfreiheit ein. Bei der Folter-Bondage drückt der aktive Partner seine Dominanz aus, indem er seinen Bottom in einer schmerzenden Pose einschnürt, ihn somit komplett handlungsunfähig macht und unterwirft. In Japan hat das erotische Einschnüren, das Nawa Shibari, eine lange Tradition.  Es dient mehr der künstlerischen Ästhetik, weniger der sexuellen Aktion. Nawa Shibari reicht von einfachen Verknotungen bis zu hoch komplizierten Ganzkörperfesslungen. Mensch und Seil verschmelzen zu einer Figur. Form wird zu Inhalt.

Prinzenbar, 3:30 Uhr. Ingo steht neben mir. Er schwitzt. Seine Haare sind verklebt. Sein Hemd trägt Spuren. Neben ihm steht eine Figur wie aus einem Fantasiefilm, mit spitzem, schwarzem Hut. Die Spitze hat bereits gelitten. Sie hängt ein wenig. Der lange schwarze Umhang schleift auf dem Boden, trotz der Plateauschuhe. „Das ist Bernd“, sagt Ingo, nickt mir zu und geht. Es ist also ein Mann. Bernds Schultern hängen, wie die Hutspitze. „Ich bin neu hier.“ Damit liefert er mir das perfekte Stichwort für meine Recherche inkognito.

Über spezielle Stichworte, auch Codewords oder Safewords genannt, kann jeder Mitspieler ansagen, wann seine Grenzen des schmerzlichen Ertragens erreicht oder überschritten sind. Das Spiel wird dann sofort beendet. Ist die Kommunikation durch Mundknebel oder Masken eingeschränkt, gibt es nonverbale Zeichen, die klarmachen: Stopp. Diese vor jeder Spielszene getroffenen Absprachen und festgelegten Codewords garantieren allen Mitspielern, dass die Regeln innerhalb der Szene eingehalten werden.

Prinzenbar, 3:45 Uhr. Unsicherheit sprüht aus Bernds Poren, jedenfalls aus denen, die nicht vom Latex bedeckt sind. Wir plaudern, tauschen Belanglosigkeiten aus. Bernd starrt auf meine Brüste während er redet. Seine Blicke klammern. Es berührt mich nicht, weder angenehm noch unangenehm. Ich bin nur eine Projektionsfläche. Und Bernd braucht etwas, an dem er sich visuell festhalten kann. Wir setzen uns an die Bar, trinken. Bernds Oberkörper wird etwas gerader. „Alles fing mit dem falschen Koffer an“, erzählt er mir. Es folgt eine unsichere Trinkpause. Dann fährt er fort. Eine Fluggesellschaft sei Schuld an seiner Hinwendung zum SM-Fetisch. Eigentlich sei er Vertreter, ordentlicher Familienvater, Chorsänger. Seine Arbeitskleidung sind Anzug und Krawatte. Er lebt aus dem Koffer, hetzt er von Termin zu Termin. Frau und Kinder sieht er selten. Sie fehlen ihm. Auch heute ist er allein hier. Seine Frau weiß von seiner Neigung. „Mir wäre es lieber, wenn sie mitmachen würde. Aber sie mag das nicht und ich mag keine andere.“ Auf einem Flug dann verwechselt Bernd seinen Koffer. Erst im Hotel gibt dieser den falschen Inhalt frei. Statt Anzug, Hemden und Arbeitsunterlagen steht Bernd vor Lack, Latex und viel Metall. Angewidert schließt er den Koffer, empört sich telefonisch bei der Fluggesellschaft, dem Flughafenpersonal, dem Kofferhersteller. Dann heißt es warten. Trinkpause. Bernd setzt seinen Hut ab. Die Latexmaske juckt. Er redet weiter, wird offener, größer. Irgendwann siegt Bernds Neugier über die Abscheu vor dem Kofferinhalt. Er schlüpft in eines der Latexkostüme. „Und irgendwie fühlte sich das gar nicht so ekelig an.“

