Und plötzlich ist es kalt

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Einst saß ein Mädchen in einem Park, auf einer Bank, wartend…

Kennst du sie?
Wen?
Das Mädchen, dort drüben, auf der Bank.
Nein. Sollte ich?
Ich weiß nicht. Sie sitzt dort jeden Tag. Immer zur gleichen Zeit.
Ja und? Wir stehen hier auch jeden Tag, auch immer zur gleichen Zeit.

Am Baum neben der Bank zeigen sich erste zarte Knospen. Die Luft ist so frisch, man möchte sie küssen.

Was meinst du, auf was sie wohl wartet? Oder auf wen?
Keine Ahnung. Was geht es mich an?
Sie sieht so jung aus, fast kindlich.
Das kann man doch von hier gar nicht sehen.
Vielleicht wartet sie auf ihren Freund.
Wie auch immer, auf dich wartet sie jedenfalls nicht.

Das Mädchen nimmt die Mütze vom Kopf und schüttelt ihre Haare. Lang sind sie und leuchtend honigblond. Wie sie sich wohl anfühlen?

Hast du die Zigarettenmarke gewechselt?
Ja, die hier sind weniger stark.
Machst du dir Sorgen um deine Gesundheit?
Quatsch, aber meine Frau. Außerdem sind die billiger.
Das Mädchen raucht nie. Wie alt sie wohl ist?
Was weiß ich, vermutlich noch ein Kind. Irgendwann wird sie rauchen.

Jetzt steht der Baum in voller Blüte. Zarte Hände spielen mit einer von ihnen, die vom Baum gefallen ist. Ein leichter Duft zieht herüber, den auf dieser Seite keiner wahrnimmt. Er erstickt unter dem Rauch billiger Zigaretten.

Geht’s dir wieder besser?
Ja, war halb so wild. Das Herz macht langsam schlapp.
Schau, heute trägt sie ein Kleid. Das ist schön.
Du wirst noch sentimental auf deine alten Tage.
Sie ist so allein.
Vielleicht will sie allein sein, schon mal daran gedacht?

Am Himmel fliegen Wolken vorbüber, weiße, graue, nasse. Sie haben es eilig. Die Frau friert ein wenig und zieht die Schultern höher. Sie betrachtet lange ihre schmalen Hände, bevor sie diese tief in ihren Manteltaschen vergräbt.

Sie friert. Ob ich mal zu ihr rübergehe?
Was willst du da, du bist ein alter Sack, sie ein junges Ding.
Na, vielleicht hätte sie gern ein wenig Gesellschaft.
Bestimmt, aber nicht deine!
Du kannst echt ein Arsch sein.

Der Baum trägt jetzt Orange und tiefes Rot. Ein Rabe vertreibt sich die Zeit im Geäst. Die Frau auf der Bank schließt müde ihre Augen. Ihr Haar hat die Farbe von Spätsommerstroh.

Irgendwas liegt heut in der Luft. So schwer.
Entschuldige, das ist dieser verdammte Eintopf. Ich soll abnehmen, sagt der Arzt.
Wie sie da sitzt. Das macht mich fast traurig.
Sie sitzt da wie immer.
Eben, das ist es ja.

Eine Windböe greift nach den letzten Blättern, greift nach grauen Haaren und einem Wollschal, der dünne Schultern schützen will. Es riecht nach Schnee.

Entschuldigen sie, aber hier ist das Rauchen verboten.
Seit wann das denn?
Schon seit einiger Zeit. Sie waren wohl länger nicht hier?
Ja, scheint so.
Gehen sie doch da rüber in den Park auf die Bank. Dort können sie rauchen, wenn sie wollen.
Ach nein, der Park ist so verdammt leer ohne den alten Baum.

Das Schlüsselloch im Kopf

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Noch ist Sommer. Das Sommerloch klafft. Dreht man sich elfdreiviertel Mal im Kreis, ist Herbst, und die Blätter fallen, das Zellsterben beginnt und Chlorophyll wird knapp. Männer mit Hackebeilchen schänden den Wald.

Verdammte Axt, Sie haben da ein Loch im Kopf, ein… Schlüsselloch!

Darum also der Schmerz, das Blut, die kalte Briese im Hirn.

Tut das nicht weh?

Nein, es zieht nur ein wenig. Aber das bin ich gewohnt, lüge ich.

Wie ein Vögelchen hucke ich auf dem Giebelgesims meines Hauses. Sitzen kann ich nicht mehr, der Hintern wurde mir spitz und wund und lahm. Drei Tage können eine lange Zeit sein. Drei Tage Durchzug. Drei Tage Gedankenflucht. Drei Tage Hirnpfiff.

Und, werden Sie es stopfen?

Hab ich versucht, hat nicht gehalten. Erst mit heißem Wachs und einer roten Lunte… Der Fuchs tut mir noch immer leid, jetzt rennt er schwanzlos durch die Wälder. Dann auch mit Stroh. Rum. Rein. Rüber. Einen Schluck für den Magen, drei für den Kopf. Es floss aber gleich wieder heraus und brannte arg. Vielleicht versuch ich’s mal mit Rosinen.

Ich bin ja eigentlich kein Voyeur, aber dürfte ich mal durchschauen?

Nur zu. Schauen Sie durch mich hindurch. Drinnen werden Sie nichts finden, da ist es dunkel. Manchmal, wenn sich die Augen nach einigen Minuten starren ein wenig an das Schwarz gewöhnt haben, dann flimmert die Iris Bilder hervor. Es wäre mir aber lieb, wenn Sie mir vorher eine Freistellung unterzeichnen würden, sicher ist sicher.

Eine Freistellung, wofür?

Damit ich mich absichern kann. Was weiß denn ich, was Ihre Iris dem Gehirn in Ihrem Kopf vorgaukelt und ob Sie das verkraften. Nachher verklagen Sie mich, weil Sie glauben, in meiner Dunkelkammer Schemen einer Unzucht mit Minderwertigen gesehen zu haben oder bezichtigen mich des Hirnterrorismus’.

Ja, ja. Ich unterzeichne, was immer Sie wollen. Geben Sie das Blatt schon her!

Wissen Sie eigentlich, wie viele Blätter ein Baum hat? Das lässt sich ganz einfach berechnen. 3S = 3(4*8)m^2 ugf. 100 m^2 = 1.000.000 cm^2 B ugf. 4×5 cm^2 = 20 cm^2. Das Ergebnis wäre dann N=S/B=50.000. Erscheint einem doch recht beachtlich, für einen einzelnen Baum mittlerer Größe, oder?

Vermutlich. Hätten Sie womöglich einen Stift? Meinen verlor ich kürzlich, er fiel in einen Brotteig. Ich hoffe, er richtet keinen weiteren Schaden an.

Da habe ich wohl Glück. Ich esse keine Backwaren. Aber ich kaue gern auf Nelken, das beruhigt das Zahnfleisch. Früher kaute ich auf Stiften, das beruhigte mich. Die Tinte auf der Zunge wiederum beunruhigte meine Mutter. Sie war immer schon besonders besorgt um mich, hatte Angst, ich würde mich vergiften.

Lebt Ihre Mutter noch?

Ja. In einem Tintenfass.

Dann schlafen mir die Beine ein vom vielen Reden und der kalte Abendwind bläst nass durch meinen Kopf. Ich stopfe einen alten Korken in das Schlüsselloch, springe vom Gesims und fliege gen Süden.