Vögel haben eigentlich immer Fieber

schreibchenweise

Die normale Körpertemperatur des Menschen schwankt um die 37 Grad. Rektal gemessen bekommt man den genauesten Wert. Unter 33 tut es fast nicht mehr weh, ein Geniestreich des Gehirns…

„Entschuldigen Sie bitte, aber so wird das nichts.“

„Sie machen mich nervös. Wenn Sie mich so anstarren, das irritiert mich eben. Es ist auch für mich das erste Mal in der Form.“

„Tut mir leid, ich wollte Sie nicht kritisieren, aber ich hoffe, Sie wissen, was Sie da tun. Ich möchte, dass es perfekt ist. Es muss perfekt werden, wissen Sie, was ich meine?“

„Ja, das weiß ich. Es ist nur eben nicht so einfach, das, was man weiß, auch in die Praxis umzusetzen. Und wenn Sie mir dann auch noch so auf die Finger gucken, macht es das nicht besser.“

„Dann lass ich Sie jetzt einfach mal machen. Ich vertrau Ihnen voll und ganz. Ihre Referenzen sind tadellos.“

Für einen Moment durchbricht Stille das Zimmer, teilt es vom Rest der Welt. Nein, das wäre übertrieben, aber vom Rest des Hauses. Der Mann mit den schlanken Fingern nickt und widmet sich weiter seiner Aufgabe, die nun seine volle Konzentration fordert.

„Wissen Sie, ich hatte Sie mir ganz anders vorgestellt, irgendwie größer. Sie wirken so zart. Darf ich das sagen oder beleidige ich Sie damit?“

„Nein.“

„Ich hatte mal einen Schulfreund, dem sehen Sie etwas ähnlich, Norbert Schenker*. Sie kennen Ihn nicht zufällig, oder?“

„Nein, wieso denken Sie, ich könnte ihn kennen?“

„Es wäre doch möglich, dass Sie verwandt sind, Brüder vielleicht sogar. Haben Sie denn einen Bruder?“

„Finden Sie, wir sollten solch intime Details austauschen, während wir…?“

„Nein, Sie haben Recht, das wäre albern. Ja, da haben Sie Recht. Sie sind ja auch der Profi von uns beiden.“

„Ja.“

„Obwohl ich mich schon ein wenig wundere, dass es auch für Sie das erste Mal ist und dass Sie so nervös sind. Sie wirken sehr nervös. Ich dachte, Sie machen das öfters.“

„Tue ich auch, aber eben nicht so wie bei Ihnen jetzt.“

„Verstehe. Kann ich denn etwas tun, das Ihnen die Sacher erleichtert? Sagen Sie mir, was ich tun soll, vielleicht hilft Ihnen das. Ich bin auch gut in einigen Dingen.“

„Nein, bitte, ich versuche mich zu konzentrieren. Es ist wirklich nicht einfach, wenn Sie ständig dabei reden.“

„Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nur etwas aufmuntern, die Stimmung heben. Ich bin jetzt still und begebe mich ganz vertrauensvoll in Ihre Hände. Sie haben übrigens sehr schöne Hände. Entschuldigung, ich bin schon ruhig, machen Sie bitte weiter.“

In der Wohnung über dieser wird lautstark eine Tür geschlossen, dem Geräusch folgen Schritte durch den Hausflur, entfernen sich unter dem Fenster die Straße hinab. Auf dem Fenstersims sitz ein Vogel. Er starrt hinein.

„Wir haben einen Gast, schauen Sie mal, der beobachtet Sie auch. Das ist fast schon Ironie, finden Sie nicht?“

Tiefes Einatmen.

„Entschuldigen Sie. Ich halte mich zurück. Machen Sie bitte weiter, das ist sehr gut so.“

Einige Minuten beobachtet der Vogel die beiden Männer, putzt sich dann ausgiebig das Gefieder, schüttelt sich einmal kräftig, plustert sich auf und huckt sich hin.

„Da sitzt er nun. Scheint sich wohl zu fühlen hier bei uns. Haben Sie gewusst, dass alle Vögel eine immer konstante Körpertemperatur haben?“

„Nein, das wusste ich nicht.“

„Die liegt bei 42 Grad. Das ist höher als bei allen anderen Lebewesen. Eigentlich haben die immer Fieber.“

Jetzt starren beide auf den Vogel und der Vogel starrt zurück. Im Zimmer ist es heiß.

„Was meinen Sie, wie lange Sie noch brauchen?“

„Wenn es gut werden soll, müssen Sie bitte noch etwas Geduld haben. Schaffen Sie das?“

„Aber ja doch, keine Eile. Ich habe mir extra für Sie den ganzen Tag frei genommen.“

Jetzt müssen beide lachen und der Vogel fliegt davon.

„Der war nicht schlecht.“

„Ja, ich gebe zu, den hatte ich geplant. Ich wusste zwar nicht genau, wann und in welchem Zusammenhang ich ihn heute bringen könnte, aber ich hatte ihn geplant.“

„Sind Sie jetzt bereit?“

„Ja, ich denke, ich bin soweit. Lassen Sie es uns vollenden.“

Langsam gleitet das Skalpell durch weiches Fleisch. Wie ein befreiter Fluss ergießt sich Rot auf sauber ausgelegter Folie. Ein Gesicht ist schmerzverzerrt doch glücklich, ein Gesicht hoch konzentriert. Aus einem Gesicht weicht mehr und mehr das Leben, das andere ist hoch konzentriert. In einem Gesicht schließen sich die Augen. Zwei andere blicken hoch konzentriert.

* Norbert Schenker ist eine erfundene Person.