Die Fetischszene kennt keine soziale Rangordnung, wie sie aus dem beruflichen oder familiären Zusammenleben gelernt ist. Alter, Gesellschaftsschicht, Familienstand, Einkommen – all das hat in der SM-Szene keine Bedeutung. Das ist befreiend. Die Zugehörigkeit definiert sich allein durch die gemeinsame sexuelle Neigung. Ein Manager kann devot sein. Eine Hausfrau und Mutter spielt die Rolle der Domina. Oft kehren sich die Verhältnisse zum „normalen“ gesellschaftlichen Leben um. Nicht selten braucht ein Mann, der im Berufsalltag den Ton angibt, für seine sexuelle Stimulation das Gefühl, gedemütigt zu werden. Niemand prangert das an. Niemand muss sich rechtfertigen. Niemand wird verlacht.

Prinzenbar, 4:45 Uhr. Ich versuche in der Masse meinen Meister zu finden. Seine Größe erleichtert das Suchen. Bei ihm steht eine ältere Frau, die mir Ingo bereits angekündigt hatte: eine Domina a.D. Sie ist rundlich mit dezentem Make-up auf einem Gesicht, das Geschichten erzählt. Sie trägt einen unauffälligen, schwarzen Hosenanzug. Ihre ganze Erscheinung will nicht ins Bild passen. Oder mein Bild von einer Domina will nicht zu ihr passen. Nur der „Ring der O“ am linken Finger verrät sie. Ingo stellt uns vor. Elke redet leise. Ihre Arbeit als Domina ist Vergangenheit. Sie hat alles erlebt, was die Szene bietet. Und sie hat gut verdient. „Ich hatte nie eine Familie.“ In ihren Augen schwimmt es. Dann lacht sie mit fester Stimme. „Aber ich hatte Männer, und was für welche!“ Irgendwann langweilt sie ihr Beruf. Routine macht sich breit. Der Arbeitsalltag erfüllt sie nicht mehr. Die Domina in ihr sehnt sich nach Ruhe. Die Frau in ihr sehnt sich nach Weichheit. Sie beschließt, in Rente zu gehen und das zu tun, was Rentner tun: „Jetzt gestalte ich Grußkarten.“ Eine hat sie immer dabei, ihre erste. Jetzt ist sie ihr Talisman. Auf einer Wolke hockt ein alberner Engel. Er schmust mit einer Schildkröte. Darunter Wörter in Glitzerschrift. Jeder wird geliebt.

Seit 2003 haben Sadomasochisten in Deutschland eine offizielle Anlaufstelle, die sich für ihre Belange einsetzt – die Bundesvereinigung Sadomasochismus e. V. (BVSM). Der gemeinnützige Verein ist seit 2005 auch offiziell als Lobbyverband beim Deutschen Bundestag registriert. Er bietet seinen Mitgliedern neben medizinischer auch Rechtsberatung und psychologische Betreuung sowie die Möglichkeit zur Vernetzung und die Unterstützung bei Aktivitäten und Veranstaltungen. Die Mitgliederzahl ist noch überschaubar aber wachsend. 2009 wurden knapp 300 Mitglieder gezählt, die in rund 60 unterschiedlichen Gruppen innerhalb des BVSM zusammengeschlossen sind. Ziel der Organisation ist es, über Sadomasochismus mit seinen unterschiedlichen Spielarten und Strömungen aufzuklären und ihn als Bestandteil des kulturellen und sexuellen Lebens in Deutschland zu etablieren.

Draußen vor der Tür der Prinzenbar, 6:30 Uhr. Ingo raucht, ich friere. „Haste, was du brauchst?“ Beim Nicken klirrt die Kette an meinem Halsband. Meine Korsage ist etwas praller gefüllt als vor siebeneinhalb Stunden. WC-Papier mit Kajal-Notizen, Servietten mit Kugelschreiber-Kritzeleien, ein beschriebener Bierdeckel. Mangels Tasche muss alles am Körper deponiert werden. Meine Füße schmerzen, meine Stimme versagt. Der Geruch der Straße ist Befreiung für meine Lungen. Die Menge der schwarzen Masken lasse ich hinter mir, genau wie die Klischees und einiger meiner Vorurteile. Zurück in der Talstraße öffnet uns Ingos Frau die Tür. „Zieht die Schuhe aus, ich habe gewischt.“