Episode 8 – Ach wäre ich doch nur ein Knabe

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Urlaubszeit – schönste Zeit. Ja, an diesem Sprichwort ist man(n)ches wahr. Mein letztes Reiseziel hieß Spanien. Eigentlich war Madrid geplant, eine tolle Stadt, unbestritten. Aber schon nach drei Tagen verspürte ich Sehnsucht nach mehr Meer, Sonne, Strand und nackten Körpern.

Nacktheit, das war alles, was ein ordentlicher Spanien-Kurzurlauber brauchte. Das war alles, was ich wollte. Keine Ausstellungen in international gefeierten Museen. Nein, auch keine Theaterabende in festlichen aber kneifenden Roben. Keine Lesungen und Vernissagen. Alles intellektueller, überbewerteter Quatscht. Seele baumeln lassen, shoppen in Badelatschen und pinkfarbener Jogginghose, Cock-Tails am Sandstrand, so sah deutscher Urlaub aus. Also flog ich kurzerhand von Madrid weiter Richtung Küste. Aber wenn schon Küste, dann bitte auch Küste mit Kultur. Man will ja nicht gänzlich verrohen. Ich flog nach Barcelona.

Dort angekommen besann ich mich auf meine bisher ungenutzten Spanischkenntnisse und begann sogleich einen netten Plausch mit einem netten Taxifahrer namens José. Hier hieß jeder dritte Mann José, wie ich schnell feststellen durfte. Sehr praktisch – aber das ist eine andere Geschichte. Abgesehen davon, dass José fünfmal quer durch die Stadt fuhr, mir immer wieder versichernd, es wäre der kürzeste Weg, war er nicht nur praktisch, sondern auch hilfsbereit. Ich erhielt einen kurzen Abriss über Barcelonas geschichtlichen Werdegang, erfuhr, wo Josés Schwester wohnte, warum deren zweiter Mann nicht mehr dort wohnte, in welcher Bäckerei seine Frau das erste Kind gebar, warum es seitdem dort Mutters besten Kuchen gab, an welcher Wand sein Neffe sein erstes Fahrrad zerbeulte und warum in Spanien die Uhren etwas langsamer gingen als anderswo. Andere Länder, andere Sitten, vor allem, wenn es hieße, direkt von A nach B zu kommen. Aber ich war offen für andere Sitten. Und ich hatte Urlaub, also warum hetzen. Er – José – kannte außerdem das allerbeste und preiswerteste Hotel der Gegend. Es lag zwar etwas außerhalb, aber dafür umso idyllischer, wie er mehrfach betonte bis ich einwilligte, es mir anzusehen. Es handelte sich dabei mit Sicherheit um ein Familienetablissement seines Schwagers oder Bruders, oder des Onkels seines besten Freundes oder sonst wem aus der Sippe, und José bekam Prozente für jeden Kunden, den er anschleppte. Auch dies kümmerte mich nicht. Ruhig und idyllisch sei es gelegen, das war Musik in meinen Ohren, und so mietete ich mich ein in jenes kleine Hotel des Schwager-Bruder-Onkels des besten Freundes des Taxifahrers José, dessen Frau ihr erstes Kind in einer Bäckerei gebar.

Ein zauberhaftes Domizil: Fenster direkt zum Meer, bis zum Strand konnte ich spucken ohne das Dekolleté aus dem Fenster zu hängen. Eine Stunde später lag ich mit diesem im weißen Sand und ließ mir die Sonne auf den Po scheinen. Man will ja schließlich nahtlos sein. Ich war hemmungslos nahtlos. War ja keiner weiter da außer mir. Noch. Hätte mir komisch vorkommen müssen. Etwas enttäuscht vergrub ich meinen Kopf im gerade käuflich erworbenen Sonnenhut und gab mich meinen Gedanken hin.

Gegen Nachmittag füllte sich die Badestelle dann doch noch. Sehr schön diese Aussicht! Alles dabei: jung und sportlich, reif aber gut erhalten, schlank und drahtig, klein aber oho und auch etwas kräftigere Modelle waren darunter. Ein Laufsteg der Eitelkeiten. Mach-o-Porter. Wenn Barcelona eines bieten konnte, dann schöne Männer. Soviel stand fest (im wahrsten Sinne). Männer, soweit das Auge reichte. Viele von ihnen nackt. Da, noch mehr Männer kamen, bildeten Gruppen, tauschten Worte und Telefonnummern, trennten sich wieder, gingen zusammen baden, lachten, planschten, machten Ballspiele im Sand. Panierte Bälle, panierte Popos, panierte Waden, eine Augenweide. Sie ölten sich gegenseitig die Körper… ich genoss den Anblick… massierten sich die Schultern… ich wurde neidisch… von den Schultern ging’s direkt zu den Geschlechtsteilen… ich runzelte die Brauen.

Moment. Stopp! Gegenseitige Masturbationshilfe und zur Schau stellendes Onanieren – durfte das sein im öffentlichen, katholischen Raum? Und alles nur Männer, der Papst würde seine Gesichtsfarbe der seiner maßgeschneiderten Prada-Pantoffeln anpassen, wüsste er von diesem Sündenstreifen an Barcelonas Küste. Auf letztere war ich neidisch, also auf die Pantoffeln, nicht die Streifen, aber das nur am Rande.

Wo bitte war ich hier gelandet? José hatte es offensichtlich gut mit mir gemeint, als ich ihm sagte, ich wolle was fürs Auge. Dabei hatte er übersehen, dass ich eine Frau war. Gut, ich gebe zu, mit einem entsprechenden Haarschnitt könnte ich Dank meiner nicht sehr üppigen Körbchen, bei ungenauem Hinsehen und von hinten betrachtet, durchaus für einen Knaben gehalten werden. Aber so kurzsichtig schien mir José nicht gewesen zu sein. Musste er mir das antun? Alles, was ein Frauenherz hätte höher schlagen lassen, war hier unmittelbar auf engstem Raum vertreten, und nichts davon sollte mir je vergönnt sein? Nicht mal anfassen, geschweige denn… Waaaarum?

Weil ich kein Knabe war. Ich war definitiv weiblichen Geschlechts und damit definitiv am falschen Ort. Oder steckte ich einfach nur im falschen Körper?

Als Kind hatte ich zwar oft versucht, meinen männlichen Spielkameraden zu imponieren indem ich ebenfalls im Stehen urinierte, was mir nur teilweise glückte, nasse Hosen und Gelächter inbegriffen. Doch die Tatsache, dass ich ein Mädchen war, machte mich an diesem Strand für alle anderen uninteressant. Schade, es hatte so vielversprechend begonnen. Was soll’s, ich beschloss, an meiner Pullertechnik zu feilen und das nächste Mal nach Jamaica zu fliegen.

Fortsetzung folgt…